Nr. 45/2013 vom 07.11.2013

Die Welt lässt sich retten – aber nicht innerhalb des Systems

Die Klimawissenschaften entwickeln zunehmend revolutionäre Sprengkraft. Tatsächlich gibt es gute wissenschaftliche Gründe für zivilen Ungehorsam und Sabotage. Denn der Kapitalismus wird zur existenziellen Bedrohung.

Von Naomi Klein

Naomi Klein: «Immer mehr Menschen werden der revolutionären Sprengkraft gewahr, die den Klimawissenschaften innewohnt.» Foto: Debra Friedman

Im Dezember 2012 bahnte sich ein pinkhaariger Erforscher komplexer Systeme namens Brad Werner einen Weg durch das Gewimmel der 24 000 WissenschaftlerInnen, die sich am Herbsttreffen der American Geophysical Union in San Francisco versammelt hatten. Die Konferenz wartete mit einigen grossen Namen auf: Ed Stone vom Voyager-Projekt der Nasa war da, um den neuen Meilenstein auf dem Weg in den intergalaktischen Raum zu präsentieren, und der Filmemacher James Cameron («Titanic») sprach über seine Tiefseeabenteuer.

Am meisten Wirbel aber verursachte Brad Werners Vortrag. Sein Titel: «Is Earth F**ked?» – Ist die Welt am Arsch? (Untertitel: «Dynamische Sinnlosigkeit des globalen Umweltmanagements und Chancen für Nachhaltigkeit mittels Aktionen des zivilen Ungehorsams».) Um die Frage zu beantworten, dirigierte der Geophysiker der University of California, San Diego, sein Publikum durch ein hoch entwickeltes Computermodell. Er sprach über Systemgrenzen, Perturbationen, Dissipationen, Attraktoren, Bifurkationen und eine ganze Menge weiterer Vorgänge aus der komplexen Systemtheorie, die für uns Uneingeweihte unverständlich blieben. Aber die Quintessenz war klar: Mit dem globalen Kapitalismus schreitet der Raubbau an Ressourcen so rasch, bequem und schrankenlos voran, dass die «geo-humanen Systeme» gefährlich instabil werden. Zu einer klaren Antwort auf die «Am Arsch»-Frage gedrängt, liess Werner seinen Fachjargon beiseite und antwortete: «Mehr oder weniger.»

Eine Dynamik im Modell indes stimmte hoffnungsvoll. Werner nannte sie «Widerstand» – Bewegungen von «Menschen oder Menschengruppen», die «gewisse Verhaltensweisen entwickeln, die nicht in die kapitalistische Kultur passen». Dazu zählte er UmweltaktivistInnen ebenso wie Widerstandsformen, die von ausserhalb der dominanten Kultur kommen: Proteste, Blockaden und Sabotageakte von indigenen Völkern, Arbeiterinnen, Anarchisten und anderen mehr.

An seriösen wissenschaftlichen Konferenzen wird normalerweise nicht zum politischen Widerstand aufgerufen, zu zivilem Ungehorsam und Sabotage schon gar nicht. Andererseits hat das Werner so direkt auch nicht getan. Er hat lediglich beobachtet, dass Massenaufstände wie die Bürgerrechtsbewegung oder Occupy Wall Street das grösste Potenzial besitzen, zu Sand im Getriebe der ökonomischen Maschinerie zu werden – einer Maschinerie, die immer mehr ausser Kontrolle gerät. «Denken wir an die Zukunft der Erde und unsere Verbundenheit mit der Umwelt, so müssen wir Widerstand als Teil dieser Dynamik miteinbeziehen.» Diese Schlussfolgerung, so Werner, sei keine Frage der politischen Überzeugung, sondern «ein im Kern geophysikalisches Problem».

«Als Staatsbürger in der Pflicht»

Es gibt zahlreiche Beispiele von WissenschaftlerInnen, die aufgrund der Erkenntnisse aus ihren Forschungsresultaten zu politischen AktivistInnen geworden sind. Physiker, Astronominnen, Ärzte und Biologinnen haben in den vordersten Reihen gegen Atomwaffen, Atomkraft, Krieg, umweltzerstörende Chemikalien und Kreationismus gekämpft. Im November 2012 rief der Finanzinvestor und Umweltphilanthrop Jeremy Grantham in der Fachzeitschrift «Nature» dazu auf, diese Tradition fortzuführen, «sich notfalls verhaften zu lassen»: Denn der Klimawandel «ist nicht bloss die Krise eures Lebens – er bedroht die Existenz der Gattung Mensch als Ganzes».

Manche WissenschaftlerInnen müssen nicht erst überzeugt werden. James Hansen, Urvater der modernen Klimaforschung, ist ein beeindruckender Aktivist: Über ein halbes Dutzend Mal ist er bereits verhaftet worden, weil er sich dem Kohleabbau via Sprengung von Berggipfeln (Mountaintop Removal) und Teersandpipelines in den Weg gestellt hat. Vor zwei Jahren hat man mich vor dem Weissen Haus an einer Massendemonstration gegen die Keystone-XL-Teersandpipeline verhaftet. Unter den 166 Personen, die in Handschellen abgeführt wurden, war auch der Glaziologe Jason Box, einer der weltweit renommiertesten Experten für die schmelzenden Eisschilde Grönlands. «Ich hätte nicht mehr in den Spiegel schauen können, wäre ich da nicht hingegangen», sagte Box damals und fügte hinzu: «Abstimmen allein genügt in diesem Fall offenbar nicht. Ich stehe auch als Staatsbürger in der Pflicht.»

Das ist löblich. Aber was Brad Werner mit seiner Modellierung zeigt, geht darüber hinaus. Seine Forschung hat ihn nicht einfach dazu gebracht, gegen eine bestimmte Politik zu protestieren – seine Forschung demonstriert, dass unser ökonomisches Modell an sich die ökologische Stabilität bedroht. Und dass es dieses ökonomische Modell mit dem Druck von Massenbewegungen radikal anzufechten gilt. Weil dies die letzte Chance der Menschheit ist, eine Katastrophe zu vermeiden.

Das ist schwere Kost. Aber Werner ist nicht der Einzige. Er ist Teil einer kleinen, zunehmend einflussreichen Gruppe von WissenschaftlerInnen, die aufgrund ihrer Erforschung der aus der Balance schlitternden Ökosysteme – und des Klimasystems im Besonderen – zu ähnlich bahnbrechenden, ja revolutionären Schlussfolgerungen gelangen. Ihre Arbeit sollten sich all jene MöchtegernrevolutionärInnen zu Herzen nehmen, die schon immer davon träumten, das aktuelle ökonomische System zu stürzen. Ihretwegen ist es nämlich nicht länger eine Frage der ideologischen Vorliebe, ob man dieses grausame ökonomische System zugunsten eines neuen (mit viel Anstrengung möglicherweise sogar besseren) über Bord wirft, sondern eine existenzielle Notwendigkeit für die Spezies Mensch.

Regeln müssen geändert werden

An der Speerspitze dieser neuen revolutionären WissenschaftlerInnen steht Kevin Anderson, Vizedirektor des Tyndall Centre for Climate Change Research und einer von Britanniens führenden KlimaexpertInnen. Mehr als zehn Jahre lang hat Anderson geduldig die Schlussfolgerungen der aktuellen Resultate aus der Klimaforschung für Politiker, Ökonominnen und Kampagnenleiter übersetzt und mit klaren Worten einen ambitionierten Fahrplan erstellt, um Treibhausgasemissionen so zu reduzieren, dass das weltweit anerkannte Ziel, den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu beschränken, erreicht werden kann.

In den letzten Jahren ist Andersons Wortwahl dringlicher geworden: Die Chancen, dieses Ziel zu erreichen, würden rasch schwinden. Gemeinsam mit seiner Forschungskollegin Alice Bows betont er, dass wir bereits zu viel Zeit mit Hinhaltepolitik und ungenügenden klimapolitischen Massnahmen verbraucht hätten, während Konsum und Emissionen weltweit weiter gestiegen seien. In der Folge sähen wir uns jetzt zu drastischen Reduktionen gezwungen, die radikal infrage stellen, was bisher als logisch akzeptiert wurde: die absolute Priorität des Wirtschaftswachstums.

Um auch nur eine fünfzigprozentige Chance zu haben, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu beschränken, müssten die industrialisierten Staaten ihre Emissionen sofort um rund zehn Prozent pro Jahr senken. Mit bisherigen Massnahmen wie CO2-Steuern oder grünen Techniken sei dies nicht zu erreichen, betonen Bows und Anderson. Selbst der Zerfall der Sowjetunion hat nicht solch drastische Reduktionen gezeitigt: Die ehemaligen Sowjetstaaten haben über zehn Jahre hinweg im Schnitt jährlich bloss fünf Prozent weniger Emissionen verursacht. Einzig nach dem Kollaps der Börse 1929 gingen die CO2-Emissionen während mehrerer Jahre um über zehn Prozent pro Jahr zurück. Und das war immerhin die grösste Wirtschaftskrise der Moderne.

Anderson und Bows sind überzeugt: Wollen wir eine solche Katastrophe vermeiden und unsere Emissionsziele dennoch erreichen, müssen die USA, die EU und andere wohlhabende Nationen «radikale und unmittelbar wirksame Strategien zur dauerhaften Wachstumsabschwächung» umsetzen. Doch dabei kommt uns unser ökonomisches System in die Quere, das Wirtschaftswachstum als Fetisch zelebriert und sich keinen Deut um dessen humane oder ökologische Konsequenzen schert; ein System, in dem die neoliberale politische Klasse jegliche Verantwortung von sich weist und stattdessen alles dem unsichtbaren Genius des Marktes anvertraut.

Anders ausgedrückt lautet das Fazit von Bows und Anderson: Wir können einen katastrophalen Temperaturanstieg noch immer vermeiden – aber nicht innerhalb des kapitalistischen Regelsystems. Und das ist das wohl beste Argument aller Zeiten, um diese Regeln zu ändern.

Mundtot gemacht, Projekt gestrichen

2012 warfen Anderson und Bows ihren ForschungskollegInnen in einem Artikel im einflussreichen Fachblatt «Nature Climate Change» den Fehdehandschuh hin: Statt Klartext über die tatsächlich notwendigen Veränderungen zu sprechen, die der Klimawandel der Menschheit abverlange, würden sie diese kleinreden. Und das alles nur, um innerhalb der neoliberalen ökonomischen Kreise als vernünftig zu erscheinen.

«Vielleicht wäre die Beschränkung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad zur Zeit des Erdgipfels von Rio 1992 oder sogar noch um die Jahrtausendwende mittels gradueller Anpassungen innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Hegemonie erreichbar gewesen», schreibt Anderson. «Aber der Klimawandel ist ein sich verstärkendes Phänomen! Heute, im Jahr 2013, hat sich die Aussicht für postindustrielle Nationen mit hohem CO2-Ausstoss radikal geändert. Unser fortgesetzter, kollektiv-verschwenderischer Umgang mit CO2 hat alle Chancen auf einen ‹graduellen Wandel› zunichtegemacht. Heute, nach zwei Jahrzehnten Bluff und Lügen, verlangt das übrig gebliebene CO2-Budget nach einer revolutionären Veränderung der politischen und ökonomischen Vorherrschaft.»

Immer mehr Menschen werden der revolutionären Sprengkraft, die den Klimawissenschaften innewohnt, gewahr. Aus diesem Grund haben einige Regierungen ihre Klimaverpflichtungen über Bord geworfen und holen stattdessen noch möglichst viel CO2 aus dem Boden, während sie gleichzeitig zu immer aggressiveren Mitteln greifen, um ihre WissenschaftlerInnen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.

In Britannien wird diese Strategie immer offensichtlicher. Kürzlich verkündete Ian Boyd, der führende wissenschaftliche Berater im Umweltdepartement, die WissenschaftlerInnen sollten es gefälligst vermeiden, politische Strategien als richtig oder falsch zu beurteilen. Stattdessen sollten sie sich engagieren, indem sie «mit eingebetteten Beratern (wie ich es bin) zusammenarbeiten und als Stimme der Vernunft in der Öffentlichkeit auftreten».

Wenn Sie wissen wollen, wohin das führt, dann schauen Sie mal, was in meiner Heimat Kanada passiert. Die konservative Regierung von Stephen Harper hat mit unglaublicher Effizienz kritische Forschungsprojekte abgewürgt und WissenschaftlerInnen einen Maulkorb verpasst. Im Juli 2012 versammelten sich Tausende von Wissenschaftlerinnen und Unterstützern auf dem Parlamentshügel in Ottawa, um mit einem symbolischen Begräbnis den «Tod wissenschaftlicher Evidenz» zu betrauern. Auf ihren Transparenten stand: «Keine Wissenschaft – keine Beweismittel – keine Wahrheit».

Immer mehr Menschen reagieren

Doch die Wahrheit findet ihren Weg auch so. Wir müssen nicht länger in Fachzeitschriften nachlesen, dass das unveränderte Streben nach Profit und Wachstum das Leben auf der Erde aus dem Lot bringt. Die ersten Anzeichen entfalten sich vor unser aller Augen. Und immer mehr Menschen reagieren entsprechend: Sie blockieren die Fracking-Arbeiten im britischen Balcombe; sie stellen sich den russischen Probebohrungen nach Erdöl in der Arktis in den Weg (und riskieren dafür Kopf und Kragen); sie bringen Konzerne, die Teersand auf dem Land indigener Völker abbauen, vor Gericht.

Genau solche Aktionen bilden in Brad Werners Computermodell den Sand im Getriebe, der die Kräfte der Destabilisierung hemmt. Bill McKibben, der umtriebige Umweltaktivist aus den USA, bezeichnet sie als «Antikörper», die aktiv werden, um die «Fieberschübe» unseres Planeten zu bekämpfen.

Eine Revolution ist das noch nicht. Aber es ist ein Anfang. Und es verschafft uns möglicherweise die Zeit, die wir brauchen, um eine Lebensart auf diesem Planeten zu finden, die weniger «f**ked» – weniger zerstörerisch ist.

Der Text erschien unter dem Titel «How Science 
Is Telling Us to Revolt» am 29. Oktober 
im «New Statesman». Aus dem Englischen 
von Franziska Meister.

 

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