WOZ Nr. 14/2007 vom 05.04.2007

Chávez wirds schon richten

In der Diskussion um «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» streiten Kooperativen und Staatsverwaltung um den richtigen Kurs: Soll der Sozialismus von oben verordnet werden? Oder unten entstehen?

Von Gerhard Dilger, Mango de Ocoita

In der neuen Fabrikhalle der Kooperative Cacao Oderí wiegen junge Männer und Frauen grobe Jutesäcke voller Kakaobohnen und schütten die Bohnen durch ein Sieb. Nach dem Rösten und Mahlen der Bohnenkerne teilt sich der Produktionsprozess: Einerseits brodelt die flüssige, aus der Kakaomasse gepresste Kakaobutter in blitzenden Bottichen. Andererseits wird das feine, bittere Kakaopulver, gewonnen aus dem Presskuchen der Kakaomasse, in grossen Tüten von fünfzig Kilos und dem Aufdruck «Barlovento-Kakao mit feinem Aroma, 100 Prozent biologisch» abgefüllt.

Der Barlovento (wörtlich: «über dem Wind»), das ist die warme, üppig bewaldete Karibikregion zwei Autostunden nordöstlich von Venezuelas Hauptstadt Caracas. In der Kolonialzeit bauten hier afrikanische SklavInnen den ersten Kakao an. Zu Trinkschokolade weiterverarbeitet, trat das süsse Getränk im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts seinen Siegeszug an.

Noch heute ist Kakao ein begehrter Rohstoff des Südens, noch heute verdienen daran zumeist Konzerne des Nordens - in Venezuela etwa kauft Marktführer Nestlé rund ein Drittel der einheimischen Kakaoproduktion auf. Die Nachkommen der SklavInnen möchten das ändern, ebenso wie die Regierung. Deshalb erhebt sich nun mitten im tropischen Grün die neue Kakaofabrik Cacao Oderí, die Präsident Hugo Chávez Ende Oktober 2006 eingeweiht hat.

49:51

Chávez, dessen überlebensgrosses Konterfei neben einer Kakaobäuerin die Fabrikfassade ziert, hatte im November 2006 per Dekret die Gründung einer sozialistischen Aktiengesellschaft mit dem Namen Cacao Oderí angeordnet. Demnach sollen die organisierten BäuerInnen 49, der Staat 51 Prozent der Anteile bekommen.

In ein paar Jahren soll dort nicht nur Kakao verarbeitet, sondern auch Schokolade hergestellt werden. Geschäftsführer Juan Martínez sagt warum: «Bisher bekommen die venezolanischen Kleinbauern pro Tafel Schokolade nur fünf Prozent des Erlöses. Die Kakaoverarbeitung, wie wir sie hier betreiben, wird uns etwa zehn bis fünfzehn Prozent zusätzlich einbringen. Doch richtig lukrativ ist erst die Schokoladenproduktion mit 35 bis 45 Prozent - der Rest geht an die Händler.»

Doch das ist Zukunftsmusik. Derzeit findet im Barlovento ein zäher Machtkampf zwischen genossenschaftlich organisierten KakaobäuerInnen und den FunktionärInnen des Staatsapparats statt. Es geht um die Kontrolle des Werks. Der Konflikt ist typisch für die Art der Auseinandersetzungen um den richtigen Weg zum «Sozialismus des 21. Jahrhunderts».

Staatliche «Invasion»

«Wir haben die Kakaofabrik hier während sieben Jahren unter grossen Entbehrungen geplant und aufgebaut», sagt Germán Huise. Der Afrovenezolaner arbeitete früher als Tagelöhner für Grossgrundbesitzer und ist mit seinen 56 Jahren einer der Veteranen des Kooperativendachverbands, dem 18 000 BäuerInnen angehören. «Seit fünfzehn Jahren beschäftigen wir uns mit biologischem Landbau und haben immer mehr Kooperativen gebildet», sagt Huise. «2004 hatte Präsident Chávez unser Projekt der Kakaofabrik gutgeheissen.» Mit dem Bau der Fabrik hatten die Kooperativen vor rund einem Jahr begonnen und in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen das ganze Personal ausgebildet. Die bislang in der Fabrik Beschäftigten sind ebenfalls Mitglieder in der Kooperative und haben auf den Vollversammlungen ein Mitspracherecht. Doch dann habe der Staat die Kooperative überrumpelt und 51 Prozent der Fabrikanteile an sich gerissen, sagt Huise. «Jetzt gibt es eine staatliche Invasion, die wollen uns hinausdrängen», sagt er. «So behandelt man die Bauern nicht.»

Der Verwaltungsangestellte Javier Abreu sieht das anders. Bei einer Gesprächsrunde im Werk mit der WOZ plädiert er für Arbeitsteilung: «Jeder hat im Leben eine Rolle, und hier in der Fabrik kommen wir zusammen, um zu siegen», sagt der gelernte Ingenieur zu den KooperativistInnen. «Ich selbst lebe seit 26 Jahren im Barlovento und habe mit euch kämpfen gelernt.» Doch dies hier sei die erste Fabrik mit einer solchen Organisationsform. «Dafür haben wir noch gar keine Gesetze. Wir müssen erst das Fundament legen.»

Deutlicher wird Abreu dann im Büro des Fabrikdirektors: «Um entscheiden zu können, musst du ausgebildet sein. Vater Staat begleitet die Bauern und gibt ihnen das Werkzeug, damit sie vorankommen. Das ist wie bei einem Baby, das laufen lernt.» Auch Edgar Rivas, der von der Regierung als Direktor eingesetzt wurde, spricht von «der allmählichen Übertragung der Verantwortung», also davon, dass das Management schrittweise an die ProduzentInnen übergehen soll. «Doch gerade in der jetzigen Phase brauchen wir auch qualifiziertes Personal von aussen», sagt Rivas.

Lückenhaftes Dekret

Rivas sitzt vor einem roten Che-Guevara-Plakat und verweist darauf, dass gerade in jüngster Zeit viele genossenschaftlich geführte Betriebe gescheitert seien. Er selbst hat das Projekt über mehrere Jahre hinweg begleitet. Sein Credo lautet: «Die Fabrik gehört dem Staat, also allen Venezolanern.» Das sehe auch Chávez so, versichert Rivas, das 51:49-Modell sei eine «Staatsentscheidung» gewesen. «Konflikte mit den Kooperativisten hat es immer gegeben, das ist normal, aber wir haben uns bisher immer wieder zusammengerauft», sagt er. Über die Ziele der Firma sagt er: «Wir streiten darüber, welches Managementmodell effektiver ist und wer die Entscheidungen trifft.» Und darüber, ob über die technischen Fragen des täglichen Betriebs oder die Wartung der Maschinen immer die Vollversammlung der KooperativistInnen oder das fünfköpfige Führungsgremium entscheiden solle. «Das Präsidentendekret lässt all dies offen», sagt er bedauernd.

Die Fabrik selbst läuft bisher auf Sparflamme. «Erst vor kurzem haben wir die Einarbeitung des Personals abgeschlossen», sagt Juan Martínez, der von den KooperativistInnen eingesetzte Geschäftsführer. Gut zwei Drittel der angelieferten 180 Tonnen Kakaobohnen seien bisher verarbeitet worden - zu Kakaomasse, -butter und -pulver. Die Tagesproduktion beläuft sich auf zwei bis vier Tonnen, möglich wären acht. Der 47-jährige Martínez, der auf einem Siebenhektargrundstück in der Nähe der Fabrik Kakao und Gemüse anbaut, stellt klar: «Wir verwalten die Fabrik bis heute alleine. Die Staatsfunktionäre, die seit November hier sind, agieren wie eine Besatzungsmacht, doch solange die Anlagen unter unseren Namen laufen, können sie nichts machen».

Agrarminister Elías Jaua sei von seiner Zusage abgerückt, die Fabrik nach einer Übergangsphase der staatlichen Mitbestimmung und Mehrheitskontrolle von vier Jahren wieder den Kooperativen zu übergeben, sagt Martínez: «Er will uns zu Lohnempfängern degradieren, das ist überholter Staatskapitalismus. Für uns dagegen heisst Sozialismus Selbstverwaltung.» Doch solange der Minister an seiner Blockade festhalte, wollen sie die Firma nicht im Handelsregister eintragen lassen, denn damit würden sie das 49:51-Modell dauerhaft annehmen. Da den KooperativistInnen deswegen allerdings die notwendigen Bewilligungen fehlen, können sie ausserhalb des lokalen Marktes nichts von ihren Produkten verkaufen.

Neue Bourgeoisie

Weil es den KooperativistInnen nicht gelungen ist, direkt zu Chávez vorzudringen, haben sie ihren Konflikt in der Tageszeitung «Últimas Noticias» und im Internet an die Öffentlichkeit gebracht. «Damit wollen wir eine breitere Debatte über den Sozialismus und sozialistische Betriebe anstossen», sagt der Ökonom José Bonilla, neben Martínez der wichtigste Stratege der KooperativistInnen. «Viele Basisgruppen wehren sich gegen die übermässige Einmischung des Staates, der neuen bolivarianischen Bourgeoisie.»

Ebenso wie die Gegenseite möchten Martínez und Bonilla die kommunalen Räte vor Ort für ihr Modell gewinnen. Diese Räte, in denen sich BürgerInnen ab fünfzehn Jahren betätigen können, sollen staatliche Projekte auf lokaler Ebene umsetzen und kontrollieren - von der Trinkwasserversorgung bis zur Gesundheitsversorgung. Hugo Chávez hat sie Anfang dieses Jahres zum «fünften Motor der Revolution» ausgerufen, um Korruption und Bürokratie in den Gemeindeverwaltungen auszuhebeln. Doch wie das genau funktionieren soll, ist unklar. KrtikerInnen sehen darin einen weiteren Machthebel des Staatschefs. «Das ist Sozialismus von unten», lautet dagegen Bonillas bewusst optimistische Interpretation, «der Ansatz des Präsidenten deckt sich mit dem Konzept der Kommunen, das wir in den letzten Jahren für den Barlovento entwickelt haben.»

Die Kakaofabrik ist darin nur ein Baustein, eingebettet in «umfassende kommunale Bauernhöfe», über die Grossgrundbesitz und Kakaomonokulturen überwunden werden sollen. All das passt gut zur Entwicklung der Landwirtschaft, mit der Chávez versucht, die einseitige Ausrichtung Venezuelas auf das Erdöl abzubauen. Doch Bonilla will mehr: «Sämtliche Produktionsmittel muss das Volk direkt verwalten, ebenso die sozialen Dienste wie Bildung und Gesundheit. Das ist unvereinbar mit der staatsfixierten Sichtweise der Bürokraten.»

Agrarminister Jaua ist mittlerweile zur Gegenoffensive übergegangen. Auf einer Pressekonferenz trat er zusammen mit KakaobäuerInnen auf, die sich durch die Kooperative nicht vertreten fühlen und Martínez' Rücktritt fordern. Das Regionalblatt «La Voz» zitierte «unabhängige» BäuerInnen: «Ich war Mitglied der Kooperativen, ich weiss, dass sie nicht für die Kakaobauern des Barlovento arbeiten und nicht dem sozialistischen System entsprechen.» Jaua forderte gleichzeitig ein Eingreifen der Justiz, «um die Kakaofabrik ein für alle Mal in Gang zu bringen». In der gleichen Zeitung erwiderten Martínez und Bonilla: «Der Minister will die Öffentlichkeit täuschen, so wie er es mit Präsident Chávez und den Kooperativen versucht hat, als er einen Mitbestimmungskompromiss vorgetäuscht hat», und warfen Jaua «Lügen» und «Erpressung» vor.

«Mit ihrem Versuch, uns in den Gemeinschaften anzuschwärzen, werden sie scheitern», sagt Martínez zuversichtlich. «Das ist unser Terrain, wir leben hier, wir sprechen die Sprache des Volkes. Sie dagegen kommen, gehen und kehren nicht mehr zurück.» Sie seien in den Institutionen und in den Medien stärker, doch letztlich liege die Entscheidung beim Staatschef, sagt Martínez, «und der ist ein guter Zeitungsleser».

Die Einmannrevolution

Hugo Chávez hat es eilig: Nach seinem klaren Wahlsieg im Dezember 2006 treibt der Linksnationalist die Machtkonzentration auf die Spitze. Achtzehn Monate lang kann er nun per Dekret regieren. Verdiente MitstreiterInnen im Kabinett hatte er aufs Altenteil geschickt. Durch die ständige Rotation im Staatsapparat wirbelt er Seilschaften durcheinander, schaltet Widerspruch aus und verhindert, dass sich einigermassen effiziente Verwaltungsstrukturen herausbilden können. Gerade versucht Chávez, drei kleinere Koalitionsparteien in die geplante Sozialistische Einheitspartei Venezuelas zu drängen: Wer nicht mitmacht, muss aus der Regierung ausscheiden. Seine ideologische Offensive unterfütterte er bisher bis zu fünfmal pro Woche über die Radio- und Fernsehshow «Aló Presidente».

Unbequeme, erfolglose oder korrupte MandatsträgerInnen müssen sich 2007 zudem gleich reihenweise Rückrufreferenden stellen, die laut Verfassung nach der Hälfte ihrer Amtszeit beantragt werden können. Dank seines charismatischen Führungsstils und nach wie vor üppigen Sozialausgaben bleibt Chávez bis auf weiteres der Hoffnungsträger für Millionen Arme. Die bürgerliche Opposition ist chancenlos. Unübersehbar macht sich aber auch eine neureiche Oberschicht breit, Korruption und Kriminalität blühen wie eh und je. Ein Graffito in Caracas spricht vielen VenezolanerInnen aus der Seele: «Es lebe Chávez - nieder mit der Regierung!»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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