Nr. 06/2017 vom 09.02.2017

Steht der Energiewende nicht in der Sonne!

Die neuen erneuerbaren Energien nehmen in der Schweiz gerade Fahrt auf. Sie jetzt schon zu bremsen, hemmt keineswegs die Stromverschwendung, sondern hilft der Atomenergie. – Replik auf einen WOZ-Artikel, der auf die Gefahren einer Maximierung der Solarstromproduktion hinwies.

Von Felix Nipkow

Felix Nipkow.

Der freischaffende Journalist Hanspeter Guggenbühl weist seit langem darauf hin, dass eine Abkehr von der Energieverschwendung nicht nur Kür, sondern Pflicht ist auf dem Weg zur Energiewende. Diese verkommt sonst zu einer ökonomisch unsinnigen Gigantomanie. Im postfossilen Zeitalter sind Energieeffizienz und die optimale Ausnutzung erneuerbarer Energien unerlässlich. So weit sind wir uns einig.

Heute liegt der Solarstromanteil in der Schweiz bei nur 2,5 Prozent. Doch im zukünftigen Strommix wird Solarenergie einen wesentlichen Anteil ausmachen. Die Umweltverbände gehen von rund einem Viertel aus. Gerade in diesem starken Ausbau der Solarenergie sieht Guggenbühl aber eine Gefahr: Wenn die installierte Fotovoltaikleistung dereinst so gross sei, dass zu gewissen Zeiten mehr Solarstrom produziert werde, als gleichzeitig verbraucht werden könne, führe das zur Verschwendung der wertvollen Energie (siehe WOZ Nr. 4/2017). Der Zusammenhang ist weit hergeholt, und jetzt den Solarstrom auszubremsen, wäre völlig verkehrt. Die Produktionskurve einer Fotovoltaikanlage im Tagesverlauf gleicht einem Berg. Dieses solare Mittagshorn sollte gemäss Guggenbühl so stark begrenzt werden, dass nie Überschussstrom produziert wird. In Wirklichkeit ist es eher ein Breithorn, weil nicht alle Anlagen nach Süden ausgerichtet sind, sondern vermehrt auch Fassaden und nach Osten oder Westen ausgerichtete Dachflächen bestückt werden.

Strom speichern ist Konfitüre kochen

Guggenbühl argumentiert, es sei generell Verschwendung, wenn überschüssiger Strom mit Verlust gespeichert werde. Überschüsse zu vermeiden, ist allerdings kaum möglich mit Kraftwerken, die ihre Produktion nicht flexibel steuern können. Dazu gehören sowohl AKWs als auch wetterabhängige Solar- und Windkraftwerke. Es gibt grundsätzlich drei Möglichkeiten, dem zu begegnen: Man verschiebt den Verbrauch im Tagesverlauf, man verschiebt die Produktion (das können vor allem Wasserspeicherkraftwerke gut) oder man speichert den Strom in Überschusszeiten für später. Ähnlich wie man Früchte oder Gemüse einlegt oder zu Konfitüre verarbeitet, damit sie nicht verderben.

In einem Stromsystem passen Verbrauch und Produktion nicht von selbst zusammen. Das müssen sie aber jederzeit, sonst kann die Spannung nicht konstant gehalten werden. Deshalb hat man, als die AKWs in Betrieb gingen, Massnahmen ergriffen, um den Verbrauch in die Nacht zu verlagern. Nachts ist Atomstrom Überschussware, weil der Verbrauch geringer ist. Also wurden Elektroheizungen und -boiler auf Nachtbetrieb programmiert, günstige Nachttarife eingeführt. Wenn in Zukunft die Solarenergie einen grösseren Teil der Produktion ausmacht, können wir diese Massnahmen rückgängig machen. Die Spitze des solaren Mittagshorns kann durch gute Regelung und intelligente Steuerungen direkt vor Ort absorbiert werden. Zum Beispiel indem wir das Warmwasser über Mittag erwärmen statt in der Nacht.

Die Energiewende ist mehr als nur eine Stromwende. Drei Viertel unserer Energie stammen aus fossilen Quellen. Weniger zu verschwenden, ist unabdingbar; wo Bedarf bestehen bleibt, müssen Erdöl oder Gas ersetzt werden. Wir können in Zukunft mit den solaren Überschüssen unsere Wohnungen heizen oder Gasmotoren antreiben. Strom kann in Gas umgewandelt werden, das ins Erdgasnetz eingespeist und dort für den Winter gespeichert werden kann. Plant man diese Umwandlung intelligent und nutzt die entstehende Abwärme, sind die Verluste minim.

Schlüsselrolle für Fotovoltaik

Guggenbühls Vorschlag, den Anteil der Solarenergie auf sieben bis zehn Prozent zu begrenzen, sodass zu keiner Zeit Überschüsse entstehen, ist nicht zielführend. An leicht bewölkten Tagen oder wenn die Sonne im Frühjahr oder Herbst nicht so hoch am Himmel steht, wäre der Strom knapp. Wenn die Wasserspeicherkraftwerke die Lücken füllen, fehlen die Reserven im Winter. Dann liefern Flusskraftwerke und Solarkraftwerke weniger. Biomasse und Wind sind hilfreich, aber einheimische Biomasse ist eine beschränkte Ressource, und die Windkraft kann aus Umweltschutzgründen nicht unbeschränkt ausgebaut werden. Am Ende erhält die Einschränkung der Solarenergie Kohle- und Atomkraftwerken ihre Daseinsberechtigung. Ein Verlangsamen des Ausbaus der erneuerbaren Energien begünstigt ein längeres Überleben dieser schädlichen Energieformen.

Eine Reduktion des Stromverbrauchs ist angesichts zunehmender Elektrifizierung von bisher fossilen Anwendungen (Wärmepumpen, Elektroautos) und des Bevölkerungswachstums wenig realistisch. Doch dank immer effizienterer Geräte ist immerhin eine Stabilisierung möglich. Heute stammt rund ein Drittel unseres Strombedarfs aus AKWs. Dieser Teil soll möglichst rasch mit erneuerbaren Energien gedeckt werden – Fotovoltaik kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu. Anlagen auf bestehender Infrastruktur lösen kaum Widerstände aus, weil weder die Biodiversität noch die Landschaft beeinträchtigt werden. Wenn wir den Ausbau nicht bald anpacken, verpassen wir die Chance, die uns die Solarenergie bietet: einen umweltfreundlichen, günstigen Ersatz für Atomstrom.

Felix Nipkow ist Projektleiter Strom und Erneuerbare der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES). Die SES ist politisch unabhängig und durch private Spendengelder finanziert. Sie ist Teil der Umweltallianz.

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