Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

«Das Volk hat gesagt nein zu Einwanderung und Pasta»

Sie schreibt falsch und wirr, und schuld sind immer die «Fremden» oder die «SozialistenSP»: Hedi Wyler gehört zu den meistgehassten und gleichzeitig beliebtesten OnlinekommentatorInnen. Ortstermin bei einem Troll.

Von Carlos Hanimann*

Wer Hedi Wylers Kommentare liest, hat schnell ein Bild von ihr im Kopf. Aber es wird nicht immer das gleiche sein. Hedi-Wyler-Phantombilder erstellt von WOZ-MitarbeiterInnen

Seit dem 9. Februar waren schon ein paar Tage vergangen, aber Hedi Wylers Ärger wurde immer grösser. Nicht, weil die Schweizer Stimmbevölkerung die SVP-Initiative «gegen Masseneinwanderung» angenommen hatte, sondern wegen der Diskussionen, die in der Folge entstanden waren. Hedi Wyler hatte Ja gestimmt, so wie 50,3 Prozent der Stimmenden. Sie gehörte zu den GewinnerInnen. Aber irgendwie fühlte es sich nicht so an, wenn sie sich durch die Artikel und LeserInnenkommentare auf den Newsportalen klickte.

«4000 Neugeborene und 12 000 Zugewanderte», meldet «Newsnet», die Onlineplattform von «Tages-Anzeiger», «Bund», «BaZ» und anderen Tageszeitungen, am 13. Februar 2014. Hedi Wyler liest Titel und Überschrift: 1,42 Millionen Menschen im Kanton Zürich, 16 000 mehr als im Vorjahr, ein Viertel AusländerInnen. Hedi Wyler scrollt sofort zum Kommentarfeld. Den Text liest sie gar nicht erst, das macht sie ohnehin nur selten, und tippt in den Bildschirm: «0.4 Prozent mehr meint man, es ist nicht viel. Aber wenn man 50 Jahre in die Zukunft sieht, sind das dann schon 20 Prozent total schon 45!!! Es muss gebremst werden mit dieser unsähglichen EU Einwanderung von Europa!»

Es war Hedi Wylers erster Beitrag im Netz. Sie hatte schon früher damit begonnen, Kommentare zu lesen. Immer wieder regte sie sich dabei auf, schüttelte ungläubig den Kopf. Ein-, zweimal hatte sie sogar selber etwas geschrieben, allerdings immer unter anderem Namen. Aber um 6.26 Uhr am 13. Februar 2014 schrieb sie «Hedi Wyler» ins Namensfeld. Ein Name, der in den folgenden Wochen und Monaten für einigen Ärger, viel Häme und noch mehr Ratlosigkeit sorgen sollte – jedenfalls für wachsende Aufmerksamkeit.

Niemand mag sie, jeder liest sie

Für viele Zeitungen sind LeserInnenkommentare wie ein unangenehm besoffener Onkel am Familienfest: Er macht nur Ärger, aber man wird ihn nicht los. Ausser man lädt ihn nicht mehr ein – und das würde offenen Familienstreit bedeuten. Also hält man ihn einfach aus, schaut peinlich berührt weg und versucht hin und wieder besänftigend, das Schlimmste zu verhindern.

Kommentare werden in der Regel nicht ungefiltert veröffentlicht, die Redaktionen der Onlineplattformen prüfen die Beiträge und schalten sie frei, bis zu siebzig Prozent sollen je nach Medium gelöscht werden. Weil sie gegen die Netiquette verstossen, weil sie zu kurz und nichtssagend sind oder auch weil sie derart viele Fehler enthalten, dass sie unlesbar sind.

Trotzdem versagt dieser Kontrollmechanismus regelmässig. Und dann kommt es reihenweise zu beleidigenden und diskriminierenden Beiträgen. Als beispielsweise im Herbst 2013 ein Flüchtlingsschiff vor Lampedusa versank und knapp 300 Menschen starben, ergoss sich ein Schwall von Hass und Zynismus über die Schweizer Newsportale. Beim «Tages-
Anzeiger» wurde die Kommentarspalte «kurzzeitig deaktiviert, weil überwiegend rassistische und ehrverletzende Kommentare» abgegeben wurden. «Die Leserstatements waren derart menschenverachtend, dass einige Newsportale die Kommentarfunktion sperren mussten», schrieb später eine Redaktorin.

Kommentarspalten sind die Stammtische der digitalen Welt, mit dem Unterschied, dass die Beiträge in ihrer Intensität (oder ihrem Extremismus) um ein Vielfaches multipliziert erscheinen – begünstigt durch Anonymität, befördert durch einen Daumen-hoch-klickenden Mob.

Trotzdem verhält es sich mit Kommentarspalten vielleicht wie mit der Boulevardpresse: Niemand mag sie, aber jeder liest sie.

Hedi Wyler ist das egal. Sie lässt in den Kommentarspalten Dampf ab, wann immer sie kann. Allein auf «Newsnet» hat Wyler über hundert Kommentare veröffentlicht. Sie hat sie alle gesammelt, sortiert nach Erscheinungsdatum. Oben ein Screenshot von Titel, Lead und Bild des kommentierten Artikels, darunter ihr Kommentar.

Manchmal sind ihre Kommentare voller Wut, manchmal (unfreiwillig?) zum Schreien komisch. Im Original liest sich das so:

«(…) Entlich sollte einmal gemacht werden, was das Volk sagt, 25 Jahre sagte der BR EU Ja, jetzt hat das Volk halt einmal auch Ja gesagt, aber dagegen.»

Antwort auf einen LeserInnenkommentar, warum man angesichts des knappen Abstimmungsresultats vom 9. Februar nicht die Stimmzettel neu auszähle.

«Herr ex-Bundesrat soll nicht mehr über die Politik sprechen nur wen es so ist wie das Volk will. Das Volk hat gesagt nein zu Masseneinwanderung und Pasta. (…) Hören sie auf sich einmischen und frechen Argumente sagen gegen die SVP und das Volk!»

Als sich Exbundesrat Pascal Couchepin nach der Abstimmung zu Wort meldet und vor den Folgen warnt.

«Das Studenten nicht gehen können ist ja nicht so schlimm, sie können ja ohne Austauschprogramm gehen, wesswegen das Austauschprogramm sowieso nichts nützt (von der EU gemacht). Die EU, dass sieht man jetzt ist fremdenfeindlich gegenüber der Schweiz, nur weil das Volk mit unserer SVP gesagt hat was es will nähmlich keine Fremden mehr in so unsähglichen Zahlen von der ausländischen EU!»

Als bekannt wird, dass die Schweiz vom Studentenaustauschprogramm Erasmus ausgeschlossen wird.

«Das EU Geld brauchen wir auch nicht für Filme wesswegen wir gut auch die Zahlungen an die EU halt machen wo ja auch riesige Summen in den Schubladen verschwinden, anderst bei uns, da ist bereits die Kontingentenlösung drin (Dr.Blocher)!!! Früher waren ohne EU die Filme auch noch schön mit Anne Bäbi Jowäger und wie sie geheissen haben, da muss man halt wieder solche Filme machen (nicht schlimm).»

Als klar wird, dass der Schweizer Film künftig ohne EU-Geld auskommen muss.

Man muss sich Hedi Wyler als verbitterte, ältere Frau vorstellen. Eine kleinbürgerliche Rentnerin mit Schweizer Fahne im Garten, die sich, wenn sie das Haus verlässt, nicht mehr zu Hause fühlt. Sie ist so bünzlig, wie es nur geht. Sie verabscheut die EU und alles, was auch nur im Entferntesten damit zu tun hat (oder in ihren Augen damit zu tun haben könnte). «Früher Vögte heute EU», schrieb Wyler einmal in einem Kommentar.

Das «Volk» steht für Hedi Wyler über allem, sie verachtet die «SozialistenSP» und ihre Bundesrätin Simonetta «Somarugga», und obwohl sie Eliten misstraut, verpasst sie allen von ihr verehrten SVP-Politikern immer einen Doktortitel. Sie wehrt sich gegen lange Ladenöffnungszeiten, höhere Preise für Autobahnvignetten und zu hohe Boni («Bonusse»). Sie liebt Klammerbemerkungen. Die öffentliche Krankenkasse nennt sie «Diktaturkasse». Und die «Kontingentenlösung» ist ihr Patentrezept für alles.

Lohnschreiberin im SVP-Auftrag?

Wegen ihrer Schreibfehler und ihres schlechten Deutsch wird sie in den Kommentarspalten häufig angefeindet. Sie interpretiert das als Zeichen von Schwäche ihrer GegnerInnen, die keine anderen Argumente hätten, als sie persönlich anzugreifen. Aber es gibt auch die Fans, die Hedi Wylers krude Verkürzung des Weltgeschehens auf vier Kommentarzeilen feiern – nicht unbedingt, weil sie damit übereinstimmen, aber weil Wylers Kommentare dermassen absurd sind, dass man fast nicht anders kann, als zu lachen.

Wer ist Hedi Wyler? Eine verwirrte alte Frau mit einem geschenkten Laptop als Waffe? Können ihre Beiträge wirklich echt sein? Oder ist sie ein Fake? Eine (ausländische) Lohnschreiberin, die, wie manche mutmassen, im Auftragsverhältnis für die SVP Kommentare schreibt? Gibt es Verbindungen zur SVP-Marketingagentur Goal, wie das ihre Konten in den Social Media nahelegen? Ist Hedi Wyler vielleicht nur eine von zahlreichen falschen Identitäten, die mit Onlinekommentaren versuchen, auf die öffentliche Meinungsbildung Einfluss zu nehmen?

Die Kontaktaufnahme zu Hedi Wyler verläuft erstaunlich reibungslos. Nach wenigen Tagen kommt eine E-Mail, freundlich und ohne Rechtschreibefehler: «Sie haben mich via Facebook kontaktiert, da Sie einen Artikel über das Hedi Wyler verfassen möchten. Gerne bin ich bereit, Ihnen Auskunft zu geben.» 

Stammt die Nachricht von einem Mittelsmann oder von Hedi Wyler persönlich?

Ein Treffen soll Klarheit bringen, das Rätsel lüften. Ortstermin, Kanton Zürich. Ein schmuckloses Gebäude. Ein Mann öffnet die Tür, dunkle Kleider, dunkler Schal, grosse Statur. Er streckt die Hand aus und sagt: «Grüezi, ich bin Hedi Wyler.»

Hedi Wyler ist ein Mann Mitte vierzig. Historiker und Lehrer in leitender Funktion. Familienvater. Viel mehr will er nicht über sich preisgeben. Er ist zwar bereit, Hedi Wyler als Fake auffliegen zu lassen, «auch wenn das vielleicht schade ist», aber mit Bild und vollem Namen will er doch nicht an die Öffentlichkeit gezerrt werden.

Die Idee für die Kunstfigur Hedi Wyler sei ihm nach dem 9. Februar gekommen, erzählt der Mann. «Ich war verbittert über das Abstimmungsresultat, schockiert, dass die Initiative angenommen worden war.» Und er hatte sich als regelmässiger Kommentarleser schon länger über die Leute gewundert, die auf Onlineplattformen ihrem Ärger freien Lauf lassen. «Da kam mir die Idee, da auch mitzumachen. So zu schreiben wie die: nur blöder, überspitzter, extremer. Das Hedi Wyler fiel mir einfach so ein. Der Name ist doch passend, oder?»

Er habe immer gerne mit Sprache gespielt, sagt der Mann, der sich politisch als linksliberal einordnet. Wenn er sich vor den Computer setzt, sprudelt es einfach so aus ihm heraus. Ein System, eine Logik hat er beim Kommentarschreiben nicht. Er scannt die Newsseiten und springt sofort in die Kommentarspalte. «Oft beginne ich mit ‹Es ist gut, dass …› oder ‹Es ist nicht gut, dass …›. Der Rest ergibt sich dann von selbst.»

Beim Schreiben der Kommentare, aber auch beim Beobachten der Reaktionen darauf, verspürte er Spass. Er machte weiter, über Tage und Wochen, mittlerweile fast ein Jahr lang. Und so hat er seit der Erfindung von Hedi Wyler ein fast 140-seitiges Dossier erstellt angefüllt mit Hedi-Wyler-Kommentaren. Und das sind nur die Kommentare von «Newsnet». Die anderen sammelt er mittlerweile auf seinem Facebook-Konto.

Warum dieser Aufwand? Warum dieser Durchhaltewille? «So aufwendig ist das gar nicht», sagt der Mann. Einen Hedi-Wyler-Kommentar zu verfassen, dauere keine zwei Minuten. Über seine Motivation kann er nur vage Auskunft geben, Hedi Wyler war wie ein Selbstläufer. «Natürlich ging es auch darum, den Leuten irgendwie einen Spiegel vorzuhalten. Im besten Fall, hoffte ich, würde der eine oder andere finden: ‹Bei dieser SVP sind so doofe Leute, denen gebe ich meine Stimme nicht mehr.›»

Im Mai wurde Hedi Wyler auf «Newsnet» gesperrt – ohne Benachrichtigung, ohne Begründung. Der Mann hinter Hedi Wyler versuchte es noch ein paarmal unter dem Namen Rosa Heimgartner, aber seine Kommentare wurden nicht mehr freigeschaltet. «Seither kommentiere ich vor allem bei srf.ch.»

Und nun, da Hedi Wyler als Fake enttarnt ist, ist der Spass vorbei? «Nein, ich werde wohl noch eine Weile weitermachen. Ich habe mir auch schon mal überlegt, ein Buch mit den gesammelten Kommentaren von Hedi Wyler zu machen.» Wie hiesse der Titel? «Ganz einfach: ‹Wesswegen›.»

* Wunsch von 
Christine Loriol: «Enttarnt bitte die Onlinekommentatorin 
‹Hedi Wyler,
 Kt. Zürich›.»

 

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