Nr. 13/2012 vom 29.03.2012

Der programmierte Zerfall

Die Pumpe der Kaffeemaschine macht wenige Wochen nach Garantieende schlapp – Zufall? Nein! Die sogenannte Obsoleszenz, das künstliche Veralten von Produkten, gehört zum Kapitalismus wie der Konsum. Jetzt formiert sich im deutschen Sprachraum Widerstand.

Von Armin Forster

Sie trafen sich in einem Hinterzimmer in Genf, hohe Herren in Nadelstreifen, an Weihnachten 1924 – und es ging verschwörerisch zu. Am Tisch sassen die grössten Glühbirnenfabrikanten der Welt. Firmen wie Osram, Philips, General Electric und andere Riesen. Ihr Problem: die Glühbirnen. Sie leuchteten zu lange, bis zu 2500 Stunden. Das war schlecht fürs Geschäft. Also beschlossen die Herren das vorzeitige Ableben ihrer Produkte. Nur 1000 Stunden sollten die Birnen strahlen, mehr war bei Strafe untersagt. Dazu gründete man das Phoebuskartell – ausgerechnet zum Fest des Lichts.

1942 flog alles auf, und nach langem Rechtsstreit verbot 1953 ein US-Gericht die verkürzte Lebensdauer. Doch an den Glühbirnen änderte sich kaum etwas. An der Praxis so mancher Konzerne, ihre Produkte gezielt einen frühen Tod sterben zu lassen, auch nicht. Technisch gesehen könnten Glühfäden heute 100 000 Stunden glimmen, elfeinhalb Jahre am Stück. Doch solche Superglühbirnen – die längst patentiert sind – werden vom Markt ferngehalten. «Geplante Obsoleszenz» nennen es Fachleute, wenn Unternehmen künstliche Schwachstellen in Produkte einbauen.

Belegt ist der Fall eines Tintenstrahldruckers von Epson, der nach einer gewissen Anzahl von Ausdrucken den Geist aufgab – weil ein Chip mitzählte und eine falsche Fehlermeldung produzierte. Reparatur viel zu teuer, hiess es dann in der Werkstatt, man riet zur billigeren Neuanschaffung. Mit der richtigen Software hätte man den alten Drucker leicht wieder instandsetzen können. Der IT-Gigant Apple indes wurde 2003 von Tausenden KundInnen per Sammelklage vor Gericht gebracht, weil er in seine iPod-Abspielgeräte bewusst Akkus mit kurzer Lebensdauer installiert hatte, die nicht austauschbar waren. Der Konzern umging ein Urteil, indem er sich aussergerichtlich mit den KlägerInnen einigte.

Verdacht erhärtet

Solcherlei erschütterte das Weltbild von Stefan Schridde: Der Betriebswirt aus Berlin lehrt Qualität in Seminaren für ManagerInnen und Selbstständige. «Es kann nicht sein, dass ich anderen beibringe, wie sie ihre Produkte verbessern, und gleichzeitig werden diese absichtlich verschlechtert.» Also setzte er sich an seinen Computer und durchforstete das Internet. Er stiess auf unzählige Berichte von Verbraucherinnen und Insidern, die seinen Verdacht erhärteten.

An sich ist das keine Überraschung. Der Kapitalismus ist auf ständigen Konsum angewiesen – ohne ihn kein Wachstum. Wir leben in der Wegwerfgesellschaft. Geplante Obsoleszenz gehört zum System. Sie werde sogar an deutschen Universitäten gelehrt, sagt der Berliner Ingenieur und Soziologe Wolfgang Neef. Er unterrichtet angehende ProduktentwicklerInnen in Berlin und Hamburg – und diskutiert mit ihnen über ihre Verantwortung.

Zu hören bekommt er Erstaunliches. «Die Studierenden sagen, dass sie bei manchen Dozenten lernen: Ein Getriebe baut man so, dass es sechs Jahre hält und danach kaputtgehen soll. Und dann darf möglichst keiner rankommen zum Reparieren.» Viele StudentInnen empöre das, sagt Neef, «zu Recht». Sein Appell: «Wir müssen als Ingenieure das System der Obsoleszenz von unten angreifen.»

Auch auf VerbraucherInnenseite beginnt sich Widerstand zu formieren – vor allem im Internet. Aus Schriddes Recherche ist längst «eine Art Ehrenamt» geworden. Seit fünf Jahren engagiert er sich, betreibt einen Blog und hat eben eine Website gestartet: www.murks-nein-danke.de. Die soll VerbraucherInnen und Firmen an einen virtuellen Tisch bringen – und eine Debatte in Gang. Ausserdem hätte er gerne einen deutschen Ableger der amerikanischen Selbsthilfebewegung, in der sich KonsumentInnen helfen, indem sie gratis Reparaturanleitungen ins Netz stellen.

Es werde Schrott!

Einer, der schon viele solcher Anleitungen verfasst hat, ist der Technikfreak Markus Weiher. Früher gab es kaum ein Handy oder einen Computer, das oder den Weiher nicht wieder flottbekam. Aber in letzter Zeit beobachtet er einen neuen Trend: «Geräte und Akkus werden oft so miteinander verklebt, dass sie nicht mehr einzeln repariert werden können. Geht ein Handyakku nicht mehr, ist das ganze Telefon Schrott. Dann hilft nur noch wegschmeissen.» Aber warum beschweren sich so wenige KonsumentInnen? «Die kurzen Produktlebenszyklen sind bei vielen fest im Kopf verankert», sagt Steffen Holzmann von der Deutschen Umwelthilfe. «Ein Handy hält eben nur noch zwei Jahre. Wir fühlen uns nicht verschaukelt, wir freuen uns eher, etwas Neues zu bekommen. Dabei sind Produkte mit eingebautem Verfallsdatum ein ökologischer Wahnsinn.»

Wer ständig neue Geräte anschafft, verschwendet nicht nur wertvolle Ressourcen, sondern trägt auch dazu bei, Elektroschrott anzuhäufen, der nicht selten in Länder des Südens abgeschoben wird. Die Bilder von Kindern in Ghana, die auf Elektronikmüllhalden giftige Kunststoffe verbrennen, um an Edelmetalle zu kommen, haben schon viele Menschen der westlichen Welt erschüttert – aber nicht genügend bewusst gemacht, dass jener Müll von uns stammt. So sehen manche solche Dokus gedankenlos an auf dem gerade neu gekauften Flachbildfernseher in High-Definition-Auflösung.

Schridde plant in Deutschland eine Petition an den Bundestag: Er fordert einen gesetzlichen Schutz vor vorsätzlichen Schwachstellen in Produkten. In der Schweiz will man sich dem europäischen Schnellwarnsystem für Konsumgüter Rapex anschliessen, sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz: «Das Problem muss international angegangen werden.» Rapex konzentriert sich allerdings bislang auf den Austausch von Informationen über «gefährliche Güter, welche die Gesundheit oder Sicherheit von Konsumenten gefährden können».

 

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