Nr. 39/2013 vom 26.09.2013

Ins Nadelholz verbohrt

Im Schweizer Wald wächst immer mehr Laubholz nach, und die Klimaforschung prognostiziert Nadelbäumen eine schwere Zukunft. Doch die holzverarbeitende Branche tut sich schwer, diese Erkenntnisse umzusetzen.

Von Milena Conzetti

Bruno Abplanalp ist neugierig und ein Pionier in Sachen Konstruktionen mit Laubholz. Der Geschäftsführer der Neuen Holzbau AG aus Lungern im Kanton Obwalden schwärmt: «Laubholz ist der neue ökologische Hochleistungsbaustoff für den Ingenieurholzbau.» Beispielsweise braucht es für die gleiche Festigkeit fünfzig bis siebzig Prozent weniger Laubholz im Querschnitt im Vergleich zum Nadelholz. Riesige Hallen, Deckenkonstruktionen und Brücken – alles aus Holz und vor wenigen Jahren noch undenkbar – entwickelt und baut Abplanalps Team.

Vor zwölf Jahren fing die Firma mit dem Tüfteln am Laubholz an, weil Abplanalp die gratis nachwachsende Ressource aus dem Wald sinnvoll nutzen wollte. Damals gab es weder Baunormen für Laubholz noch passende Verbundmittel wie Leime. Für viele von Abplanalps Branche Grund genug, sich nicht mit Laubholz zu beschäftigen.

Weil die Erfahrung im Umgang mit Laubholz weitgehend fehlt, ist die Nachfrage entsprechend gering. Zudem gelten die krummen Stämme als schwer zu verarbeiten. Mehr als 80 Prozent des in der Schweiz geernteten Laubstammholzes werden zum Sägen und Weiterverarbeiten exportiert. So fällt die Wertschöpfung im Ausland an, denn das Holz wird beispielsweise als teures Parkett wieder importiert.

Naturnahes Laubholz

Dass sich Sägereien und Holzbau so schwertun mit dem Laubholz, erstaunt: Seit vielen Jahren zeigt sich, dass im Schweizer Wald immer mehr Laubbäume wachsen. Bereits in den Aufnahmen des zweiten Landesforstinventars 1993 war ersichtlich, dass der Laubholzanteil in den Jungbeständen des Mittellands seit der ersten Erhebung im Jahr 1983 zunahm. Seither hat sich der Anteil mehr als verdoppelt. Das ist unter anderem eine Folge des naturnahen Waldbaus, der seit den vierziger Jahren gelehrt wird – also lange vor der Klimadebatte. Dabei geht es um die Förderung von Baumarten, die natürlicherweise an einem Standort wachsen und sich dort selbst vermehren oder gut gedeihen. Im Mittelland sind dies Laubbaumarten.

Eichen statt Fichten

Wie der Wald auf die Klimaveränderung reagiert und wie Forstleute damit umgehen sollen, interessiert Forschung und Bund seit gut zehn Jahren. Schon 2001 hat die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft empfohlen, im Hinblick auf Extremereignisse wie Trockenheit und Stürme auf eine standortgerechte Baumartenvielfalt zu setzen. Um den ForstpraktikerInnen konkrete Entscheidungsgrundlagen für die Waldbewirtschaftung zu geben, erhofft sich das Bundesamt für Umwelt (Bafu) detaillierte Ratschläge vom Forschungsprogramm «Wald und Klimawandel».

Erste Resultate zeigen: Die Schweizer Wälder werden voraussichtlich in den tieferen Lagen noch laubholzreicher. Baumarten wie die Fichte, die Trockenheit nicht gut ertragen, dürften durch tolerantere Bäume wie die Eiche verdrängt werden. Wie konkret die Ratschläge bis 2015 überhaupt sein können, bleibt indes offen. Und überhaupt: Was nützen Bafu-Ratschläge und Forschungsmillionen, wenn das Laubholz einfach keinen Absatz findet?

Die SVP will nicht

Mit dem «Aktionsplan Holz» versucht das Bafu seit 2009, die Nutzung von Laubholz als Baumaterial zu fördern. Auch im Nationalen Forschungsprogramm «Ressource Holz», das seit letztem Jahr läuft, sind neue Anwendungen von Laubholz Thema. Denn nur fünfzehn Prozent des geernteten Laubholzes werden als wertbringendes Stammholz verkauft, siebzig Prozent landen als Energieholz direkt in den Heizanlagen.

Insgesamt wird seit 2011 jährlich doppelt so viel Nadel- wie Laubholz geerntet. Vor zehn Jahren war es noch fast viermal mehr. Diese Entwicklungen kommen in der SchweizerHolzbranche nicht gut an: «Wir befürchten, dass der Klimawandel missbraucht wird, um das Nadelholz weiter zu verdrängen», sagt Hansruedi Streiff, Geschäftsführer von Holzindustrie Schweiz (HIS). «Der Forstdienst fördert Laubholz an den Marktbedürfnissen vorbei. Mit Nadelholz kann man immer perfekter und klimapolitisch wertvoll bauen; Laubholz hat in ganz Europa viele Absatzmärkte verloren.»

Für die Holzbranche ist die Fichte ihr Brotbaum, und fertig. Lieber das Holz im Ausland kaufen oder nicht einheimische Nadelbäume wie Douglasien fördern als auf Nadelholz verzichten. SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni, Mitinhaberin der Flückiger Holz AG, reichte schon mehrere Motionen und Interpellationen zugunsten von Nadelholz ein. Auch zwei weitere SVP-Nationalräte sind wichtige Personen in der Branche: Max Binder präsidiert den Waldwirtschaftsverband Schweiz, und Jean-François Rime ist Präsident von HIS. Die drei gehören einer Partei an, die den Klimawandel negiert. Und wo kein Klimawandel ist, kann man auch keine Folgen produktiv nutzen.

Wo würde die Verwendung von Laubholz heute stehen, wenn sich der Bund und die holzverarbeitende Branche bereits Anfang des Jahrtausends intensiv damit auseinandergesetzt hätten? Dass man mit Neugier, Innovation und Investition in wenigen Jahren Riesiges erreichen kann, zeigt Bruno Abplanalp eindrücklich.

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