Nr. 41/2016 vom 13.10.2016

Trump ist gefeuert

Von Lotta Suter, Berlin (Vermont)

«Aber der Kaiser hat ja gar nichts an», sagt ein unschuldiges Kind im berühmten Märchen von Hans Christian Andersen. Im Fall des republikanischen Präsidentschaftsanwärters und früheren Fernsehstars Donald Trump ist es sehr passend, dass statt des Kindes ein Reality-TV-Clip die nackte Wahrheit ins breite US-Publikum und ins Zentrum seiner Partei bringt.

Und nein, Trump macht im besagten Skandalvideo nicht bloss ein paar dumme sexistische Sprüche. Der Showstar prahlt, er küsse schöne Frauen auch ohne deren Einverständnis und lange ihnen ungefragt zwischen die Beine. Wenn man ein Star sei, könne man alles mit ihnen machen. Weiss der alternde Macho nicht, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen heutzutage als krimineller Tatbestand gewertet wird?

Immobilienmilliardär Donald Trump hat allerdings auch etliche andere gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte verschlafen oder vielmehr aus einer Position relativer Macht heraus ignoriert. Seine Weltsicht ist deshalb wie aus einem Guss: mein Gott, meine Hautfarbe, mein Geschlecht, mein Reichtum und – das ist die neuste Anschaffung – mein Land. Die Kehrseite dieser Ich-Sucht sind unverhohlener Rassismus, Sexismus und Xenophobie. Erst waren es die «vergewaltigenden Mexikaner», die Trump mit einer hohen Mauer von den USA fernhalten wollte. Nun fordert er eine Einreisesperre für syrische Flüchtlinge sowie eine Glaubensprüfung für Musliminnen und Muslime in den USA. Letzteren wirft er vor, islamistischen Terror zu begünstigen, weil sie verdächtige Aktivitäten in ihrer Nachbarschaft nicht der Polizei melden würden.

Während des Fernsehduells zwischen Donald Trump und Hillary Clinton vom Sonntagabend twitterte der in Zürich geborene Autor und New Yorker Universitätsprofessor Moustafa Bayoumi prompt: «Ich bin ein Muslim, und ich möchte einen Verrückten melden, der auf einer Bühne in Missouri eine Frau bedroht.»

Das ist einen Moment lang lustig. Dann erinnert man sich daran, dass der «Verrückte» von über vierzig Prozent der US-BürgerInnen bewundert wird. Dass ihn eine der beiden grossen Parteien des Landes zum Präsidentschaftskandidaten nominiert hat. Dass ihn die grossen US-Medien bis vor kurzem als Promi gefeiert und als Politiker aufgebaut haben. Dass er sich trotz zahlreicher Pleiten als erfolgreicher Geschäftsmann verkaufen konnte. Dass einer wie Donald Trump einen Monat vor der Präsidentschaftswahl noch immer zur Auswahl steht, das ist das eigentlich Verrückte an der ganzen Sache.

Erst nach Bekanntwerden des kruden Videos, also aufgrund von «Pussygate», begannen republikanische Politiker und vor allem Politikerinnen sich zu Dutzenden von ihrem Kandidaten abzusetzen. Die zweite Fernsehdebatte, in der sich Donald Trump aufführte wie der zukünftige Diktator einer Bananenrepublik, beschleunigte den Zersetzungsprozess innerhalb der Republikanischen Partei. Denn dass ein Präsidentschaftskandidat der Konkurrentin droht, sie nach gewonnener Wahl ins Gefängnis zu bringen, wird in den USA auch rechts der politischen Mitte nicht ohne weiteres geschluckt. Jede dritte republikanische Bewerberin für ein öffentliches Amt will Donald Trump diesen Herbst die Stimme verweigern. Bei den republikanischen Männern bekennt sich bloss jeder zehnte Wahlkandidat öffentlich zu einem solchen Schritt. Wer will schon die Stimmen feuriger Trump-Fans aufs Spiel setzen? Andererseits: Wer kann es sich leisten, die meisten Frauen und moderaten Wähler vor den Kopf zu stossen?

Der Urnengang ist mittels Briefwahl bereits eröffnet. Doch das republikanische Parteiestablishment hat nun seinen Präsidentschaftskandidaten fallen gelassen und versucht zu retten, was noch zu retten ist. Trump selber trötzelt weiter. Doch mit abstrusen Verschwörungstheorien über «gestohlene Wahlen» bereitet auch er die Niederlage vor. «President Trump» wird ebenso ein Flop werden wie die «Trump University», die «Trump Steaks» oder die «Trump Casinos», um nur einige der vielen Pleiten dieses Egomanen zu nennen. Auch diesmal werden andere die Scherben auflesen müssen.

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