Nr. 25/2017 vom 22.06.2017

Mit dem Fidget Spinner die Welt erklären

Ist es ein Spielzeug? Eine Alltagsplage? Ein therapeutisches Gadget? Es ist der Fidget Spinner! Der neuste kulturelle Trend ist ein perfektes Fossil unserer Gegenwart.

Von Ian Bogost

«Der vitruvianische Mensch» von Leonardo da Vinci. Montage: WOZ

Es gibt einen neuen, blöden Trend: den Fidget Spinner. Es ist ein Spielzeug wie ein Kreisel, aber man dreht ihn in der Hand statt auf einer Oberfläche. Man hält ihn in der Mitte und setzt mit dem Finger einen von drei runden Flügeln in Bewegung. Der Spinner rotiert um einen Träger im Zentrum. Weil das Gerät so leicht ist und die Reibung des Kugellagers so gering, kann der Spinner sehr lange drehen.

Wozu ist es gut? Der Fidget Spinner wird einerseits als blosses Spielzeug gehandelt – aber auch als Mittel zum Stressabbau, als Plage für das Schulzimmer, zur Behandlung von ADHS und als Heilmittel gegen Handysucht, neben anderen Dingen. Aber im Kern ist der Fidget Spinner mehr als das: nämlich die perfekte materielle Metapher für unser Alltagsleben im Jahr 2017, im Guten wie im Schlechten.

Vergleichbare Spielzeuge gab es schon seit Jahren, aber in den letzten Monaten hat das Fieber um den Fidget Spinner seinen Höhepunkt erreicht. Wie schon bei anderen kulturellen Trends, wie etwa bei Pokémon Go, waren Kinder die Ersten, die sich darauf stürzten. Im Schulzimmer werden Fidget Spinners von LehrerInnen konfisziert, wie Schmuggelware. Allgegenwärtig geworden sind sie als Affektkäufe in allen möglichen Shops. Und während ich dies schreibe, führen sie bei Amazon die Bestsellerlisten der Spielzeugabteilung an.

Ein Dingsbums

Wie bei jedem Trend, der diesen Namen verdient, macht der Fidget Spinner nicht nur Freude, sondern löst auch moralische Panik aus. Als Ablenkung in der Schule ist er Grund zur Sorge. Zugleich werden Fidget Spinners ausdrücklich zum Stressabbau oder sogar zur Selbsttherapie für nichtneurotypische Krankheiten wie ADHS und Autismus vermarktet. Zwar gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise dafür, dass die Spielsachen als seriöses Heilmittel taugen würden, aber das hat noch niemanden davon abgehalten, sie entsprechend zu verwenden. Andere wiederum feiern das Werkzeug als Mittel gegen Handysucht – ein Dingsbums, das unsere Finger beschäftigt, damit wir nicht versucht sind, ständig nach dem fiependen gläsernen Rechteck zu greifen.

Auch wirtschaftliche Ängste wecken die Dinger schon. Die Produktionskosten für einen Fidget Spinner belaufen sich auf ein paar wenige Cents, verkauft wird er für ein paar Dollars, und manche versuchen auch, richtig viel Kapital aus dem Trend zu schlagen, mit Luxus-Spinners, die einige Hundert Dollar oder mehr kosten. Dass die Erfinderin des Geräts – eine bescheidene 62-Jährige aus Florida ohne Geld und Job – angeblich nichts von den kurzlebigen Profiten sehen soll, hat schon für Empörung gesorgt. Darauf folgte die Empörung darüber, dass diese Geschichten über die Herkunft des Fidget Spinner wahrscheinlich sowieso irreführend waren.

Das alles sind Signale, die die tiefere Bedeutung des Fidget Spinner lediglich umreissen. Der Fidget Spinner ist ein bedeutungsschwangeres Fossil, in dem sich gleichzeitig unsere unmittelbare Gegenwart verdichtet. Der Kreisel ist nicht nur eines der ältesten Spielzeuge, er ist überhaupt eines der frühesten Artefakte der menschlichen Zivilisation. Auf dem Gebiet des antiken Mesopotamien wurden, zusammen mit den ältesten Rädern, Kreisel ausgegraben, die 5500 Jahre oder älter sind. Auch im alten Ägypten gab es schon Kreisel, manche von ihnen wurden im Grab von König Tut gefunden.

Gewöhnlich braucht ein Kreisel eine Interaktion mit der materiellen Welt. Er braucht eine Unterlage, auf der er kreisen kann, sei das die harte Erde im Irak der Antike oder ein Plastiktisch von Ikea in einer Wohnung von heute. Ein Kreisel erdet die Physik, wie ein Blitzableiter Elektrizität erdet. Und in dieser Interaktion gewinnt stets die materielle Welt. Zuletzt fällt der Kreisel immer um, er gibt der Schwerkraft nach, bis er schief im Dreck liegt.

Fluch der Reibung überwinden

Nicht so der Fidget Spinner. Er ist ein Spielzeug nur für die Hand – für das Individuum. Unsere Ära zeichnet sich nicht dadurch aus, dass Menschen mit der Erde interagieren. Sei es durch libertäre Eigenverantwortung oder die Auflage, autark zu sein: Jedes menschliche Treiben gilt zuallererst als individuelles Treiben – gerade im Westen. Sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen: Dieses Denken beherrscht heute die obersten Ränge des Lebens in den USA – vom Silicon Valley bis ins Weisse Haus. Aber dieses Denken zeigt sich auch in kleineren Notlagen. Wenn es den nichtneurotypischen AnwenderInnen des Fidget Spinner egal ist, ob sein therapeutischer Wert auch wissenschaftlich beglaubigt ist, beharren sie damit auf ihrer individuellen Kompetenz und auf ihrem Recht, sich selber eine Diagnose auszustellen – und sich gleich auch selbst zu behandeln.

In diesem Kontext ist ein Kreisel, der in der Hand kreist, wie ein mechanisches Modell des Sonnensystems im Taschenformat. Der Fidget Spinner ist die stumme Beglaubigung dessen, dass der solitäre, individuelle Körper, der ihn kreisen lässt, ein ganzes Universum zu halten vermag. Das steht nicht etwa im Widerspruch zur Ideologie des Smartphones, sondern es bestätigt diese bloss. Echt und gut und interessant ist all das, was wir bequem in der Hand halten und manipulieren können.

Der Spinner verleiht uns auch das Gefühl, dass das Individuum die Macht hat, die Naturgesetze zu überwinden – wenn auch nur für kurze Zeit. Er sieht aus wie ein einfaches, wertloses Ding aus Plastik, doch in seinem Inneren versteckt ist ein Kugellager, auf dem der Mechanismus rotiert. In einem Universum von Fidget Spinners, so hat man den Eindruck, lässt sich der Fluch der Reibung überwinden, real wie symbolisch. Der technologische Zaubertrick jedoch, der so lange Drehungen überhaupt möglich macht, wird kaschiert, damit es scheint, als ob alles ganz natürlich wäre.

Dabei ist der Fidget Spinner nicht bloss ein Spielzeug. Mindestens so sehr ist er ein Thema im Internet und ein Produkt auf dem Markt. Online wird das Gerät zum #content: geteilte Posts, Tweets und Snaps, zusammen mit Abertausenden von Worten in den traditionellen Medien – inklusive meiner eigenen hier. Alle bemühen sich, jedem Phänomen auf den Grund zu gehen, es zu bewahren, es sich anzueignen. Im Fall des Fidget Spinner bietet der kurze Triumph, Teil der Kommentargemeinde geworden zu sein, auch eine Form von Beistand. In einer Zeit der globalen Unsicherheit, da uns neue Bedrohungen wie ökonomische Prekarisierung, globale Autokratie, Atomkrieg, der Tod des Planeten und der ganze Rest an den Nerven zehren, bietet der Fidget Spinner die Erleichterung eines unernsten, inhaltsleeren Themas, das niemandem wehtut. In einer Zeit, da so viele sich bedroht fühlen, sind da Freihandkreisel mit niedriger Reibung nicht genau das, wofür es sich zu kämpfen lohnt?

Jede Mode ein neuer Juckreiz

Schliesslich adelt der Kommerz den kulturellen Status des Spinner. Denn kein ernst zu nehmender kultureller oder sozialer Trend, ohne dass jemand davon reich wird und jemand anders verliert. Sobald der Trend bis auf den letzten Tropfen gemolken worden ist, wird der Spinner auch wieder abtreten. Es gibt nur einen Traum, der häufiger geträumt wird als der Traum von Wissen und Macht: der Traum, ohne Anstrengung schnell reich zu werden – was heute aufs Gleiche hinausläuft.

Das reinste Medium ist dasjenige, das keinen Inhalt zu transportieren vermag. Für Marshall McLuhan war elektrisches Licht das beste Beispiel dafür. Anders als eine Zeitung oder das Fernsehen verbreitet die Glühbirne weder Bilder noch Ideen oder Informationen, sondern sie verändert die Fähigkeit, zu sehen. Die Nacht wird belebt und in einen Ort verwandelt, wo auch nach Sonnenuntergang gearbeitet werden kann, wo Baseballspiele nicht nur am Wochenende stattfinden können, sondern auch abends unter der Woche. Die globale Wirtschaft, die durch das Internet vernetzt ist, übt heute einen Einfluss aus wie einst das elektrische Licht. Im Fidget Spinner verschmelzen fertigungssynchrone Fabrikation, globale Logistik, Marketing und Medien. Diese Dinger sind nicht dazu da, dass man mit ihnen spielt oder geistig gesund bleibt. Ihr einziger Zweck ist es, die Maschinerie zu ölen, die das Begehren befriedigt, das sie auch erfunden hat.

Mit Werten wie Innovation und Individualismus, für die der Fidget Spinner steht, wird gleichzeitig eine strahlende Zukunft beschworen: lebensverlängernde Technologie, bedarfsgenaue Lieferung und das Hyperloop-Transitsystem des Unternehmers Elon Musk. In Wahrheit aber ist der Fortschritt zum Stillstand gekommen. An seiner Stelle: ein endloses Angebot an Dingen, seien das nun Apps oder Memes oder Kreisel. Jede Mode ein neuer Juckreiz, und wenn man kratzt: eine winzige, vorübergehende Linderung anstelle von viel umfassenderen Freuden.

© 2017 The Atlantic Media Co. Aus dem Englischen von Florian Keller.

Der Philosoph, Literaturwissenschaftler und Videogamedesigner Ian Bogost (40) ist Professor für Interactive Computing am Georgia Institute of Technology. Zuletzt ist von ihm das Buch «Play Anything» (2016) erschienen.

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