Nr. 37/2005 vom 15.09.2005

Käse aus Ägypten

Nach dem Abzug der Israelis bieten sich den PalästinenserInnen Chancen - wenn auch nur kleine.

Von Armin Köhli

Die Menschen aus Gasa wissen sich zu helfen. Sofort nach dem Abzug der Israelis («Flucht» nennt es die islamistische Hamas), mitten im allgemeinen Jubel, machten sie sich daran, die jahrzehntelang von der israelischen Armee hochgesicherte Grenze nach Ägypten zu überwinden. Hunderte kletterten über Sperren und Mauern, rissen sie zum Teil nieder. Sie ahnten, dass den ägyptischen Soldaten die Waffen weniger locker sitzen als den israelischen. Bisher wurde an der Grenze ein Mann erschossen.

Der Drang nach Ägypten hat praktische Gründe. Dort leben ebenfalls palästinensische Flüchtlinge. Früher konnte man den Angehörigen durch den Grenzzaun Neuigkeiten zurufen, doch seit die israelische Armee den Grenzstreifen verbreiterte, gab es keinen Kontakt mehr. Jetzt ging man in Ägypten shoppen und brachte Medikamente oder Käse zurück nach Gasa. Nicht «Terroristen» besorgten sich sofort Waffen, sondern verarmte PalästinenserInnen profitierten von den tieferen Preisen in Ägypten.

Auch in den Trümmern der israelischen Siedlungen halfen sich die PalästinenserInnen selbst. Was noch zu benützen war, wurde geklaut. Der Rest wenn möglich zerstört. Als einzige intakte Gebäude hatte die israelische Regierung zwölf Synagogen hinterlassen. Diese geräumten Synagogen sind keine Gotteshäuser für (sowieso nicht verbliebene) JüdInnen in Gasa, sondern die letzten Symbole der Besetzung. Vier davon wurden von der palästinensischen Polizei nicht rechtzeitig geschützt und von Jugendlichen angezündet. Das war vorhersehbar: Einige PalästinenserInnen spielten den ihnen zugedachten Part der eingeborenen Wilden. Die israelische Empörung darüber ist wenig überzeugend. Auch berichteten palästinensische und israelische Menschenrechtsgruppen in den letzten fünf Jahren mehrfach über zerstörte Moscheen: von Siedlern angezündet, von israelischer Artillerie zerschossen oder von Armeebulldozern platt gewalzt. Und wer sich hierzulande über brennende ehemalige entsetzt, sollte nicht vergessen, dass nicht Schweizer Zöllner aus Liechtenstein abgezogen sind, sondern eine feindliche, Land raubende Armee nach 38 Jahren Besetzung.

In Gasa zeigte sich der Nahostkonflikt in ganzer Schärfe. In diesem elenden Streifen Land von 45 auf 10 Kilometern, halb Wüste, halb Schutthalde und Slum, lebten 1,3 Millionen PalästinenserInnen. Die alten Städte und Dörfer wurden erdrückt durch die nach dem Krieg von 1948 entstandenen Flüchtlingslager und die ständig wachsende Bevölkerung. Rund 8000 israelische SiedlerInnen beanspruchten 35 Prozent des Landes. Nur wenige privilegierte PalästinenserInnen konnten den Streifen überhaupt verlassen. Eine ganze Generation hat nie etwas anderes kennen gelernt. Fanden früher viele Palästinenser Arbeit auf Baustellen in Israel, konnte zuletzt kaum jemand mehr ausreisen. Laut der israelischen Tageszeitung «Haaretz» soll bis in fünf Jahren kein einziger Palästinenser aus Gasa mehr in Israel arbeiten dürfen.

Gasa war der Brennpunkt des Nahostkonflikts. Hier erstarkten die Islamisten, angesichts der inhaltlichen Schwäche der Linken und der korrupten Fatah-Bewegung um Jassir Arafat und dank ihrer Effizienz, sozialen Hilfe und der persönlichen Integrität der Aktivisten und Anführer. Hier trugen immer mehr Frauen ein Kopftuch, hier schlossen Kinos und wurde Alkohol geächtet. Hier freuten sich die Menschen über die ersten Erleichterungen nach den israelisch-palästinensischen Oslo-Abkommen 1993: Plötzlich entstanden kleine Cafés und Spielplätze am Strand, Männer und Frauen badeten wieder im Meer, genossen ihre Wasserpfeifen. Und hier bauten Fatah- und Sicherheitsbonzen nach 1993, mitten in die Armut, ihre Villen. In Gasa zeigte sich auch der unterschiedliche Wert des Lebens von Besetzern und Besetzten. Die Besetzung behandelte die SiedlerInnen als Individuen, mit Recht auf Sicherheit und Entfaltung; die PalästinenserInnen hingegen als amorphe Masse. Die Schikanen und Kollektivstrafen beraubten die Menschen ihrer Persönlichkeit - doch die erkämpften sie sich immer wieder zurück. Der Volksaufstand 1987, die erste Intifada, begann im Flüchtlingslager Dschabalia in Gasa.

Gasa bleibt der Brennpunkt des Nahostkonflikts. Noch ist die Besetzung nicht vorbei, noch sind Grenzübergänge, Meer und Luftraum unter israelischer Kontrolle. Noch gibt es keinen Staat Palästina. Und es ist unklar, wie Israel auf die absehbaren militärischen und terroristischen Aktionen der Hamas-Bewegung reagieren wird. Ebenso wenig klar ist, ob die Autonomiebehörde zu einem halbwegs funktionierenden Apparat wird. Doch seit dem 12. September, seitdem der letzte israelische Soldat abgezogen ist, haben die BewohnerInnen des Gasastreifens die Chance, vor Panzern, Hauszerstörungen, willkürlichen Verhaftungen und gezielten und ungezielten Schüssen geschützt zu sein. Zum ersten Mal haben die Menschen in Gasa eine kleine Chance auf Sicherheit.

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