Nr. 09/2014 vom 27.02.2014

Wer den Kulturkampf verliert, hat schon verloren

Wer darf SchweizerIn sein? Wer darf in der Schweiz sein? Über diese beiden zentralen Fragen zur Schweizer Identität streiten sich die beiden Lager von Moderne und Konservatismus.

Von Josef Lang

Max Frisch war ein Kulturkämpfer, der die Bedeutung des Ringens um alternative Ideen, Bilder, Entwürfe, Utopien kannte. Der gelernte Architekt Frisch hatte nicht nur landschaftlich, sondern auch gesellschaftlich ein sicheres Gespür für das Verhockte und Verlogene. Deshalb war er einer der Ersten, die sich in den sechziger Jahren mit der Ideologie der «Überfremdung» anlegten. Ihm war klar, dass es bei der Fremdenfrage weniger um die Zugewanderten als vielmehr um das eigene Selbstverständnis ging. Ein Jahr nach dem berühmten Text mit den Schlüsselbegriffen «Herrenvolk», «Arbeitskräfte» und «Menschen» hielt er im September 1966 ein Referat vor kantonalen Fremdenpolizeichefs. Unter dem Titel «Überfremdung als Chance» kritisierte er die herrschende «Verteidigungsmentalität» und fügte dem seine Schlüsselaussage bei: «Die Schweiz begreift sich als etwas Grossartig-Gewordenes, nicht als etwas Werdendes.»

Mechanismus versus Organismus

Die damalige Linke, die sich im fremden- und intellektuellenfeindlichen «Dörfli» der geistigen Landesverteidigung eingerichtet hatte, warf Max Frisch «dünnflüssigen Idealismus» («Vorwärts») vor und nannte ihn einen «politischen Klugscheisser» («Volksrecht»). Allerdings hätte sich Frisch zu einer Zeit, als es in der Schweiz immer noch Kloster- und Jesuitenverbote gab, kaum als Kulturkämpfer bezeichnen lassen. Lässt der Begriff sich heute, wo es um andere Identitätskonflikte geht, noch verwenden?

Der vom Sozialistenführer Ferdinand Lassalle erfundene und vom linksliberalen Abgeordneten Rudolf Virchow, auch einem 1848er, berühmt gemachte Begriff «Kulturkampf» meinte mehr als nur den Kampf zwischen (katholischer) Kirche und (preussischem) Staat. Kulturkampf steht ursprünglich für den weltanschaulichen Konflikt zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung, Moderne und Antimoderne, persönlicher Autonomie und vorgegebener Zugehörigkeit. In der angelsächsischen Welt wird zusätzlich zum deutschen Wort «Kulturkampf» noch der übersetzte Begriff «culture wars» verwendet. Dieser erlebte 1991 eine Ausweitung durch die Publikation des Soziologen James Davison Hunter: «Culture Wars. The Struggle to Define America». Damit meinte er nicht nur die Konflikte zwischen säkularen und religiösen Überzeugungen, sondern auch die um Familienwerte, Waffenkontrolle, Rassismus, Südstaatenfahne. Als Kulturkampf können jene Auseinandersetzungen um die kollektive Identität bezeichnet werden, die mit der 250-jährigen Auseinandersetzung zwischen Emanzipation und Tradition zu tun haben.

Zwischen dem alten und dem neuen Kulturkampf gibt es gerade in der Schweiz etliche Gemeinsamkeiten. Für die tiefgründigste haben die Traditionalisten ein zwar bös gemeintes, aber treffendes Begriffspaar erfunden: organisch versus mechanisch. Der Konservativismus versteht das eigene Kollektiv als eine tief in der Geschichte verwurzelte (und damit religiös geprägte) Volksgemeinschaft, in der die Einzelnen Teile des Ganzen sind. Der politische Liberalismus und in seiner Nachfolge der freiheitliche Sozialismus und die humanistische Ökologie gehen vom Selbstbild einer Gesellschaft aus, die ohne transzendentale Verankerung und jahrhundertealte Verwurzelung auskommt. Ein Mechanismus lässt sich leichter verändern als ein Organismus und ist deshalb gegenüber Fremden offener.

Das brisanteste Politikum in der modernen Geschichte der Schweiz ist genau diese Frage. Zuerst ging es um die Zulassung von protestantischen Zuwandernden in katholischen Kantonen und umgekehrt, dann um die Rechte der Kantonsfremden und die Zugehörigkeit der Jüdinnen und Juden. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Einwanderung erstmals zum grossen Thema. In der Zwischenkriegszeit wurden für «Ostjuden» längere Einbürgerungsfristen eingeführt. Die verhängnisvolle «Das Boot ist voll»-Politik steht in dieser antisemitischen Tradition. Während des ganzen Jahrhunderts wurde um die Gleichberechtigung der Frauen, dem politisch fremden Geschlecht, und immer wieder um die Zugewanderten, die Flüchtlinge sowie deren Rechte gestritten.

Achtung: die Schweiz

Dabei zeitigten seit 1866 alle Volksabstimmungen um die beiden identitären Fragen «Wer darf Schweizer sein?» und «Wer darf in der Schweiz sein?» einen doppelten Graben zwischen Romandie und Deutschschweiz sowie zwischen urbaner und restlicher Deutschschweiz. Beispielsweise haben die vier Kantone Genf, Waadt, Neuenburg, Basel-Stadt, die 1959 am meisten Ja-Stimmen für das Frauenstimmrecht einlegten, 2014 am deutlichsten Nein zur SVP-Initiative gestimmt. Diese Kontinuität erklärt sich damit, dass die politische Kultur der ländlichen Schweiz viel stärker als die der urbanen und der welschen Schweiz durch die vormoderne Landsgemeinde geprägt ist. Landsgemeinde bedeutete Partizipation der «waffenfähigen Männer» und Ausgrenzung aller anderen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um «Dichtestress» und Landschaftsschutz bekommt das von Max Frisch vor sechzig Jahren mitverfasste Büchlein «achtung: die Schweiz» neue Bedeutung. Die Autoren hatten schon damals den mittelländischen Siedlungsbrei mit «halb verstädtertem Dorf und halb dörflerischer Stadt» kritisiert. Ihr Vorschlag lautete, anstelle der geplanten Expo eine Modellstadt zu bauen. Allerdings ging es der Streitschrift um viel mehr als um Raumplanung. Sie richtete sich gegen ein Land «als Museum, als europäischen Kurort, als Altersasyl, als Passbehörde, als Tresor, als Treffpunkt der Krämer und Spitzel, als Idylle». Es ging ihr um eine andere Schweiz, «die sich selbst ins Gesicht zu schauen wagt, die sich nicht vor der Wandlung scheut». Zu ihren Feindbildern gehörte der «verlogene Heimatstil» wie die «Figur des Neureichen».

Frisch kannte die kollektive und individuelle Seele zu gut, um zu glauben, eine strukturelle Modernisierung allein könnte Gesellschaften und Personen verändern oder gar befreien. Er wusste, wie zählebig Mentalitäten und Traditionen, wie fest Bilder und Identitäten waren. Und dass diese nur mit beharrlicher Widerrede und Gegenentwürfen zu verflüssigen oder aufzuheben waren. Deutlich kommt das im ebenfalls 1954 erschienenen «Stiller», Frischs erstem Bestsellerroman, zum Ausdruck. Hier geht es um die Identitätskrise einer Person und einer Nation, die materiell vorwärtsstürmt und mental rückwärtsschaut. So verknüpft Stiller im Zusammenhang mit «einer neuen Siedlung draussen in Oerlikon» dessen «Waffen-Export-Industrie» mit einer Architektur aus einer «endgültig vergangenen Zeit, einer Idyllik, die keine ist». Diesem reaktionären Antiurbanismus, der wie die geistige Kultur bloss «Imitation» und «Mumifikation» kannte, setzte er «die sogenannten Achtundvierziger», die radikalliberalen Gründer des Bundesstaats, entgegen. «Damals hatten sie einen Entwurf. (…) Damals hatte die Schweiz eine geschichtliche Gegenwart.»

Wie ist es möglich, dass ein Land, das in der Hochkonjunktur eine zweite Gründerzeit und eine massive Verstädterung erlebte, sich mental so wenig verändert hat? Tatsächlich entstand in der Schweiz zwischen 1950 und 1975 ein neues Besitzbürgertum. Dieses brachte im Unterschied zum historischen Freisinn keine eigene Weltsicht hervor, sondern verknüpfte den Nationalismus der geistigen Landesverteidigung mit dem globalen Neoliberalismus. Von der klassischen Bourgeoisie unterschied es sich weiter durch ein geringes Interesse für Bildung und Kultur, was die Marginalisierung in FDP und CVP verstärkte. Teilweise über den Zwischenweg der Autopartei fanden diese Neureichen eine politische Heimat in der SVP. Im nationalkonservativen Heimathafen landeten zusätzlich viele Industriearbeiter sowie Dienstleistungs- und Büroangestellte, die 1970 grossmehrheitlich für Schwarzenbach gestimmt hatten. Die Linke machte diese Verluste wett, indem sie einen Grossteil der im Bildungs- und Sozialbereich Beschäftigten gewinnen konnte und vom sozialen und politischen Aufstieg der Frauen profitierte. Sie verlor in den unteren Schichten aus ähnlichen Gründen, wie sie in den mittleren gewann: nicht aus klassenkämpferischen, sondern aus kulturkämpferischen.

Kulturkampf und Klassenkampf

Es ist der Kulturkampf, der erklärt, warum viele BürgerInnen links stehen, obwohl das – mindestens unmittelbar – nicht ihren Interessen entspricht, und warum viele ArbeiterInnen und Angestellte rechts wählen, obwohl die SVP aufseiten der Reichen steht. Dieses Paradox beinhaltet zwei Risiken: Die Linke vernachlässigt die sozialen Interessen der «kleinen Leute», weil die ohnehin SVP wählen. Oder sie passt sich deren Nationalismus an, insbesondere in der Fremdenfrage.

Dass das nichts bringt, zeigt aktuell der Fall des Kroatienabkommens. Aussagen, die Einwanderung als etwas Gefährliches oder mindestens Problematisches darstellten, gereichten der Nein-Kampagne gewiss nicht zum Vorteil. Die Niederlage vom 9. Februar schwächt nun die flankierenden Sozialmassnahmen und die Mindestlohninitiative. Wer den Kulturkampf verliert, verliert auch den Klassenkampf.

Die Kombination von starker ideologischer Kontinuität des Nationalkonservatismus und ökonomischer Sonderlage macht es der Linken schwer, sowohl die neuen Schichten zu halten als auch die alten zurückzugewinnen. Es ist wichtig, dass SP, Grüne und Alternative mit den Gewerkschaften, den MieterInnen- und Umweltverbänden eine kohärente Sozial- und Ökologiepolitik betreiben, die die Verteidigung von Errungenschaften mit Wachstumskritik kombiniert. Es ist aber ebenso wichtig, dass die Linke die identitären Auseinandersetzungen wieder ernster nimmt. Wie gering das kulturkämpferische Bewusstsein ist, zeigt sich im Fall der reaktionären Geschichtsserie «Die Schweizer» im Schweizer Fernsehen SRF. Abgesehen von der richtigen und wichtigen Kritik an der – übrigens typischen – Ausgrenzung der Frauen wurde deren nationalkonservative Botschaft viel zu wenig skandalisiert.

Ecopop und das kleine Herrenvolk

Beim nächsten Kulturkampf geht es um Ecopop. Die Initiative vereinigt die beiden nationalkonservativen Grundpositionen, gegen die Max Frisch in den fünfziger und sechziger Jahren angerannt ist: die «Hüsli»- und «Dörfli»-Fiktion und das «kleine Herrenvolk». Ihnen ist eine Schweiz entgegenzuhalten, die sich selbst ins verstädterte Gesicht zu schauen wagt, die sich nicht vor dem urbanistischen Wandel scheut. Wir müssen zur Botschaft stehen, die Frisch vor bald fünfzig Jahren vertreten hat: «Ob der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte, die sich als Menschen entpuppen, unser Land deformiert oder reformiert, hängt von der Vitalität der Einheimischen ab.» Mit Vitalität meinte Frisch nicht den jährlichen Bau von 11 400 Einfamilienhäusern. Er meinte damit die Einsicht, dass wir ein Einwanderungsland sind, und die Fähigkeit, damit offen umzugehen.

Josef Lang ist Historiker und Exnationalrat 
der Grünalternativen.

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