Nr. 36/2012 vom 06.09.2012

«Griechenland ist eine Falle»

Die meisten Flüchtlinge erreichen die Europäische Union über Griechenland. Dort ist es für sie praktisch unmöglich, ein Asylgesuch zu stellen, auf der Strasse werden sie mit rassistischer Gewalt bedroht. Ein Auszug aus «An Europas Grenze», dem neuen Buch von WOZ-Redaktor Kaspar Surber.

Von Kaspar Surber (Text) und Georg Gatsas (Fotos)

Warten im Niemandsland: Die jungen Bangladeschi haben am Vortag den türkisch-griechischen Grenzfluss Evros überquert und wollen nun weiter nach Athen.

Es ist gespenstisch still um den Omoniaplatz im Zentrum von Athen. Mitternacht ist noch nicht vorüber, doch niemand ist mehr zu sehen. Die Rollläden der Supermärkte, Kleiderläden und Handyshops sind heruntergelassen. Polizisten marschieren in Trupps durch die Strassen. Mannschaftsbusse und Motorräder rollen vorbei. Man sei auf Kontrolle, lautet die Auskunft knapp, «wegen der Morgendämmerung».

Griechenland hat am 6. Mai 2012 ein neues Parlament gewählt. Die ersten Resultate bestätigen sich im Verlauf des Sonntagabends. Die beiden bürgerlichen Parteien Nea Dimokratia und Pasok haben die absolute Mehrheit verloren. Gewinnerin ist die linke Bewegungspartei Syriza, die ihren Wahlanteil von vier auf sechzehn Prozent steigern konnte. Erstmals ins Parlament ziehen die NeofaschistInnen ein, mit rund sieben Prozent der Stimmen. Sie nennen sich Chrysi Avgi, die goldene Morgendämmerung.

Das Hauptquartier der FaschistInnen liegt an den Bahngleisen Richtung Norden. Von den Balkons wehen griechische Landesflaggen und die Fahne der Organisation: ein abgewandeltes Hakenkreuz im Lorbeerkranz. Die Strasse vor dem Gebäude ist mit Wahlwerbung übersät, auf den Flyern steht in schwarzen Lettern: «Lasst uns unser Land säubern» oder «Machen wir ihre Angst zur Wirklichkeit».

Glatzköpfe stehen herum. Sie tragen T-Shirts mit dem Parteilogo oder Kleider der Marken Lonsdale und Pit Bull, die von Neonazis bevorzugt werden. «Pit Bull» steht auf der Trainingshose des Türstehers, und so sieht er auch aus. Der Zutritt zum Büro sei nicht erlaubt, gibt er zu verstehen und verweist an einen Kameraden, der mehr zu sagen habe: «Wir entscheiden, wem wir Auskunft geben und wem nicht.» Es gibt keine weiteren Auskünfte.

Als der Anführer der «Morgendämmerung», Nikolaos Michaloliakos, nach Bekanntgabe der Wahlresultate vor die Presse tritt, werden die JournalistInnen von einem Bodyguard aufgefordert, sich zu erheben. Wer sich weigert, wird aus dem Raum geworfen. Michaloliakos verkündet: «Griechische Bürger brauchen keine Angst vor uns zu haben, die einzigen, die Angst vor uns haben müssen, sind Verräter.»


Ich war drei Tage vor der Parlamentswahl nach Griechenland gekommen, zusammen mit einem fotografierenden Kollegen. In Athen herrschte Spannung und Stillstand zugleich, an jeder Strassenecke standen Polizisten mit Sonnenbrillen und Gummiknüppeln. Im Norden fuhren wir über die holprige Schnellstrasse dem Grenzfluss Evros entlang, wo man im Autoradio bereits türkischen Rap empfängt. Im Westen wurden im Hafen von Patras die Fähren nach Italien beladen, und wie jede Nacht versuchten MigrantInnen, sie unentdeckt zu erreichen.

Zwischendurch kehrten wir ins Lichtermeer von Athen zurück und hinunter in seine Untergrundstationen, wo keine Werbeplakate mehr hängen. Auch die riesigen Plakatwände entlang der Autobahn sind ohne Botschaft, auf ihren Stelzen stehen sie wie traurige Krähen in der Landschaft. Athen ist in diesem Frühling eine Stadt ohne Werbung, als ob sich der Kapitalismus und seine Imaginationen verabschiedet hätten.

Die Parlamentswahl bedeutet eine Abstimmung über den harten Sparkurs, den die Troika – bestehend aus der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank EZB und dem Internationalen Währungsfonds IWF – Griechenland in der Wirtschaftskrise verordnet hat. Die Neo Demokratia und der Pasok tragen die marktradikalen Rezepte mit, Syriza mit dem jungen Spitzenkandidaten Alexis Tsipras bekämpft sie als kontraproduktiv.

Was in den internationalen Medien kaum erwähnt wird, ist das zweite Thema, das im Wahlkampf eine wichtige Rolle spielt: die Situation der Eingewanderten in Griechenland und die Hetze gegen sie, eine eigentliche Krise in der Krise. Neben der «Morgendämmerung» versuchen sich auch die bürgerlichen Parteien mit fremdenfeindlichen Parolen beliebt zu machen. Kurz vor der Wahl rief der amtierende Bürgerschutzminister von der Pasok die Aktion «Eiserner Besen» aus, Polizeipatrouillen verhafteten Papierlose, um sie auszuschaffen.


Mehdi Ghafoorian trägt einen gepflegten Bart, das Hemd und der Anzug sitzen. Doch auch mit seiner eleganten Erscheinung traut sich Ghafoorian kaum mehr aus dem Haus. Zum Treffen hat er Röntgenbilder mitgebracht. Der Iraner ist ein Opfer der rassistischen Gewalt auf Athens Strassen, zweimal bereits wurde er krankenhausreif geschlagen.

Der erste Übergriff ereignete sich Ende 2011: «Ich war auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, als mich unvermittelt vier Männer mit Bierflaschen attackierten.» Ghafoorian schützte sein Gesicht, erlitt Schnittwunden an den Händen. Mehrere Schläge auf den Kopf folgten. «Die Männer sprachen Griechisch. Gesehen habe ich sie nicht, nur noch verteidigt habe ich mich, überall war Blut.» Als die Schläger weg waren, bat er Polizisten um Hilfe, die mit ihren Motorrädern an der Strasse standen. Sie reagierten nicht. Immerhin konnte Ghafoorian ins Spital. Er besitzt eine der raren Pinkcards, die bescheinigen, dass er sich in einem Asylverfahren befindet. Der Ausweis gewährt Zugang zur medizinischen Grundversorgung. «Drei Wochen lang», schildert Ghafoorian die Folgen der Attacke, «habe ich nicht mehr scharf gesehen.»

Der Dreissigjährige hatte im Iran einen Coiffeur- und Beautysalon betrieben, bis er ihn schliessen musste. Die Frisuren, die er den iranischen Jugendlichen schnitt, missfielen den Behörden: «westliche Mode». Ghafoorian floh über die Türkei und Bulgarien nach Griechenland. «Ich habe nicht gewusst, dass in Europa solche Gewalt herrscht.» In Athen übte er sein Handwerk auf Hausbesuchen aus.

Zum zweiten Mal wurde Ghafoorian vor dem griechischen Nationalfeiertag im März 2012 angegriffen. Chrysi Avgi hatte für den Feiertag eine Kundgebung angekündigt. Die Linke rief am Vortag zu einer Gegendemonstration auf. In der Nacht dazwischen, um halb zwei Uhr, passierte es: Ghafoorian und ein Freund wurden von zwei Glatzköpfen der Chrysi Avgi und sechs Mitläufern angefallen: Sie stachen ihn mit einem Messer ins Bein.

Seither hat sich der Coiffeur in seine Wohnung zurückgezogen, die Arbeit hat er aus Angst eingestellt. Einen Zusammenhang der Taten mit seiner Person sieht er nicht. Während des Gesprächs blinkt auffällig ein goldenes Kreuz an Ghafoorians Ohr. Ein Bekenntnis zum christlichen Glauben? «Nein, ich trage es bloss zum Schutz, damit mich die Leute auf der Strasse für einen Christen halten.»


«Das Motto lautet: ‹Wir entdecken, sie verhaften›»: Einer der neuen Kameramasten an der griechisch-türkischen Grenze.

Das weisse harte Licht bricht an, das in Athen im Frühling scheint. Es ist Freitagmorgen, kurz nach sechs Uhr. «Ich warte seit Mittwoch», sagt ein Mann aus Somalia. «Ich kam gestern Morgen», sagt einer aus Ghana. An der Salaminiasstrasse verliert sich die Zeit. Seit einem halben Jahr stehe er hier Woche für Woche an, erzählt der Ghanaer.

Tage- und nächtelang harren die Männer und einzelne Frauen in der Warteschlange aus. Entlang eines Elektrizitätswerks, bewacht von einem Polizeiauto. Sie reden miteinander, rauchen selbst gedrehte Zigaretten, blicken ins Leere. Sitzen zusammengekauert, schlafen auf Kartons. Die Reihe können sie nur verlassen, wenn ihnen jemand den Platz frei hält. Einzelne haben sich zum Ausruhen unter parkierte Lastwagen gelegt.

Die staubige Industriestrasse führt weiter zu einem Backsteinbau, in dem sich die Ausländerbehörde Petrou Ralli befindet: Nur an diesem Ort kann ein Flüchtling in der Millionenmetropole Athen ein Asylgesuch einreichen – und auch hier ist es fast unmöglich. Jeweils am Samstag wählt die Polizei zwanzig Personen aus der Schlange aus, die ein Gesuch stellen können. Mal werden die vordersten zwanzig bestimmt, mal ist die Auswahl zufällig.

Menschenrechtsorganisationen sprechen von Willkür. Vor drei Jahren warteten hier wöchentlich über 2000 Leute, damals wurden jeweils 300 ausgewählt. Im Effekt ist die Situation die gleiche geblieben: In Griechenland gibt es praktisch keinen Zugang zu einem Asylverfahren.

Regelmässig sind auch Minderjährige anzutreffen. Mafiöse Gruppen sollen sich die besten Plätze frei prügeln, um sie für teures Geld zu verkaufen. Bei der Auswahl vertreibt die Polizei die Überzähligen mit Gewalt. Drei Menschen haben an der Salaminiasstrasse schon ihr Leben verloren: Die Umstände sind ungeklärt, doch die Todesfälle ereigneten sich jeweils in den Stunden der Zutrittsvergabe.

«Wir stehen hier vier Tage pro Woche an, der Witterung ausgesetzt. Es gibt nichts zu essen und zu trinken. Es hat keine Toiletten, und schlafen kann man kaum. Viele werden unter diesen Umständen krank. Das ist einfach nicht fair», klagt ein Mann aus Tansania. «Das hier ist einer der schlimmsten Orte in Europa.»


Griechenland zählt elf Millionen EinwohnerInnen. Gemäss dem Ministerium für Bürgerschutz sind seit 2005 rund 750 000 Menschen eingewandert, zuerst über die Ägäis, dann über den Fluss Evros, der Griechenland und die Türkei trennt. Sechzig Prozent aller MigrantInnen erreichen die EU auf diesem Weg.

In Griechenland ein Asylgesuch zu stellen, ist äusserst schwierig, wie die Situation an der Salaminiasstrasse zeigt. Die Anerkennungsquote tendiert zudem gegen null: 2010 wurden 10 300 Asylgesuche entgegengenommen, lediglich sechzig wurden gutgeheissen. Wer das Glück hat, ein Asylgesuch stellen zu können, erhält weder eine finanzielle Unterstützung noch eine Unterkunft. Wer keinen Zugang zum Asylsystem findet, dem droht ständig die Inhaftierung und die Ausschaffung.

«Die Befunde sind eindeutig: null Prozent Asylanerkennungen, keine Unterkünfte, die Haftanstalten sind voll – das System kollabiert», schreibt die deutsche Stiftung Pro Asyl. «Die Folgen für die in Griechenland gestrandeten Schutzsuchenden: Rechtslosigkeit, Gefahr der willkürlichen Inhaftierung, Obdachlosigkeit und Hunger.»


Muhammadi Yonous kennt das Leben der MigrantInnen in Athen wie sonst kaum jemand. Er ist der Präsident der Vereinigung der afghanischen Community. Nahe dem Omoniaplatz hat sie ihre Räumlichkeiten: An den Wänden hängen Poster eines blühenden Afghanistan. Im Gestell stehen ein griechisch-persisches Wörterbuch und ein Sachbuch über Usama bin Laden. Während unseres Gesprächs blickt Yonous ständig auf das Handy, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Die Telefonnummer des Präsidenten ist bekannt unter den Afghanen in Griechenland: Es ist eine Art Notfallnummer. Yonous spricht mit ruhiger Stimme, selbst wenn er von furchtbaren Ereignissen erzählt.

Der letzte Notfall ist erst wenige Tage her. Fünfzehn Personen hatten sich in einem Tiefkühllastwagen versteckt, um im Hafen von Patras auf eines der Schiffe nach Italien zu gelangen. Sie unterschätzten die Gefahr des Kühlwagens und konnten sich nicht mehr selbst befreien. Einem gelang es, einen Freund anzurufen, dieser benachrichtigte Yonous. «Ich alarmierte die Hafenpolizei. Sie suchte alle Lastwagen ab. Die Eingeschlossenen konnten gerade noch vor dem Erfrieren gerettet werden.»

Laut offiziellen Zahlen leben 60 000 AfghanInnen in Griechenland. Yonous schätzt die tatsächliche Zahl tiefer. «Bei der Registrierung geben viele als Herkunftsstaat Afghanistan an, weil sie sich dadurch bessere Chancen bei einem Asylverfahren erhoffen.» Die Ersten flohen, wie er selbst, während des Angriffskriegs der Nato-Staaten nach dem 11. September 2001. Der Krieg führte zum Ende der Talibanherrschaft, brachte dem Land aber keine Sicherheit. In den letzten drei Jahren machten sich erneut Zahlreiche auf den Weg, um der Armut zu entkommen. «Politische Flüchtlinge sind darunter. Frauen mit Kindern, die in Sicherheit leben wollen. Menschen, die ein Auskommen suchen. Aus welchen Gründen auch immer sie sich auf den Weg machen: Die Menschen wollen überleben», sagt Yonous.

«Wenn die Migranten in Athen ankommen, wähnen sie sich in Sicherheit. Doch das Gegenteil ist der Fall: Das Schlimmste hier ist die ständige Unsicherheit.» Zuerst haben sie keine Wohnung, müssen auf der Strasse übernachten. «Dort sind sie Dieben, Schmugglern, der Polizei und den Faschisten ausgeliefert. Das Leben im Freien beeinträchtigt ihre Gesundheit.» Yonous erzählt von einer schwangeren Frau, die ihr Kind im vierten Monat verlor. Sie erlitt starke Blutungen, weil die medizinische Hilfe zu spät kam. Zwei Wochen musste sie im Spital bleiben. Personen ohne Aufenthaltserlaubnis haben keinen Zugang zum Gesundheitswesen, müssen sich auf die Ethik der ÄrztInnen verlassen. Finden sie eine Wohnung, werden sie erneut ausgenutzt: Die Wohnungen sind überfüllt, meist lebt ein Dutzend Personen darin. Die VermieterInnen kassieren den Mietzins mehrfach.

«Der allergrösste Teil, 95 Prozent der Flüchtlinge, wollen nicht in Griechenland bleiben, sondern weiter in andere europäische Staaten», sagt Yonous. Einige, die das Geld dazu haben, schaffen es, finden einen Schlepper, sind in wenigen Tagen weg. «Doch viele, speziell Familien, die weniger beweglich sind, sitzen hier fest. Griechenland ist eine Falle.»


Am meisten zu denken geben Yonous derzeit die rassistischen Übergriffe: «In den letzten Monaten werden sie organisierter. Bis zu fünf Opfer gab es jeden Tag. Vor den Wahlen stellten die Mitglieder von Chrysi Avgi die Schlägereien ein, um als demokratische Saubermänner dazustehen.» Yonous ist überzeugt, dass die Übergriffe weitergehen: «Es steht uns eine schlimme Zeit bevor.»

Wer soll auch etwas kaufen? Plakatbotschaft in einer Athener U-Bahn-Station.

Im Verlauf des Gesprächs setzt sich Mohammad Rafi Safi an den Tisch. Dann und wann mischt sich der 25-Jährige mit Schnauz empört ein: Er schimpft über Europa, das seine Augen verschliesst vor dem Elend, bestenfalls Geld schickt, und über die griechische Bürokratie, in der die Unterstützungsgelder versanden. Safi ist einer der vielen Metallsammler, die mit Einkaufswagen durch die Athener Strassen ziehen, auf der Suche nach Altmetall. Angesichts der gestiegenen Rohstoffpreise lässt sich damit etwas Geld verdienen. Doch selbst bei der Arbeit werde man ausgenutzt, sagt Safi: «Wenn man von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends sammelt, bleiben einem fünf Euro.» Macht einen Stundenlohn von weniger als fünfzig Cent.

Daneben arbeitet Safi als Englischlehrer und an der Zeitschrift der Community mit: Ein bunt gedrucktes Blatt in persischer Sprache, die Titelseite ziert ein Inserat des Zahlungsservice Western Union. Für die aktuelle Ausgabe hat Safi einen Beitrag geschrieben, in dem er seine Landsleute über die ökonomische Krise in Griechenland aufklärt. 300 Zeitungsartikel hat er dafür gelesen. Sein Fazit: «Der Sparkurs blockiert die Märkte erst recht.» Die militärischen Auseinandersetzungen, die Migration, die wirtschaftliche Krise – das alles rückt plötzlich nahe zusammen in den Räumlichkeiten der Community.

«Europa kann seine Zäune noch so hoch bauen, die Menschen kommen trotzdem», meint Muhammadi Yonous, «bloss ihre Reise wird gefährlicher.»

Eine Geschichte ist noch zu erfahren, wie sie nur unter Flüchtlingen mit ihrem Galgenhumor zu hören ist. Die Geschichte geht so: Ein afghanischer Regisseur wollte einen Film über die Flucht aus seinem Land drehen. Um die Gebirgslandschaft von Afghanistan nachzuempfinden, wählte er als Drehort den Lykabettus, den mit 277 Metern höchsten Hügel von Athen. Inmitten der Dreharbeiten fand der Hauptdarsteller einen Schlepper und verliess Griechenland, der Regisseur musste den Film noch einmal beginnen. Auch der zweite Hauptdarsteller fand eine Möglichkeit auszureisen. Erneut musste der Regisseur von vorn anfangen. Der Film soll nun bis Ende Jahr fertiggestellt werden.


Der Jeep der griechischen Grenzwache verlässt Orestiada in nördlicher Richtung. Nach einigen Kilometern biegt er auf einen Feldweg ab, überholt einen Traktor. Entlang von Weizenfeldern blüht der Mohn. Eine fruchtbare Gegend sei das hier am Fluss Evros, erklärt der Grenzwächter. Würden nicht rote Schilder am Wegrand stehen, die das Fotografieren verbieten, die landwirtschaftliche Idylle täuschte darüber hinweg, dass hier die militärische Sperrzone zwischen Griechenland und der Türkei beginnt.

Bei einem Bauernhaus steht ein Kontrollposten. Die Soldaten, mit Gewehren bewaffnet, wollen die Zutrittserlaubnis und die Identitätsausweise sehen. Hinter einer kleinen Anhöhe folgt der nächste Posten, dann kommt der Wachtturm in Sicht: fünf Stockwerke hoch, zuoberst flattert eine griechische Fahne. Hundert Meter entfernt ein weiterer Wachtturm, mit türkischer Fahne. Zwischen den beiden Türmen verlaufen zwei Feldwege parallel: einer für die griechischen, einer für die türkischen Grenzwächter. Dazwischen liegt ein Meter Wiese.

Hier also beginnt und endet Europa. Am Horizont sind schon die Minarette der türkischen Stadt Idirne zu sehen.

«Auf dieses Stück Wiese», informiert der Grenzwächter, «kommt der Zaun zu stehen.» Auf 200 Kilometern bildet der Evros die natürliche Grenze, unterbrochen nur von 11,5 Kilometern Landgrenze. Die sollen nun abgeriegelt werden. Ein Prototyp ist bereits zu sehen. Ein Metallrahmen mit Nato-Stacheldraht, zwei Rollen breit und sieben hoch. «Derzeit wird das zwei Meter tiefe Fundament aus Beton ausgehoben», sagt der Grenzwächter. Die Arbeiten haben zehn Tage vor den Parlamentswahlen begonnen.

Eine Tafel informiert über den Bau des Zauns, der als «Konstruktion eines künstlichen Hindernisses» umschrieben wird. Auftraggeber für das Bauwerk ist das Ministerium für die öffentliche Sicherheit, erstellt wird der Zaun vom örtlichen Bauunternehmen Dagres. Die Kosten betragen 3,2 Millionen Euro. Ein Vermerk zur finanziellen Unterstützung durch die EU fehlt.

Die EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström hatte sich vom Projekt distanziert, weil sich Zäune und Mauern in der Vergangenheit als kurzfristiges Mittel erwiesen hätten. Die griechische Regierung beschloss darauf den Bau auf eigene Rechnung. Beim Grenzzaun handle es sich um ein Bauwerk von «praktischem und symbolischem Wert», liess das Bürgerschutzministerium verlauten. Es sende die klare Botschaft aus, «dass man in Griechenland nicht beliebig ein und aus geht».

Mit ihrer Kritik konnte Malmström historisches Bewusstsein zeigen. Vielleicht wusste sie einfach, dass es längst weniger symbolische, aber effizientere Möglichkeiten zur Grenzziehung gibt: Als Teil der Anlage sollen nämlich 25 Masten mit Video- und Wärmebildkameras errichtet werden. Neben dem Wachtturm ragt einer bereits schlank in die Höhe. Auf dem entsprechenden Stromkasten vermeldet ein Kleber den Projekttitel: «Integriertes Überwachungssystem der Landgrenze». Die Kosten betragen die Hälfte derjenigen des Zauns: 1,6 Millionen Euro. Finanziert, heisst es auf dem Kleber weiter, werden die Überwachungskameras grösstenteils aus einem Fonds der EU zum Schutz der Aussengrenzen.

Es hat leicht zu regnen begonnen. Der griechische Grenzwächter, ein sportlicher Typ, kommt ins Plaudern: Die Kameras hätten eine Reichweite von zwei Kilometern ins türkische Gebiet. «Das Motto lautet: Wir entdecken, sie verhaften.» Wenn die griechischen Beamten auf den Bildschirmen eine verdächtige Person erspähen, benachrichtigen sie die türkische Militärpolizei. Die Grenze und die Verantwortung dafür wird weg von den Schengenstaaten nach aussen verschoben.


Als Feedback aus dem innereuropäischen Raum – einige repräsentative Kommentare aus dem Onlineforum der Schweizer Gratiszeitung «20 minuten» vom 6. Februar 2012 zu einem Artikel über den Zaun:

Jan B: «Endlich ein Land, wo das Asylantenproblem mal richtig und direkt anpackt.» Albert Haefeli: «Endlich ein Land, das versucht, die Horden der anrennenden Wirtschaftsflüchtlinge abzuhalten. Eine sehr gute Investition! Damit können Millionen für zureisende Sozialschmarotzer gespart werden. Griechenland ist deutlich mehr wert, als alle anderen Staaten der lottrigen EU!» Ramon S: «Ist ja ein blöder Witz. Die sollten lieber einen Zaun um ganz Griechenland machen, damit die eigenen Leute nicht versuchen zu flüchten.» Basti: «Nicht gratis, aber trotzdem günstiger als die ‹Politischen-Migranten› durchzufüttern. Ausserdem kann dieser Zaun auch dir zugute kommen. Wer dort abgefangen wird, könnte einige Monate später auch bei uns eintreffen.» Wolfgang: «Ich würd dafür spenden.»


Ein Jeep von deutschen Grenzwächtern im Einsatz der EU-Grenzschutzagentur Frontex stoppt in unserer Nähe: «Das ist jetzt schon mein dritter Trip hierher», erzählt einer. «Langsam bestätigen sich die Bilder, die man von Griechenland hat: schönes Wetter, gutes Essen, freundliche Leute.»

So ist das an diesem Ort, wo Europa anfängt und aufhört.

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