Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

Eine Partie olympisches Überwachungsschach

Von Kaspar Surber

Der Radrennfahrer gestürzt, die Kunstturnerin hart gelandet, ein Fussballer wegen rassistischer Bemerkungen nach Hause geschickt: Das war kein Auftakt nach Mass für die schweizerische Delegation an den Olympischen Spielen. Technisch überzeugt hat dafür die «!Mediengruppe Bitnik»: Diese Woche hat das Künstlerkollektiv einen Film veröffentlicht, der zeigt, wie es in London sein Spiel mit Überwachungskameras treibt. In einer U-Bahn-Station, vor Läden oder Bars taucht eine Frau mit gelbem Koffer auf. Sie öffnet ihn im Blickfeld einer Überwachungskamera und sendet eine Botschaft auf die Screens im Kontrollraum: «Ich kontrolliere ihre Kamera. Ich bin die mit dem gelben Koffer. Wie wäre es mit einer Partie Schach?» Wer auf welcher Seite der Kamera steht, wer wen kontrolliert, wird plötzlich unklar. «Die Videoüberwachung ist von einer Hierarchie geprägt», sagt Domagoj Smoljo von Bitnik. «Wir haben Schach als Symbol gewählt, weil hier beide Spieler bei null beginnen.» Zum Mitspielen gemeldet hat sich kein Überwacher. «Das schwächste Glied in der Kontrollkette, ständig unter Druck, nichts zu verpassen.»

An den Olympischen Spielen werden 1,7 Milliarden Franken für die Sicherheit ausgegeben, über ein Zehntel des Budgets. Ein Kriegsschiff als Kommandozentrale auf der Themse und Luftabwehrraketen in Wohnvierteln sind dabei nur die sichtbarsten Formen der Überwachung. Die Spiele sind ein Feldversuch für neue Technologien: von Sensoren etwa, die Passanten überprüfen, ob sie Gifte mit sich tragen, oder von Drohnen, die nicht nur Menschenströme überwachen, sondern auch Verdächtige verfolgen. Die Einreise nach Britannien für die AthletInnen und ihr Zutritt zu den Sportstätten laufen über ein biometrisches Visasystem. «Das Ziehen unsichtbarer Grenzen ist nach der Kontrolle der Bilder der nächste Schritt in der Entwicklung», meint Smoljo. Hochsicherheitszonen würden geschaffen, zu der nur Ausgewählte Zutritt haben. «Wie wir diese Technologien knacken, wissen wir noch nicht. Aber hoffentlich wird Überwachungsschach einmal olympische Disziplin.»

http://chess.bitnik.org

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