Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Noch ein Opfer des Asylregimes

Von Andreas Fagetti

Moncef S. bezahlte seine Suche nach einem besseren Leben in Zürich mit dem Tod. Der Tunesier nahm sich am 2. Mai 2013 wahrscheinlich das Leben. Moncef S. wurde 26 Jahre alt. Es ist das tragische Ende eines Menschen, der von einem engmaschig gestrickten Asylregime in die Enge getrieben wurde. Er ist nicht das erste Opfer der Schweizer Asylpolitik – und er wird nicht das letzte sein. Im letzten halben Jahr starben vier Flüchtlinge in Zürich. Am 12. November 2012 verübte Oleg N. im Flughafengefängnis Selbstmord (siehe WOZ Nr. 47/12), am 19. November wurde ein armenischer Asylsuchender in Winterthur tot in seinem Spitalbett gefunden, und am 4. Januar dieses Jahres erhängte sich ein junger Kurde im Polizeigefängnis Zürich.

Die Öffentlichkeit erfährt wenig über die tödlichen Hintergründe – und in der Regel nichts über das persönliche Schicksal dieser Menschen, gäbe es nicht Gruppen wie Augenauf und die BleiberechtsaktivistInnen, die zusammen mit 500 Leuten am Samstag an einer Demo in Zürich an das Schicksal von Moncef S. erinnerten. Doch gewöhnlich sind die AsylbewerberInnen genannten Menschen nach ihrem Tod bloss noch statistisches Material und Randnotizen in den Medien. Die dafür verantwortlichen politischen Parteien lassen sich davon kaum beeindrucken und werden nicht von ihren monströsen Verzerrungen und Überflutungsfantasien lassen. Selbst der Hinweis, dass Flüchtlinge nicht das Leben der BürgerInnen dieses Landes bedrohen, aber für ihre Flucht in dieses angeblich humanitäre Land unter Umständen mit dem Leben bezahlen müssen, wird nichts fruchten.

Demonstration anlässlich des Selbstmordes von Moncef S. am 4. Mai 2013 in Zürich. Foto: Autonome Schule Zürich

Flüchtlinge geraten in eine zumindest ansatzweise mörderische Maschinerie. Man muss diejenigen, die ständig von Freiheit und liberaler Ordnung schwafeln, doch in den letzten zwei Jahrzehnten die Daumenschrauben immer fester anziehen und eine hohe legalistische Mauer hochgezogen haben, daran erinnern: Dieses Asylregime hat nichts mit einer liberalen Ordnung und schon gar nichts mit Freiheit zu schaffen. Während die Herrenmenschen vom europäischen Kontinent eine weitgehend globale Bewegungsfreiheit geniessen, verwehren sie diese Freiheit den MigrantInnen aus armen Ländern. «Wirtschaftsflüchtling» ist noch das mildeste Schimpfwort, das sie für sie bereithalten, «kriminelle Asylbewerber» das pauschalste, entstellendste und vernichtendste.

Moncef S. war nicht kriminell. In Tunesien hatte er ein Jahr in der Armee gedient, kehrte dann in seine Heimatstadt zurück, wo er keine Arbeit fand. Danach zog er in die Hauptstadt Tunis und schlug sich auf dem Markt und auf dem Bau mit Gelegenheitsjobs durch. 2011 verliess er sein Land und schiffte sich nach Genua ein. In Chiasso beantragte er Asyl, kam für einen Monat nach Kreuzlingen und schliesslich in den Kanton Zürich. Seinen Asylantrag wiesen die Behörden nach sieben Monaten ab. In Zürich fand er in der Autonomen Schule eine Heimat, er engagierte sich als Bleiberechtsaktivist, lernte motiviert Deutsch.

Aber seine Angst vor der Ausschaffung war gross. Einer, der ihn kannte, sagt, Moncef S. sei sehr ängstlich gewesen. Andere bestätigen es. Nur in seiner Wohnung und in der Autonomen Schule habe er sich einigermassen sicher gefühlt. Moncef S. war keine Gefahr für die Schweiz. Er sei ein sanfter, herzlicher und wissbegieriger Mensch gewesen.

Mitte März holte Moncef S. sein Albtraum ein. Er wurde in Ausschaffungshaft gesetzt. Dann steckten ihn die Behörden in Vollzugshaft. Jetzt durften ihn FreundInnen bloss noch einmal im Monat besuchen. Ende April erfuhr Moncef S. von seiner verfügten Ausschaffung. Nach dieser Hiobsbotschaft versuchte er, sich im Flughafengefängnis das Leben zu nehmen. Und kam danach in eine psychiatrische Klinik. Seine FreundInnen und selbst seine Anwältin wussten davon nichts – und erhielten trotz Nachfragen keine Informationen. Moncef S. war jetzt isoliert, abgeschnitten von seinen FreundInnen, auf sich allein gestellt. Er flüchtete aus der Klinik und sah offenbar keinen anderen Ausweg mehr: Am 2. Mai 2013 fanden ihn MitarbeiterInnen einer Putzfirma tot im Keller seines Wohnhauses.

Siehe auch «Traumatisierte Asylsuchende – abhängig vom Glück».

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