Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Die Wissensgesellschaft und ihre freien Idioten

Die Lohnschere zwischen Festangestellten und freien MitarbeiterInnen öffnet sich auch in der Medienbranche immer weiter. Warum ist das so? Und was kann dagegen getan werden?

Von Andrea Roedig

An die Idee der Wissensgesellschaft hat sich seit je viel utopisches Potenzial geknüpft. So gab es einmal die Prognose, dass in ihr Arbeitsplätze weitgehend erhalten bleiben, weil sich Dienstleistung/Wissen nicht wegrationalisieren lasse. Immer schwang in dem Begriff «Wissensgesellschaft» auch die Vorstellung einer breit gebildeten, das heisst egalitär und demokratisch kompetenten Gesellschaft mit. Mit der propagierten Aufwertung von Bildung und Wissen konnten sogar Geistes- und KulturarbeiterInnen hoffen, aus ihrer Tätigkeit in Zukunft mehr Wert und entsprechend sogar Gewinn zu schöpfen.

Doch was so sauber klingt, so befreit vom Schmieröl der alten Industriegesellschaft, hat einen doppelten Boden. Was wäre, wenn das ökonomische Prinzip «Wissen» nicht die Handarbeit in den Himmel des Geistes hebt, sondern die Kopfarbeit ans Fabrikband drückt? Es könnte durchaus sein, dass die Produktion von Wissen über kurz oder lang unter dieselben fordistischen Räder gerät wie zuvor die Produktion von Waren.

Knapp über dem Existenzminimum

Ein Hinweis darauf ist die zunehmende Prekarisierung gut ausgebildeter Personen, beispielsweise der sogenannten neuen Kreativen oder der freien Medienschaffenden. Die können, was die Arbeitsbelastung, aber auch was die miserable Bezahlung angeht, den KollegInnen vom Fabrikfliessband mittlerweile die Hand reichen. Die Honorare für freie Medienarbeit sind in den letzten Jahren drastisch eingebrochen. Gleichzeitig erzwingen Stellenabbau und Rückgang der Normalarbeitsverhältnisse aber, dass immer mehr JournalistInnen von dem leben müssen, wovon man nicht mehr leben kann. Einige freie MitarbeiterInnen des Österreichischen Rundfunks (ORF) – die einen Grossteil des Programms bestreiten – machten kürzlich öffentlich, dass sie bei Vollzeitarbeit auf einen Verdienst von knapp 1500 Euro brutto im Monat kommen. Nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung liegen sie damit knapp über dem Existenzminimum.

Ein klarer Graben trennt mittlerweile privilegierte Festanstellung und prekarisierte freie Arbeit. Das entspricht einer generellen Entwicklung, die man als «Outsourcing of Content» (Auslagerung von Inhalt) beschreiben kann. In den letzten Jahren hat sich die bezahlte Arbeit in festen Arbeitsverhältnissen zunehmend auf reine Managementfunktionen konzentriert, nicht nur in wirtschaftlichen Organisationen, sondern auch in Zeitungen, Verlagen, Universitäten und Bildungseinrichtungen. Fest angestellte RedaktorInnen kommen in der Regel nicht mehr dazu, selbst zu schreiben, sie redigieren und koordinieren vornehmlich die Beiträge der frei zuarbeitenden JournalistInnen. An den Universitäten sind Forschungs- und Lehrstellen immer befristet ausgeschrieben, während es in den neuen Arbeitsbereichen wie «Qualitätsmanagement» und Forschungsförderungsberatung viele unbefristete Positionen gibt. Nicht Inhalte sind fix bezahlt, sondern die Verwaltung von Inhalten, nicht Wissen, sondern Wissensmanagement.

Jeden Tag ein Text

Die Einkommens- und Statusunterschiede zwischen den Freien und den Festangestellten sind dabei – je nach Branche – eklatant. Im Gegensatz zu den oben erwähnten 1500 Euro Monatsbrutto freier ORF-MitarbeiterInnen, also 18 000 im Jahr, verdienen fest angestellte JournalistInnen beim ORF im Schnitt 75  000 Euro jährlich.

Unterboten wird das alles noch von den Printmedien. Nach Verdi-Tarifvertrag verdient ein Redaktor mit vier bis sechs Jahren Berufserfahrung bei einer deutschen Tageszeitung 3500 Euro im Monat brutto – das ist fair. Als Freie müsste man dafür, bei einem Zeilengeld von 77 Cent (so der tatsächliche Satz einer deutschen Tageszeitung, seit mehr als zehn Jahren nicht angehoben), 4545 Zeilen schreiben, das sind 181 800 Anschläge, was etwa dreissig mittellange Artikel im Monat sind. Jeden Tag einen Text. Vorausgesetzt, man könnte so viel Stoff überhaupt verkaufen, recherchieren und schreiben, wären ein allfälliges 13. Monatsgehalt, die Absicherung im Krankheitsfall oder Urlaub natürlich immer noch nicht enthalten. Das ist absurd. Absurd ist es auch, in dem Bereich überhaupt arbeiten zu wollen oder diese Tätigkeit Lohnarbeit zu nennen. «Ich bin auch einer von diesen freien Idioten», sagte neulich ein Kollege über sich selbst.

Wenn Professionalität heisst, dass man sich von den Erträgen der Arbeit ernähren kann, dann ist zumindest der freie Printjournalismus keine Profession mehr, er ist ein Hobby. So sieht das auch der Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung», Markus Spillmann, der die Entlöhnung der freien NZZ-MitarbeiterInnen als «Spesenentschädigung» bezeichnete. Die NZZ hat ihr Zeilenhonorar seit 2009 von 2.40 auf 1.10 Franken gekürzt.

Die «freien Idioten» sind meist gut ausgebildet. Sie produzieren mit ihrem Wissen, sie stellen Wissensinhalte her. Warum zahlt dafür niemand?

In der Wissensgesellschaft ist Wissen Arbeit. Das bedeutet aber auch, dass unter freien Marktbedingungen die Produkte der Wissensarbeit in genau derselben Profitlogik zerrieben werden wie alle anderen Waren auch: Sie verlieren an Wert. Die Paradoxie von Angebot und Nachfrage ist ja, dass eine erhöhte Nachfrage in letzter Konsequenz den Wert senkt. Das Kapital setzt auf Masse, den höchsten Profit garantiert nur eine Steigerung der Stückzahl bei gleichzeitiger Verringerung des Einzelpreises.

Eine weitere Parallele zur Produktion von materiellen Gütern fällt auf. Wenn Wissen Mehrwert schafft, ist immer noch die Frage, wer den Mehrwert abschöpft. Meist sind das nicht die ProduzentInnen.

«It’s the market, stupid!», wird man sagen. So ist es eben unter den Bedingungen von Angebot und Nachfrage. Ist es das?

Für einen realistischen Preis

Die Spaltung in Management einerseits und Content-Produktion andererseits ist menschlich wie gesellschaftlich verheerend. Es gäbe durchaus Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Eine wäre die gerechtere Verteilung von Arbeit, denn es ist nicht wirklich einzusehen, warum die einen sich gut bezahlt und inhaltlich unterfordert in den Burn-out schuften müssen, während die anderen kreativ und dauergestresst am Hungertuch nagen.

Eine andere Alternative wäre die adäquate Bezahlung inhaltlicher Arbeit, denn das derzeitige Lohnniveau ist marktverzerrend. Die Leistung ist querfinanziert, sie basiert auf Selbstausbeutung und der Bereitschaft, einen Grossteil des Know-hows gratis zur Verfügung zu stellen. Offenbar hat sich die Gesellschaft daran gewöhnt, dass die geistige Reproduktionsarbeit genauso unsichtbar und unbezahlt vonstatten zu gehen habe wie die viel beschworene häusliche Reproduktionsarbeit von Frauen. Bildung und Wissen galten lange als öffentliches Gut – wenn man diese Güter nun unter Marktbedingungen produzieren will, muss man auch ihren realistischen Preis zahlen.

Dieser Text entstand im Rahmen einer 
Fair-Pay-Kampagne der IG Kultur Österreich: 
http://igkultur.at/projekte/fairpay

 

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