Nr. 19/2014 vom 08.05.2014

Ein angeschmolzener Schoggihase im rollenden Inferno

Nachdem Fussballfans einen Extrazug zum Stillstand brachten und dadurch den Zugverkehr massiv störten, flammt die Diskussion um die Extrafahrten neu auf. Statt sachlich zu informieren, leisten die SBB einen wesentlichen Beitrag zur Dramatisierung der Situation.

Von Pascal Claude

Verkehrsministerin Doris Leuthard warb am 12. März dieses Jahres im Nationalrat für eine Änderung des Personenbeförderungsgesetzes. Weil Fussballfans in Extrazügen Schäden anrichten, soll die Transportpflicht gelockert werden. Die Dringlichkeit der Revision untermalte Leuthard mit Zahlen: Von den bis dato 
76 Fantransporten der laufenden Fussballsaison seien lediglich 26 problemlos verlaufen.

Die SBB klassifizieren die Extrafahrten seit einiger Zeit nach Sicherheitsaspekten. Kommt es zu gravierenden Vorfällen, wird ein Fanzug mit «rot» markiert. Die «SonntagsZeitung» veröffentlichte vor zwei Wochen ein SBB-Papier mit den «sicherheitsrelevanten Vorfällen» des laufenden Jahres. Die Bemerkungen zu den einzelnen Fahrten klingen erschreckend: «Sachbeschädigung», «Böller», «Notbremsemissbrauch» lassen auf Fanreisen ausser Rand und Band schliessen. Unter den aufgelisteten «roten» Zügen findet sich auch die Fahrt der FC-Luzern-Fans nach Basel vom vergangenen 26. März. Dort steht: «Petarden, Feuer im Zug». Ein rollendes Inferno?

Der «Kommunikationsfauxpas»

Christian Wandeler ist Fanarbeiter in Luzern und war auch am 26. März mit den Fans unterwegs. Er betont, die Vorfälle nicht herunterspielen zu wollen, möchte aber die Relationen gewahrt wissen: «Auf der Fahrt nach Basel hat jemand ein kleines Osternestli angezündet. Unnötig, aber letztlich harmlos. Am Ende war der Schoggihase auf der einen Seite geschmolzen.» Die im SBB-Papier erwähnten «Petarden» bezeichnet Wandeler als Kleinfeuerwerk in der Dimension grösserer Frauenfürze. «Es stimmt», sagt Wandeler, «dass es Fahrten gab, auf denen sich einige Fans nicht korrekt verhalten haben.» Jeder Vorfall werde aber thematisiert und mit den Involvierten aufgearbeitet. Die Zusammenarbeit mit der regionalen SBB-Stelle funktioniere zudem gut.

Die SBB wollten sich auf Anfrage nicht zu ihrem Klassifizierungssystem äussern. Ihr Verhältnis zu Fussballfans ist seit längerer Zeit angespannt. Am 17. Mai 2010 erklärte ein SBB-Sprecher in der Sendung «10vor10», sein Unternehmen erleide durch die Fantransporte einen jährlichen Schaden von drei Millionen Franken. Die Zahl verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Zwei Jahre später, am 8. März 2012, bezeichnete derselbe SBB-Sprecher im Tessiner Fernsehen seine Aussage als «Kommunikationsfauxpas». Es war ein Fauxpas, der die Debatte um Fanzüge entscheidend prägte.

Der angebliche Dreimillionenschaden wurde von der WOZ im Januar 2011, gestützt auf ein internes Papier der SBB, als zehnmal zu hoch betitelt. Bei den drei Millionen handelte es sich um die gesamten ungedeckten Kosten, die mit den Fantransporten entstehen, nicht um von Fans angerichtete Schäden. Einen Monat nach der WOZ bestätigte schliesslich SBB-CEO Andreas Meyer an einer Medienkonferenz die Zahl von 300 000 Franken Sachschäden pro Jahr.

An der verwirrenden Sprachregelung der Bundesbahnen hat aber auch dieses Wort von höchster Stelle nichts geändert. In der «Rundschau» vom 23. April 2014 sprach der aktuelle Medienchef der SBB, Stephan Wehrle, von «drei Millionen ungedeckten Schäden». So erstaunt es nicht, dass sowohl im Argumentarium von PolitikerInnen wie auch in verschiedenen Medien noch immer von einer viel zu hohen Summe ausgegangen wird, wenn von Sachschäden an Extrazügen die Rede ist.

Offiziell geben die SBB den Posten «Sachschäden und zusätzliche Reinigung» mit 700 000 Franken an. Inoffiziell gilt als gesichert, dass sich die Schäden im vergangenen Jahr auf rund 160 000 Franken belaufen haben. Dies vermeldete im März die «NZZ am Sonntag», und auch Claudius Schäfer, CEO der Swiss Football League, nennt die Summe in einem Interview. Die Zahl stammt aus einem Papier der SBB, wie mehrere Quellen gegenüber der WOZ bestätigen.

Die Hand eines Einzelnen

Die SBB locken Fans seit vielen Jahren mit stark vergünstigten Tickets auf die Extrazüge, um den Regelzugverkehr nicht mit grossen Fangruppen zu belasten. Eine Fahrt von Zürich nach Bern kostet im Extrazug weniger als die Hälfte als im Regelzug. Daraus resultiert ein grosser Teil der von den SBB medienwirksam beklagten ungedeckten Kosten. Das System mit Extrazügen hat sich bewährt. Die SBB stellen die Züge in direkter Absprache mit den Fans zur Verfügung, und die Fans nutzen das Angebot rege. Trotzdem strebt das Bundesunternehmen einen Systemwechsel für Auswärtsfahrten an.

Die SBB verlangen, dass künftig die Vereine für den Transport ihrer Fans verantwortlich sind. Sie sollen Züge chartern, womit eine Haftung für allfällige Schäden verbunden wäre. Der Gedanke dahinter ist simpel: Fans lieben ihren Verein, und wer seinen Verein liebt, stürzt ihn nicht in Unkosten. Also würden sich mit dem Chartermodell alle Fans in Zukunft tadellos benehmen. Doch ein Blick auf den Fussballalltag lässt an der Vision zweifeln. Für jede Fackel, die in ihrem Stadion gezündet wird, kassieren die Vereine Bussen von der Liga. Trotzdem feuern die Fans oft genug aus allen Rohren. Es gibt im Fussball Kräfte, die nicht mit einfachen Rezepten zu bändigen sind.

Vor zehn Tagen zogen GC-Fans kurz nach der Abfahrt in Basel bei Muttenz die Notbremse. Leute strömten aus dem Extrazug auf das Bahntrassee, der Zugverkehr war für längere Zeit massiv gestört. Für die SBB sind solche Vorfälle verständlicherweise ein Albtraum und Anlass genug, Appelle an die Politik zu richten. Dabei entsteht der Eindruck, Fantransporte seien generell ein Problem, weil reisende Fans nur Randale im Sinn hätten. Doch das stimmt nur sehr bedingt.

Es reicht letztlich die Hand eines Einzelnen, um einen ganzen Zug – auch einen gecharterten – zum Stehen zu bringen. In Muttenz erhofften sich ein paar GC-Fans offenbar eine Konfrontation mit gleichgesinnten Baslern auf unbewachtem Gelände. So absurd es klingt, folgt dieses Vorgehen einer gewissen Logik: Bis in die siebziger Jahre säumten die Fans das Spielfeld. Nach wiederholten Angriffen auf den Schiedsrichter wurden Zäune errichtet, worauf sich die Aggressionen auf die Ränge verlagerten. Mit gesonderten Sektoren wurden darauf die Fanlager getrennt. Nun kam es vermehrt vor den Stadien zu Schlägereien. Heute kanalisiert die Polizei die Anfahrtswege der Gästefans, sodass auch ausserhalb des Stadions 
ein Aufeinandertreffen unmöglich wird. Die Folge ist eine nächste Verlagerung: ein, zwei Kilometer abseits von Stadion und Bahnhof, ausser Reichweite der Polizei. Zum Beispiel in Muttenz.

Der Nationalrat hat dem Anliegen von Doris Leuthard im März mit 142 zu 30 Stimmen eine deutliche Abfuhr erteilt. Über die Parteigrenzen hinweg wurde an der Umsetzbarkeit der Revision gezweifelt: Wie soll sichergestellt werden, dass künftig kein Fussballfan mehr einen Regelzug besteigt? Und fahren nicht ohnehin schon jetzt alle Fans mit gesonderten Zügen? Die Vorlage war dem Nationalrat zu unausgegoren, um dafür an der Transportpflicht zu rütteln, sie ging zurück an den Bundesrat. Die Probleme, die es mit Fantransporten gibt, bleiben. Wie gross sie sind, hängt auch davon ab, wie man über sie spricht.

Mitarbeit: Jan Jirát.

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