Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

Der mächtige Mann in Washington

US-Medien nennen ihn «Jared Kushners Privatdozent»: Geleakte E-Mails zeigen, wie Yousef al-Otaiba in den USA seit Monaten gezielt gegen Katar lobbyiert.

Von Roman Enzler

Am Anfang des Zwistes zwischen Katar und seinen Nachbarstaaten stand ein Hackerangriff. Wie das FBI nun bestätigte, wurden am 23. Mai gefälschte Zitate des Emirs von Katar auf die staatliche Website des Landes geladen. Deren Inhalt nahmen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zum Anlass, Katar Anfang Juni international zu isolieren.

Der katarische Aussenminister warf am Tag nach dem Hackerangriff nicht nur den Medien Saudi-Arabiens und der VAE vor, die Fälschungen trotz Dementi zur Verleumdung seines Emirs weiterzuverbreiten. Er bezichtigte auch die US-Presse, sich in ihrer Sicht auf Katar beeinflussen zu lassen: Der Politiker legte eine Liste mit Kommentaren in US-Leitmedien vor, in denen Katar jüngst gehäuft als Hauptfinancier von dschihadistischem Terror dargestellt wurde. Eine Mehrheit der verantwortlichen AutorInnen hätten zudem am Tag des Hackerangriffs an einer katarkritischen Tagung des proisraelischen Thinktanks Foundation for Defense of Democracies (FDD) in Washington teilgenommen. Unter den HauptrednerInnen trat dort Robert Gates auf, der ehemalige US-Verteidigungsminister. Dessen ebenfalls eingeladener Freund, der VAE-Botschafter in den USA, Yousef al-Otaiba, scheint überall dort aufzutauchen, wo Stimmung gegen Katar gemacht wird.

Als echt stufte die US-Zeitung «Huffington Post» E-Mails von Otaiba ein, die Anfang Juni geleakt wurden. Sie stützen den Vorwurf des katarischen Aussenministers, nach dem die VAE versuchen würden, US-Öffentlichkeit und Politik zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Am Tag vor der katarkritischen Tagung etwa schrieb Otaiba an seinen Freund Gates: «MBZ sends his best from Abu Dhabi. He says ‹Give them hell tomorrow›» (Heiz ihnen ein). Mit MBZ ist Kronprinz Muhammad bin Zayid gemeint, der De-facto-Machthaber der VAE. In anderen E-Mails meinte er gegenüber den OrganisatorInnen der FDD-Tagung in vertraulichem Ton, dass die USA ihren Luftwaffenstützpunkt aus Katar abziehen sollten. Protokolle der Tagung zeigen, dass die ModeratorInnen den Stützpunktstandort dann wiederholt angriffen. Ebenfalls sehr freundschaftlich verdankte Otaiba dem US-Journalisten David Ignatius einen prosaudischen Kommentar in der «Washington Post» von Ende April.

Formel-1-Rennen und Partys

Laut der «Huffington Post» gibt kein anderer Staat so viel Geld für Lobbying in den USA aus wie die VAE. Der Zwergstaat sei zum wichtigsten Geldgeber einer ganzen Reihe von Denkfabriken avanciert. Die Mitfinanzierung des einflussreichen Center for Strategic and International Studies etwa habe Otaiba schon Zugang zu einer geheimen Pentagon-Sitzung verschafft. Seine Beziehungen zu einflussreichen Amtsträgern und Meinungsmacherinnen erkauft sich Otaiba laut der Zeitung mit glamourösen Dinnerpartys und Einladungen zu Luxusreisen.

Für einen Politmoderator des liberalen Kabelsenders MSNBC etwa organisierte er zu dessen 50. Geburtstag eine pompöse Überraschungsparty. Und Bret Baier, den Chefmoderator des konservativen Kanals Fox News, lud er in seinem Privatjet zum Formel-1-Rennen nach Abu Dhabi ein. An einer Benefizgala, die Otaiba 2014 gemeinsam mit Baier organisiert hatte, waren neben anderen illustren Gästen auch BeraterInnen von Barack Obama zugegen. Und per Videoschaltung dankten Ex-US-Präsident George W. Bush und Popstar Pharrell Williams Otaiba für sein Engagement – und die Million US-Dollar, die er, angeblich aus eigener Tasche, für krebskranke Kinder gespendet hatte.

Auch zur neuen US-Regierung pflegt Otaiba enge Verbindungen. Jared Kushner, den Berater und Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, lernte er vor einem Jahr kennen. Gegenüber der «New York Times» gab er sich angetan von Kushners Wissbegierde in Bezug auf den Nahen Osten. Seither werde ein reger Kontakt aufrechterhalten, und Kushner wende sich mit Fragen zur Politik der Region regelmässig an den Diplomaten aus den Emiraten, schreibt die Zeitung.

Otaibas Plan

Public Relations gehören zweifellos zum Auftrag eines Diplomaten. Unberechenbar macht Leute wie Otaiba, dass sie in der US-Aussenpolitik derzeit auf eine gewisse Konzeptlosigkeit treffen. Trumps Reaktion auf die aggressive Isolation von Katar lässt einmal mehr daran zweifeln, dass er weiss, was er tut: Zunächst applaudierte er der Entscheidung, dann vollzog er eine Wende und schloss sich Aussenminister Rex Tillerson an, der die Wichtigkeit der US-Beziehungen auch zu Katar unterstrich.

Trumps BeraterInnen sind möglicherweise direkt beeinflussbar wie im Fall von Jared Kushner. Auch ein halbes Jahr nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten bleiben rund zwei Drittel der Toppositionen im Aussendepartement unbesetzt. Wer keinen eigenen Plan hat, droht sich in den Plänen der anderen zu verirren. Otaiba hat einen Plan, so viel geht aus seinen gehackten E-Mails hervor: Er will die Ächtung Katars, die Verlegung des dortigen US-Luftwaffenstützpunkts – idealerweise in die VAE – und den Sturz des Emirs. Mit den Interessen der USA deckt sich das wohl kaum.

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