Nr. 36/2012 vom 06.09.2012

Kein Land, ein Durcheinander

Der Berner Filmemacher Dieter Fahrer ermöglicht mit seinem Dokumentarfilm «Thorberg» einen erschreckenden Blick hinter die Mauern des gleichnamigen Gefängnisses und wirft viele Fragen auf.

Von Silvia Süess

Die Langeweile ist wohl das Schlimmste. Da sitzen die Männer, rauchen, schauen fern, trinken Kaffee, spielen Computergames oder Karten, starren vor sich hin und warten. 180 Männer aus über vierzig Nationen sind in der geschlossenen Strafanstalt Thorberg bei Bern inhaftiert.

Die meisten von ihnen kommen eines Tages wieder aus dem Gefängnis raus. Von einem Tag auf den anderen sollten sie in der Gesellschaft funktionieren – und die Gesellschaft mit ihnen. Deswegen dürfte es eigentlich niemandem egal sein, in welchem Zustand die Häftlinge die Gefängnisse verlassen. Doch die grosse Mehrheit weiss wenig darüber, was in einem Gefängnis passiert, wie Häftlinge ihre Tage verbringen und wie und ob überhaupt sie auf ihr Leben nach dem Gefängnis vorbereitet werden.

Dokumentation eines Zerfalls

Einen Blick hinter die Gefängnismauern ermöglicht nun der Dokumentarfilm «Thorberg» von Dieter Fahrer. Drei Jahre hat der Berner Regisseur an seinem Film gearbeitet, der einen unbeschönigten, erschreckenden und überraschend intimen Einblick in den Alltag hinter Gittern gibt. Fahrer porträtiert sieben Männer, die ihr Leben auf dem Thorberg ganz unterschiedlich zu meistern versuchen. Es sind heftige Geschichten, die wir in «Thorberg» erfahren, und die Häftlinge, die Fahrer mit der Kamera begleitet, sind nicht unbedingt Sympathieträger.

Doch Fahrer interessiert sich weniger für die Vergangenheit als für die Gegenwart: Was passiert mit den Männern hier auf dem Thorberg? Wie schlagen sie ihre Zeit tot, und wie gehen sie mit ihrer Schuld um? Über die Vorgeschichten und Straftaten der einzelnen Insassen erfahren wir nur so viel, wie sie selbst preisgeben. So gut wie nichts ist dies beim Ukrainer Andrij, da er sich meist zurückzieht und in ein Buch vertieft versucht, nicht verrückt zu werden.

Viel erfahren wir hingegen von Luca: Der junge Berner hatte als Auftragsmörder eine Frau umgebracht, die – wie er erst nach dem Mord erfuhr – schwanger war. Der Film beginnt mit Luca, wie er nach der Urteilsverkündung zurück auf den Thorberg kommt. Vierzehn Jahre Gefängnis lautet das Urteil. Luca ist erstaunlich geschwätzig, plaudert über seinen Mord, den Grund, warum er es getan hat, und seine Strafe. Die kommenden hundert Minuten, in denen die Kamera das Gefängnis nie verlässt, sind auch eine Dokumentation von Lucas Zerfall. Er könne sich schon vorstellen, dass man hier ziemlich schnell kaputtgehen könne, dass man kriminell, schlecht, verrückt oder aggressiv werde im Gefängnis, sagt Luca einmal. Kurz darauf wird er wegen einer Schlägerei mit seinem Zellenkollegen in Isolationshaft verlegt. Am Ende des Films gleicht er einem gejagten Tier, das nervös im Käfig seine Runden dreht, kaputt, verwirrt und irr.

Kein Land, ein Durcheinander

Fahrers Film will kein Mitleid mit den Gefangenen erzeugen, er zeigt sie auch nicht einfach als arme Opfer. «Thorberg» macht nichts weniger, als das gesamte System infrage zu stellen: «Besserungsanstalten» hiessen die Gefängnisse früher, und das Ziel des Strafvollzugs ist gemäss dem Schweizer Strafgesetzbuch «das soziale Verhalten der Gefangenen zu fördern, insbesondere die Fähigkeit, straffrei zu leben». Doch während man den Film schaut, wird einem immer bewusster, dass die Fähigkeit, nach dem Gefängnisaufenthalt straffrei zu leben, an einem Ort wie dem Thorberg alles andere als gefördert wird. Zu gross ist die Perspektivlosigkeit, in der sich die Insassen befinden, zu heftig sind die Aggressionen und die Wut, die in den engen, geschlossenen Räumen aufkeimen. «Das ist kein Land hier», sagt Andrij, «das ist ein Durcheinander, eine andere Welt.» Wie können diese Männer nach Jahren in solch einem Durcheinander innerhalb einer geordneten Welt funktionieren? Diese und viele andere Fragen wirft der Film auf: Ist diese Art, Verbrecher wegzusperren, wirklich sinnvoll? Was genau sollen Gefängnisse den Gefangenen und was der Gesellschaft bringen? Und gäbe es Alternativen?

Wenn man sieht, wie die tätowierten Männer ehrgeizig ihre Muskeln an Kraftmaschinen stärken, bis ihre Oberarme so dick sind wie Baumstämme, fürchtet man sich vor dem Tag, an dem sie entlassen werden. Nein, es dürfte wirklich niemandem egal sein, wie diese Männer den Thorberg verlassen. Und gerade deswegen sollte es uns auch interessieren, was in der Schattenwelt der Gefängnisse passiert. Dieter Fahrers «Thorberg» bietet eine seltene Gelegenheit, hinzuschauen.

Vorführung mit anschliessender Podiumsdiskussion in: Zürich, Riffraff, 
So, 9. September, 15 Uhr. Mit Frank Urbaniok, forensischer Psychiater, Andreas Nägeli, 
Direktor Strafanstalt Wauwilermoos (offener Vollzug) und zukünftiger Direktor Justizvollzugsanstalt Pöschwies (geschlossener Vollzug), und Dieter Fahrer (Regisseur). Moderation: WOZ-Inlandredaktor Jan Jirát.

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