Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Die «fünfte Kolonne»

Erica Fischer erzählt in «Königskinder» die fast unbekannte Geschichte antifaschistischer Flüchtlinge, die in Australien interniert wurden.

Von Eva Pfister

England hat sie zuerst grosszügig aufgenommen: Juden und Jüdinnen, KommunistInnen und andere AntifaschistInnen aus Deutschland, Österreich und Italien. Aber im Juni 1940, als die Deutschen sich daran machten, Frankreich zu erobern, ging bei den BritInnen die Angst vor einem deutschen Angriff um und damit vor der «Fünften Kolonne», also vor Nazispionen. Die Stimmung kippte, die Flüchtlinge wurden zu feindlichen AusländerInnen. Als «Enemy Aliens» wurden sie interniert und teilweise deportiert: 6500 nach Kanada, 2500 nach Australien.

Einer von ihnen war der Vater der Schriftstellerin Erica Fischer, die jetzt in ihrem neuen Roman «Königskinder» von der Emigration ihrer Eltern erzählt. Ihre jüdische Mutter Irena floh schon im Oktober 1938 von Wien nach London, wo sie eine Arbeit als Hausangestellte fand; der Vater Erich folgte mit einem Touristenvisum. Als er interniert wurde, meldete er sich freiwillig zur Verschiffung nach Übersee – unter der Bedingung, dass seine Frau nachkommen könne. Das wurde ihm bereitwillig genehmigt, und so ging er am 10. Juli 1940 an Bord des Truppentransporter Dunera, mit unbekanntem Ziel.

Hochschule der Flüchtlinge

Die Kommandanten der Eskorttruppe waren nachgewiesenermassen Antisemiten, die die jüdischen Flüchtlinge besonders schlecht behandelten. 2000 Männer waren auf den Unterdecks zusammengepfercht, unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen und mit schlechter Ernährung. Als sie in Australien ankamen, wurden sie in einem Zug mit vergitterten Fenstern nach Hay in New South Wales gebracht, wo in der Wüste zwei Camps für je tausend Männer aus dem Boden gestampft worden waren.

Doch der australische Lagerkommandant merkte bald, dass er es nicht mit Nazis, sondern mit Antifaschisten und meist gebildeten Menschen zu tun hatte, und er tat alles, um ihnen das Lagerleben zu erleichtern. Sie erhielten gutes Essen, Bücher, Schreibwaren, sogar Instrumente, und so entfaltete sich in diesem Camp im Outback ein überaus reiches kulturelles Leben mit einer eigenen Hochschule, Musik- und Theaterveranstaltungen. Albrecht Dümling untersuchte in seinem Buch «Die verschwundenen Musiker» ausführlich die Leistungen der Flüchtlinge und ihre Probleme auf dem fünften Kontinent, denn die australische Künstlergewerkschaft sah die Konkurrenz nicht gerne und beantragte ein Arbeitsverbot – ein Verhalten, das man auch aus der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs kennt.

Es dauerte fast ein Jahr, bis diese Panne in der britischen Flüchtlingspolitik korrigiert werden konnte. Den Männern wurde freigestellt, ob sie nach England zurückkehren oder in die australische Armee eintreten wollten.

Gesperrte Dokumente

«Königskinder» liest sich ungemein spannend, wobei das Schicksal von Erich Fischer dominiert, der später von Australien wie von einem Abenteuerurlaub erzählte und die Schikanen bei der Überfahrt verschwieg. Irena Fischer hingegen hatte den undankbaren Part der Wartenden, die erst nach Monaten erfuhr, dass die australische Regierung nicht gewillt war, Angehörige der Internierten aufzunehmen. Einen Tag nachdem Erich in Sidney ankam, begann «The Blitz», die Bombardierung Londons. Irenas Briefe aus jener Zeit sind erschütternd: «Ich las in der Zeitung, dass die Überfahrt sehr stürmisch war. Es wird eine lange Zeit vergehen, bis du diesen Brief lesen wirst. Vielleicht bin ich dann nicht mehr am Leben. Ich bin so grenzenlos einsam in der Welt, wo der Tod vom Himmel regnet.»

Im August 1942 landete Erich Fischer wieder in England – und wurde wieder interniert. Es dauerte noch einmal ein halbes Jahr, bis die «Königskinder» zusammenkamen, die Gründe dafür sind bis heute nicht ersichtlich. Vielleicht würde man sie in jenen Dokumenten finden, die noch immer gesperrt sind: Nur sehr langsam arbeiten BritInnen und AustralierInnen dieses peinliche Kapitel ihrer Flüchtlingspolitik auf.

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