Nr. 47/2012 vom 22.11.2012

Im distanzierten Gaffermodus

Fotos aus voyeuristischer Perspektive, Tabuisierung der Freiergewalt, Reduzierung der Sexarbeit auf den Strassenstrich: Wie die Medien nicht nur von den wahren Problemen am Zürcher Sihlquai ablenken, sondern auch neue kreieren.

Von Jan Jirát

Der Strich und die Strasse: Zürcher Sihlquai. Foto: Armin Büttner

«Wenn die Medien von einer Vergewaltigung am Zürcher Strassenstrich berichten, beobachten wir oft, dass es am folgenden Wochenende zu Nachahmungstaten am Sihlquai kommt», sagt Michael Herzig, Bereichsleiter Sucht und Drogen der Stadt Zürich und damit auch für die Betreuung der Sexarbeiterinnen am Sihlquai zuständig. «Natürlich sind die Medien für die Gewalt nicht direkt verantwortlich», hält Herzig fest, «aber sie sind sich viel zu wenig bewusst, was sie mit ihrer Berichterstattung auslösen können und wie wichtig es ist, differenziert über das Thema ‹Strassenstrich› zu schreiben». So sei es beispielsweise fatal, wenn in Berichten konkrete Preise genannt werden, weil die Freier dann auf diesem Preis beharren oder ihn unterbieten wollen, dabei sei es die Sexarbeiterin, die den Preis festlegen müsse. Eine ähnlich fatale Wirkung haben Sätze wie «Sex ohne Gummi ist an der Tagesordnung», der vor zwei Jahren im «Blick» zu lesen war.

Fassbare Freiergewalt

Michael Herzig kritisiert die Medienberichterstattung auch in anderer Hinsicht: «Gerade das Thema ‹Gewalt› wird sehr einseitig unter dem Aspekt des Frauenhandels aufgegriffen», sagt er. «Die Gewalt geht in diesen Fällen von ausländischen Frauenhändlern oder Zuhältern aus, von Fremden.» Die Freiergewalt hingegen werde kaum thematisiert, denn diese Gewalt komme mitten aus unserer Gesellschaft, was offenbar viele nicht wahrhaben wollen. «Tatsache ist: Die Freier am Sihlquai bilden einen repräsentativen Querschnitt der männlichen Bevölkerung dieses Landes ab», sagt Herzig.

Im Oktober hat die Stadt Zürich unter Federführung der Frauenberatung Flora Dora gemeinsam mit ungarischen Partnerorganisationen einen Bericht publiziert, der die Freiergewalt am Sihlquai fassbar macht. Momentan könnten sich die Freier «fast alles erlauben», denn das Angebot auf dem Strassenstrich sei höher als die Nachfrage. Das setzt die Prostituierten, die nahezu ausschliesslich aus Ungarn stammen und mehrheitlich Roma sind, unter Druck. Wie die Sexarbeiterinnen aussagen, sind sie wöchentlich demütigenden und gewalttätigen Handlungen von Freiern oder auch Passanten ausgesetzt: Sie werden am Strassenrand beschimpft, begrapscht, belästigt und mit Gegenständen beworfen, etwa mit brennenden Zigaretten. Sie berichten von Freiern, die sie ausrauben würden oder sich weigerten, für den Service zu zahlen, von Freiern, die während des Verkehrs ihr Kondom abstreifen, die sich nicht an die vereinbarten Sexpraktiken halten, die Gewalt anwenden und vergewaltigen.

«Den gewalttätigen Freiern geht es auf dem Strassenstrich nicht um das Ausleben ihrer Sexualität», sagt Michael Herzig. «Es geht um Macht und Dominanz.» Die Motive der Freier seien eine fatale Mischung aus Sexismus und Rassismus. Die Sexarbeiterinnen seien Frauen, Ausländerinnen und Roma, und es sei kein Zufall, dass sich die Täter diese Opfer suchen. «Leider ist die öffentliche Wahrnehmung eine andere: Die Probleme kommen von aussen, und Fremde sind dafür verantwortlich. Diese Wahrnehmung ist falsch und blendet aus, dass die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen hausgemacht ist und die Gewalttäter unter uns leben. Fatalerweise wird diese selektive Wahrnehmung von vielen Medien übernommen», sagt Herzig.

Entweder Opfer oder Bestien

Eine «Einseitigkeit der Berichterstattung» kritisiert auch Doro Winkler von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ). Der Zürcher Sihlquai stehe seit Monaten im Zentrum der Berichterstattung über das Thema «Prostitution». «Dabei finden rund achtzig Prozent der Sexarbeit weitgehend unbemerkt in Bordellen, Kontaktbars, privaten Wohnzimmern oder Hotels statt», sagt Winkler. Als sichtbarster Teil des Sexgewerbes werde der Strassenstrich aber viel stärker wahrgenommen. Viele LeserInnen würden die Prostitution mit der Situation am Sihlquai gleichsetzen, was eine verzerrte Wahrnehmung sei.

Was Winkler an der Berichterstattung besonders stört, ist die Bildebene, weil dort die Perspektive der Freier dominiere: «Ganz egal, ob es um einen Prozess wegen Menschenhandels oder um den neuen Zürcher Strichplatz in Altstetten geht, die Medien zeigen stets Bilder, auf denen High Heels, lange Beine und ein spärlich bekleideter Schambereich zu sehen sind.» Winkler nennt diesen Blick die «distanzierte Gafferposition». «Über die Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse der Sexarbeiterinnen erhalte ich so als Leserin keine Informationen. Ich erfahre nichts über das Warten auf die Kunden bei jeder Witterung und die Kälte oder Langeweile dabei. Was es heisst, die ganze Nacht in High Heels zu stehen, und wie erlösend es ist, sie am Morgen auszuziehen.» Die Sexarbeiterinnen kommen in der Berichterstattung entweder als Opfer oder als sexhungrige Bestien vor. «Sie bleiben Objekte ohne Geschichte und Hintergründe», sagt Winkler.

«Die Wirkung der Medienberichterstattung auf die Situation am Sihlquai lässt sich nicht messen», sagt die Medienwissenschaftlerin Martina Leonarz. Aber auch sie hält fest, dass die Prostituierten weitgehend Objekte bleiben – biografie- und identitätslos. «Sie bleiben uns fremd, wodurch es schwierig wird, Empathie zu empfinden.» Insbesondere Pendlerzeitungen wie «20 minuten» oder «Blick am Abend» und deren Onlineplattformen hätten einen Hang zur Boulevardisierung und Skandalisierung, denen eine differenzierte Berichterstattung zum Opfer falle. «Diese Ausprägung betrifft übrigens nicht nur das Thema ‹Sexarbeit›. Ich stelle generell fest, dass das Frauenbild gerade in diesen Medien rückschrittlich ist.»

Armut, die die Schweiz nicht kennt

Die sozialen und ökonomischen Hintergründe der Frauen am Sihlquai werden medial kaum beleuchtet. Im Gegensatz dazu fasst der erwähnte Bericht diese Hintergründe detailliert zusammen: Die meisten dieser Frauen stammen aus dem Nordosten Ungarns, rund um die beiden Städte Nyiregyhaza und Miskolc, oder aus dem Südosten. Es sind strukturschwache Regionen, in denen die Armut sehr ausgeprägt ist. Die Romabevölkerung ist davon in besonderem Masse betroffen: Aktuell beträgt die Arbeitslosigkeit innerhalb der Romagemeinschaft über achtzig Prozent, rund siebzig Prozent leben in Armut.

«Diese Armut ist mit jener in Westeuropa nicht vergleichbar», sagt Katalin Szoboszlai. Die Sozialarbeiterin leitet in Nyiregyhaza den Verein Periferia, der sich um Obdachlose und Arme kümmert. «Die Mehrheit der Roma lebt in Ghettos, in denen es kein fliessendes Wasser und keine Kanalisation gibt.» In ihren Häusern oder Plattenbauwohnungen seien teilweise keine Heizungen vorhanden, auch Medikamente fehlten. «Es ist ein Leben, in dem die eigene Existenz permanent gefährdet ist, das von Hunger und Kälte geprägt wird. Ein Leben ohne Perspektiven. In Ungarn existiert dafür der Begriff ‹nyomor›», sagt Szoboszlai. Er lässt sich am ehesten mit «Tiefenarmut» übersetzen. «Die Situation auf dem Zürcher Strassenstrich ist auf diese Tiefenarmut zurückzuführen. Es handelt sich nicht um ein Romaproblem», sagt Szoboszlai.

Noch vor zehn Jahren gab es am Sihlquai keine ungarischen Prostituierten. Das hat sich seit dem EU-Beitritt Ungarns 2004 massiv geändert. Ein Abkommen mit der EU erlaubt es volljährigen Ungarinnen, für maximal drei Monate als selbstständige Dienstleistungserbringerinnen in der Schweiz zu arbeiten. Die meisten Frauen halten sich folglich immer nur wenige Wochen in Zürich auf. Danach kehren sie entweder zurück oder ziehen für weitere drei Monate in ein EU-Land weiter, um dort auf dem Strassenstrich zu arbeiten. Die kurzen Aufenthalte haben für die Frauen zur Folge, dass eine nachhaltige sozialmedizinische Betreuung kaum möglich ist. Und weil die ungarischen Frauen «die hiesigen Rahmenbedingungen wie auch die Sprache kaum kennen, sind sie besonders hohen Risiken ausgesetzt, insbesondere hinsichtlich Ausbeutung, Zwang und Gewalt», heisst es im Freiergewaltbericht.

Angesichts dieser sozialen, ökonomischen und rechtlichen Hintergründe bezeichnet Michael Herzig den Zürcher Strassenstrich als System der Ausbeutung – auch ohne den zusätzlich ausbeuterischen Aspekt des Frauenhandels. «Der Freier profitiert von einem massiven Wohlstandsunterschied.»

Freier haben eine Verantwortung

Die mediale Fokussierung auf den Strassenstrich ist aus einem weiteren Grund problematisch: «Inhaltlich wird oft nicht unterschieden zwischen Frauenhandel und selbstbestimmter Sexarbeit», sagt Doro Winkler vom FIZ. In der öffentlichen Wahrnehmung fehle dadurch oft das Bewusstsein, dass längst nicht alle Sexarbeiterinnen Opfer von Frauenhandel seien. «Für die Bekämpfung von Frauenhandel wie auch für die Unterstützung der selbstständigen Sexarbeiterinnen ist dieser Unterschied aber wichtig, denn es braucht ganz unterschiedliche Massnahmen zur Stärkung der Frauen in den verschiedenen Situationen.» Die Zusammenarbeit unter Fachleuten hingegen sei in den letzten zehn Jahren im Bereich des Frauenhandels und der Freiergewalt besser geworden, sagt Winkler.

Eine schwierige Rolle hat dabei die Polizei – sie muss gleichzeitig strafen und schützen: «Einerseits hat die Polizei sicherheitspolizeiliche Aufgaben, die repressiv sind, andererseits kriminalpolizeiliche Aufgaben, die unter anderem darin bestehen, die Sexarbeiterinnen vor Frauenhandel und Freiergewalt zu schützen», sagt Michael Herzig. «Dieser strukturell angelegte Zielkonflikt untergräbt das Vertrauen der Sexarbeiterinnen in die Polizei. Darum legen wir grossen Wert auf die Unterstützung der Frauen bei Anzeigen und Aussagen gegen Gewalttäter. Tatsächlich kam es in letzter Zeit zu einigen Verurteilungen.»

Doro Winkler vom FIZ wünscht sich mehr Verantwortungsbewusstsein und Unterstützung vonseiten der Freier – ohne diese zu kriminalisieren. Die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration hat dafür eigens die Website Verantwortlicherfreier.ch eingerichtet. Diese informiert darüber, woran Frauenhandel zu erkennen ist, wie den Frauen geholfen werden kann und was auf gar keinen Fall getan werden sollte. Fortschritte erhofft sich Winkler auch im Bereich des Opferschutzes, der noch immer unzureichend ist. «Nur für aussagebereite Opfer besteht ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht. Wer nicht aussagt, hat nur minimalen Zugang zu den Unterstützungsleistungen, die ihnen das Opferhilfegesetz zuerkennen würde. Wir fordern Schutz und Sicherheit für alle Opfer, unabhängig von ihrer Aussagebereitschaft und ihrem Aufenthaltsstatus», sagt Winkler. 

In einem Jahr wird der Strassenstrich am Sihlquai nicht mehr existieren. Der neue Zürcher Strichplatz verlagert sich in ein Industriequartier in Altstetten. In Bezug auf die Freiergewalt sei das ein Schritt in die richtige Richtung, finden Herzig und Winkler gleichermassen. Für eine wirkliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Lebensumstände der Frauen reiche das aber noch nicht.

Link zum Bericht: www.tinyurl.com/dorabericht

 

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