Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

Im Nebel der explosiven Gegenwart

Die Politik sähe anders aus, wenn sie sich am kürzlich verstorbenen Zygmunt Bauman orientieren würde. Der Soziologe und Philosoph schuf Denkwerkzeuge gegen rechtsnationale RattenfängerInnen und liberale Wirtschaftsdogmen.

Von Daniela Janser

Noch mit weit über neunzig empfing er letzten September einen «Spiegel»-Journalisten zu einem langen Interview über die sogenannte Flüchtlingskrise, zu der er gerade sein Buch «Die Angst vor den anderen» veröffentlicht hatte. Pfeife rauchend, umgeben von wuchernden Zimmerpflanzen und bedrohlich hohen Büchertürmen, sass Zygmunt Bauman in seinem Häuschen im englischen Leeds und gab konzentriert Auskunft zu den Brandherden der Gegenwart. Das politische und mediale Herbeireden einer «Flüchtlingskrise» sah er als typische Panikmache. Sie wolle uns einreden, die Migration nach Europa bedrohe unser Leben fundamental, sie sei die zentrale Krise unserer Gegenwart.

Die Geflüchteten selbst würden dabei in die gefährlichen und undankbaren Rollen von Sündenböcken und ÜberbringerInnen der schlechten Botschaft gedrängt. Sündenböcke, weil sie für die einheimischen Habenichtse oder Zukunftsverängstigten als eine noch ärmere Gruppe zum Nach-unten-Treten herhalten sollten. Gleichzeitig seien sie leibhaftige BotschafterInnen unserer eigenen Krisen und Sorgen. Die leidenschaftliche Ablehnung, die ihnen entgegenschlägt, erklärte sich Zygmunt Bauman folgerichtig damit, dass die Menschen in den Geflüchteten eigentlich bloss eine Verkörperung ihrer eigenen Verlust- und Zukunftsängste erkennen. Wir hassen und fürchten die ungreifbare Globalisierung und schlagen dafür die Fremden, mit denen manch Verdrängtes direkt vor unserer Haustür ankommt.

Aus der Bahn geschleudert

Der damals bereits neunzigjährige Soziologe und Philosoph, der sich selbst einmal als «professioneller Beobachter der Welt» bezeichnet hatte, dessen Neugier sich schlicht weigere, «in Rente zu gehen», erzählte dem «Spiegel» auch von seinem nächsten Buchprojekt, «Retrotopia». Der Titel ist eine Verschmelzung aus den Begriffen «Utopie» und «retro», ein rückwärtsgewandter Gesellschaftsentwurf also. Er enthält Baumans kürzestmögliche Diagnose für die Gegenwart: Verlässlichkeit werde heute fast nur noch in der Vergangenheit gesucht. Wir orientieren uns nach hinten, weil wir von der Zukunft nichts oder nur Schlechtes erwarten. In Baumans Augen ist das fatal, nicht zuletzt weil wir uns ja trotz heftiger Retrosehnsüchte immer weiter vorwärts bewegen.

Vermutlich ist sein «Retrotopia»-Buch nicht mehr fertig geworden. Am 9. Januar ist Bauman in Leeds gestorben. Dort hatte er die letzten 45 Jahre gelebt, nachdem die totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts sein Leben gleich zweimal aus der Bahn geschleudert hatten. 1939 musste der 1925 in eine arme polnisch-jüdische Familie Hineingeborene Hals über Kopf vor den Nazis in die Sowjetunion flüchten. 1945 nahm er mit der Ersten Polnischen Armee an den Schlachten um Kolberg und Berlin teil. Nach dem Krieg war er jahrelang politischer Offizier am Ministerium für öffentliche Sicherheit und Geheimagent des militärischen Nachrichtendiensts. Ab 1954 lehrte er Soziologie an der Universität von Warschau, bis er 1968 mit seiner Frau Janina, einer Überlebenden des Warschauer Ghettos, erneut vor antisemitischen Hetzkampagnen fliehen musste, die ihn seinen Lehrstuhl kosteten. Nach einem kurzen Umweg über Tel Aviv landete Bauman 1971 an der Universität von Leeds.

Diejenigen, die Jahrzehnte später wohlfeile Entschuldigungen zu seiner Geheimdiensttätigkeit von ihm einforderten, hätten sich auch einfach die Mühe nehmen können, seine Texte zu lesen. Wenn Bauman vom Nationalsozialismus sprach, erwähnte er den Stalinismus meist im selben Atemzug. Er gehörte nie zu denjenigen, die alles nur noch durch die Brille des erlebten Leids oder der eigenen Schuld betrachten. Doch haben die Erfahrungen mit den Despotien von früher seinen Blick geschärft für Missbräuche und Miseren der Gegenwart. Der Holocaust blieb ein unumgehbarer Stolperstein in seinem Denken. Bauman sah die systematische Massenvernichtung als Fortsetzung eines übersteigerten Reinheits- und Ordnungswahns der Moderne: als radikalen Bruch, den die moderne Zivilisation aber immer schon in sich getragen hat.

«Alles Stehende verdampft»

Bauman borgte viel von anderen DenkerInnen, er montierte ihre Ideen zu neuen Thesen und beschrieb sich selbst bescheiden als Recycler. Einer der zentralen Begriffe seines Werks, den er so oft in neue Zusammenhänge verpflanzte, dass man ihm sogar Selbstplagiat vorwarf, ist das englische Wort «liquid». Bauman wendete es an auf die Moderne, die Liebe, die Überwachung, die Macht, die Institutionen, die Identitäten. Auf Deutsch bedeutet «liquid» sowohl flüssig als auch flüchtig. Dieser flüssige oder flüchtige Aggregatzustand charakterisierte für Bauman die Gegenwart in ihrem Kern: Aus einigermassen stabilen Strukturen und Ordnungen wurden wuchernde, sich ständig wandelnde Netzwerke, Totalitäten verdampften zu Fragmenten. Aus der lebenslangen Suche nach einer sicheren Identität wurde ein endloses Spiel mit verschiedenen Identitäten, die sich überstreifen oder ablegen lassen.

Man gewinnt etwas, man verliert etwas, ist ein Merksatz, der sich durch viele seiner Texte zieht. Bauman war kein Kulturpessimist, er sah dieses Flüssig-Flüchtige nicht automatisch als etwas Schlechtes – die unkontrolliert wütenden Märkte einmal ausgenommen. Entdeckt hatte er das Denkbild im kommunistischen Manifest: «Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.»

In seinem letzten publizierten Artikel vom November 2016 beleuchtet Bauman Donald Trumps Aufstieg aus dem Geist des Neoliberalismus. Er liest Trump nicht als extreme Ausnahmeerscheinung, sondern als «logische» Folge einer ungerechten, deregulierten liberalen Wirtschaftsunordnung, die auch die Politik im Innersten aushöhlt und sie als Kontrollinstanz entmachtet. Die Massen reagierten darauf mit Sehnsucht nach einem ungezügelten Führer, der verspricht «zu handeln».

Fehlgeleitetes «Fuck you»

An einer anderen Stelle bezeichnet Zygmunt Bauman die Gegenwart als «Lagerraum, der bis zur Decke mit Dynamit gefüllt ist» – und ZündlerInnen stünden genug bereit. Oder er spricht von der Phase des «Interregnums»: Eine alte Ordnung wird abgelöst, ohne dass eine neue in Sicht ist. Mit dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci gesprochen sei das die Zeit, die «morbide Symptome» – oder in der freieren Übersetzung: «Monster» – gebiert. Das Ja zum Brexit interpretiert Bauman als fehlgeleitetes, irrlichterndes «Fuck you!» an ein ausgedientes System und eine «negative Globalisierung». Die angestaute Wut entlud sich mit einem Knall – aber ohne jeden Plan für das Nachher.

Trotzdem sah Zygmunt Bauman sich selbst nicht als Pessimist, sondern als hartnäckig Hoffender. Für ihn barg jeder historische Moment das Potenzial zur Kehrtwende. Deshalb wollte er auch immer für die Zukunft kämpfen. Wie er sich diese heute vorstellt, das können wir ihn leider nicht mehr persönlich fragen. Aber er hat uns einen riesigen Stapel Bücher und Artikel hinterlassen, die es zu lesen lohnt. Sie enthalten das biografisch und welthistorisch zugespitzte Wissen eines ganzen Jahrhunderts.

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