Nr. 25/2012 vom 21.06.2012

Auch die Forschung war für sie Gemeingut

Elinor Ostrom studierte die Schweizer Allmenden, widerlegte die Vorstellung vom Homo oeconomicus und schlug Auswege aus der «Tragödie der öffentlichen Güter» vor.

Von Irmi Seidl

Bekannt wurde Elinor Ostrom 2009, als sie den Nobelpreis für Ökonomie erhielt – und dies als bislang einzige Frau. Der Beitrag der 1933 geborenen US-Politologin für die Wirtschaftswissenschaften lag, wie das Nobelpreiskomitee schrieb, in ihrer Analyse der Verwaltung, insbesondere der Gemeingüter («Governance of the Commons»). Sie hatte das bisherige ökonomische Modell infrage gestellt: dass diese Güter nur vom Markt oder dem Staat erfolgreich verwaltet werden könnten.

Dazu hatte Ostrom die umfangreiche Literatur zum Umgang mit Gemeingütern analysiert, die in zahlreichen Ländern und verschiedenen Disziplinen entstanden war. Daraus entwickelte sie eine Theorie zu den Bedingungen, unter denen mit diesen Gemeingütern erfolgreich, das heisst, ohne sie zu zerstören, umgegangen wird. Die Theorie stellte sie unter anderem im Buch «Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt» (1999; englisches Original 1990) vor. Die grosse Wirkung auf die Wirtschaftswissenschaften dürfte sie aber nicht allein durch ihre Theorie entfaltet haben, sondern indem sie ihre Erkenntnisse der Überprüfung unterzog. Mit Laborexperimenten widerlegte sie zusammen mit Kollegen spieltheoretische Annahmen, gemäss denen jeder seinen Nutzen zu maximieren versucht, indem sie die «Spieler» kommunizieren liess. Sie entkräftete die Annahmen über den Homo oeconomicus, bis vor kurzem die heilige Kuh der Ökonomie, bei der Nutzung von Gemeingütern. In der Theorie und mit Experimenten belegte sie die Bedeutung von Kommunikation, Reziprozität (Gegenseitigkeit), Vertrauen und sozialen Beziehungen für das wirtschaftliche Handeln.

Feldexperimente und Rollenspiele

Damit beeinflusste sie auch die Entwicklung der experimentellen Ökonomie, der wohl grundlegendsten Neuentwicklung innerhalb der Wirtschaftswissenschaften in den letzten zwei Jahrzehnten. Neben Laborexperimenten arbeitete Elinor Ostrom unter anderem mit Feldexperimenten, Rollenspielen und anderen aktuellen Ansätzen. Die Wirtschaftswissenschaft konnte ihre Erkenntnisse schlicht nicht ignorieren. Beeindruckend und aussergewöhnlich waren ihr breites methodisches Repertoire, ihre Qualifikation in verschiedenen Disziplinen, insbesondere der Ökonomie, Politologie und Ethnologie, sowie die Vielzahl und disziplinäre Heterogenität ihrer KooperationspartnerInnen.

Für Ostrom waren auch Forschung und Wissen Gemeingüter, die am besten gedeihen, wenn sie gemeinsam genutzt und weiterentwickelt werden. Zusammen mit ihrem Ehemann Vincent Ostrom gründete sie in den frühen siebziger Jahren an ihrer Heimatuniversität, der Indiana University in Bloomington, den «Workshop in Political Theory and Policy Analysis». Er basierte auf der Philosophie, dass Wissenschaft eine Form von Handwerk sei und dass durch eine Vielfalt von Forschenden verschiedener Disziplinen politische Institutionen sowie das Verhalten von Menschen besser verstanden werden könnten.

Ostroms Werk wirkt auch in der Umweltpolitik: Umweltprobleme resultieren häufig aus der Übernutzung öffentlicher Güter und Gemeingüter (zum Beispiel: Überfischung, Abholzung, Wasser- und Luftverschmutzung) – ihrem Forschungsthema. Sie argumentierte, dass die «Tragedy of the Commons» (Tragödie der öffentlichen Güter) kein unausweichliches Schicksal sei, und zeigte die Faktoren für Erfolg und Misserfolg beim Umgang mit Umweltgütern auf. Damit hat sie sowohl die Umweltforschung und -politik inspiriert als auch die Entwicklung institutioneller Arrangements für den Schutz von Umweltgütern. Dank ihres weltweiten Netzes von KollegInnen aus Forschung und Praxis wirkt ihre Arbeit bis in ferne Ecken der Erde. Ende März noch trat sie in London an der internationalen Konferenz «Planet under Pressure» auf – bereits sichtlich von ihrem Krebsleiden geschwächt.

Inspiration aus Törbel

Ostroms Arbeiten beeinflussen auch die Beschäftigung mit «modernen Gemeingütern» wie dem Urban Gardening, Open Hardware und Software, Open-Design-Projekten, Wissensallmenden wie Wikipedia, Book-Crossing-Gemeinden und so weiter. Dabei wird von «Commons-basierten Produktionsweisen» gesprochen: einer Organisation ökonomischen Handelns, an der verschiedene Menschen teilhaben, sich verpflichten, Regeln entwickeln, gemeinsam produzieren und konsumieren – ohne Profitziel, selbstorganisiert, weder durch Markt noch durch Staat vermittelt. Ostrom ermunterte die Menschen ausdrücklich, solche Gemeingüter zu entwickeln.

Zur Schweiz hatte Ostrom eine enge Verbindung. Nicht nur, dass ihr die Universität Zürich 1999 ihren ersten Ehrendoktor verlieh. Schon früh wurde sie von der Allmendenutzung von Alpflächen, Wald und wenig produktiven Flächen im Dorf Törbel (Wallis) inspiriert. Diese hat sie ausführlich in ihrem oben genannten Buch über die Allmende beschrieben. Dabei stützte sie sich auf Arbeiten des amerikanischen Ethnologen Robert Netting, der in Törbel in den sechziger Jahren Feldforschung betrieben hatte. Deshalb gilt die traditionelle Allmendenutzung in der Schweiz in der Forschungsgemeinschaft um Ostrom als exemplarisch.

Irmi Seidl ist Leiterin der Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

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