Nr. 39/2013 vom 26.09.2013

«Die Weltbank ändert ihre Kriterien – das ist wichtiger als ein Film von Al Gore»

Am 27. September 2013 werden die wissenschaftlichen Resultate des fünften Klimaberichts des Weltklimarats IPCC veröffentlicht. Doch stossen sie auch auf öffentliches Interesse? Und welche Konsequenzen zieht die Schweiz? Patrick Hofstetter vom WWF Schweiz ist zuversichtlich.

Von Franziska Meister (Text) und Marcel Hänggi (Interview)

Der Fichte ist es bald zu heiss: Aber auf Laubholz umstellen will die Holzbranche lieber nicht. Foto: Andreas Bodmer

Es ist ein guter Anlass, um der Weltöffentlichkeit in Erinnerung zu rufen, dass der Klimawandel tatsächlich stattfindet – auch wenn die Temperaturen in den letzten fünfzehn Jahren stagniert haben: Die Meeresspiegel werden massiv ansteigen, extreme Wetterereignisse zunehmen, in Dürregebieten wird es noch trockener, der Regen in Monsungebieten noch intensiver – und die Erderwärmung der letzten sechzig Jahre ist allein vom Menschen verursacht. Am 27. September veröffentlicht der Weltklimarat IPCC den ersten Teil seines fünften Berichts – gut 2000 Seiten über die naturwissenschaftlichen Grundlagen zum Klimawandel.

Bis Mitte April 2014 sollen die beiden weiteren Teile des Reports folgen: einer zu den Auswirkungen der Erderwärmung und einer möglichen Anpassung daran, einer zu den politischen und technischen Möglichkeiten, den Klimawandel zu bremsen. 1988 von der Uno-Vollversammlung ins Leben gerufen, sammelt der IPCC periodisch das Wissen zum Klimawandel und präsentiert dieses der Staatengemeinschaft als Grundlage für künftiges politisches Handeln. Der IPCC selbst betreibt dabei keine eigene Forschung, sondern bewertet lediglich aus wissenschaftlicher Sicht, was weltweit zum Thema publiziert wird. Am aktuellen fünften Report arbeiten über 830 WissenschaftlerInnen aus aller Welt ehrenamtlich mit, aufgeteilt in drei Arbeitsgruppen.

Ihre Ergebnisse legen die Arbeitsgruppen jeweils Tausenden externer FachgutachterInnen vor, bevor sie eine rund dreissigseitige Zusammenfassung für die politischen EntscheidungsträgerInnen schreiben. Vom 23. bis zum 26. September haben sich RegierungsvertreterInnen der 195 IPCC-Mitgliedstaaten in Stockholm mit der Arbeitsgruppe des ersten Berichtteils getroffen, um diese Zusammenfassung Satz für Satz durchzudiskutieren. Ein Prozess, der die Regierungen dazu verpflichten will, die wissenschaftlichen Aussagen offiziell anzuerkennen.

Seit dem vierten Klimabericht 2007 steht der IPCC mit diesem Vorgehen indes gleich doppelt in der Kritik. Zum einen musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, dass die Mitsprache von RegierungsvertreterInnen zur Abschwächung und Verwässerung zahlreicher Aussagen geführt habe. Zum andern sehen sich viele IPCC-WissenschaftlerInnen mit dem Vorwurf konfrontiert, politisch zu agieren.

Wer ihnen das vorwirft – wie jüngst der Klimaforscher Hans von Storch in der «NZZ am Sonntag» –, verkennt indes eine der fundamentalsten Prämissen jeglicher Forschungstätigkeit: Sie findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern inmitten der Gesellschaft. Und als WissenschaftlerIn ist man nicht nur Teil dieser Gesellschaft, sondern trägt ihr gegenüber auch eine Verantwortung.


WOZ: Herr Hofstetter, als 2007 der letzte IPCC-Bericht veröffentlicht wurde, war der Klimawandel in den Schlagzeilen: Nicholas Stern hatte einen alarmierenden Bericht zu den ökonomischen Folgen präsentiert, in den Kinos lief Al Gores Film «Eine unbequeme Wahrheit». Heute aber ist der Klimawandel kaum Thema in den Medien.
Patrick Hofstetter: Das ist zweifellos richtig. Aber wir hören positive Signale von Institutionen wie der Weltbank, und die sind vermutlich wichtiger als ein Film von Al Gore. Diese Institutionen sind bestrebt, das Wissen zu verdichten und aufzubereiten. Da untersucht man beispielsweise, was der Unterschied wäre zwischen einer Erwärmung um zwei und einer um vier Grad. Das geschieht ohne Alarmismus in einem nüchternen Ton – aber wenn man die Berichte liest, ist man sehr alarmiert.

Bewirkt das auch etwas?
Die Weltbank und andere Entwicklungsbanken sind daran, ihre Investitionskriterien zu ändern. Die Chancen stehen gut, dass sie in Zukunft keine Kohlekraftwerke mehr finanzieren. Und wenn die Entwicklungsbanken das nicht mehr tun, werden auch die Geschäftsbanken aussteigen. Das ist eminent wichtig, weil es letztlich ja darum geht, die Investitionsströme umzuleiten.

Politische Entscheide brauchen aber die Unterstützung der Öffentlichkeit. Wie wollen die Umweltorganisationen den Elan nutzen, den der neue IPCC-Bericht hoffentlich auslösen wird?
Jetzt geht es darum, dass die Wissenschaftler sagen, was zu sagen ist. Wir sehen eher das Jahr 2015 als nächstes wichtiges Datum: Dann soll ein neues internationales Klimaabkommen verabschiedet werden, und die Schweiz wählt ein neues Parlament, das die Klimapolitik ab 2020 bestimmen wird. Aber der Klimawandel verschwindet sowieso nicht aus dem Bewusstsein der Menschen. Wenn sich immer wieder Wetterextreme häufen, erinnert das daran, dass das Klima ein fragiles System ist. Das ist beim Thema «Atomkraft» anders, wo Katastrophen die Aufmerksamkeit wecken – die dann aber wieder schwindet, wenn die Katastrophe in Vergessenheit gerät.

Der Kopenhagener Klimagipfel Ende 2009 ist gescheitert, Australien hat mit Tony Abbott einen aggressiven Klimawandelleugner zum Premierminister gewählt, in Deutschland war das Klima kaum Wahlkampfthema …
Und doch sind wir in der Transformation zwei Schritte weiter als 2009. Der Klimawandel war laut Politologen offenbar nicht das wahlentscheidende Thema in Australien. In Deutschland war die Klimapolitik kein Wahlkampfthema, weil über die Energiewende im Grundsatz Konsens herrscht. China wird den Zenit der Kohlenutzung vor 2020 überschreiten.

Die dänische Regierung überlegt sich intensiv, wie sie ihr Reduktionsziel von minus vierzig Prozent bis 2020 noch erreichen kann: Es gibt Länder, die ihre Hausaufgaben ernst nehmen! Und vielerorts ist eine erneuerbare Energieversorgung heute schon günstiger als eine fossile – beispielsweise gilt das für Kenia, das über viel Erdwärme verfügt. Aber natürlich: Dass die Leader der wichtigen Länder sich hinstellen und sagen, was es wirklich braucht, um eine Erwärmung um mehr als zwei Grad zu verhindern – nämlich eine weltweite Reduktion der fossilen Energie um achtzig Prozent bis 2050 –, davon sind wir weit entfernt.

In der Schweiz dreht sich die Debatte seit der AKW-Katastrophe von Fukushima vor allem um den Strom. Die Klimakiller Erdöl und Erdgas, die mehr als die Hälfte des Inlandenergieverbrauchs decken, sind ein wenig vergessen gegangen.
Doris Leuthard gab sich Mühe, die Energiestrategie als Gesamtstrategie zu verkaufen, bei der es sowohl um den Atomausstieg als auch um die Senkung der CO2-Emissionen geht. Aber aus unserer Sicht werden die vorgeschlagenen Massnahmen im Verkehrs- oder Gebäudebereich den Erfordernissen überhaupt nicht gerecht. Die Lösungen wären ja sowohl bezüglich Strom wie bezüglich fossile Energien dieselben. Aber in unserem politischen System löst man eben ein Problem nach dem anderen.

Ist das kompromissorientierte schweizerische Politsystem unfähig, Problemen wie dem Klimaschutz oder der Energiewende gerecht zu werden, die radikale strukturelle Änderungen brauchen?
In der Klimapolitik ist das vielleicht tatsächlich so. Wenn man sieht, um wie viel wir den CO2-Ausstoss eigentlich reduzieren müssten: Da bräuchte es Massnahmen in einer Radikalität, von der sich die allermeisten Parlamentarier keinen Begriff machen, selbst wenn die Massnahmen wirtschaftlich umsetzbar wären. Bei der Energiewende bin ich optimistischer. Seit längerem tut sich da schon vieles, und wir werden auch mit helvetischen Kompromissen die Rahmenbedingungen ausreichend ändern können, um das Ziel zu erreichen. Am Ende geht es vielleicht sogar schneller als erwartet.

Es gibt eine Tradition von Urnenerfolgen für Umweltanliegen: Alpeninitiative, Zweitwohnungsinitiative oder Raumplanungsgesetz auf nationaler Ebene, Städteinitiativen und 2000-Watt-Gesellschaft in grossen Städten. Warum ist es so schwer, das in eine griffige Klimapolitik umzumünzen?
Schwierig in der Umsetzung sind Initiativen, die Ziele vorgeben, zu denen dann das Parlament den Weg definieren muss. Die Alpeninitiative ist so ein Beispiel. Auch die Klimainitiative haben wir zurückgezogen, weil wir nicht erwarten konnten, dass die Zielvorgabe, die sie in die Verfassung geschrieben hätte, bei den politischen Verhältnissen in der Schweiz zu einer besseren Klimapolitik als mit dem jetzigen CO2-Gesetz führt. Schreibt man umgekehrt konkrete Massnahmen in einen Initiativtext, sind die Verlierer oftmals so gut organisiert und vernetzt, dass das Anliegen wenig Chancen auf Mehrheiten hat. Dies selbst, wenn es viel mehr – aber eben kaum organisierte – Gewinner als Verlierer gibt und es sich für die Schweiz wirtschaftlich lohnt. Dies begünstigt somit den Status quo und hemmt die dringend nötige Transformation.

Gilt das auch für das Nein zu Kohlekraftwerken, das die Stimmbevölkerung in Graubünden dieses Wochenende in die Urne gelegt hat?
Nein, der Initiativerfolg von Graubünden macht hier eine sehr relevante Ausnahme und sendet ein klares Signal in die ganze Schweiz.

Ihr stärkster politischer Widersacher ist der Wirtschaftsverband Economiesuisse. Was erwarten Sie vom neuen Präsidenten, dem Axpo-Chef Heinz Karrer?
Das Auftreten wird sympathischer werden. Aber Economiesuisse vertritt die Interessen derer, die im alten System stark wurden. Wenn man eine Transformation anstrebt, sind die Vertreter des alten Establishments immer die falschen Ratgeber.

Patrick Hofstetter (48) leitet die Abteilung Klima und Energie beim WWF Schweiz und vertrat bislang in der Schweizer Verhandlungsdelegation bei den Uno-Klimakonferenzen die Umwelt- und Entwicklungsorganisationen.

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