Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

Mit der riesigen Kraft der Natur

In Rio de Janeiro bestünde die Chance, der langen zerstörerischen Agrargeschichte endlich eine gute Wendung zu geben. In Äthiopien machen ehemalige Feuerholzsammlerinnen vor, dass dies neben der Umwelt auch der wirtschaftlichen Entwicklung hilft.

Von Markus Spörndli, Addis Abeba

Die Landwirtschaft ist ein Umwelt- und Klimakiller, und das seit 10 000 Jahren. Der Treibhauseffekt setzte bereits ein, als die Menschen überall auf der Welt begannen, die Wälder zu roden, Viehherden zu halten, die Erde umzupflügen und zu bewässern. Möglicherweise hat diese gigantische Erdtransformation dazu geführt, dass das Weltklima die letzten 9900 Jahre praktisch stabil blieb und die Menschheit von einer (eigentlich längst überfälligen) Eiszeit verschont wurde. Seit hundert Jahren trägt die Landwirtschaft hingegen dazu bei, dass die globalen Temperaturen ansteigen – mit schlimmen Folgen für einen Grossteil der Menschheit, die sie eigentlich ernähren sollte.

In Äthiopien fällt die zerstörerische Kraft menschlicher Tätigkeiten sofort ins Auge: Weniger als drei Prozent der Oberfläche des bevölkerungsreichen ostafrikanischen Landes sind mit Wald bedeckt, viele Böden erodieren, sind unfruchtbar. Die Regenzeiten setzen immer unregelmässiger ein und fallen manchmal sogar ganz aus. Das Rio-Konzept nachhaltiger Entwicklung muss in Äthiopien deshalb auch drängende Probleme umfassen – Ernährungssicherheit soll erreicht, die Bodenfruchtbarkeit erhöht, die Folgen des real existierenden Klimawandels abgefedert und die Bevölkerung mit einer valablen wirtschaftlichen und sozialen Zukunft bedient werden.

Wenn es nach dem einflussreichen äthiopischen Ökologen Getachew Tikubet geht, gibt es Lösungen für all diese Probleme. Der Gründer und Programmdirektor der Nichtregierungsorganisation Bioeconomy Africa (BEA) will eine nachhaltige Alternative schaffen zur von den meisten Entwicklungs- und Geberländern forcierten intensiven Landwirtschaft. «Kleinbauerntum ist weder unproduktiv noch unwissenschaftlich», sagt Getachew, während er durch die Ausbildungsstätte für ökologischen Landbau in Addis Abeba schreitet. BEA betreibt derzeit sieben solcher Landwirtschaftsschulen in allen Teilen Äthiopiens und 22 weitere in anderen afrikanischen Ländern (siehe WOZ Nr. 21/12). Vorbild sei das landwirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum Plantahof in der Schweiz. In den BEA-Zentren würden ausgewählte «Vorbildbauern» die Techniken für einen produktiveren Anbau, eine effizientere Bewässerung, natürliche Schädlingsbekämpfung und fachgerechte Kompostierung bis hin zur eigenen Biogasproduktion lernen, sagt Getachew mit sichtlichem Stolz und fügt an: «Sie erhalten auch Gerätschaften und Samen, die genau auf die Umwelt- und Klimabedingungen der jeweiligen Region abgestimmt sind.»

Darin liege der grosse Vorteil seines «integrierten Biowirtschaftssystems» gegenüber der intensiven Landwirtschaft, meint Getachew: «In Afrika ist die Bodenerosion ein riesiges Problem. Hier geht es zuerst einmal darum, das Land überhaupt fruchtbar zu machen.» Dazu nutze BEA auch das lokale, traditionelle Wissen. «Und wir bedienen uns der riesigen Kraft der Natur», so Getachew: «Ein Löffel Erde enthält fünf Milliarden Mikroorganismen. Chemische Düngemittel zerstören diese natürlichen Systeme und laugen so die Böden aus.»

Gemüse statt Brennholz

Fantanesh Atnafu hat ebenfalls ein ökologisches Landbautraining absolviert; sie war gar auf dem Plantahof in der Schweiz. «Es ist wichtig, dass wir das, was wir hier aufgebaut haben, noch vielen Frauen näherbringen», sagt die Mitbegründerin und frühere Präsidentin des Gurara-Frauenvereins. Gurara ist ein Quartier am nordöstlichen Rand von Addis Abeba, Äthiopiens rasch wachsender Hauptstadt mit rund vier Millionen EinwohnerInnen. Die 55-jährige Frau, deren Gesicht von einem weissen Schal locker umhüllt ist, strahlt viel Energie und Selbstbewusstsein aus. Das ist nicht selbstverständlich. Denn noch vor acht Jahren gehörte Fantanesh zur untersten Gesellschaftsschicht Äthiopiens.

«Ich war eine Feuerholzträgerin», sagt Fantanesh, während sie im vereinseigenen Restaurant zum Kaffee einlädt. Allein in Addis Abeba gibt es über 15 000 Frauen, die täglich in den verbliebenen umliegenden Wäldern Brennholz sammeln. Sie kommen aus ärmsten Verhältnissen; viele sind alleinerziehend – Fantaneshs Ehemann starb im Militärdienst. Frühmorgens marschieren sie los und schneiden das Kleinholz von den Bäumen. Dann schleppen sie die riesigen, fünfzig bis sechzig Kilogramm schweren Bündel fünf Kilometer weit zurück in die Stadt und verhökern sie für meist weniger als 20 Birr – das entspricht ungefähr einem Franken, manchmal erhalten sie auch nur 35 Rappen. Selbst zehnjährige Mädchen und achtzigjährige Urgrossmütter packen mit an. «Die Frauen werden regelmässig von staatlichen Waldhütern belästigt, nicht selten auch vergewaltigt», sagt Fantanesh.

Vor acht Jahren beschloss Fantanesh zusammen mit dreissig Berufsgenossinnen aus Gurara, sich zu organisieren. «Das Problem war, dass wir Feuerholzträgerinnen isoliert und schutzlos waren», sagt die Frau mit dem gewinnenden Lachen. «Heute sind wir eine Gemeinschaft, und wir können unsere Kinder ernähren.» Denn seit die Frauen von der Bezirksverwaltung ein knapp zwei Hektaren grosses Gelände und von BEA eine Ausbildung in ökologischer Landwirtschaft erhalten haben, betreiben sie einen ökologischen Bauernhof. Auf fast 200 Frauen ist ihre Gemeinschaft angewachsen.

Sie zerstören nun nicht mehr die Wälder und ihre eigene Gesundheit, sondern pflanzen Kohl, melken Kühe und züchten Hühner. Auch die über sechzigjährige Kenbesh Mengsha ist eine solche Neobäuerin. Zusammen mit vier Kolleginnen befreit sie gerade einen Acker von Unkraut. «Ich habe nun immer mein eigenes Gemüse und erhalte aus der Gemeinschaftskasse 300 Birr (zirka 15 Franken) im Monat», sagt die grauhaarige, stämmige Frau mit fünf erwachsenen Kindern. Das Gemüse, die Hühner und die Milch verkaufen die Frauen auf dem lokalen Markt und in zwei kleinen Läden. Im eigenen Restaurant kommen die Produkte ebenfalls zum Einsatz.

«Die ökologische Landwirtschaft ersetzt die chemischen Inputs durch das Wissen der Bauern», sagt Gian Nicolay, Afrikakoordinator des schweizerischen Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL). Das ist gut für mittellose KleinbäuerInnen und die Umwelt – aber eine Bedrohung für Agromultis wie Syngenta oder Monsanto. «Wenn sich der Biolandbau stark verbreitet, könnte das aktuelle Geschäftsmodell der Multis plötzlich in sich zusammenbrechen», sagt Nicolay, der auch mit BEA zusammenarbeitet: «Sie müssten es ersetzen oder stark abändern.» Das Geschäftsmodell besteht darin, den BäuerInnen möglichst viel Hybridsaatgut, zugehörige Dünger und Pestizide zu einem hohen Preis zu verkaufen und dabei auch Abhängigkeiten zu kreieren. Das immer aggressiver werdende Lobbying einiger Unternehmen stösst in manchen Entwicklungsländern (darunter Äthiopien) auf autokratische Regierungen, die ebenfalls wenig Interesse an unabhängig denkenden BürgerInnen haben.

Produktiver als intensive Landwirtschaft

Im Vorfeld der Rio+20-Verhandlungen lobbyiert deshalb eine weltumspannende Koalition von NGOs für einen «Kurswechsel im Landwirtschafts- und Ernährungssystem». Eine prominente Rolle nimmt dabei die schweizerische Stiftung Biovision ein, die vom Landwirtschaftsexperten Hans Rudolf Herren gegründet wurde und mitunter BEA unterstützt. «Die Welt steckt in multiplen Krisen, weil wir immer nur Symptome behandeln», sagt Herren. «Auch in der intensiven Landwirtschaft werden nur Symptome bekämpft. Den Bedürfnissen der Armen und Hungernden entspricht sie nicht.»

Ökologische Landwirtschaft könne produktiver sein als die intensive, so Herren. Denn die industrielle Landwirtschaft brauche im Durchschnitt zehn Kalorien, um eine Kalorie zu produzieren, und dieser Input stamme mehrheitlich aus Erdöl. «Der Biolandbau produziert hingegen im Schnitt drei Kalorien für jede eingesetzte Kalorie», sagt Herren am Rand einer Podiumsveranstaltung an der ETH Zürich. Schon deshalb sei die ökologische Landwirtschaft nachhaltiger als die intensive. «Hinzu kommt, dass im Biolandbau durch den Aufbau von organischem Material viel Kohlenstoff vom Boden aufgenommen wird. Dadurch kann die Biolandwirtschaft sogar aktiv zum Klimaschutz beitragen.»

Ob in Rio de Janeiro das ganzheitliche, nachhaltige Denken gegenüber den kurzfristigen Interessen der meisten VerhandlungsteilnehmerInnen eine Chance hat, ist mehr als fraglich. In der Zwischenzeit arbeiten Kenbesh, Fatanesh und Millionen weitere BäuerInnen überall auf der Welt daran, der langen zerstörerischen Geschichte der Landwirtschaft trotzdem etwas entgegenzusetzen.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer von der Stiftung Biovision finanzierten Recherchereise.

Siehe auch das WOZ-Dossier zum Klimawandel.

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