Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Eine Wirtschaft für das Gemeinwohl

Christian Felber tourt unablässig durch die Welt, um seine Vision einer Gemeinwohlökonomie zu propagieren. Was steckt dahinter: Naivität? Utopie? Begegnung mit einem Unnahbaren.

Von Yves Wegelin (Text) und Samuel Jordi (Illustration)*

Christian Felber hat sein Leben dem Gemeinwohl verschrieben. Als Kind, sagt der 41-jährige Österreicher, sei er an einem wunderschönen See aufgewachsen. «Damals habe ich eine tiefe Verbundenheit mit der Natur erfahren.» Daraus entstand seine Vision der Gemeinwohlökonomie, die er seit Jahren weltweit propagiert. Das Treffen mit Felber findet nahe dem Zürcher Bahnhof an der Limmat statt. Den Ort hat er ausgewählt – nach einem Tag in Sitzungszimmern und Zügen habe er das Bedürfnis nach ein wenig Natur.

Das Herzstück von Felbers Idee ist die Gemeinwohlbilanz, zu der der Staat sämtliche Firmen verpflichten soll: Wie sinnvoll sind die hergestellten Produkte, wie human die Arbeitsbedingungen? Wie ökologisch wird produziert? Wie solidarisch verhält sich die Firma gegenüber anderen Unternehmen? Wie gleichmässig werden die Erträge innerhalb der Firma verteilt? Werden Entscheidungen innerhalb des Betriebs demokratisch getroffen?

Insgesamt achtzehn Fragen hat Felber ausgearbeitet, die als Indikatoren in die Gemeinwohlbilanz einfliessen. Für jeden Indikator erhalten die Unternehmen eine bestimmte Punktzahl. Vorbildliche Firmen können insgesamt tausend Punkte erzielen, miese Firmen null. Sein Ziel ist, dass Firmen möglichst sozial und ökologisch wirtschaften. Dieses Ziel, sagt Felber, der die globalisierungskritische NGO Attac Österreich mitbegründet hat, sei nicht neu. Die Idee des Gemeinwohls gehe auf Aristoteles zurück und sei in jeder liberalen Verfassung verankert. Heute, kritisiert er, strebten die Firmen nach Profit.

Die Gemeinwohlökonomie, stellt Felber allerdings klar, würde den heutigen Wohlfahrtsstaat nicht ersetzen: «Das Angebot an öffentlichen Dienstleistungen würde sogar ausgebaut.» Darüber hinaus fordert Felber eine gerechtere Verteilung des Reichtums durch die Hand des Staates – auch wenn die Einkommen bereits dank der Gemeinwohlbilanz ausgeglichener verteilt würden.

Freiwilligkeit oder Zwang?

Doch warum sollten Firmen sich die Mühe machen, eine möglichst gute Gemeinwohlbilanz zu erzielen? «Man sollte die intrinsische Motivation nicht unterschätzen», sagt Felber. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es vielen Geschäftsführern und Kapitalgebern ein persönliches Anliegen ist, sozial und ökologisch zu produzieren.» Ein weiterer zentraler Antrieb für die Firmen, dem Gemeinwohl zu dienen, wären die Kunden, die ethisch produzierte Produkte vorziehen würden.

Felber will jedoch nicht allein auf die Freiwilligkeit vertrauen. Dem Staat soll eine zentrale Rolle zukommen: «Er soll Firmen, die eine gute Gemeinwohlbilanz aufweisen, belohnen.» Zum Beispiel mit günstigen Krediten, tiefen Zöllen oder durch die Bevorzugung bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen. Damit schaffe der Staat für Firmen einen Anreiz, sozial und ökologisch zu produzieren.

Und dann sind da noch die KapitalgeberInnen: Da auch Banken eine Gemeinwohlbilanz erstellen müssten, sagt Felber, hätten auch sie ein Interesse, möglichst sozialen und ökologischen Firmen Geld zu leihen. Was ist mit den AktionärInnen? Welches Interesse haben sie, in vorbildliche Firmen zu investieren? Das sei zwar keine offizielle Position der Gemeinwohlökonomie, antwortet Felber, aber er finde, dass jegliche Rendite staatlich verboten werden sollte. Firmen dürften ihren AktionärInnen demnach keine Dividende mehr auszahlen. «So hätten sozial und ökologisch handelnde Firmen den Vorteil, dass sie Aktionäre mit Ethik und Sinn anziehen könnten.»

Spätestens an diesem Punkt stösst Felbers Vision allerdings an die Grenze des Nationalstaats: Wer sollte sein Geld in der Schweiz investieren, wo er keine Rendite erhielte, wenn er es mit einem Mausklick etwa nach Hongkong verschieben könnte? Schon heute haben die Staaten Mühe, ihre Firmen angemessen zu besteuern, weil diese jederzeit in einen anderen Staat abwandern können.

Felber ist überzeugt, dass nur ein Teil der InvestorInnen abwandern würde: «Das Spekulativkapital, das Geierfondskapital, das Hedgefondskapital.» Dafür würden jene Geldgeber in die Schweiz kommen, die eine nachhaltige Entwicklung finanzieren möchten. «Die Schweiz», sagt Felber, «könnte damit werben, der Standort für all jene zu sein, die es mit den Menschenrechten ernst meinen.»

Ist das nicht naiv? Ist es nicht nur ein verschwindend kleiner Teil der KapitalgeberInnen, der bereit ist, auf eine Rendite zu verzichten? «Dann sollte man mit diesem kleinen Teil beginnen», sagt Felber. Die Gemeinwohlökonomie sei nicht naiv, sondern utopisch. Zudem könne sie langsam verwirklicht werden, etwa indem die maximal zulässige Rendite Schritt für Schritt gesenkt würde. Damit bliebe der Wirtschaft die nötige Zeit, sich anzupassen.

Für Felber ist auch klar, wer die Gemeinwohlökonomie einführen würde: die BürgerInnen. Ein demokratischer Wirtschaftskonvent würde den wirtschaftspolitischen Teil der Verfassung formulieren, über den die BürgerInnen entschieden. Das Parlament wäre nur noch für die Gesetze zuständig. «Der Staat», sagt der Österreicher, «würde sich damit demokratisieren.»

Gerade am Beispiel der Schweiz zeigt sich aber, wie schwierig es linke Anliegen bei direktdemokratischen Entscheidungen haben. Warum sollten die Leute einer Gemeinwohlökonomie zustimmen, wenn sie schon den Mindestlohn abgelehnt haben? «Solange das Kapital in den Händen einer kleinen Minderheit ist», sagt Felber, «kann diese Abstimmungen manipulieren, wie das heute leider oft geschieht.»

Ein Guru?

Wenn Felber so redet, entsteht der Eindruck, dass er die Machtverhältnisse unterschätzt. «Keineswegs», sagt er. «Die Machtverhältnisse sind so, wie sie sind.» Trotzdem nehme er sich die Freiheit zu sagen, wie seiner Meinung nach die Welt sein sollte. «Wer würde den historischen Wegbereitern der Demokratie und der Menschenrechte heute vorwerfen, dass sie sich zu einer Zeit für die Idee eingesetzt haben, als diese mit Füssen getreten wurde?»

Felber wird vorgeworfen, er sei ein Guru mit einer geschlossenen Utopie, der JüngerInnen um sich schart. Seiner Idee folgen offiziell 1700 Firmen und 6000 Einzelpersonen – seit einem Jahr gibt es auch in der Schweiz einen Verein. Was sagt er dazu? «Erfolgreichen Initiativen wird immer alles Mögliche vorgeworfen: Kommunismus, Totalitarismus, Messianismus, Naivität.» Man solle sie daran messen, was sie sagen und tun: «Unsere Forderung ist die nach einem demokratischen Prozess, in den alle ihre Vorschläge einbringen können. Wir bauen Kooperationen mit anderen Alternativen auf – mit der Commons-Bewegung, der Solidarischen Ökonomie, B Corporations, der Postwachstumsökonomie, Transition Towns oder Attac.»

Und doch ist Felber alleiniger und unbestrittener Vater der Gemeinwohlökonomie. Das sei nicht die Absicht, sagt er Felber: «Ich bin ein erfolgreicher Kommunikator, logisch, dass ich die Öffentlichkeitsarbeit mache.» Das Ziel sei jedoch, dass möglichst viele Menschen die Gemeinwohlökonomie verbreiteten. Sie hätten einen Pool von fünfzig ReferentInnen, die unter anderem von ihm ausgebildet würden. Acht von ihnen seien inzwischen in der Lage, alle möglichen öffentlichen Auftritte zu bestreiten.

* Wunsch von Maurice Freudiger: «Befasst euch bitte mit 
dem Konzept 
der Gemeinwohl
ökonomie.»

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