Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Die Subjektivierung der Schuld

Fünf Jahre nach Beginn der Finanzkrise verschulden sich noch mehr Menschen, derweil sich die private Aneignung öffentlichen Reichtums beschleunigt. Der italienische Soziologe Maurizio Lazzarato sieht in der Verschuldung kein Symptom, sondern ein strategisches Kalkül.

Von Raul Zelik

Als die Finanzkrise im Herbst 2008 die Welt erschütterte, schien das Ende des Neoliberalismus eingeläutet. Selbst auf den Wirtschaftsseiten der grossen bürgerlichen Zeitungen rief man nach politischer Kontrolle der Finanzmärkte, und Kommentatoren sahen eine neue keynesianische Ära heraufziehen. Heute, keine fünf Jahre später, reiben wir uns verwundert die Augen: Der Neoliberalismus ist lebendiger denn je. Die private Aneignung öffentlichen Reichtums hat sich bei der Bankenrettung beschleunigt. Nicht die Macht der Politik über die Finanzmärkte, sondern umgekehrt die der Finanzmärkte über die Politik ist ausgebaut worden.

Der italienische Soziologe und Philosoph Maurizio Lazzarato hat in seinem Essay «Die Fabrik des verschuldeten Menschen» den Versuch unternommen, diese scheinbar paradoxe Entwicklung zu erklären. Lazzarato, der wie Toni Negri aus der italienischen Bewegungslinken kommt und Ende der siebziger Jahre vor der Strafverfolgung nach Frankreich floh, geht von der These aus, dass Finanzspekulation und Schuldenexplosion nicht als Exzesse des Systems zu begreifen sind, die durch eine bessere Regulation verhindert werden könnten. Lazzarato interessiert sich, ganz im Sinn von Karl Marx, für die gesellschaftlichen Machtverhältnisse hinter den ökonomischen Begriffen. In diesem Sinn sind Schulden nicht einfach das Ergebnis zu hohen Konsums, wie es der Diskurs über die «verschwenderischen» SüdeuropäerInnen nahelegt. Schulden sind für Lazzarato vielmehr ein «strategisches Dispositiv», mit dem Machtverhältnisse (zwischen Gläubigern und Schuldnern) etabliert und damit Grundlagen für Aneignung und Akkumulation geschaffen werden.

Marx, Nietzsche, Foucault

Dahinter steht eine banale, aber in der öffentlichen Debatte unterschlagene Erkenntnis: Jeder Schuld steht immer auch ein Vermögen gegenüber – Schulden können deshalb nicht einfach als Mangel begriffen werden. Lazzarato macht sich an dieser Stelle eine These der poststrukturalistischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari zu eigen, wonach nicht der Tausch (wie in liberalen ökonomischen Theorien) oder die Kontrolle der Produktionsmittel (wie im klassischen Marxismus), sondern das Schuldverhältnis als «Archetyp gesellschaftlicher Ordnung» zu verstehen sei. Dieses Schuldverhältnis besitze, so Lazzarato weiter, eine doppelte Funktion: Es begründe eine Machtasymmetrie in der Gesellschaft und sorge – durch die Verknüpfung ökonomischer Schulden mit moralischer Schuld – für eine Subjektivierung der Ordnung. Der soziale Widerspruch, der einst in der Fabrik zum Ausdruck kam, sei durch die Finanzialisierung des Kapitalismus fragmentiert und verinnerlicht worden. Die Besitzlosen nähmen sich nicht mehr als Klasse, sondern als individualisierte SchuldnerInnen wahr, die über ihre Verhältnisse gelebt haben und selbst «schuld» an ihrer Lage sind.

Lazzarato geht es mit dieser Argumentation darum, eine Brücke zwischen zwei gewöhnlich gegeneinander positionierten Strängen der Gesellschaftskritik zu schlagen: Mit Marx will Lazzarato die Ökonomie als soziales (Macht-)Verhältnis entschlüsseln, mit Friedrich Nietzsche dieses Verhältnis jedoch auf der inneren Ökonomie des modernen Subjekts begründen, das sich mithilfe der Moral selbst erzieht. Die Lektüre Michel Foucaults dient Lazzarato weiterhin dazu, die gouvernementalen Techniken von Leitung und Selbstregierung in der (neo)liberalen Gesellschaft sichtbar zu machen. Und auf der Grundlage von Deleuze/Guattari schliesslich postuliert er eine Zentralität des Geldes, verstanden als gesellschaftlicher «Machtstrom».

Als Skizze einer Kritik, die marxsche und poststrukturalistische Theorie zu verknüpfen versucht, ohne die Widersprüche zwischen beiden Ansätzen zu unterschlagen, ist das sehr lesenswert. Lazzarato hat auch recht, wenn er behauptet, die Finanzialisierung des Kapitalismus könne nicht einfach als Fehlentwicklung verstanden werden. Dass die Finanzmärkte Ende der siebziger Jahre – noch unter dem demokratischen US-Präsidenten Jimmy Carter – dereguliert wurden, hatte nicht in erster Linie damit zu tun, dass hinterhältige Neoliberale ein funktionierendes ökonomisches Modell zerschlagen wollten, sondern dass der Fordismus am Ende war. Aufgrund der Arbeitermilitanz und saturierter Märkte wurde es zunehmend schwieriger, im Produktionsverhältnis selbst Gewinnzuwächse zu erzielen. Die Kapitalseite suchte daher nach alternativen Möglichkeiten der Aneignung. Die Finanzmärkte und das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis eröffneten hier ein neues Feld.

Recht überzeugend ist auch die These, dass der finanzgetriebene Kapitalismus für eine neue Regierbarkeit sorgte. Die ökonomischen Machtungleichheiten wurden nicht nur als moralische Schuld subjektiviert, sondern es wurde auch ein anderer zeitlicher Rahmen aufgespannt. Der Kredit, der immer auch eine Wette auf Noch-nicht-Gewordenes ist, schreibt nämlich die weitere Entwicklung fest und verhindert damit das Entstehen von etwas Neuem jenseits des Existierenden. In Lazzaratos Worten: Die Finanzökonomie «verschliesst das Mögliche, indem sie sich in die Zukunft projiziert».

Doch was folgt aus all dem? Bemerkenswerterweise verstellt Lazzaratos Essay, der in ökonomischen Fragen im Übrigen nicht besonders sauber recherchiert ist, jede Handlungsperspektive. Das ist umso seltsamer, als es dem neomarxistischen, überaus praxisorientierten Operaismus, von dem Lazzarato herkommt, in den sechziger Jahren genau darum ging. Mit einer nichtökonomischen Lesart von Marx sollte den sozialen Kämpfen Priorität eingeräumt werden. Dementsprechend war nichts mehr «neutral»: Jede Handlung von unten wurde als Widerstandsakt, jede technische Neuerung als «Angriff des Kapitals» interpretiert.

Dieser Methode ist Lazzarato im Prinzip treu geblieben. Für ihn scheint es keine Eigendynamik der Finanzwelt zu geben: Alles ist Machtdispositiv und strategisches Kalkül. Doch anders als beim Operaismus der sechziger Jahre führt die subjektive Methode in Lazzaratos Essay in einen durch und durch düsteren, postpolitischen Raum. Die Macht des Finanzkapitalismus hält die Gesellschaft und ihre Individuen fest umklammert. Lazzarato verweist zwar auf einen grundlegenden Widerspruch: Während Sparsamkeit propagiert wird, verbreitet die Werbung hedonistische Konsumaufforderungen. Doch eine Handlungsperspektive folgt daraus nicht.

So ergibt sich die Frage, ob hier nicht eine verschwörungstheoretische Schimäre aufgebaut wird. Auch wenn der Kapitalismus eine bemerkenswerte Fähigkeit besitzt, gesellschaftliche Widerstände für Modernisierungen zu nutzen und in sich einzuschliessen, folgt er doch keinem geschlossenen Kalkül. Kapitalismus ist eben auch die allgemeine Idiotie der vielen, die dort hinströmen, wo alle hinwollen. Die Öffnung der Kapitalmärkte durch die US-Regierung Ende der siebziger Jahre mag auch ein Schachzug in der globalen sozialen Auseinandersetzung der Zeit gewesen sein: Die Deregulierung der Finanzmärkte erleichterte Auslandsinvestitionen, setzte damit eine globale Lohnkonkurrenz in Gang und sorgte gleichzeitig dafür, dass anderswo erwirtschafteter Mehrwert als Finanzanlage wieder zurück in die USA und nach Westeuropa fliessen konnte.

Raum für Sozialpolitik

Doch dieser Prozess hat auch ein gewaltiges Krisenpotenzial freigesetzt. Die Deregulierung öffnete der kollektiven Dummheit Tür und Tor; es entstanden Finanzblasen, deren Platzen den Zusammenbruch des internationalen Geldsystems und damit auch des Weltmarkts nach sich ziehen wird. Anders als Lazzarato unterstellt, sind Handlungsperspektiven in diesem Zusammenhang unschwer auszumachen. In Südamerika haben Auslandsschulden und Sparprogramme in den vergangenen zwanzig Jahren für das Entstehen neuer populärer Subjekte jenseits der Arbeiterklasse gesorgt. Es waren ihre Proteste und Aufstände, die dazu führten, dass Argentinien oder Ecuador einen einseitigen Schuldenschnitt verkündeten und der Internationale Währungsfonds auf dem Subkontinent dadurch faktisch entmachtet wurde.

Das hat keine antikapitalistischen Perspektiven, aber immerhin Raum für Sozialpolitik eröffnet. Die unmittelbaren politischen Forderungen könnten in Europa (wie der Fall Island beweist) ähnlich sein.

Raul Zelik ist Schriftsteller und veröffentlichte zuletzt den Roman «Der Eindringling» (edition suhrkamp).

 

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