Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Was bringt Sie zum Ausrasten?

Karine Guignard erklärt die Sozialdemokratie für tot. Von der Gesellschaft fordert sie mehr zivilen Ungehorsam. Selbst sorgte die Rapperin zuletzt auch auf der Leinwand für Furore.

Von Jan Jirát (Interview) und Yoshiko Kusano (Foto)

«Der Kampf der SP für soziale Gerechtigkeit ist tot. Dead as disco!» Karine Guignard alias Rapperin La Gale.

WOZ: Karine Guignard, demnächst ist Weihnachten. Wie feiern Sie das Fest?
Karine Guignard: Weihnachten ist der Santa Claus. Und der Santa Claus ist Coca-Cola (lacht). Abgesehen von diesem schlechten Witz, ist Weihnachten ganz einfach der Moment, wo ich mit meiner Familie zusammen bin. Das war es dann aber auch.

Dann reden wir doch über Filme. Neben dem Rappen sind Sie auch als Schauspielerin tätig. Wie ist es dazu gekommen?
Durch einen schönen Zufall. Die französische Hip-Hop-Gruppe La Rumeur hat mich vor rund zehn Jahren erstmals so richtig für Rap begeistert. Ich hatte bis dahin vor allem Punk gehört. Als ich dann zunehmend selbst als Rapperin unterwegs war, habe ich die Band kennengelernt und dabei erfahren, dass Hamé und Ekoué, die beiden Bandleader, einen Fernsehfilm über die Schattenseiten des Hip-Hop-Business drehen wollten. Als 2010 die Finanzierung des Projekts stand, hab ich am Casting teilgenommen, worauf sie mich für die weibliche Hauptrolle auswählten: eine junge Rapperin.

Ganz ohne Schauspielausbildung?
Hamé und Ekoué wollten für die Rolle ganz bewusst eine Frau, die rappen kann. Das war ihnen wichtiger als irgendeine Ausbildung. Es war eine glückliche Fügung. Und dann ging alles schnell. Nach achtzehn Tagen war der Film, «Dans l’Encre», im Kasten und wurde bald darauf auf dem französischen Sender Canal Plus ausgestrahlt.

Mittlerweile ist Ihnen der Sprung in die Kinos gelungen. Sie waren dieses Jahr im Schweizer Kinofilm «Opération Libertad» in einer Hauptrolle zu sehen. Hat wieder der Zufall geholfen?
Eigentlich schon. Ich habe vor einigen Jahren den Westschweizer Filmregisseur Nicolas Wadimoff kennengelernt. Er hat 2008 ein Filmprojekt mit den bereits erwähnten DARG-Rappern aus dem Gazastreifen realisieren wollen. Ich habe ihn dabei unterstützt, weil ich das Künstlerkollektiv von meinen Reisen in den Nahen Osten bereits kannte. Als Wadimoff mir später erzählte, dass er einen Film über Linksrevolutionäre in der Schweiz drehen möchte, hat mich das Thema sehr interessiert. So ist eines zum anderen gekommen.

Planen Sie bereits weitere Auftritte als Schauspielerin?
Noch nicht. Ich hab mich in den letzten Monaten mit der Veröffentlichung meines Debütalbums sehr stark auf die Musik konzentriert. Zwar habe ich einige Drehbücher erhalten, nur hat mir von denen bisher keines so gefallen, dass ich aufgesprungen wäre. Ich hoffe aber, auch künftig in Filmen mitspielen zu können. Als neugieriger Mensch freue ich mich jedes Mal, mich auf etwas Neues einzulassen.

Sie waren im Frühjahr in Cannes an den Filmfestspielen. Viel weiter weg von Ihrer Lebenswelt in der Punk- und Hausbesetzerszene geht es wohl kaum. 
Ach, es war gar nicht so verschieden vom Jazzfestival in Montreux. Dort gibt es ja auch ein Stelldichein der Wichtigen und Möchtegernwichtigen. Ich fand es lustig, diesen Anlass als Teil des Ganzen zu erleben. Ausserdem war es eine gute Gelegenheit, an Drehbücher heranzukommen. 

Sie haben letzte Woche erwähnt, dass Sie die Schweizer Natur lieben. Wie sieht es mit den Städten aus? Immerhin ist Lausanne Ihr Lebensmittelpunkt.
In Lausanne läuft es katastrophal. Die Stadtregierung vertreibt im Zuge der Gentrifizierung die unteren Klassen systematisch aus dem Zentrum. Sie schliesst kulturelle Einrichtungen, lässt besetzte Häuser räumen. Und das in einer rot-grün regierten Stadt! Ich sage Ihnen jetzt etwas: Die Sozialdemokraten sind meine Feinde – zumindest in Lausanne. Die wollen hier die Leute fichieren, die in den Notschlafstellen übernachten. Die verjagen Randständige, Asylsuchende und Roma von öffentlichen Plätzen. Was die wollen, ist die Kontrolle. Ihr Kampf für soziale Gerechtigkeit hingegen ist tot. Dead as disco! Ich raste wirklich aus, wenn ich sehe, wie in diesem Land mit Menschen umgegangen wird.

Gibt es Widerstandsmöglichkeiten?
Ja, die gibt es. Zumindest im Alltag. Durch zivilen Ungehorsam. Damit meine ich nicht, dass jemand eine Bombe basteln sollte, um damit das Parlament in die Luft zu sprengen. Ich meine damit, dass du Sans-Papiers bei dir zu Hause aufnimmst, wenn du dafür genug Platz und Energie hast. Dass du diesen Leuten Französisch beibringst, damit sie sich verständigen und austauschen können. Dass du nicht gleich die Polizei rufst, wenn du einen Ladendiebstahl beobachtest. Wir müssen aufeinander zugehen, miteinander reden, uns kennenlernen. Dann zieht auch die Angst vor dem Fremden nicht mehr, die uns die Politiker einreden.

Was ist auf politischer Ebene möglich?
Es braucht ein Bewusstsein dafür, woher unser Reichtum stammt, was uns zu einem der reichsten Länder auf diesem Planeten gemacht hat. Der Käse und die Schokolade waren es nicht. Es war und ist das Schwarzgeld, das uns reich macht. Auf Schweizer Bankkonten sind mehrere Dutzend Millionen Franken des ehemaligen tunesischen Diktators Ben Ali gebunkert. Und was tun wir? Wir hacken auf tunesischen Asylsuchenden herum, die in ihrem Land keine wirtschaftlichen Perspektiven sehen.

Karine Guignard (29) aus Lausanne 
rappt als La Gale (Die Krätze) über Grenzen, 
Sexismus und Klassenkampf.

 

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