Nr. 40/2008 vom 02.10.2008

Der problematische Stern

Als der Ökonom Nicholas Stern vor zwei Jahren seine Studie zum Klimawandel vorlegte, reagierten UmweltschützerInnen begeistert. Sie hätten genauer hinschauen sollen, argumentiert WOZ-Autor Marcel Hänggi in seinem Buch. Ein Vorabdruck.

Von Marcel Hänggi

Am 30. Oktober 2007 präsentierte die britische Regierung eine Studie, die der frühere Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern und sein Team in ihrem Auftrag verfasst hatten. Ihre wichtigsten Aussagen lauteten: Die wissenschaftlichen Beweise für den Klimawandel sind «überwältigend». Die Folgen des Klimawandels werden, wenn nicht gehandelt wird, jährlich mindestens fünf Prozent, möglicherweise aber auch zwanzig Prozent oder mehr des globalen Bruttoinlandprodukts (BIP) kosten, «jetzt und für immer». Demgegenüber kämen die Massnahmen, die die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels verhindern können, auf etwa ein Prozent des globalen BIP zu stehen. Weiter schreibt Stern: «Die Bekämpfung des Klimawandels ist langfristig gesehen eine Pro-Wachstum-Strategie.»

Was es kostet, was es nützt

Viele, die sich seit langem für ein Handeln gegen den Klimawandel eingesetzt hatten, begrüssten den Bericht enthusiastisch. Die britische Tageszeitung «The Guardian» nannte Stern einen «Rockstar des Klimawandels». Lieferte doch der Stern-Bericht Argumente, die auch Menschen überzeugen müssten, die nur an Geld und Gewinn denken. Umweltschützer begannen, ökonomisch zu argumentieren nach dem Motto: Man muss die Sprache derer sprechen, die man überzeugen will. Muss man? Und was ist der Preis, den man zahlt, wenn man sich auf diese Argumentation einlässt?

Stern hat eine sogenannte Kosten-Nutzen-Analyse vorgelegt. Solche Analysen versuchen, objektive Grundlagen für politische Entscheide wissenschaftlich herzuleiten, frei von weltanschaulichen Annahmen. Doch jede Kosten-Nutzen-Analyse impliziert weltanschauliche Voraussetzungen - gut versteckt hinter Zahlen.

Der prominenteste Vertreter der Kosten-Nutzen-Analyse in der Klimaökonomie ist William Nordhaus von der Yale University (New Haven, USA). Seine Analysen bilden eine wichtige Grundlage der US-amerikanischen Position in den internationalen Verhandlungen zum Klimawandel. Doch Nordhaus’ Resultate sind denen Sterns ziemlich genau entgegengesetzt: Stern sieht bescheidene Kosten von Klimaschutzmassnahmen und einen grossen Nutzen, Nordhaus sieht hohe Kosten und einen geringen Nutzen.

Golfen oder verhungern

Damit Kosten-Nutzen-Analysen Sinn ergeben, müssen sich Kosten und Nutzen einigermassen passabel abschätzen lassen. Dass Nordhaus und Stern zu so unterschiedlichen Resultaten kommen, lässt schon einmal an der Tauglichkeit dieser Methode im Kontext des Klimawandels zweifeln. Weitere krass unterschiedliche Einschätzungen liessen sich nennen: Für die Schäden, die eine zusätzliche Tonne CO2 verursacht, kommen die Studien, die das Expertengremium der Uno für den Klimawandel (IPCC) für seinen Bericht von 1995 ausgewertet hat, zu Werten von 5 bis 125 Dollar!

Kosten-Nutzen-Analysen sind extrem stark von den Annahmen abhängig, von denen ein Analytiker ausgeht. Viele der verwendeten Werte sind über den Daumen gepeilt. So berechnen Nordhaus und andere Klimaökonomen Vorteile des Klimawandels für Sport und Freizeit: Wenn es wärmer ist, kann man häufiger campen, Golf spielen, wandern!

Clive Spash von der australischen Wissenschaftsagentur CSIRO bemerkt dazu: «Für den grössten Teil der Weltbevölkerung dürfte nicht ein Mangel an sonnigen Tagen der wichtigste Faktor sein, der die Freizeitaktivitäten begrenzt. Sondern der Kampf ums Überleben.» Die Aufnahme der «Freizeitgewinne» in die Analyse heisst nichts anderes, als dass mehr Tote dadurch aufgewogen werden, dass öfter ohne Regenschirm Golf gespielt werden kann. Nordhaus setzt etwa die «Freizeitgewinne» in China dreimal so hoch an wie die chinesischen Verluste durch gesteigerte Sterblichkeit und Krankheitsanfälligkeit.

Am meisten wird zwischen den Kosten-Nutzen-Analytikern um die Frage gestritten, wie die Zukunft zu bewerten sei. Es ist in der Ökonomie üblich, künftige Werte zu «diskontieren» (abzuwerten). Was in Zukunft geschieht, dessen Wert - ob Kosten oder Nutzen - wird um einen bestimmten Prozentsatz pro Jahr reduziert. Üblich ist, mit Diskontraten von ein paar Prozent pro Jahr zu rechnen. Buchhalterisch ist das korrekt, aber es hat weitreichende ethische Implikationen: Eine Diskontrate von drei Prozent bedeutet, dass Schäden, die in siebzehn Jahren auftreten, nur noch zur Hälfte zählen; was in fünfzig Jahren der Fall sein wird, schlägt noch mit einem Achtel zu Buche, und was in hundert Jahren sein wird, ist vernachlässigbar. Wer Kosten-Nutzen-Analysen mit solchen Diskontraten einer globalen Politik zugrunde legt, entscheidet sich dafür, die Interessen künftiger Generationen praktisch zu ignorieren.

Damit sind aber noch nicht alle Probleme angesprochen. Geht es nämlich um den Klimawandel, so sind gewisse Faktoren, die zur Berechnung nötig wären, unbekannt. Einige davon lassen sich als Risiken behandeln, so, wie das Versicherungen tun: Erfahrungswerte geben einen Hinweis darauf, als wie wahrscheinlich ein Ereignis einzuschätzen ist; diese Wahrscheinlichkeit, multipliziert mit der zu erwartenden Schadenshöhe, ergibt das Risiko.

Blinder Marktglaube überall

Die Risikoanalyse (und auch das IPCC) unterscheidet aber zwischen (berechenbaren) Risiken einerseits und Ungewissheiten, zu deren Abschätzung das Wissen fehlt, andererseits. Mit Ungewissheiten lässt sich keine Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellen. Kosten-Nutzen-Analysen behandeln Ungewissheiten einfach wie Risiken und weisen ihnen eine willkürliche Wahrscheinlichkeit zu.

Völlig unberücksichtigt lassen die Analysen schliesslich eine positive Nebenwirkung von Klimaschutzmassnahmen: Wer seinen Verbrauch an Fossilenergie reduziert, ist besser auf die Zeit vorbereitet, in der die Vorräte dieser Energieträger zur Neige gehen. Das müsste als ein Nutzen von Klimapolitik in die Rechnung einfliessen.

Dass es nicht geschieht, ist aber folgerichtig: Für hartgesottene neoklassische Ökonomen gibt es kein Ressourcenproblem, denn Angebot und Nachfrage regeln sich über den Marktpreis von allein. Ist man weniger marktgläubig und blickt stärker auf die Realität, dann dürfte dieser vernachlässigte Punkt hingegen entscheidend für das Resultat einer Kosten-Nutzen-Abschätzung sein.

Das IPCC bezweifelt die Tauglichkeit der Methode: Für die «meisten ökonomischen Analysen» sei «fraglich», ob Nutzen und Kosten abgeschätzt werden könnten. Lakonisch schrieb es in einem seiner früheren Berichte: «Die Abschätzung der sozioökonomischen Folgen des Klimawandels sind von ziemlich bescheidenem Niveau.»

Das IPCC versucht aber zu benennen, wie teuer Massnahmen kämen, mit denen die Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre auf verschiedenen Niveaus stabilisiert werden könnte. Und dabei geht das IPCC, das den Auftrag hat, politisch neutral zu sein, implizit von derselben Wertannahme aus, die Stern explizit nennt. Es rechnet nämlich vor, um wie viel das BIP-Wachstum durch Klimaschutzmassnahmen gebremst würde. Wenn ein Minderwachstum des BIPs als Kosten ausgewiesen wird, dann gilt BIP-Wachstum als per se gut.

Das IPCC schätzt in seinem jüngsten Bericht, dass Massnahmen, die die Erwärmung auf rund zwei Grad begrenzen, das Wachstum um weniger als 0,12 Prozent pro Jahr verringern. Das liegt unterhalb der Wahrnehmbarkeitsschwelle und weit unterhalb der jährlichen Schwankungen. Dennoch protestierte ein Regierungssprecher der USA postwendend, 0,12 Prozent seien zu viel. Man kann aber nicht ernsthaft gegen etwas sein, dessen Auswirkungen nicht wahrnehmbar sind. Deshalb ist der ganze Zahlenstreit vermutlich ein Scheingefecht.

Wachstum überdenken

Nicht so sehr die Sorge um die Weltwirtschaft dürfte die USA bewegen. Die USA (und andere Länder mit sehr CO2-intensiven Volkswirtschaften) ziehen einen Wettbewerbsvorteil daraus, dass sie billiges Öl verbrennen. Von diesem Vorteil müssten sie etwas abgeben, während Volkswirtschaften, die weniger Öl, Gas und Kohle konsumieren, gewännen. Das wäre spürbar, nicht die 0,12 Prozent Minderwachstum.

Wer für einen wirksamen Klimaschutz einsteht und mit Stern argumentiert, lässt sich also nicht nur möglicherweise auf ein Scheingefecht ein. Er lässt sich auch auf eine Logik ein, die Schäden und Vorteile verschiedenster Art für miteinander verrechenbar hält, die Gewissheit suggeriert, wo solche nicht zu haben ist, und die blind ist für Fragen der Verteilgerechtigkeit.

Und er gerät in argumentative Zwänge: Er muss den Optimismus des IPCC teilen, weil er sich sonst ins Nordhaus-Lager setzt. Wer heute mit Stern sagt, Klimaschutz sei die «Pro-Wachstum-Strategie», der kann nicht morgen kommen und sagen: Vielleicht müssten wir auch mal unser Wachstum überdenken.

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