Nr. 08/2012 vom 23.02.2012

«Bleibt hier! Mikis Theodorakis grüsst euch!»

Krisenproteste in der griechischen Hauptstadt: Die Hamburger Aktionsgruppe Schwabinggrad Ballett hat sie zehn Tage lang begleitet. Ein Reisebericht.

Von Ted Gaier und Christoph Twickel, Athen

Erste Eindrücke auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt: riesige leere Werbetafeln, als hätte es dem Kapitalismus die Sprache verschlagen. Der sprichwörtliche Taxifahrer kommt schnell zur Sache: Tiraden gegen die faulen Staatsangestellten, die grossen Parteien Pasok und Nea Dimokratia (ND) und die «deutschen und französischen Blutsauger». Am Ende knöpft er uns den doppelten Preis ab. Später besteht ein anderer Fahrer darauf, uns eine Quittung zu geben: «Damit der Dicke sein Geld kriegt» – gemeint ist Finanzminister Evangelos Venizelos.

In der Woche vor der Abstimmung über das grosse Sparpaket finden oft gleichzeitig verschiedene Demonstrationen von unterschiedlichen Gewerkschaften statt. Die Musik, abgespielt über grosse Trichterlautsprecher, beschränkt sich auf historische Partisanen- und Protestlieder. Soundsystems mit aktueller Musik gibt es nicht. Umso ausgeprägter ist die Kultur der obszönen Beschimpfung. Am Rand der grossen Demo am Sonntag skandiert eine Menge vor dem Haus des ehemaligen Ministerpräsidenten Simitis: «Simitis, der, der ihn hinten rein bekommt, Hurensohn!»

«Wieso habt ihr der Merkel nicht gesagt, sie soll uns in Ruhe lassen?», fragt der Apotheker, bei dem wir uns mit Maalox, dem Wirkstoff gegen Tränengas, eindecken. Ein älterer Herr, der uns beim Kauf von Gasmasken berät, meint, die Masken für acht Euro reichten für sechs Demos – wir bekommen Discount. Die Gasmasken sind Teil der Normalität im Ausnahmezustand. Auf der grossen Demo stellen sich Leute aus den verschiedensten Schichten der griechischen Gesellschaft mit Gasmasken in den Tränengasnebel und rufen: «Ihr verkauft, ihr verkauft, ihr werdet im Knast landen!» Oder: «Bullen, Schweine, Mörder!» – Frauen in Pelz genauso wie Anarchos.

Agents Provocateurs

Am Samstagvormittag sehen wir, wie sich Polizisten der verhassten Motorradeinheit Zeus mit anarchomässig gekleideten Typen freundschaftlich abklatschen. Selbst auf Blogs der konservativen ND wird davon gesprochen, dass ein grosser Teil der zu erwartenden Randale aufs Konto von Agents Provocateurs gehen wird.

Leute von Real Democracy, die im Sommer 2011 die Besetzung des Syntagma-Platzes organisierten, erzählen uns, dass das erste Memorandumspapier – über 2000 Seiten – den ParlamentarierInnen erst am Abend vor der Abstimmung vorgelegt worden sei, sodass Abgeordnete vor laufenden Kameras zugaben, sie wüssten nicht, für was sie gestimmt hätten.

Abends ist die Innenstadt gespenstisch leer. Die jungen Polizisten vor dem Parlament, die den ganzen Tag beschimpft wurden, lehnen leger an ihren Schilden. Wir fragen sie, was sie am Sonntag erwarten würden. Schlimmer als im Sommer könne es nicht kommen, antworten sie. Die Einschnitte – in ihrem Fall weitere fünfzehn Prozent Lohnkürzungen – seien notwendig, um die griechische Wirtschaft wieder konkurrenzfähig zu machen. Und: «Weil ihr das schon hinter euch habt, geht es euch Deutschen jetzt doch so gut, oder?»

Am Sonntag, 12. Februar, dem Tag der Abstimmung über das Sparpaket, beginnt die Polizei kurz nach halb sechs ohne erkennbaren Anlass mit der ersten Tränengasattacke. Ein Teil der Menge weicht auf die untere Ebene des Platzes aus. Oben, vor dem Parlament, wollte gerade der 86-jährige Komponist und ehemalige Politiker Mikis Theodorakis zur Menge sprechen. Man gibt ihm eine Gasmaske und evakuiert ihn. Später fährt sein Auto im Schritttempo an uns vorbei. Ein Megafon quäkt: «Bleibt hier! Mikis Theodorakis grüsst euch!»

So geht es zehn Stunden weiter. Tränengasattacken, dazu das Hin-und-Her-Wogen riesiger Menschenmengen. Wechselnde Kampfschauplätze im und ums Zentrum. Brennende Barrikaden, debattierende Menschen aller politischen Richtungen. Schmährufe, Sprechchöre. Dazwischen wir, das Schwabinggrad Ballett. Als Politsekte paradieren wir mit elektronischen Sitars, «Fuck»-Fahne und rosa-orangefarbenen Gewändern, auf denen Sprüche stehen: «Destroika», «Chicago Boys, Rot in Hell!» oder «Hands off the people’s property!»

Mehr als einmal werden wir gefragt, was es mit der Sitarmusik auf sich habe. Musik und Strassenkampf gehören hier nicht zusammen. Je mehr wir vom Geschehen gezeichnet sind, um so mehr Sympathie schlägt uns entgegen. Man fragt uns immer wieder, was wir ausgerechnet als Deutsche auf dieser Demo machen. Neben vereinzelten Anfeindungen bedanken sich viele für die solidarische Geste.

Gegen zwei Uhr morgens – inzwischen hat das Parlament dem Sparpaket zugestimmt, und die 43 PolitikerInnen der Regierungsparteien, die Nein gestimmt hatten, sind aus ihren Parteien ausgeschlossen worden – laufen wir durch eine Trümmerlandschaft. 45 brennende Gebäude wird die Polizei vermelden. Am nächsten Tag glänzen die meisten Glasfassaden der grossen Hotels wieder. Die Polizei gibt die Zahl der DemonstrantInnen in Athen mit 80 000  an. Andere sprechen von einer Million. Die griechischen Fernsehsender zeigen keine Bilder des voll besetzten Syntagma-Platzes.

Der Streik der StahlarbeiterInnen

Am nächsten Tag besuchen wir das Verlagshaus der linksliberalen Zeitung «Eleftherotypia», die Anfang des Jahres ihr Erscheinen einstellte (vgl. Medientagebuch, Seite 28). Babis Agrolabos, Politredaktor und einer von 800 Angestellten, die seit Monaten auf ihre Löhne warten, sagt, dass unabhängige Positionen aus den Massenmedien verschwinden. Das Gebäude ist verwaist, Heizung, Telefon und Internet sind abgestellt, doch ein Teil der Redaktion kämpft weiter dafür, die Zeitung kollektiv in Eigenregie herausbringen zu können. Die «Eleftherotypia» ist die einzige unabhängige Tageszeitung des Landes. Schon vor der Krise dienten Sender und Zeitungen ihren EigentümerInnen dazu, in ihrem Sinn Einfluss auf die Politik zu nehmen. Das hat zur Folge, dass Alternativen zum Spardiktat massenmedial gar nicht erst erörtert werden.

Wie diese oligarchische Mediendiktatur funktioniert, zeigt der Streik bei Elliniki Chalyvourgia. Seit dem 31. Oktober 2011 sind rund 300 ArbeiterInnen des Stahlwerks im Ausstand – doch es gibt so gut wie keine Berichterstattung darüber. Die Unternehmensführung will den Lohn um vierzig Prozent kürzen und die Arbeitszeit komplett flexibilisieren – eine direkte Folge der Sparbeschlüsse. «Ich arbeite hier seit vierzehn Jahren und verdiente bisher tausend Euro im Monat», sagt Charis. «Die Preise steigen, die Löhne sinken, da können wir nicht mehr überleben.» Der Unternehmer hat die Produktion nach Volos in Thessalien verlagert und lehnt Verhandlungen ab. Die Streikenden halten sich mit Lebensmittelspenden und dem Verkauf von Solidaritätscoupons über Wasser. «Wenn sie in der Schwerindustrie Monatslöhne von 600 Euro durchsetzen können, was sollen dann die Supermarktangestellten sagen?», fragt Maria, eine der wenigen Frauen.

Auf der Rückfahrt in die City sitzen vor allem Pakistani, Bangladescher und Afrikanerinnen im Bus. Von den MigrantInnen ist in dieser Krise am wenigsten die Rede. Dabei sind sie es, die es am härtesten trifft. Die Bedingungen in den Auffanglagern werden noch mieser, die Jobs noch rarer, und für Regenschirme, Taschen oder Blumen, die viele StrassenverkäuferInnen feilbieten, ist immer weniger Geld übrig. Die Übergriffe auf MigrantInnen nehmen zu.

Selbstorganisation von unten

Ein paar Tage später stossen wir auf ein YouTube-Video, das eine Delegation der faschistischen Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) beim Besuch des bestreikten Stahlwerks zeigt. Ein Sprecher der rassistischen Organisation ergreift ungehindert das Wort. «Auch wir sind Arbeiter», sagt der Typ mit Bürstenschnitt und Fliegersonnenbrille. Kurz darauf zeigt das Video Cristos, den Vorsitzenden des Streikkomitees, wie er eingerahmt von den Faschos erklärt: «Wir haben ganz Griechenland auf unserer Seite.» Wollen die Streikenden tatsächlich Teil einer «nationalistischen Bewegung mit Volks- und revolutionärem Charakter» sein, von der das Video schwafelt? Uns gegenüber hatten sie ihre Nähe zur kommunistischen KKE und deren Gewerkschaft Pame betont.

«Viele Menschen, Linke, aber auch Nicht-Linke, die jetzt nach links schauen, wollen, dass die sich einigen», sagt Alexandra Pavlou, die in Exarchia Stadtteilversammlungen mitorganisiert. Die linken Parteien im Parlament – die KKE, das Linksbündnis Syriza sowie deren gemässigte Abspaltung Dimokratiki Aristera – könnten laut Umfragen derzeit auf 42 Prozent oder mehr kommen und nach Neuwahlen die Regierung stellen. Hauptknackpunkt ist die Frage, wie man es mit dem Pleitegehen hält. Die Zahl derer, die einen Austritt aus dem Euro und der EU fordern, steigt stetig. Viele GriechInnen sind für die Wiedereinführung der Drachme.

Und immer mehr Menschen setzen auf Selbstorganisation von unten. Auf lokalen Versammlungen im ganzen Land haben die Leute längst begonnen, Massnahmen gegen das Spardiktat zu organisieren. In Exarchia besprechen sie einen stadtübergreifenden Boykott der neuen Sondersteuer, die mit der Stromrechnung gezahlt werden soll. Alexandra sagt: «Wir haben kollektiv ein Handy gekauft, da kann man anrufen, wenn der Strom gekappt wird – dann kommt ein Elektriker, der sich mit uns solidarisiert hat, und klemmt ihn wieder an. Wir kleben einen Aufkleber von der Versammlung auf den Zählerkasten, damit niemand verloren dasteht. Immer mehr Familien mit Kindern haben keinen Strom mehr, weil sie ihn nicht bezahlen können.»

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