Nr. 24/2013 vom 13.06.2013

Wer hat Angst vor toten Bienen?

Wichtige Zahlen zum aktuellen Bienensterben werden vom grössten Imkerverein der Schweiz unter Verschluss gehalten. Auch staatliche Stellen rücken die Angaben nicht heraus. Die Zahlen könnten die Forderung unterstützen, den Einsatz von Pestiziden weiter zu beschränken.

Von Esther Banz

«Wissen Sie, wegen der politischen Vorstösse sind jetzt alle ein bisschen nervös», sagt ein Vertreter des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) auf die Frage, weshalb gewisse Zahlen zum aktuellen Bienensterben in der Schweiz nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Konkret werden die Unterschiede der Verluste in höheren, extensiv bewirtschafteten und jene in tiefen, landwirtschaftlich intensiv genutzten Lagen nicht kommuniziert, obwohl die Zahlen vorhanden sind.

Bekannt ist lediglich: Mehr als jedes vierte Volk – 28 Prozent – hat das letzte Winterhalbjahr nicht überlebt. Weil 2011/12 jedes zweite Volk verendete, wird die jüngste Zahl sogar als «Entwarnung» verbucht. Erhoben hat die Zahlen der Verein Deutschschweizerischer und Rätoromanischer Bienenfreunde (VDRB). Vorgestellt wurden sie am 30. Mai vom Zentrum für Bienenforschung der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope. Im Titel heisst es: «Imker/-innen können aufatmen» – im Gegensatz zu den vorangehenden Jahren, in denen der Verlust von einem Viertel der Völker stets als hoch oder gravierend bezeichnet wurde.

In der Pressemitteilung sind Pestizide als eine der Ursachen für das Bienensterben nicht erwähnt, obwohl der Leiter der kleinen Bienenforschungsanstalt des Bundes, Peter Gallmann, in früheren Interviews ihre Mitschuld nicht infrage gestellt hat. Gallmann sagt auf Nachfrage, man habe die Pestizide im Entwurf der Pressemitteilung explizit erwähnt, wollte dann aber «die dazu laufende politische Diskussion nicht weiter anheizen».

Ein Teilmoratorium

Am 19. Juni debattiert der Nationalrat über drei Motionen zugunsten der Bienen (vgl. «Bienen im Nationalrat» im Anschluss an diesen Text). Es geht dabei auch um eine Ausweitung der kürzlich beschlossenen Einschränkung von sogenannten Neonicotinoiden. Mit ihnen werden in der konventionellen Landwirtschaft Saaten wie Mais, Raps und viele mehr gebeizt: Systemisch wirkende Gifte verteilen sich in der ganzen Pflanze und schützen diese effektiv vor Schädlingen. Die Nervengifte schädigen aber auch die Gehirne anderer Insekten, etwa der Bienen, wie Bienenneurologe Randolf Menzel entdeckt hat (siehe WOZ Nr. 43/12). Sie finden dann beispielsweise nicht in den Stock zurück, das ganze Volk stirbt. Dass Bienen nicht nur wegen unmittelbar tödlicher («letaler») Dosen dieser Mittel verenden, sondern auch indirekt bei winzigsten («subletalen»), haben verschiedene unabhängige Studien gezeigt.

Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) ist zum Schluss gekommen, dass man die Risiken, die von den drei Neonicotinoiden Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin ausgehen, nicht weiter ignorieren könne. Darauf gestützt beschloss die EU, die Zulassung der Pestizide vorerst für zwei Jahre zu sistieren. Geplant war ihre sofortige Suspendierung, aber Bayer und Syngenta konnten erwirken, dass das Verbot erst ab Dezember gilt. Denn diese drei hochwirksamen Pflanzenschutzmittel sind Kassenschlager. So macht Syngenta mit dem Wirkstoff Thiamethoxam (als Cruiser und Actara auf dem Markt) knapp zehn Prozent des gesamten Umsatzes.

Einseitiger Bundesrat

Entsprechende Mittel werden dafür eingesetzt, damit diese Verkaufsschlager am Markt bleiben. Kritische Studien werden nicht publiziert, und Verfasser werden zu Stillschweigen verpflichtet, wie dies bei Randolf Menzel der Fall war. Und wann immer unabhängige ForscherInnen in Studien zu einem anderen Schluss kommen, werden sie von der Industrie diskreditiert. Wie das aussehen kann, stellt die aktuelle Studie «Late lessons from early warnings» der Europäischen Umweltagentur (EEA) dar.

In der Schweiz hat aber nicht nur die Industrie die Pestizide stets verteidigt, sondern auch die ForscherInnen des Bundes, das Bundesamt für Landwirtschaft und schliesslich der Bundesrat. Vorstösse und Anfragen im Parlament der letzten dreizehn Jahre zeigen, dass der Bundesrat stets im Sinn der Industrie entschied, also keine Beschränkung beim Einsatz der problematischen Pflanzenschutzmittel unterstützte. Am 13. Februar 2013 meinte er in der Antwort auf eine Interpellation zum Bienensterben: «Die Verluste sind im Berggebiet nicht kleiner als im Tal.» Und im März hat Bundesrat Schneider-Ammann anlässlich einer Fragestunde im Nationalrat erklärt, es hätten keine negativen Effekte auf Bienen festgestellt werden können, die Efsa-Studie weise Mängel auf, und schuld sei die Varroamilbe.

Tatsächlich ist die Varroamilbe auf der Nordhalbkugel eine der grössten Gefahren für die Bienen. Aber zumeist sind sie zuvor durch eine stressvolle Lebenssituation, etwa durch eine mangelhafte Nahrung, geschwächt und deshalb wenig resistent. Vieles deutet darauf hin, dass es Bienen und anderen Bestäubern in extensiv bewirtschafteten Regionen besser geht als da, wo die Biodiversität insgesamt unter der intensiven Landwirtschaft leidet. Wissenschaftler der Simon-Fraser-Universität im kanadischen British Columbia konnten 2005 in einer Studie zeigen, dass ökologisch bewirtschaftete Rapsfelder viel besser (durch Wildbienen) bestäubt wurden als konventionell bewirtschaftete und diese nochmals deutlich besser als Flächen mit Gentechraps.

In der Schweiz gibt es bisher keine Studie zum Unterschied der Bienengesundheit in Gegenden mit extensiver versus intensiver Landwirtschaft. Doch Peter Gallmann vom Zentrum für Bienenforschung folgert aus der Umfrage des VDRB, dass es Bienen in pestizidfreien Landschaften mit höherer Biodiversität und mehr Nahrung besser gehen könnte: In den Bergkantonen Glarus, Graubünden (mit Ausnahme von 2011/12) und Uri waren die Verluste im Vierjahresvergleich deutlich geringer als in Kantonen wie dem Aargau, Solothurn und Zürich.

Aufschlussreich wären deshalb weitere Zahlen, die der VDRB erhoben hat, insbesondere die Verluste von Völkern in der Höhe verglichen mit jenen in den Niederungen. Auch der Vergleich der Stadt Basel, wo das Nahrungsangebot gut ist und wo weniger Pestizide eingesetzt werden, mit Baselland könnte weitere Anhaltspunkte liefern. Aber der Verein, die Forschung und die Verwaltung halten diese Ergebnisse unter Verschluss.

In der aktuellen «Bienen-Zeitung», dem monatlich erscheinenden Organ des VDRB, schreibt Chefredaktor Robert Sieber zu den Resultaten der Umfrage, beim Faktor «Höhenlage des Bienenstandes» sei «keine Tendenz bezüglich der Winterverluste zu erkennen. Auf die Publikation der grafischen Darstellung wurde deshalb verzichtet.» Seine Schlussfolgerung: Es «scheint keine direkte Abhängigkeit zwischen der Intensität der Landwirtschaft und den Winterverlusten zu bestehen.» Umso wichtiger wäre die Kenntnis der genauen Daten.

Interessenvertreter

In der «Bienen-Zeitung» war viele Jahre praktisch nichts über mögliche Zusammenhänge zwischen den Völkerverlusten und den Pestiziden zu lesen. Chefredaktor Robert Sieber war zuvor Vizedirektor des Basler Chemiekonzerns Sandoz. Heute besitzt er ein eigenes Consultingunternehmen, dessen Zweck «die Akquisition klinischer Studien für Auftragsforschungsinstitute» ist. Kunden sind Novartis und weitere Chemieunternehmen.

Auch der oberste Bienenforscher im Land, Peter Gallmann, hat in früheren Jahren bei Novartis gearbeitet. Die für die Meinungsbildung zu den Ursachen des Bienensterbens wichtigsten Personen im Land sind der Industrie gegenüber also nicht unbedingt besonders kritisch eingestellt.

Am Montag haben der Schweizerische Bauernverband, der VDRB und Agroscope gemeinsam ein Communiqué veröffentlicht. In ihm wird erwähnt, dass «gewisse Insektizide den Bienen schaden». Dennoch wird vor «vorschnellen Verboten» gewarnt. Für manche Bienenvölker nicht die besten Aussichten.

 

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