Nr. 15/2009 vom 09.04.2009

«Gewissen Leuten verzeiht man nicht einmal den Tod»

Wie Res Strehle, künftiger Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», und Markus Somm, aktueller stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche», 1993 in der WOZ den bewaffneten Kampf verteidigten.

Von Daniel Ryser

Diese Geschichte geistert seit Jahren auf der WOZ herum. Dabei muss ich sagen: Ich kannte Barbara Kistler nicht. Ich kenne Res Strehle nicht. Mit Markus Somm trank ich einmal Kaffee. Die alten Aushängeschilder der radikalen linken Szene, die dann in Leserbriefen die WOZ angriffen, kenne ich nur vom Hörensagen, ausser Marcel Bosonnet, den Anwalt; ihn traf ich einst im Zusammenhang mit einer Geschichte über einen in der Schweiz inhaftierten politischen Flüchtling. Es gibt eine Geschichte, die sie alle verbindet. Eine Geschichte, die der WOZ in der radikalen linken Szene derart viel Schimpf und Schande eingebracht hat, dass das Dossier bis heute unangerührt liegen blieb. Auf dem Dossier steht: Kistler/Strehle.

Barbara Kistler war eine linksradikale Zürcherin. Sie verliess die Schweiz in Richtung Türkei, um dort als Mitglied der TKP-ML (Türkiye Komünist Partisi Marksist-Leninist) für die Revolution zu kämpfen. Im Februar 1993 starb sie. Aus ihrem Umfeld war damals zu vernehmen, sie sei an der Seite linker Rebellen gefallen, und zwar während eines mehrtägigen Gefechts im Kampf mit dem türkischen Militär.

«Weder Kugeln noch Eure Tinte ...»

Ein Nachruf für die WOZ wurde geschrieben. Die WOZ lehnte es ab, ihn auf der Frontseite zu drucken. Stattdessen publizierte sie dort am 26. Februar einen journalistischen Text von WOZ-Redaktorin Susan Boos und dem Türkei-Korrespondenten Ömer Erzeren, der zwar den Tod vermeldete und den Schweizer Behörden eine fragwürdige Rolle bei einer früheren Verhaftung Kistlers in der Türkei vorwarf, bei der sie auch gefoltert worden sein soll. Der Text warf aber auch die Frage auf, ob Kistler tatsächlich in einem Gefecht erschossen wurde. Weder Menschenrechtsgruppen noch Behörden hätten laut WOZ-Recherchen ein Gefecht aus der betroffenen Region gemeldet.

Damit zog die WOZ den grossen (Leserbrief-)Zorn der Szene auf sich: «Lügenhafter Artikel!» - «Bedingungsloses Arrangement mit dem herrschenden System!» - «Euer Artikel erinnert mich fatal an Fotos, die aus politischen Gründen retuschiert und gefälscht wurden.»  - «Kleinstbürgerliche Provenienz!»  - «Ihr verhöhnt sie in Eurem dreckigen Artikel.» - «Ein Schlag ins Gesicht der Trauernden.» - «Es hätte der WOZ gut angestanden, der Geschichte von Barbara Achtung entgegenzubringen.» - «Ich bin - und dies nicht zum ersten Mal - über Euer Blatt masslos enttäuscht.» - «Weder die Kugeln noch Eure Tinte können dem Kampf von Barbara ein Ende setzen!» - «Ich würde mein WOZ-Abo künden, wenn ich eins hätte!» - «Ich bin empört!» - «Entweder ist man ein Teil der Lösung; oder man ist ein Teil des Problems. Eine Frage, die sich die WOZ eigentlich gerade jetzt zu diesem Zeitpunkt stellen müsste.» Und dann steht in einem Brief: «Ich habe den Konflikt um den Artikel von Res Strehle mitbekommen und finde Eure Haltung absolut unverständlich.»

Res Strehle war 1981 WOZ-Mitgründer und sitzt seit Jahren in Chefredaktionen der Tamedia, ab 1. Mai 2009 wird er Ko-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers». Von Res Strehle stammte der Nachruf, den die WOZ nicht auf der Seite 1 abdrucken wollte, dies, wie Strehle eine Woche später schreiben sollte, «mit der Begründung, er sei zu pathetisch und zu wenig recherchiert. Stattdessen verfasste sie - unter Verwendung einzelner Fakten - einen eigenen Text, der jegliche Solidarität vermissen liess.»

Dann, in der WOZ vom 5. März 1993, wurde der von Res Strehle verfasste Nachruf auf Barbara Kistler doch noch abgedruckt. Strehle, laut ehemaligen WOZ-KollegInnen ein «brillanter Kopf», fungierte in einem Parallelleben als intellektueller Vordenker der Zürcher Autonomen. Bis in die späten neunziger Jahre, als er «WOZ», «Weltwoche», «Facts» schon hinter sich hatte und den Chefsessel des «Magazins» übernahm, referierte er vor Kleingruppen und schrieb Bücher zu Kapital und Krise.

Ein wenig vom Ton überrascht war ich als 29-Jähriger dennoch, als ich dieser Tage Strehles Kistler-Nachruf las. Dabei war es doch das «Magazin», das 2007 unter Strehles Leitung kurzerhand ein vertrauliches Interview-Vorgespräch mit der äusserst medienscheuen Andrea Stauffacher vom Revolutionären Aufbau publizierte. Als ich - empört über diese journalistische Feigheit - mir die Mühe machte, Stauffacher zu überzeugen, der WOZ in einem Interview kritische Fragen zu beantworten, schrieb der «Tages-Anzeiger», ich hätte Stauffachers Interview «in Achtungstellung entgegengenommen».

«Barbara presente!»

Am 5. März 1993 schrieb der damals 42-jährige Res Strehle in seinem Nachruf auf Barbara Kistler: «Wir hören, dass Barbara tot ist, gestorben an schweren Verletzungen nach einem Feuergefecht mit der türkischen Armee in den Bergen oberhalb von Tunceli. Sie ist nicht im Bett gestorben, wie es ihr grösster Horror war, sondern mit der Waffe in der Hand, wie es ihr Wunsch war. Nach dem dreitägigen Gefecht hat sich ihre Gruppe mit drei Toten und dreissig zum Teil schwer verletzten KämpferInnen zurückziehen können. Babs ist nicht in die Hände der Armee gefallen, wenigstens das nicht. Mit der Konsequenz ihres Handelns hat sie für viele GenossInnen und FreundInnen einen Massstab gesetzt. Barbara presente!»

Tags darauf, am 6. März 1993, griff als Leserbriefschreiber Markus Somm in die Tasten, heute stellvertretender Chefredaktor der rechten «Weltwoche» und Blocher-Biograf, damals, 1993, ein linker Student. Somm schrieb: «Gewissen Leuten verzeiht man offenbar nicht einmal den Tod. Alle, die wissen wollen, wie man mit politisch Andersdenkenden umspringt, die endlich tot sind, können hier was lernen: So bist du fies, mies, und keiner merkts so richtig. Ein beeindruckender sensibler Nachruf von Res Strehle erscheint, und überrascht erfährt man, dass dieser Artikel viel zu pathetisch ist und Gott sei Dank eine Woche zuvor kurzfristig aus der Zeitung gekippt wurde. Über den politischen Standort der WOZ war man schon verunsichert genug, jetzt muss man zusätzlich an den journalistischen Qualitätsstandards zweifeln: hier das hilflose Knirschen von Susan Boos, dort der Text von Res Strehle, der dem politischen Weg einer aussergewöhnlich mutigen Frau folgt, die für ihren politischen Kampf andere Mittel wählte als Lichterketten und Versöhnungsteerunden.» Markus Somm bestätigt der WOZ, diese Zeilen verfasst zu haben, möchte sich aber zur Geschichte nicht weiter äussern.

«Die WOZ hatte angezweifelt, dass Barbara Kistler überhaupt tot war. Das hat die Angehörigen erzürnt», sagt Res Strehle heute. Sein Nachruf sei pathetisch geworden, «wie das ist, wenn eine gute Bekannte stirbt». Er sei deshalb nicht sehr erstaunt gewesen, dass die WOZ den Text damals ablehnte. Die Frage, wann ein bewaffneter Kampf gegen ein Regime gerechtfertigt sei - etwa in Nazideutschland -, sei aber eine ganz andere und nicht auf die Schnelle zu beantworten. «Man müsste dazu beurteilen, ob die Türkei schon 1993 eine Demokratie war oder noch eher eine Militärdiktatur», sagt Strehle.

Mal der Linke, mal der Rechte

Der Verfasser des «beeindruckend sensiblen» Nachrufs ist ab 1. Mai 2009 Ko-Chefredaktor der Forumszeitung «Tages-Anzeiger», zusammen mit dem als rechts geltenden (und schreibenden) Zürcher Markus Eisenhut. Bereits hat man verkündet, je nach Thema den linken oder den rechten Teil der Chefredaktion in die «Arena» zu schicken.

Somm sitzt in der Chefredaktion der «Weltwoche», die wohl von Christoph Blocher mitfinanziert wird und von der es inzwischen heisst, SVP-Rechtsaussen Christoph Mörgeli sei der heimliche Blattmacher.

Susan Boos, die heutige WOZ-Redaktionsleiterin, ist die Einzige der drei hier aufgeführten SchreiberInnen, die 1993 auf radikale Worte verzichtete. Von den beiden anderen wurde sie damals scharf kritisiert - für ihren «unklaren politischen Standpunkt».

 

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