Nr. 26/2012 vom 28.06.2012

Die Spur der Kronkorken

«Saufen für den Regenwald» ist eine der erfolgreichsten Ökoimagekampagnen im deutschsprachigen Raum: Die Krombacher-Brauerei schützt mithilfe des WWF das Klima. Das Imageproblem hat inzwischen der WWF.

Von Bernhard Pötter, Palangka Raya

Pro Flasche ein Quadratmeter Klimaschutz verprochen: Krombacher-PR-Foto aus dem Sebangau-Nationalpark auf der indonesischen Insel Borneo. Foto: Brauerei Krombacher

Bevor am Sonntagabend Mord und Totschlag angesagt ist, gibts noch ein kleines Stück heile Welt: einen paradiesischen See in der Sonne, eine Insel und tiefgrüne Wälder. Zum ARD-«Tatort» wünscht die deutsche Krombacher-Brauerei «spannende Unterhaltung».

Sonne, Wasser und Bäume gibt es auch rund um Franz-Josef Weihrauch. Der Pressesprecher des Bierkonzerns Krombacher steht bis zu den Knien im Schlamm, aus dem Wasser ragen verbrannte Baumstümpfe. Weihrauch steht an einem ganz speziellen Tatort, 11 500  Kilometer südöstlich der ARD-Szenerie: Massakriert worden ist hier der Regenwald. Jetzt ist der Sebangau-Nationalpark im Süden Borneos die Szenerie für die grösste Umwelt- und Werbeaktion im deutschsprachigen Raum. Krombacher, Nummer eins beim deutschen Bier, und der WWF Deutschland, Nummer eins beim Umweltschutz, wollen gemeinsam das Klima schützen. Und ihr Image aufpolieren.

Moore retten in Indonesien

Eine Stunde dauert die Fahrt von Kereng Bengkirai auf dem Sebangau-Fluss bis ins Rasau-Gebiet. Die weite Flusslandschaft sieht aus wie eine grüne Oase. Aber sie ist eine ökologische Trümmerwüste. Hier stand einmal dichter Regenwald, bis die indonesische Regierung Holzlizenzen vergab. Auf einer Fläche fast halb so gross wie die Schweiz wurde das Moorgebiet mit seinem dichten Regenwald entwässert, abgeholzt und niedergebrannt.

Entstanden ist ein gigantischer Klimahotspot: Der Kohlenstoff, der sich über Jahrtausende in den Moorböden angesammelt hat, gast bei Trockenlegung der Gebiete aus. Weltweit steigen aus nur 0,3 Prozent der Landfläche sechs Prozent der menschgemachten Treibhausgase. Und weil überall in Indonesien der Wald für Holz und Palmölplantagen gerodet und die Moorböden trockengelegt werden, ist das Land hinter China und den USA zum drittgrössten Verschmutzer mit Treibhausgasen geworden.

Einen Deckel auf diesen Schlot zu legen, ist relativ einfach, wie Projektleiter Adventus Panda vom WWF Indonesien zeigt. Mitten im Sumpf haben die Umweltschützer eine Holzfällerhütte zu einem Camp umgebaut. Eine Baumschule produziert Setzlinge für die Aufforstung. Auf der Terrasse bewirtet der WWF prominente Gäste wie Arnold Schwarzenegger oder Ban Ki-Moon. Hier können sie den Damm bestaunen, den Panda und seine Helfer in den zehn Meter breiten Entwässerungskanal getrieben haben. «Im ganzen Gebiet haben wir 500 Dämme gebaut und den Wasserpegel um einen Meter gehoben.»

Mehr Wasser heisst weniger CO2-Emissionen. Bisher sind das nach WWF-Berechnungen 260 000  Tonnen. Und das zu einem unschlagbaren Preis: Die vermiedene Tonne CO2 in Sebangau kostet etwa 1,50 Euro. Im europäischen Emissionshandel zahlt man dafür sieben Euro, bei Wärmedämmung an Fassaden etwa fünfzig Euro. Um diesen Effekt fürs Klima sicher belegen zu können, leisten sich WWF und Krombacher ein Zertifizierungsverfahren vom deutschen Sicherheitsprüfer Tüv. Tatsächlich gilt die Wiedervernässung von Mooren als eine der günstigsten Massnahmen zum Klimaschutz.

Mehr als ein Greenwashing?

Deutschland ist zur Fussball-EM mit Krombacher-Plakaten gepflastert. Die Kooperation mit dem WWF läuft bereits seit zehn Jahren. Sechs Millionen Euro haben die Brauer als Klimadividende bisher gespendet. «Saufen für den Regenwald», wie das Programm gern bespöttelt wird, begann 2002 in Zentralafrika. Im Dzanga-Sangha-Gebiet, so warb damals TV-Star Günther Jauch, wurde für jeden verkauften Kasten Krombacher ein Quadratmeter Regenwald geschützt. Für die Bierbrauer ein Erfolg, der sich in steigendem Absatz ausdrückt, wie Pressesprecher Weihrauch sagt. Nun will man den erfolgreichen Imagetransfer vom Panda zum Bier im Projekt in Indonesien fortsetzen. Hier ist Klimaschutz dringend nötig – und deutlich billiger: Pro Flasche ein Quadratmeter, verspricht jeder Krombacher-Kronkorken während der Fussball-EM.

Eine ähnlich lukrative Kooperation kann der WWF Schweiz nicht vorweisen. Er lässt sich von der Zürcher Kantonalbank die Jugendarbeit sponsern und bringt Grossunternehmen wie Coop, Migros, Ikea, Swisscom oder die Post in der WWF Climate Group zusammen. Bis zu 150 000  Franken im Jahr zahlen sie dafür, WWF-Wissen und Panda-Logo nutzen zu dürfen. Seither, heisst es vom WWF Schweiz, hätten die Unternehmen ihren CO2-Ausstoss um 21 Prozent gesenkt.

Eine solche Vereinbarung gab es zwischen Krombacher und WWF Deutschland nie. Als das Projekt startete, war es eine reine Imagekampagne. «Klassisches Greenwashing», so Jana Gebauer vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin: Der Werbung standen keine Ökoanstrengungen des Bierbrauers gegenüber.

Aber dann begann das Greenwashing, das Unternehmen grün durchzuspülen. Kaum bewarb Krombacher sein grünes Image, flatterten Zehntausende Briefe und E-Mails ins Haus: «Was macht ihr eigentlich für die Umwelt in eurem Unternehmen?» Da fehlten ihnen erst mal die Antworten, sagt Weihrauch. Nun kann er liefern: Die Brauerei setzt auf Mehrweg statt auf Dosen, hat auf Ökostrom umgestellt, ihren Verbrauch an Energie und Wasser reduziert und einen Ökofussabdruck für ihr Bier errechnen lassen. Ausserdem hat sie einen «Nachhaltigkeitsrat» mit Experten – darunter einen vom WWF – berufen.

«Für einen Einsteiger ganz gut», kommentiert Jana Gebauer den ersten Nachhaltigkeitsbericht von Krombacher aus dem Jahr 2011. «Allerdings ergibt das noch kein Bild, wie das gesamte Unternehmen Richtung Nachhaltigkeit steuert.» Auch zur Verantwortung gegenüber den Beschäftigten werde nicht viel gesagt. Und warum setze die Brauerei nicht auf Ökorohmaterial? «Wir brauchen 90 000  Tonnen Gerste im Jahr, die bekommt man nicht in Ökoqualität», so Weihrauch. «Krombacher könnte ja als Nachfrager auftreten und den Markt dafür schaffen», kontert Gebauer. Positiv ist für sie allerdings, wie das Klimaschutzengagement vom Marketingtrick zum Strukturwandler für das Unternehmen geworden ist. «Das war und ist ein langer Lernprozess.»

Schlechtes Image – gute Geschäfte

Auch für den WWF. Die Negativschlagzeilen um die weltgrösste Umweltschutzorganisation reissen nicht ab: Der spanische König Juan Carlos, WWF-Ehrenvorsitzender, jagte kürzlich Elefanten. Und das «Schwarzbuch WWF» bezichtigt den WWF des Greenwashings für multinationale Konzerne und deren Umweltzerstörungen (vgl. «Haie zu Vegetariern» im Anschluss an diesen Text). Christoph Heinrich, beim WWF Deutschland als Geschäftsleiter Naturschutz tätig, verteidigt die Politik des WWF auf einer langen Fahrt über die halsbrecherischen Strassen von Borneo: Wer wirklich etwas verändern wolle, sagt er, schaffe das nur mit, nicht gegen die Unternehmen. Auch der Vorwurf, der WWF sei zu wirtschaftsfreundlich, gelte heute nicht mehr. «Im Gegenteil: Wir stören den Export der indonesischen Papierkonzerne APP und April nach Deutschland, weil sie sich hier nicht an die Regeln halten.»

Ausserhalb des Sebangau-Projekts muss sich der WWF in Indonesien viel Kritik anhören. Überall roden Konzerne den Regenwald für Palmölplantagen, vertreiben die Einheimischen mit Gewalt und dezimieren die Orang-Utan-Bestände. Während die lokale Umweltorganisation Walhi, Greenpeace oder Robin Wood zum Widerstand aufrufen, rief der WWF den «Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl» ins Leben, an dem auch die Regenwaldkiller sitzen. Laut Heinrich «die einzige Chance, Schlimmeres zu verhüten». Arie Rompas von Walhi: «Der WWF kooperiert mit den Firmen, die den Wald zerstören. Er hilft ihnen, ihre Produkte grünzuwaschen.»

Probleme mit dem Image hat inzwischen eher der WWF als Krombacher. Umso mehr freut sich die Organisation über einen Finanzier, der nicht nur verlässlich Geld gibt, sondern auch selbst ein bisschen grüner wird. Mit dem Vorzeigeprojekt wirbt der WWF grossflächig im Jahresbericht. Darin lobt der Krombacher-Geschäftsführer, das «faszinierende Naturschutzprojekt» sei ein «Meilenstein für modernes Marketing». In der Tat: Der Imagetransfer funktioniert in beide Richtungen. Erst hat der Panda den Brauern geholfen, ihr Bier grün erscheinen zu lassen. Jetzt hilft der Sponsor mit seinem Projekt dem WWF, Kritik am Panda zu kontern.

Weniger Unterstützung, mehr Geld

Krombacher jedenfalls denkt schon an die nächste Runde im grünen Marketing, denn die Kooperation mit dem WWF ist auf dreissig Jahre angelegt. Die Einsparungen im indonesischen Moor sollten locker reichen, um die Bierproduktion in Deutschland klimaneutral zu machen. Das Engagement soll also bleiben, auch wenn ab 2013 die Krombacher-Werbung vor dem «Tatort» ausläuft.

Und der WWF hat erst recht ein Motiv, die lukrative Krombacher-Connection fortzuführen. Er baut auf die Treue seiner kleinen und grossen SpenderInnen. Als im letzten Jahr nach Wilfried Huismanns Fernsehdoku «Der Pakt mit dem Panda» die Vorwürfe gegen den WWF laut wurden, verlor dieser in Deutschland etwa 2000 von 430 000  UnterstützerInnen. Aber die Einnahmen waren 2011 mit gut 50 Millionen Euro so hoch wie noch nie.

Die Pressereise nach Indonesien wurde vom 
WWF und von Krombacher organisiert. 
Der Autor trug mit der Unterstützung des ProWOZ die Kosten für Flüge und Unterkunft.

«Schwarzbuch WWF»

«Haie zu Vegetariern»

Der WWF ist eine der weltweit grössten Lobbyorganisationen – für die Umwelt, dachte man bislang. Seit der deutsche Reporter Wilfried Huismann seine Recherchen über «die dunkle Seite des Panda» 2011 als Dokumentarfilm im Fernsehen und im Kino sowie jüngst auch als Buch veröffentlicht hat, zeigt sich immer deutlicher, wie mächtig und in der Tat dunkel das Lobbying des Umweltschutzriesen ist: Im April hat der WWF ein Sendeverbot gegen «Der Pakt mit dem Panda» erwirkt. Zeitgleich hat er mit einer einstweiligen Verfügung gegen das «Schwarzbuch WWF» massiven Druck auf Verlag, Grossverteiler und Buchhandlungen ausgeübt. Obwohl das Landgericht Köln am 15. Juni zugunsten von Huismann entschieden hat, führen in der Schweiz Thalia und Buch.ch sein Buch noch immer nicht in ihren virtuellen Regalen.

Natürlich ist Huismanns Schwarzbuch eine Polemik. Er zeichnet den WWF als elitäre Organisation mit mangelnder Transparenz im Umgang mit Spenden sowie bezüglich seines Clubs der 1001, eines «elitären Old-Boys-Netzwerks mit viel Einfluss in der Welt der multinationalen Konzerne». Das hilft, wenn man sich zum Ziel setzt, Verträge mit jenen Grosskonzernen abzuschliessen, welche die wichtigsten Rohstoffe der Erde kontrollieren. «Der WWF schwimmt mit den Haien, in der Hoffnung, sie mit seinen moralischen Appellen in Vegetarier zu verwandeln.»

So betreibt der WWF laut Huismann ein «Greenwashing» sondergleichen: Mit seinen Labels für «verantwortungsvolle Soja» und «nachhaltiges Palmöl» hängt er der Vernichtung des Regenwalds und der Vertreibung der UreinwohnerInnen ein grünes Mäntelchen um, und sein «Aquaculture Stewardship Council»-Label soll Lachs-Mastanlagen als nachhaltig qualifizieren – was kompletter Unsinn ist.

Ob die 260 000  Mitglieder des WWF Schweiz das weiter unterstützen wollen?

Franziska Meister

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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