Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

Manchmal fühlt sie sich wie eine moderne Doña Quijota

Die indische Umweltaktivistin Sunita Narain kämpft seit über zwanzig Jahren für eine gerechte Verteilung der Lasten im Kampf um die Erhaltung der natürlichen Ressourcen und gegen den Klimawandel.

Von Wolfgang Pomrehn

Wenn derzeit an die 50 000 Delegierte, Beobachterinnen, Journalisten und Vertreterinnen von Nichtregierungsorganisationen nach Rio de Janeiro strömen, dann ist darunter auch mancher Veteran und manche Veteranin der internationalen Verhandlungen. Zum Beispiel eine kleine, ungeheuer energetische Frau, der man den Einfluss, den sie auf die internationale Entwicklungs- und Umweltpolitik in den letzten beiden Jahrzehnten genommen hat, nicht unbedingt ansieht. Einfluss freilich, der weder auf Macht noch auf Strippenziehen hinter den Kulissen beruht, sondern allein auf unermüdlichem Einsatz, klaren Analysen und messerscharfer Argumentation. Sunita Narain ist schon 1992 beim grossen Erdgipfel in Rio dabei gewesen und seither bei zahlreichen Umweltgipfeln. Nicht zuletzt bei den Verhandlungen über das Kyoto-Protokoll, das den globalen Klimaschutz mehr schlecht als recht regelt, profilierte sie sich als Streiterin für die Interessen der Entwicklungsländer und der Armen.

Umweltschutz und lokale Demokratie

Schon während ihrer Studienzeit in Delhi, wo sie Ökonomie büffelte, kam Sunita Narain mit der Umweltbewegung in Berührung, als diese noch in ihren zarten Anfängen war. «Das war in den achtziger Jahren. In dieser Zeit gab es in Indien noch kein Umweltschutzbewusstsein. Aber es war eine Zeit, in der die Frauen im Himalaya gegen das Fällen von Bäumen protestierten», erinnert sie sich. «Als Studentin besuchte ich ihre Dörfer und lernte, dass die Umwelt wichtig für die Armen war. Für sie ging es darum, die lokale Ökonomie zu entwickeln. Die Frauen forderten das Recht, über ihre lokalen Ressourcen bestimmen zu können. Ich lernte, dass Umweltschutz etwas mit lokaler Demokratie zu tun hat.»

Von da war es ein kurzer Weg zum Centre for Science and Environment (CSE), dem Zentrum für Wissenschaft und Umwelt in Delhi, das Narain mit aufbaute und dessen Direktorin sie heute ist. 1991 veröffentlichte sie gemeinsam mit dem vormaligen CSE-Direktor, dem früh verstorbenen Anil Agarwal, die Schrift «Globale Erwärmung in einer ungleichen Welt». Detailliert und genau zeigten die beiden darin auf, wie sehr der reiche Norden seine Industrialisierung auch auf Kosten der Umwelt im Rest der Welt vorangetrieben hat. Mit einleuchtenden Berechnungen belegten sie, dass das Gleichgewicht der Atmosphäre längst aus den Angeln gehoben wäre, wenn alle Welt so mit ihr umgehen würde, wie es sich die Industriestaaten herausnehmen.

«Mein Interesse am Klimawandel begann mit der Suche nach Gerechtigkeit», erzählt Narain. «Anil Agarwal und ich hatten uns in den späten achtziger Jahren mit der Frage beschäftigt, wie man öffentliches Land, das durch Entwaldung oder Übernutzung in Mitleidenschaft gezogen worden war, wieder aufwerten konnte. Wir begriffen sehr schnell, dass es auch um Fragen der lokalen Demokratie ging. Ohne Teilhabe der lokalen Gemeinschaften konnte die Aufforstung nicht funktionieren, und dafür musste es faire Regeln geben.»

Den globalen Raum aufteilen

Mit dem Klimawandel, das lernten Narain und ihre KollegInnen schnell, verhielt es sich nicht viel anders. Auch hier lässt sich nur etwas bewirken, wenn die Rechte der Armen respektiert werden, wenn ihnen ein Weg aus der Armut möglich gemacht wird. «Bei den Klimaverhandlungen», so Narain, «geht es nicht nur um die Minderung von Emissionen. Es geht auch immer um das Recht auf Entwicklung.» Im Grunde, so Narain, geht es darum, den globalen Raum aufzuteilen. Die weltweiten Emissionen werden zu rund fünfzig Prozent in der Atmosphäre angereichert, die andere Hälfte wird von der Biosphäre und den Ozeanen aufgenommen. Eine drastische Reduktion der Emissionen ist umso dringender, als auch die CO2-Aufnahme der Ozeane ein grosses Problem ist: Sie lässt die Meere zunehmend versauern.

Die Frage ist also, wie diese noch erlaubten Emissionen zwischen den Staaten verteilt werden. Inzwischen haben auch viele Umweltorganisationen in den Industriestaaten begriffen, dass es dabei unbedingt gerecht zugehen muss. Diese Einsicht ist nicht zuletzt ein Verdienst von Sunita Narain, die nicht nur in Indien mit ihrem Institut Aufklärungsarbeit leistet und für sauberes Wasser und saubere Luft kämpft, sondern unermüdlich von Konferenz zu Konferenz reist und auch in Europa und Nordamerika immer wieder für ihre Positionen streitet.

Fühlt man sich da nicht manchmal wie eine moderne Doña Quijota? «Ja und nein. Wir haben einiges erreicht seit 1992, aber vieles bleibt zu tun. Die Emissionen müssen in den nächsten Jahren ihren Höhepunkt überschreiten und wieder zurückgehen. Unsere Verantwortung ist es, dafür zu sorgen.»

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