Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Gekommen, um zu plaudern?

Im Film «Arrival» erhält die Erde Besuch von Aliens, die auf Glas malen. Klingt esoterisch, ist aber in vielerlei Hinsicht genau der richtige Blockbuster zu unserer Zeit – zumindest Balsam für die linksliberale Seele.

Von Florian Keller

Bei diesen Ausserirdischen braucht es keinen draufgängerischen Helden, sondern eine Sprachwissenschaftlerin: Amy Adams als Linguistin Louise. Still: Sony Pictures

Wer schon einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte, Formulare der US-Steuerbehörde IRS ausfüllen zu müssen, hat seither eine ganz andere Vorstellung von Aliens. Man denkt dann nicht mehr nur an ungeheuerliche Kreaturen aus den Weiten des Alls, die den USA, also der Welt, das Fürchten lehren. Nein, das Alien bin immer auch ich selber, als bürokratische Einheit. Vor dem IRS muss sich nämlich jedes ausländische Subjekt als «alien» deklarieren, und genauer noch, mit einem Kreuzchen soll man zudem spezifizieren: Bin ich ein «resident alien», also in den Vereinigten Staaten ansässig, oder ein «nonresident alien»?

Aliens sind also nicht bloss ausserirdische Wesen aus dem Reich der Fantastik, der Begriff ist auch fest verankert in der US-Behördensprache, als Marker für das irdische Andere: den fremden Menschen. So funktioniert die Sprache der Verwaltung schon auf der elementarsten Ebene als Raster für eine biopolitische Aussonderung. Und darum ist umgekehrt jeder Hollywoodfilm, in dem uns Aliens die Aufwartung machen, immer auch eine Parabel darüber, wie der Mensch mit seinesgleichen umgeht, wenn diese nicht ganz so sind wie er selbst.

Kalligramme aus dem All

Der Unterschied: Ausserirdische machen keine Kreuzchen (und kommen natürlich auch nicht, um Steuern zu zahlen). Aber die Geschöpfe in «Arrival», dem neuen Film des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve («Polytechnique», «Incendies»), malen immerhin Kreise auf Glas: perfekt gezirkelte, dabei elegant hingekleckste Kreise wie aus Tusche, alle gleich schön, aber jeder ein bisschen anders – ein rätselhaftes System aus täuschend ähnlichen, ringförmigen Zeichen. Ja, man könnte sagen, zum ersten Mal in der Geschichte des Genres bekommen wir es hier mit Aliens zu tun, die eine aussergewöhnliche Begabung für die Kalligrafie zeigen. Nur logisch, dass es da keinen draufgängerischen Helden braucht, der die ausserirdischen Glasmaler zur Strecke bringt, sondern besser eine Linguistin, die erst einmal deren Werke entziffern soll.

An dieser Konstellation kann man schon ablesen, warum «Arrival» in mancherlei Hinsicht wie ein wohltuendes Antidot zum herrschenden politischen Klima wirkt. Nicht nur, weil es hier zuallererst darum geht, sich mit dem Anderen zu verständigen, weil also das Unbekannte, das von aussen kommt, nicht umstandslos als eine Gefahr klassifiziert wird, die unschädlich zu machen ist. Erst einmal soll die Basis für eine politische Verständigung hergestellt werden: Warum sind sie da, und haben sie uns etwas zu sagen? Es sind ungewohnt vernünftige Fragen in einer Zeit, in der ein Knallkopf, der alles, was ihm fremd scheint, mit Deportationen und dem Bau einer Mauer ausschliessen will, zum Präsidenten der mächtigsten Nation gewählt wird.

Zudem: Die Frau, die mit den Eindringlingen in Kontakt treten soll, ist nicht nur alleinstehende Mutter, die offenbar ihre Tochter verloren hat, sondern in erster Linie Professorin, noch dazu Geisteswissenschaftlerin. Louise (gespielt von Amy Adams) repräsentiert also einen Berufsstand, der dieser Tage an allen möglichen Fronten pauschal als «abgehobene Bildungselite» verunglimpft wird.

Ekstase der geistigen Arbeit

Diese wird in «Arrival» allein schon dadurch rehabilitiert, dass man die Linguistin hier ihre Arbeit verrichten lässt, auch wenn sie jeden ihrer Schritte vor den militärischen Autoritäten rechtfertigen muss; einmal trickst sie dabei, indem sie sich mit einem erfundenen kleinen Lehrstück zur Etymologie des Worts «Känguru» behilft. Keine zupackende Elite der Manneskraft also, die hier praktisch-heroisch um ihr Überleben kämpft wie jüngst Matt Damon in «The Martian», sondern eine Elite des nicht quantifizierbaren Geistes, der Theorie. Der Physiker (Jeremy Renner), den man ihr zur Seite stellt? Er ist weitgehend Statist und, dramaturgisch gesehen, letztlich Samenspender.

Klar, der Film hat dann seine liebe Mühe, die geistige Arbeit dieser Sprachwissenschaftlerin auch in Bilder zu übersetzen. So kippt er in entscheidenden Momenten ins Mystische, in eine Ikonografie von Innerlichkeit und Erweckung. Louise schliesst dann gerne die Augen, um zu sehen. Und wenn sie die Zeichen und das Denken der Aliens zu «verstehen» beginnt, zittern ihre Augenlider wie in Ekstase. Anders gesagt, das sieht jeweils mehr nach Orgasmus aus als nach dem Moment einer tiefen Erkenntnis. Andererseits wärs ja auch ein Fehler, das so säuberlich trennen zu wollen … Und der Sound, der die Aliens umgibt, fährt halt auch ein: eine mächtige Drone-Kulisse aus dumpfen Bässen, Unterseefanfaren und verirrtem Nebelhorn (Musik: Johann Johansson).

Das Kino imitiert sich selbst

Ähnlich wie Christopher Nolan in «Interstellar» nimmt uns auch Denis Villeneuve mit auf eine Expedition, die darauf angelegt ist, die Koordinaten unseres Denkens zu verschieben – mit dem Unterschied, dass das in «Arrival» geschieht, ohne dass wir dafür überhaupt die Erde verlassen müssten. Mehr noch, der Film, nach einer Kurzgeschichte von Ted Chiang, kommt zu grossen Teilen mit nur zwei Schauplätzen aus: Da ist eine Militärbasis in der Nähe von einem der zwölf schalenförmigen Flugobjekte, die eines Tages ohne ersichtliches Muster über den ganzen Globus verstreut auftauchen, wie riesige, basaltfarbene Kontaktlinsen, die ein paar Meter über dem Boden schweben; und da ist ein spektakulär minimalistischer Innenraum, wo die Begegnungen mit den Aliens stattfinden.

In seiner Architektur kommt uns dieses Begegnungszentrum sehr vertraut vor – eine geräumige dunkle Kammer und auf ihrer Stirnseite ein Schaufenster ins Nichts, weiss wie eine Leinwand. Das Kino imitiert hier nicht das Leben, sondern sich selbst: Das Rendezvous mit den Aliens spielt sich in einem Raum ab, der aussieht wie der Rohbau eines Kinos. Total meta, das alles. Dabei dient dieses Fenster zu den Aliens als Schutzscheibe, es ist aber auch Projektionswand für die fragenden Blicke der Menschen und Benutzeroberfläche für die Tintenstrahlzauberer aus dem All. Und die Wesen selber? Sind so sonderbar, dass wir über ihre Gestalt kein Wort verlieren wollen.

Aufgelöst statt geerdet

Die Frage ist dann: Wie interpretiert man Schriftzeichen einer Sprache, von der man noch nicht einmal weiss, wie sie funktioniert, wie sie aufgebaut ist? Und wenn man eine Botschaft entziffert zu haben glaubt, und sie lautet zum Beispiel «Waffe anbieten»: Wer bietet hier wem etwas an? Und was für eine Waffe könnte überhaupt gemeint sein?

Man sieht: «Arrival» ist einer dieser Filme, die mehr in die Fragen investieren, die sie aufwirbeln, als darin, diese dann auch bis ins Letzte schlüssig zu beantworten. Und weil er zur kränkelnden Gattung des Denksportblockbusters gehört, macht er sich gerne mal ein bisschen wichtig, indem er Begriffe wie philosophische Girlanden in den Raum hängt: Da ist etwa vom «Nichtnullsummenspiel» die Rede oder von «nichtlinearer Orthografie» (wobei, müsste das nicht eher «Syntax» heissen?).

Die Auflösung aber, die der Film dann bereithält, ist genau das: eine Auflösung. Sie übersteigt unsere Vorstellungskraft und fordert unser Denken heraus, statt es bequem wieder im Vertrauten zu erden. Und mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen, wenn ein paar «nonresident aliens» zu Besuch kommen.

Ab 8. Dezember 2016 im Kino.

Die Kurzgeschichten von Ted Chiang sind auf Deutsch im Golkonda-Verlag erschienen.

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