Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

Grönlands süsser Einfluss

Ein beliebtes Horrorszenario im Klimawandel beschreibt, wie der Golfstrom abbricht. Jetzt gibt es erste Anzeichen, dass die Meeresströmung tatsächlich schwächelt. Schuld könnte ein anderes Klimaopfer sein: das schmelzende Eis in Grönland.

Von Bernhard Pötter

Das Amoc-System. Grafik: WOZ; Quelle: Jack Cook, Woods HoLe Graphic Services

Eine zerklüftete Abbruchkante, hoch wie ein Wolkenkratzer und kilometerlang: Der Jakobshavn-Gletscher in Grönland ist nicht nur eine der grössten, sondern auch die am schnellsten fliessende Eismasse der Welt. Zwanzig Meter am Tag rückt der weisse Riese im Schnitt vor, bis das schimmernde Weiss seiner bizarren Wände, Pfeiler und Brücken mit krachendem Getöse in die Bucht von Ilulissat an der Westküste Grönlands abstürzt. In Sichtweite der roten Holzhäuser mit den schwarzen Dächern, der streunenden Schlittenhunde und der Kreuzfahrtschiffe poltern, knacken und sacken hier jährlich fast sieben Prozent des grönländischen Schmelzeises ins Meer.

Noch nie ist Sermeq Kujalleq (Südlicher Gletscher), wie ihn die UreinwohnerInnen nennen, so schnell geschrumpft wie jetzt. Vor einem Jahr kalbten hier nach den Berechnungen des Eisexperten Espen Olsen allein zwischen Mai und Juni insgesamt zehn Kubikkilometer Eis. Das sind zehn Eiswürfel von jeweils einem Kilometer Kantenlänge. Nicht nur auf diesem Eisfeld, überall auf dem 2000 Meter dicken Eispanzer hat in Grönland die Schmelze begonnen: Auf der Oberfläche bilden sich im Sommer blaugrüne Seen, im Untergrund rauschen Flüsse durch die Eiskammern. Insgesamt verliert Grönland in jedem Jahr schätzungsweise etwa 200 Kubikkilometer Schmelzwasser.

Hier kann man dem Klima beim Wandeln zusehen. Allein das Eis des Sermeq Kujalleq hat zwischen 2000 und 2010 den weltweiten Meeresspiegel um einen Millimeter ansteigen lassen.

«Was ist los im Nordatlantik?»

Und nicht nur das. Grönlands Schmelzwasser, dieser süsse Einfluss auf den salzigen Ozean, könnte auch den Golfstrom abschwächen und damit das Wetter, das Klima und den Meeresspiegel Nordeuropas und Nordamerikas verändern. Dass sich die Atlantic Meridional Overturning Circulation (Amoc) genannte Meeresströmung, die Wärme und Nährstoffe aus der Äquatorregion in den Nordostatlantik bringt, verlangsamt, ist laut Stefan Rahmstorf in den letzten tausend Jahren offenbar einmalig.

Rahmstorf forscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zur Physik der Ozeane und hat mit KollegInnen eine aktuelle Studie dazu veröffentlicht. Nach ihren Ergebnissen ist die Strömung, die Klima und Lebensbedingungen in Europa bestimmt, seit Beginn des 20. Jahrhunderts um etwa fünfzehn Prozent schwächer geworden. Und die Daten weisen darauf hin, so Rahmstorf, «dass es sich nicht um natürliche Strömungsschwankungen handelt, sondern um eine Folge der globalen Erwärmung».

Das Team um Rahmstorf und den US-Klimatologen Michael Mann hat die Stärke der Strömung anhand von Messungen, Modellen und Vergleichsdaten etwa aus Korallen rekonstruiert. Andere WissenschaftlerInnen und auch der Weltklimarat IPCC sind zurückhaltender bei der populären Debatte, was mit dem Golfstrom passiert. Schliesslich gibt es erst seit einem Jahrzehnt direkte Messdaten. Aber alle zerbrechen sich die Köpfe über eine Frage, die Rahmstorf in seinem Blog so formuliert: «Was ist los im Nordatlantik?»

Denn dort, in der Wetterküche Europas, registrieren die KlimaforscherInnen seit Jahren etwas Einmaliges. Während sich die Erde immer schneller erwärmt und ein Hitzerekord nach dem anderen fällt, wird es zwischen Neufundland und Irland immer kälter. Auf den Weltkarten der KlimaforscherInnen zeigen gelbe und rote Flecken die Fieberkurve der Erde – nur südlich von Grönland leuchtet ein tiefes kaltes Blau. Eine mögliche Erklärung lautet: Grönlands Schmelzwasser verdünnt das schwere Salzwasser inzwischen weit genug, um den Strom abzuschwächen – und weil der Wärmetransport aus den Tropen in die Polregionen geschwächt wird, sinken die Temperaturen.

Wenn die Pumpe erlahmt

Vor diesem Szenario warnen ForscherInnen seit langem. Denn die Amoc ist Teil der weltumspannenden Meeresströmungen, die als gigantische Pumpen das Weltklima stabil halten: Warmes tropisches Wasser voller Nährstoffe strömt über das Förderband des Golfstroms nach Norden. Dort kühlt es ab und verdichtet sich, sinkt auf den Boden und fliesst wieder zurück Richtung Äquator. Die Nährstoffe wie Krill und anderer Plankton sind Grundlage der Fischbestände im Nordatlantik; die Wärme und Feuchtigkeit, die der Golfstrom mitführt, garantieren Irland und Skandinavien weitaus mildere Winter als in vergleichbaren Breitengraden in Amerika oder Asien. Eine Abschwächung oder gar ein Ende des Golfstroms gilt unter KlimaforscherInnen spätestens seit einer berühmten Studie von 1987 als höchst «unangenehme Überraschung im Treibhaus Erde».

Für KinobesucherInnen wurde daraus 2004 eine Gruselstory. Im Katastrophenfilm «The Day after Tomorrow» rasen meterhohe Sturzwellen auf New York zu, verschlingen Schiffe, überschwemmen die Strassenschluchten von Manhattan und begraben Autos und Menschen unter sich. Eine eiskalte Sturmfront verwüstet die Ostküste der USA, friert alles Leben ein und zerrt die USA in eine neue Eiszeit – weil der Golfstrom plötzlich abreisst. Bis heute kämpfen die KlimawissenschaftlerInnen ziemlich erfolglos gegen diese mächtigen Bilder an: Nein, heisst es immer wieder, so werde es nicht kommen. Und niemand müsse mit einer Eiszeit rechnen.

Allerdings sind auch die realistischen Folgen noch unangenehm genug. In mehreren Studien ist untersucht worden, was eine deutliche Reduzierung des Golfstroms bedeuten könnte: Die Bestände von Kabeljau, Schellfisch und Hering im Atlantik wären gefährdet, Niederschläge in Europa veränderten sich ebenso wie Stürme im Atlantik, und die Ozeane vermöchten deutlich weniger CO2 aufzunehmen.

Vor allem aber wäre die Ostküste der USA von einem Anstieg des Meeresspiegels um bis zu achtzig Zentimeter bedroht, warnen ExpertInnen. Bisher hat der Golfstrom Amerika links liegen lassen und das Wasser von den Küsten weg nach Osten geschaufelt. Erlahmte diese Pumpe, müssten von Boston bis Florida die Ingenieure ihre Deiche, die sie nach dem Supersturm Sandy von 2012 entworfen haben, ein paar Fuss höher anlegen.

Bitte keine Horrorszenarien!

Auch der Weltklimarat nimmt das Thema ernst. In seinen Berichten warnt der Rat, der Golfstrom könne bis zum Ende des Jahrhunderts bis zur Hälfte seiner Kraft verlieren, wenn die Treibhausgasemissionen ungebremst weitergehen.

Allerdings sehen die ForscherInnen im aktuellen IPCC-Bericht von 2014 bisher noch keine Anzeichen für eine Bremse im Golfstrom: «Der Zeitraum für Beobachtungen ist kurz, und es gibt nur ungenügend Hinweise, die eine Veränderung der Amoc belegen», heisst es.

«Als der IPCC-Bericht geschrieben wurde, war Rahmstorfs Papier noch nicht publiziert», sagt Jochem Marotzke, Meeresexperte am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und einer der wichtigsten Autoren des aktuellen Berichts. Dass sich die ExpertInnen des IPCC zur Aussage entschlossen haben, es gebe keine Beweise, begründet er damit, «dass es in den letzten Jahren so viele alarmistische Papers zu diesem Thema gab, dass uns das echt auf die Nerven ging».

Ausdrücklich nimmt er Rahmstorfs Arbeit aus, zählt aber viele Studien und Teilstudien auf, die eine Abschwächung oder gar das Ende der Strömung propagierten – nur um später relativiert oder widerlegt zu werden. «Es gibt beim Klima zwei Themen, um die die Öffentlichkeit sich sorgt: das Auftauen der gefrorenen Methanvorkommen im Permafrostboden und ein Abreissen des Golfstroms.» Entsprechend würde dazu auch sehr viel publiziert, manchmal fehle «das Augenmass».

Marotzke selbst forscht viel über die Amoc. Seit etwa zehn Jahren sammelt er mit KollegInnen im Projekt «26 Grad Nord» Daten zum Golfstrom entlang einer Linie von der Karibik zu den Kanarischen Inseln. «Der Rückgang, den wir sehen, ist sehr gering», sagt er. «Belastbare Aussagen wird man aber erst in zwanzig Jahren machen können.»

Er zweifelt die These an, dass Grönlands Schmelzwasser dazu führe, dass der Golfstrom sich abschwächt. «Wir haben das vor Jahren in einem Modell mit viel mehr Süsswasser gerechnet, als jetzt fliesst – und das hatte wenig Auswirkungen.» Teilweise würden die Meeresströmungen das Süsswasser nicht in die fragliche Gegend tragen. Nachvollziehbar hingegen findet er, dass das Schmelzwasser eine denkbare Erklärung für die einzigartige Abkühlung im Nordatlantik ist. «Das ist alles plausibel. Aber ist es auch belegt?»

Gefahr unterschätzt?

Für Stefan Rahmstorf stellen die Ergebnisse seiner Studie noch eine andere Frage: Unterschätzen die Modelle der ForscherInnen die Gefahr für die Stabilität der Meeresströmung? Schon früher hat der Potsdamer Experte dem IPCC widersprochen, weil ihm dessen Schlussfolgerungen zu vorsichtig waren. Der Meeresspiegel etwa steige deutlich schneller an als vom Klimarat anerkannt. In der Tat berücksichtigen Klimamodelle bisher nicht, was das Abschmelzen der riesigen Eisflächen in Grönland und der Antarktis für Konsequenzen haben kann.

Dass Süsswasser den Golfstrom stoppen kann, ist jedenfalls gut belegt. Denn es ist in der Geschichte der Erde bereits einige Male passiert. Das letzte Mal legte vor 8200 Jahren der Ausbruch des Agassizsees, eines riesigen Süsswasserreservoirs im heutigen Kanada, die Wärmepumpe im Nordatlantik lahm.

Heute, im Zeitalter des beschleunigten Klimawandels, muss sich allerdings niemand vor einem klirrend kalten Europa fürchten, da sind sich die ExpertInnen einig. Denn selbst wenn der Golfstrom stoppen würde – die bislang ungebremsten CO2-Emissionen treiben die Temperaturen in so grosse Höhen, dass sie selbst eine neue Eiszeit wegschmelzen würden.

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