Nr. 34/2014 vom 21.08.2014

«Guck mal, der aus dem neuen Bushido-Video»

Marcus Staiger hat mit seinem berüchtigten Berliner Musiklabel Stars wie Kool Savas und Sido gefördert und sich dem Vorwurf ausgesetzt, Rap in Deutschland sexistischer und homophober gemacht zu haben. Er selbst betont den Unterschied zwischen Provokation und Geisteshaltung. Heute setzt er sich für Lesben in Gaza ein.

Von Daniel Ryser, Berlin

«Toll», dachte sich Marcus Staiger damals in Wien, «eine Antifa-Demo! Da demonstrier ich gleich mit!» Als er näher kam, merkte er, dass sich die Demo gegen ihn selbst richtete und gegen seinen Schützling, den Rapper Kool Savas. Zwei Berliner auf der Flucht vor der «Rosa Antifa Wien»: Staiger, der sich schon damals als Antifaschist verstand, und Savas, dessen Vater, ein türkischer Kommunist, für seine politischen Überzeugungen in der Türkei sieben Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Das Konzert wurde in letzter Minute vom Veranstalter abgesagt, Staiger und Savas wurden mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt. Es gab eine alternative Show fünfzig Kilometer ausserhalb Wiens, irgendwo in der Pampa.

Tatsächlich war es Staiger an jenem Abend im Januar 2001 nicht geglückt, die Wiener AntifaschistInnen davon zu überzeugen, dass man sich doch besser zusammenschliessen sollte, um den wirklichen Feind zu bekämpfen. Wobei es nicht verwundert, dass Staigers Worte nicht gehört wurden, rappte doch Kool Savas damals: «Mein Style ist wie Aids und trifft als Allererstes Schwule.»

Puffs bilden statt Banden

Mit Texten wie diesem begründete Kool Savas seinen Aufstieg vom unbekannten Berliner Undergroundfreak zum Popstar, dessen letztes Album, «Aura», 2011 auch in der Schweiz auf Platz eins der Hitparade kletterte. «Niemals», schrieb die Wiener Antifa im Vorfeld des geplanten Auftritts in jenem Januar 2001, «werden wir es akzeptieren, dass Menschen wie Kool Savas ein Forum bekommen, um ihre Gesinnung zu verbreiten.»

Mit seinem 1998 gegründeten unabhängigen Plattenlabel Royal Bunker gelang es Marcus Staiger, die kommerzielle Dominanz der politisch korrekten Rapgruppen aus Hamburg und Stuttgart zu brechen, die Dominanz etwa von Leuten wie Max Herre von Freundeskreis, die, wie Staiger sagt, «einfach total scheisse waren, völlig unauthentisch und nur darauf aus, von einem grossen Rapper aus den USA auf die Schulter geklopft zu werden und gesagt zu bekommen: ‹Max, wirklich, du machst das sehr, sehr gut›».

Royal Bunker, das war der Aufstand der Hip-Hop-Punks gegen ihre verweichlichten Hippieeltern und deren angebliche Doppelmoral. Auf einem «Bunker-Tape» wurde Jan Delay exekutiert. Und 1999, im Jahr, in dem die Stuttgarter Pop-Hip-Hopper Freundeskreis massentauglich und voller Pathos das völkerverständigende «Esperanto» besangen, rappte Staigers Schützling Kool Savas von «Nutten» und «Niggern» und davon, nicht Banden bilden zu wollen, sondern «Puffs und Bordelle».

Solidarität mit den Gaza-Transgendern

Es regnet in Strömen. Trotzdem sind an diesem Abend im Juli 2014 300 Menschen ans Kottbusser Tor in Berlin gekommen, um unter dem Banner der «Antifaschistischen Aktion» ihre Solidarität mit den Menschen in Gaza zu bekunden und ebenso mit den Kurden im Irak, «der israelischen Linken und Jüdinnen und Juden in der ganzen Welt, die wegen der Politik der israelischen Regierung mit Hass überzogen werden». Nach mehreren Redebeiträgen greift sich auch Marcus Staiger das Mikrofon. Der Mann, dem Hip-Hopper und Antifaschistinnen einst vorwarfen, homophoben und sexistischen Rap in Deutschland salonfähig gemacht zu haben, ist einer der Organisatoren der Kundgebung.

«Unsere Solidarität», sagt Staiger, «gilt auch den linken Gruppierungen in Gaza, den Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern, den Graswurzelbewegungen, die durch die reaktionäre Herrschaft der Hamas unterdrückt werden.» 300 Menschen mit Kurden- und mit Palästinafahnen und Frauen mit Kopftüchern und stämmige Männer mit Schnurrbärten und junge Gruppensportbegeisterte in schwarzen Regenjacken und Turnschuhen applaudieren, und ein junger, uniformierter Polizist flüstert seinem Kollegen zu: «Guck mal, Staiger.» Der andere: «Was, der aus dem neuen Bushido-Video?»

Applaus. Abgang. Bloss – wie passt das alles zusammen?

«Du arme Sau»

Das ist der jungen Frau von der antideutschen Bezugsgruppe nun doch etwas zu hoch. Oder, nach all den Jahren an der Uni, vielleicht wohl eher auch etwas zu wenig hoch, als Marcus Staiger ihr gegen Mitternacht vor einem Kreuzberger Spätkaufgetränkehandel klarzumachen versucht, warum er es durchaus für eine grosse Leistung halte, wenn Bushido ihm für das gemeinsam verfasste Anti-Thilo-Sarazzin-Buch «Auch wir sind Deutschland» zu Protokoll gebe, dass er zwar nicht zwingend Freudensprünge machen würde, wenn sein Sohn schwul wäre, er diesen aber trotzdem lieben würde, immerhin wäre es ja immer noch sein Sohn. «Was soll daran bitte eine grosse Leistung sein?», ärgert sich die Frau, und Staiger antwortet: «Weisst du, mit was für Leuten der abhängt, wenn er freitags die Moschee besucht? Da sind Leute dabei, die ihm sagen, er solle sofort aufhören, Musik zu machen, das sei eine unverzeihliche Sünde.»

Als «Auch wir sind Deutschland» im September 2013 erschien, griff die Boulevardpresse diese Passage heraus und suggerierte, Bushidos Wertvorstellungen seien mit deutscher Aufgeklärtheit unvereinbar. «Was für eine Aufgeklärtheit, bitte?», nervt sich Staiger. «Als ich als Teenager meinem Vater mal aus Spass erzählte, ich sei schwul, schaute er mich bloss voller Verachtung an und sagte: ‹Du arme Sau.›»

Aber warum hatte Staiger später selbst ein Problem mit Homosexuellen?

«Hatte ich nicht», sagt er. Wie bitte?

Gegen den «Deutschen Hip-Hop e. V.»

Mit dem Vater, einem reaktionären, jähzornigen Handwerker, war das Verhältnis nicht gut. Also verliess Staiger nach dem Fall der Berliner Mauer mit knapp zwanzig Jahren die schwäbische Provinz Richtung Berlin. Er arbeitete bei der Post als Leiharbeiter, als Berliner Stadtführer, pachtete die Küche des «Würgeengels» – benannt nach dem Film von Luis Buñuel –, arbeitete als Koch, später als Kellner, «weil man als Koch in der Lohnkette fast ganz unten steht». Er war Liebhaber von Rap, aber kein Rapper. Und eigentlich interessierten ihn vor allem die verspielten Hedonisten der US-Westküste mit ihren Synthesizer-Sounds und den Cabriolets und den Frauen in knappen Bikinis. Die Anhänger der gewissenhaften Texte mit dem New Yorker Produzenten DJ Premier als musikalisches Mass aller Dinge, das war für Staiger bloss der humorlose, streberhafte «Deutsche Hip-Hop e. V.».

Bald hing ein junger Mann namens Savas Yurderi am Tresen des «Würgeengels» und erzählte ihm vom Good Life Café in South Central Los Angeles, wo einmal pro Woche jeder lokale Rapper an einer Open-Mic-Veranstaltung zeigen konnte, was er draufhatte. So was müsse doch auch in Berlin möglich sein, war Kool Savas überzeugt, und Staiger machte sich auf die Suche nach einer passenden Lokalität.

«Royal Bunker», das wie die Mc-Donald’s-Variante des Führerbunkers klingt, war ursprünglich ein nigerianisches Musikcafé, der gleichnamige Schriftzug umrahmt von zwei Elefantenstosszähnen. «Es gab im hinteren Bereich einen kleinen Raum mit einer niedrigen Bühne. Das war perfekt. Dort organisierte ich im Winter 1997 jeden Sonntag eine Open-Mic-Session. Den Dealern, die dort rumhingen, passte unser Aktivismus gar nicht. Einmal warfen sie Stinkbomben ins Lokal. Manchmal war der Laden voll, manchmal kamen nur fünf Leute. Nach einem halben Jahr flogen wir alle raus, weil Jimmy, der Besitzer, die Miete nicht mehr gezahlt hatte. Heute ist da ein Puff drin.»

Im «Bunker» trafen sich Künstler, die sich «Frauenarzt» oder «Bass Sultan Hengzt» nannten oder «Super-intelligentes Drogenopfer», kurz Sido. Damals waren sie bekiffte Freaks und voller Wut darüber, dass Berlin in Sachen Rapmusik auf der nationalen Landkarte nicht vertreten war. Dann gründete Staiger 1998 ein Label, das er nach dem «Royal Bunker Café» benannte.

Kampfzone Kreuzberg

Hochsommerabend in Berlin. Trotz grosser Hitze sind 600 Leute ins «SO36» gekommen. Es geht um die Nachbearbeitung der Ereignisse, die das Bild des Kreuzberger Kiezes in den letzten Monaten geprägt haben: Während fast zweier Jahre hatten sich rund 120 Flüchtlinge aus verschiedenen bundesdeutschen Auffanglagern zusammengeschlossen und auf dem Oranienplatz ein Zeltlager aufgebaut, andere hatten eine leer stehende Schule besetzt. Damit hatten sie ein erstes Ziel schon erreicht: Normalerweise anonym in dezentralen Lagern untergebracht, waren die Flüchtlinge für die übrige Bevölkerung plötzlich unübersehbar.

Die Räumung der Schule in diesem Juli verlief dramatisch: 900 PolizistInnen aus dem ganzen Bundesgebiet besetzten während neun Tagen Kreuzberg, riegelten die Schule komplett ab, hinderten JournalistInnen an ihrer Arbeit, lösten eine Solidaritätsdemonstration von SchülerInnen mit Tränengas auf. Flüchtlinge harrten während dieser neun Tage auf dem verbarrikadierten Dach der Schule aus, drohten, sich hinunterzustürzen, Hubschrauber drehten mit leuchtenden Scheinwerfern ihre Runden.

Ein paar Wochen nach der Räumung schlendern morgens auf den Strassen TouristInnen, während sich im Gebüsch dahinter Flüchtlinge verstecken, die Zähne putzen, verloren herumstehen, aufgegriffen werden von der Polizei, die in Kreuzberg omnipräsent ist. Und das alles unter einer grünen Bürgermeisterin.

Auf dem Podium im «SO36» diskutieren Anwohnerinnen und Aktivisten die Lage, die viele als unerträglich empfinden. Marcus Staiger wurde als Moderator eingeladen, weil er sich in dieser Sache auf verschiedenen Ebenen engagiert hatte. Einerseits als Aktivist – Staiger kochte im Zeltlager. Andererseits als Journalist – er schrieb eine grosse Reportage für das Magazin «Vice» und drehte dann im April, als der Oranienplatz geräumt wurde, eine verstörende Reportage: Sein Kameramann, zusammen mit Staiger damals der einzige Journalist vor Ort, hielt aus nächster Nähe drauf, als eine Gruppe von zwanzig Flüchtlingen mit Hämmern, Messern und Brecheisen die eigene Zeltstadt zerstörte und andere Flüchtlinge und Aktivisten attackierte. Ein paar Strassen weiter entdeckte Staiger die grüne Kreuzberger Bürgermeisterin und den Polizeichef in einem Café, die dort das Ende der Schlägerei abwarteten. Später stellte sich heraus, dass der Berliner Senat jedem der zwanzig Flüchtlinge Einzelprüfungen versprochen und je hundert Euro Handgeld gegeben hatte, damit sie das eigene Lager verwüsteten.

Die Grünen, ärgert sich Staiger auf dem Podium, als ihm die Rolle des Moderators kurz entgleitet, hätten sich stets geweigert, den Protest zu unterstützen, sondern lieber fünf Millionen Euro in einen Polizeieinsatz investiert. «Sie wollten das Lager nicht als politischen Protest verstanden haben. Sie sprachen immer nur von der untragbaren humanitären Situation, die dort herrsche.»

In der Pause des Podiums drängeln sich im «SO36» ein paar Kids zu Staiger vor, wollen Fotos mit ihm schiessen. In den letzten Monaten erhielt sein Berliner Prominentenstatus noch einmal einen neuen Schub: Im Dezember hatte Bushido eine elfminütige Abrechnung mit einem ehemaligen Freund ins Netz gestellt, dem Rapper Kay One alias Kenneth Glöckler. Der hatte ihm in einer «Stern»-Titelstory unterstellt, «Sklave» eines mafiaähnlichen Familienclans zu sein. Bushidos Videoclipantwort «Leben und Tod des Kenneth Glöckler» hat soeben die 20-Millionen-Klicks-Marke geknackt. Als Zeuge für die eigene Redlichkeit und die Verlogenheit von Kay One führt Bushido in dem Stück mehrmals Staiger auf: «Und dann zogst du wie die Heuschrecken weiter / jeder wusste, die Nummer eins in Sachen Deutschrap war Staiger / du unterschriebst den Bunker-Deal / doch anstatt dich mal zu freuen, ging es dir schon damals nur darum, dass du genug verdienst.»

Staiger bestellt sich an der Bar ein Mineralwasser und lacht. «Das ist wohl eher eine zufällige Erwähnung», sagt er. «Hat halt gerade reingepasst, dass man den ehrlichen Herrn Staiger hervorholt, der alles für die Kultur gemacht hat und trotzdem von diesem Kay One abgezogen wurde. Denn ich weiss ja auch, dass Bushido meine Art, Geschäfte zu machen, nämlich keine Geschäfte zu machen, manchmal auch ziemlich lächerlich findet.»

Als Marcus Staiger 2008 das Label Royal Bunker dichtmachte, hatte er die Karrieren diverser Stars lanciert: Kool Savas, Eko Fresh, K. I. Z. Zudem hatte er dem Label Aggro Berlin (Sido, Bushido) die Blaupause dafür geliefert, wie man es macht – oder wie man es eben nicht macht: Am Ende sass Staiger auf einem grossen Haufen Schulden – irgendwas war mit der Mehrwertsteuer schiefgelaufen. «Ich sass auf dem Finanzamt einer Frau Meier gegenüber und sagte beschwichtigend, ich würde bald eine grössere Zahlung – über 11 000 Euro – reinkriegen. Frau Meier schaute mich an und sagte dann langsam: ‹Alles meins.› Ich brachte ihr dann das Geld bar in einer Plastiktüte vorbei. Es hat die überhaupt nicht interessiert, woher ich plötzlich so viel Geld habe. Sie sagte bloss: ‹Sehen Sie, Herr Staiger, geht doch.›»

Er habe halt unabhängig sein wollen: Keine Verträge, halbe-halbe mit den KünstlerInnen (eine normale Plattenfirma überlässt den KünstlerInnen etwa fünfzehn Prozent). «Ich kämpfe gerne, aber ich muss nicht unbedingt gewinnen.» Staiger verstand sich als Manager, Art Director, Kumpel, Vater, Bruder, Sozialarbeiter und Putzfrau. «Wenn man bei jeder Veröffentlichung auf plus / minus null rechnet, braucht es nur einen Flop, damit man den Laden dichtmachen kann.»

Angreifen, aushebeln, abklopfen

Das Flüchtlingspodium im «SO36» dauert schliesslich bis zwei Uhr morgens. Vier Stunden später klingelt der Wecker bei Staiger, der seit fünf Jahren als Industriekletterer arbeitet: Eine Hochhausfassade muss gereinigt werden. Nach dem Feierabend fahren wir direkt zum Kampfsport. Dreimal die Woche trainiert der 43-Jährige Brazilian Jiu-Jitsu, eine fiese Variante von Judo, bei der der Gegner mit Hebel- und Würgetechniken zur Aufgabe gezwungen wird. Auch im hohen Sportleralter verbringt Staiger regelmässig Sonntage in muffigen Turnhallen in Berlin-Marzahn oder irgendwo in Sachsen, um sich mit meistens deutlich jüngeren Männern zu messen. Das Training in grosser Sommerhitze ist eher meditativ: Zu leisem Gangsta-Rap wiederholen die Kämpferpaare immer wieder dieselben Übungen: angreifen, ausgehebelt werden, abklopfen.

«Ich mag Herausforderungen», sagt Staiger. «Man könnte auch sagen: Er kann nichts auslassen», sagt seine Freundin Diana. «Und das ist manchmal ganz schön nervig.» Mit Diana, einer erfolgreichen Managerin beim Universal-Musikverlag, lebt Staiger im siebten Stock eines Wohnblocks am Landwehrkanal in Kreuzberg in einer fünfköpfigen Patchworkfamilie. Diana erinnert sich, wie kürzlich Kool Savas im Backstagebereich eines Hip-Hop-Festivals Staiger herausforderte, eine Runde zu ringen – nicht gegen ihn selbst, versteht sich, sondern gegen seinen 120-Kilogramm-Leibwächter. Staiger ging sofort darauf ein und zwang den Bodyguard nach ein paar Sekunden Ringkampf mit einer Würgetechnik zur Aufgabe. Einmal traf er sich allein auf einem Kinderspielplatz zur Schlägerei mit drei Kleinkriminellen, die Rapper seines Labels bedroht hatten. Und dass der Mann, so sagt seine Freundin, seit drei Jahren relativ häufig von der Revolution rede, sei manchmal etwas ermüdend. Sie investiert ihre Zeit lieber in Cross Fit. Und in exklusive Wellnesstrips. Da fahren sie hin und wieder zusammen hin, die Musikmanagerin und der Politaktivist.

«Einmal den Nebentisch, bitte»

Im November 2012 erschien von Marcus Staiger auf «Zeit Online» ein Artikel, in dem er mit seinem alten Kumpel Kool Savas abrechnete. Anlass war eine Strafanzeige der Jugendorganisation der Linken gewesen: Sie hatte Xavier Naidoo und Kool Savas Volksverhetzung vorgeworfen. Auf dem gemeinsamen Album «Gespaltene Persönlichkeit» hätten sie Homosexuelle mit Pädophilen gleichgesetzt. «Nichts Neues von einem christlichen Fundamentalisten», schrieb Staiger. Damit meinte er Naidoo. Kool Savas warf er «Highlander-Romantik», «völkischen Heroismus» und noch etwas anderes vor: Homophobie. Letzteres dürfte die «Rosa Antifa Wien» ein wenig gewundert haben.

«Ich habe Savas früher immer krass verteidigt», sagt Staiger. «Für mich war das der entscheidende Unterschied zwischen reiner Provokation und Geisteshaltung, zwischen Freakshow und teutonischem Pathos. Der kannte damals ja gar keine Homosexuellen. Klar, ich war im Gegensatz zu heute auch nicht sonderlich reflektiert. Aber als wir in Wien ankamen und die dort gegen uns demonstrierten, empfand ich die Empörung der Antifa irgendwie als falsch und ätzend. Endlich hatten sie einen Gegner gefunden: den die Jugend verderbenden Türken aus Berlin, der rappt: ‹Ich bin ein Nazi – Hitler ist mein Vater.›»

«Für mich waren das in erster Linie Worte, die bei den Bürgern Reaktionen hervorrufen. Aber es war nicht mit einer Geisteshaltung unterfüttert. Es ging darum, allen Leuten auf den Kopf zu kacken. Zum Beispiel den grünen Lehrern, die von der Waldorfschule nach Kreuzberg kamen, um an der Hector-Petersen-Hauptschule Gutes zu tun.»

Der Bruch zwischen den beiden kam, als Savas sich vor ein paar Jahren mit einem Rapper solidarisierte, der zum Mord an Homosexuellen aufgerufen hatte. «Und mit Xavier Naidoo zeichnet Savas ein Bild von Homosexualität als eine Abnormalität in diesem unseren Sündenpfuhl, wo die da oben verdorben sind und die da unten asozial, und deshalb gilt es, an den Kleinbürger zu appellieren, das gesunde Volksempfinden zu retten. Das ist faschistoid. Mit all dem hatte Royal Bunker nichts zu tun.»

Schwule Scheisse?

Wir sitzen zu zweit in einem südtirolischen Restaurant in Kreuzberg, und weil jeder einzelne Teller der vier Gäste am Nebentisch spektakulär aussieht, bestellt Staiger «einmal gerne den Nebentisch, bitte». Später, nach viel zu viel Essen, Bier, Rotwein und Havana Club, sagt er: «Die politisch korrekten Linguisten unter den Linken, die Vertreterinnen des Binnen-I werden mir gewisse Dinge nie verzeihen. Manchmal würde ich am liebsten entgegnen: Eure übergestülpte politische Korrektheit ist doch für den Arsch. Ihr wisst zwar alle, dass man nicht ‹schwul› sagt, und fühlt euch gut dabei, aber an den Verhältnissen ändert ihr damit herzlich wenig unter eurer Glaskuppel.» Nach noch mehr Havana Club sagt er: «Kool Savas war nie ein Gangster. Melbeatz, die Exfreundin von Savas, die war Gangster. Die hatte eine echte Gangvergangenheit, vor der hatten alle richtig krass Respekt. Als ich mal bei ihr und Savas zu Hause rumhing, kommt sie rein, ████████████████████████████████████████████████ *

Kürzlich traf sich die Berliner Queerrapperin Sookee, eine engagierte Kämpferin gegen Sexismus und Homophobie, mit Staiger, den sie als Menschen schätzt, zu Kaffee und Kuchen. Irgendwann im Gespräch meinte er eigentlich «bescheuert», sagte aber «behindert». «Ich finde es korrekt», sagt Sookee am Telefon, «dass heute ein Seitenblick reicht, damit ihm klar wird, dass mich diskriminierende Sprache stört.» Es mache eben doch einen Unterschied, ob einer tausendmal «schwul» sagt, wenn er eigentlich «scheisse» meint – Geisteshaltung hin oder her. Gleichzeitig habe sich der Kontakt zwischen ihnen nicht zufällig in einer Zeit verstärkt, in der sie selbst eigene Dogmatismen abbaute: «Es spielt eben doch eine Rolle, woher einer kommt. Man kann Reflexion nicht immer voraussetzen. Ich gestand ihm dabei schon früher zu, dass er bei Royal Bunker sozialpädagogische Qualitäten bewiesen hat. Er hat den ganzen Müll, den seine Künstler zum Teil eingebracht haben, mitgetragen und darin auch eine politische Dimension erkannt.» Zwei Dinge habe sie an Staiger «schon immer korrekt» gefunden, sagt Sookee: «Er hat sich seit jeher gegen Rassismus engagiert. Und er hat der Musikindustrie einfach seine eigene Idee entgegengesetzt. Gestört hat mich, dass er Homophobie und Sexismus dabei ausgeklammert hat. Inzwischen verhält er sich öffentlich dazu, dass er diese Themen als Schieflage in der Gesellschaft erkannt hat. Und das war für mich nötig, um mit ihm locker werden zu können.»

Traumjob: Bohrinsel

Aktivitäten von Marcus Staiger seit 2008: Türsteher. Chefredaktor der Musikplattform Rap.de. Interviewer für «Aggro TV». Industriekletterer. Politischer Schriftsteller («Die Hoffnung ist ein Hundesohn», 2013). Antifaschistischer Aktivist. Marxistischer Kolumnist für «Juice», Reporter für die «FAZ», Korrespondent für «Vice». Eine von zwei Hauptfiguren einer TV-Grossproduktion über die deutsche Hip-Hop-Szene, die 2015 im ZDF ausgestrahlt wird.

Wie bringt er all diese Rollen zusammen, etwa den Aktivisten, der bei einer Sitzblockade gegen eine Zwangsräumung von sechs Polizisten weggetragen wird, und den Journalisten? «Meine Position war», sagt er, «dass ich mich als Aktivist für die Flüchtlinge einsetze. Von dieser Position aus bin ich als Journalist losgezogen. Wenn Gunnar Schupelius, ein reaktionärer ‹BZ›-Kolumnist, über Flüchtlinge schreibt, dann gibt er sich dabei zwar objektiv, aber letztlich schreibt er aus der Position seines Wilmersdorfer Eigenheims. Er ist dabei genauso Aktivist wie ich, aber Aktivist des Innensenators.»

Einer seiner Kumpels meinte mal, Staiger mache das alles bloss, um irgendwann ein Buch darüber schreiben zu können. Ein anderer meinte, er habe eine Midlife-Crisis.

Freitagmorgen: Staiger steht auf einer Hebebühne und bringt an der Fassade des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales Plakate an, die für einen Tag der offenen Tür werben. «Ich mag dieses Arbeiterleben», sagt er. «Gleichzeitig mag ich das Unkonventionelle, das ist ein Antrieb. Eigentlich träume ich seit Jahren davon, auf einer Bohrinsel zu arbeiten.» Auch das Abgefuckte, Kaputte ziehe ihn an. «Ich mag selbst kein Ketamin nehmen. Aber ich helfe als Türsteher gerne Menschen über die Strasse, die Ketamin genommen haben.»

Auf den ersten Blick sei es ungewöhnlich, sagt Staiger, dass einer zuerst all seine Zeit in eine Karriere investiere, um sich dann viel Zeit für politischen Aktivismus zu nehmen. «Ich meine aber auch, dass sich durch die Finanzkrise etwas verändert hat. Ich spüre es in meinem bunten Bekanntenkreis, vom Hantelbank-Hip-Hopper bis zur erfolgreichen Managerin: Viele Leute haben plötzlich das Gefühl, dass die Rechnung nicht aufgeht, ganz egal, wie viele Drogen du dir am Wochenende reinziehst, um dir den permanenten Verwertungsdruck irgendwie erträglich zu machen. Und dass das Gerede vom ewigen Wachstum eben nur Gerede ist.»

Mit der Finanzkrise habe auch eine breitere Politisierung der deutschen Hip-Hop-Szene stattgefunden. Dabei beriefen sich nicht wenige auf den Verschwörungsfilm «Zeitgeist», einem der erfolgreichsten Internetfilme überhaupt, der eine einfache Erklärung für das komplexe Weltgeschehen liefert: Am Ursprung aller Krisen steht letztlich eine grosse, dunkle Macht. «In diesem Erklärungsmuster dort sind die Leute, die angeblich die Fäden in der Hand halten, natürlich immer die Juden. Für solchen Antisemitismus, der als Kapitalismuskritik verpackt wird, muss man sich argumentativ wappnen. Und da bin ich der Meinung, dass einer vor 150 Jahren schon alles gesagt hat: Karl Marx.»

Genug doziert. Er fährt die Hebebühne hoch.

 

* Nachtrag vom 3.9.2014

Klagedrohung gegen WOZ

Kool Savas: Kein Pantoffelheld

Die WOZ erreichte ein Schreiben der bekannten Kölner Anwaltskanzlei Höcker Marken & Medienrecht. Ralf Höcker war der Medienanwalt von Jörg Kachelmann, und im Auftrag einer Grossbäckerei klagte die Kanzlei gegen den Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, nachdem dieser 2009 im «Zeit»-Magazin die beim damaligen Lidl-Zulieferer herrschenden unmenschlichen Arbeitsbedingungen beschrieben hatte. Im Schreiben an die WOZ vertritt die Kanzlei die Interessen des Berliner Gangstarappers Kool Savas und bezieht sich auf den Artikel «Guck mal, der aus dem neuen Bushido-Video» – ein Porträt des früheren Berliner Rap-Paten und heutigen linken Politaktivisten Marcus Staiger (siehe WOZ Nr. 34/14). Staiger hatte Kool Savas im Text eine homophobe Geisteshaltung, Highlander-Romantik und völkischen Heroismus vorgeworfen. Das allerdings war nicht Gegenstand der Beschwerde: «Unserem Mandanten wird unterstellt, (…) ein ‹Pantoffelheld› zu sein», schreibt die Kanzlei.
Der Begriff «Pantoffelheld» findet sich allerdings nicht im besagten WOZ-Text. Er ist eine Kreation von Höcker Marken & Medienrecht. Weil es sich aber tatsächlich nicht zweifelsfrei belegen lässt, dass es sich beim Berliner Gangstarapper in Wirklichkeit um einen, wie seine Anwälte es interpretieren, «Pantoffelhelden» handelt, ist die WOZ bereit, die entsprechenden zwei Sätze in der Online-Version zu schwärzen. Tatsächlich steht bei einer dort beschriebenen Szene das Wort Marcus Staigers gegen jenes von Kool Savas. Allerdings wird die WOZ weder die per Fax eingetroffene «Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung» unterzeichnen noch die Rechtsanwaltskosten von 1242,76 Euro übernehmen, die ihr das Büro Höcker übertragen will.
Während Kool Savas im Hintergrund seine Anwälte losschickte, hatte er sich vordergründig zuerst witzig zur Sache geäussert: «Kein Ding, Mel-Beatz regelt das», twitterte er. Diese war es gewesen, die von Staiger in der ersten Hälfte des umstrittenen Abschnitts als Anti-Pantoffelheldin dargestellt worden war: «Kool Savas war nie ein Gangster. Melbeatz, die Exfreundin von Savas, die war Gangster. Die hatte eine echte Gangvergangenheit, vor der hatten alle richtig krass Respekt. Als ich mal bei ihr und Savas zu Hause rumhing, kommt sie rein, …» Der Rest ist jetzt geschwärzt.

Redaktion WOZ – Die Wochenzeitung

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