Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

Im Land der Unfreiheit

In den USA werden mehr Menschen eingesperrt oder überwacht als in jeder anderen Nation. Rund jede 100. erwachsene Person sitzt im Gefängnis, doppelt so viele sind bedingt verurteilt oder auf Bewährung entlassen. Die soziale Kontrolle ist ein grosses Geschäft.

Von Lotta Suter

«Sometimes I think this whole world is one big prison yard, some of us are prisoners, the rest of us are guards», schrieb Bob Dylan 1971. Sein düsterer Text – die ganze Welt ein einziges Gefängnisareal, die einen Gefangene, die andern Personal – beklagte den Tod des linken Gefängnisaktivisten und Black-Panthers-Mitglieds George Jackson. Dieser war am 21. August 1971 von Gefängniswärtern in San Quentin, dem ältesten und berühmtesten Knast Kaliforniens, angeblich bei einem Fluchtversuch erschossen worden.

Dieser Vorfall löste zwei Wochen später eine grosse Gefängnisrevolte in Attica im Bundesstaat New York aus. Über tausend Häftlinge nahmen dort ein paar Dutzend Wärter als Geiseln und forderten menschenwürdige Haftbedingungen. Als die Verhandlungen mit der Lokalregierung scheiterten, kamen im Kugelhagel der eingreifenden Ordnungsmacht 39 Menschen ums Leben, darunter auch 10 Wärter. Der Kampf für Gefangenenrechte weitete sich aus, die Repression nahm zu.

Hart ging es in den US-Gefängnissen der siebziger Jahre zu. Rein statistisch gesehen war die Strafjustiz in den USA damals aber noch vergleichbar mit der anderer Industriestaaten. Erst in den folgenden Jahrzehnten pendelte sich die Inhaftierungsquote in den westlichen Demokratien bei etwa einem Promille ein, während sie in den USA explodierte: 1971 gab es dort knapp 200 000 Gefangene, heute sind es zwölfmal so viele (bei nur anderthalbmal so vielen EinwohnerInnen); die Inhaftierungsquote stieg zwischen 1972 und 2012 von 1,61 auf 7,07 Promille. Es gibt Tausende geschlossene Anstalten, von denen sich manche auf das Wegsperren bestimmter Gruppen – etwa Jugendliche, MigrantInnen, Militärangehörige oder sogenannte Risikogefangene – spezialisiert haben. 2,4 Millionen Menschen hinter Gittern: An einem Ort versammelt würden sie nach New York, Los Angeles und Chicago die viertgrösste Metropole im ganzen Land bilden. Es wäre eine vorab arme, schwarze, männliche Stadt. Eine geschlossene Gesellschaft, in der grundlegende Menschenrechte ausgehebelt sind und in der uneingeschränkt das Recht des Stärkeren gilt. Und es wäre eine Stadt, in die zwei Drittel der unfreiwilligen BewohnerInnen immer wieder zurückgebracht werden. Zudem leben – um beim Bild zu bleiben – in den Suburbs dieser Knastmetropole weitere fünf Millionen Männer und Frauen, die mit bedingten Strafen oder mit Bewährungsauflagen nur auf Zusehen hin frei sind.

Über zwei Prozent der US-Bevölkerung befinden sich auf die eine oder andere Weise im Strafvollzug. Mehr als die Hälfte aller schwarzen Männer ohne Schulabschluss enden früher oder später im Gefängnis. Die Ausgaben der US-Bundesstaaten für Haftanstalten sind in den letzten zwanzig Jahren sechsmal so rasch gewachsen wie die Investitionen in die höhere Bildung. Mehr als zwei Millionen US-amerikanische Kinder haben einen Elternteil im Gefängnis. Mehr als die Hälfte der afroamerikanischen Kinder mit Vätern ohne Schulabschluss erleben Papas Inhaftierung, bevor sie vierzehn sind. Fast sechs Millionen US-AmerikanerInnen haben wegen ihrer Verurteilung temporär oder für immer ihr Stimmrecht verloren. Besonders betroffen sind auch hier schwarze Männer. In manchen Südstaaten ist jeder fünfte Afroamerikaner ohne Stimmrecht.

Heute färbt und formt das massenhafte Wegsperren und Überwachen unliebsamer Bevölkerungsteile die US-Gesellschaft ebenso fundamental, wie die massenhafte Versklavung von AfrikanerInnen die Nation im 18. und 19. Jahrhundert geprägt hatte. Und wie an der Sklaverei sind auch an dieser neuen Form von Freiheitsentzug mehrere Faktoren beteiligt: moralisch-politische Entscheide, wirtschaftliche Profitmaximierung und ein verfahrensrechtlich orientierter Gesetzesrahmen, innerhalb dessen die Zuständigen dazu neigen, sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten – und dazu gehört in den USA immer noch der Rassismus – pragmatisch, ja opportunistisch anzupassen.

Die verborgene Strafe

Die Obsession der heutigen US-AmerikanerInnen mit Schuld und Sühne lässt sich zurückverfolgen bis zu den Besserungsanstalten (Penitentiaries) des 19. Jahrhunderts. In der berühmtesten und ältesten dieser Institutionen, dem Eastern State Penitentiary in Philadelphia, verbüssten von 1829 bis 1971 rund 75 000 Gefangene ihre Strafe. Und zwar – zumindest die ersten Jahrzehnte – ausschliesslich in Einzelhaft. Die protestantischen Gefängnisreformer glaubten nämlich, dass diese neue revolutionäre Haftmethode die Missetäter umgehend zu reuigen Büssern machen würde. Der französische Intellektuelle Alexis de Tocqueville, der die Eastern Penitentiary bereits 1831 besuchte, berichtete begeistert über die seelenreinigende Wirkung dieser modernen US-Strafanstalt, deren Einzelhaftzellen in der ganzen Welt bald zu Tausenden nachgebaut wurden.

Ganz anders als Tocqueville beurteilte der englische Schriftsteller Charles Dickens 1842 die Musteranstalt von Philadelphia. Er sehe die gut gemeinte reformatorische Absicht, schreibt er in seinem US-amerikanischen Reisetagebuch, doch die Herren, die diese Art Gefangenendisziplinierung erfunden und eingeführt hätten, wüssten nicht, was sie täten. Die langsame tägliche Verwundung der Seele sei weitaus schlimmer als körperliche Qualen. Wörtlich schreibt Dickens über die psychische Folter der Einzelhaft: «Gerade weil ihre schrecklichen Zeichen und Male für das Auge kaum sichtbar sind, gerade weil sie kaum Schreie auslöst, die das menschliche Ohr hören kann, verurteile ich sie umso mehr als eine verborgene Strafe, die in der schlummernden Menschheit keinen Widerspruch weckt.»

Heute ist die Schädlichkeit der Isolationshaft durch zahlreiche Studien belegt: höhere Suizidrate, Entstehung neuer oder Verschärfung bestehender psychischer Krankheiten und nach der Entlassung eine höhere Rückfallquote. Die auch von den USA ratifizierte Uno-Antifolterkonvention verlangt ein Ende dieser menschenrechtsverletzenden Praxis. Trotzdem sitzen in den USA, vorsichtig geschätzt, 80 000 Menschen in Isolationshaft, auch Jugendliche, ImmigrantInnen und Tausende von psychisch Kranken, die man mangels geeigneter Alternativen so von der allgemeinen Gefängnispopulation trennt. Doch die Isolierung ist weitaus mehr als eine Verlegenheitslösung oder eine kurzfristige disziplinarische Massnahme. Sie ist in den USA fester Bestandteil eines repressiven Strafregimes, dem Vergeltung weitaus wichtiger ist als Wiedereingliederung.

In den achtziger Jahren unter Präsident Ronald Reagan wuchs die Gefängnisbevölkerung in den USA aufgrund neuer und strengerer Betäubungsmittelgesetze und wegen neuer Maximalstrafen für WiederholungstäterInnen rasch an. 1980, vor dem «Drogenkrieg», sassen etwa 50 000 Menschen wegen Besitz oder Handel von illegalen Drogen (vor allem Cannabis) hinter Gittern, 1997 waren es bereits 400 000. Heute ist rund ein Viertel der Gefängnisbevölkerung wegen Drogenvergehen eingesperrt. Als die US-Gefängnisse aufgrund der neuen Kriminalisierungspolitik mit Neuzugängen überflutet und überfordert wurden, besannen sich die Verantwortlichen wieder auf die Einzelhaft als Disziplinierungsmethode.

Mit einem wichtigen Unterschied zum 19. Jahrhundert: Das Oberlicht, das damals in jede Zelle des Eastern Penitentiary als «Auge Gottes» eingebaut war, gibt es heute nicht mehr. Die winzigen Betonzellen der neuen Gebäude sind fensterlos. Denn die Isolierung ist nicht mehr als Weg zur Besserung gedacht. Einzeln eingesperrt werden nun die Unverbesserlichen, genauer diejenigen Häftlinge, die von der Gefängnisverwaltung in einem undurchsichtigen Verfahren – oft mit rassistischen Untertönen – und ohne echte Berufungsmöglichkeit als Risikogefangene eingestuft werden.

Bis Mitte der achtziger Jahre gab es in den USA bloss eine Handvoll von Anstalten mit speziellen Isolationszellen. Doch bereits zur Jahrtausendwende hatten praktisch alle Staaten aufwendige Hochsicherheitsgefängnisse errichtet. Allein in Kalifornien gibt es fünf solcher «Supermax Prisons» mit insgesamt über 11 000 Gefangenen, von denen ein Drittel auf unbestimmte Zeit isoliert wird. In einem dieser Mustergefängnisse, dem Pelican Bay State Prison im nordwestlichen Zipfel des Bundesstaats, verbringen die InsassInnen durchschnittlich 7,5 Jahre in Isolationshaft. 89 sind schon zwanzig Jahre und mehr allein, einer verbrachte mehr als vierzig Jahre in der Einzelzelle, diesem menschenrechtswidrigen Gefängnis im Gefängnis. Im Pelican Bay State Prison wurde im Sommer 2013 der bisher grösste Hungerstreik der Geschichte Kaliforniens gegen die Isolationshaft organisiert, an dem sich an die 30 000 kalifornische Gefangene beteiligten – ohne unmittelbaren Erfolg.

Die massenhafte Isolierung von Risikogefangenen hat die Situation in den Haftanstalten eher noch verschärft. Die Gewalt in kalifornischen Gefängnissen ist heute jedenfalls grösser als 1989 bei der Eröffnung des Pelican Bay State Supermax. Auch hat in jenen Staaten, die die Einzelhaft reduziert haben – Colorado, Maine und Mississippi – die Gewalt in den Gefängnissen nicht zugenommen. Seit das State Penitentiary Mississippi vor zehn Jahren drei Viertel der Gefangenen aus der Isolationshaft entlassen und stattdessen Reformprogramme eingeführt hat, ist die Zahl der mit Gewalt verbundenen Konflikte dort gar um die Hälfte gesunken.

Was versprechen sich die Verantwortlichen also von der Fortsetzung dieser «verborgenen Strafe»? Was versprechen sie sich generell vom massenhaften Freiheitsentzug, der – wie zahlreiche Studien belegen – kaum einen Einfluss auf die Kriminalitätsrate einer Gesellschaft hat?

Der gefängnisindustrielle Komplex

Der Gefängnisnation USA geht es um die soziale Kontrolle und Unterwerfung bestimmter gesellschaftlicher Klassen und Rassen. Das sagte die afroamerikanische Bürgerrechtlerin und Philosophin Angela Davis 1997 in ihrer berühmten Rede zum «gefängnisindustriellen Komplex», einem Begriff, den sie aus der seit den fünfziger Jahren äusserst engen und undurchsichtigen Verbindung von Wirtschaft und Militär entlehnt hatte. Dieser gefängnisindustrielle Komplex umfasst in den USA mehr als die praktische Zusammenarbeit von wirtschaftlichen Interessengruppen und staatlichen Institutionen. Es ist auch eine Geisteshaltung. Die Aussicht auf das grosse Geld korrumpiert die Idee von Recht und Gerechtigkeit. Denn während immer mehr Kriminelle, immer längere Strafen, immer aufwendigere Disziplinarmethoden und immer höhere Rückfallquoten alarmierend schlechte Nachrichten für den Zustand der US-Gesellschaft bedeuten, sind die gleichen Entwicklungen ausgezeichnete Indikatoren für die AktionärInnen der US-Gefängnisindustrie.

Wie schon die Sklavenwirtschaft in den USA des 18. und 19. Jahrhunderts ist auch der gefängnisindustrielle Komplex ein ausgeklügeltes ökonomisches System, das auf der fast unbegrenzten Ausbeutung von rechtlosen Subjekten basiert. So werden heute über eine Million Gefangene von der US-Wirtschaft tagtäglich als superbillige Arbeitskräfte genutzt: keine Sozialabgaben, keine Pension, keine Überstundenentschädigung, keine Ferien- oder Krankheitsentschädigung, keine Mindestlöhne. Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Gefängnisarbeiters beträgt 28 US-Dollar. Manchmal werden die Gefangenen für ihre Arbeit gar nicht bezahlt, sondern bloss mit einer Strafreduktion entschädigt. Die Häftlinge müssen pünktlich sein und können sich nicht über die Arbeitsbedingungen beklagen oder gar streiken. Denn bei Arbeitsverweigerung droht die Einzelhaft.

Bis in die neunziger Jahre war Gefangenenarbeit für die Privatwirtschaft in den USA aus Wettbewerbsgründen weitgehend verboten. Doch Präsident Bill Clinton deregulierte auch diesen Arbeitsbereich. Den Bundesstaaten wurde eine Profitbeteiligung versprochen, aufgewendet wird dieses Geld von der öffentlichen Hand seither meist für die Ausweitung des gefängnisindustriellen Komplexes.

Knastarbeit wird heute kaum mehr von Chain Gangs geleistet, von den mit Fussfesseln aneinandergeketteten Arbeitsbrigaden im gestreiften Gewand. Die Gefängnisindustrie produziert nun diskret und anonym. Zu ihrer Kundschaft gehören das US-Militär, andere staatliche Institutionen, die Gefängnisse selbst; auch die meisten namhaften Privatkonzerne in den USA von Chevron und Bank of America über IBM und Microsoft bis zu Starbucks, Walmart und dem Label Pierre Cardin machen sich die Billiglohnzonen zunutze. Die Gefangenen werden – oft durch ein verschachteltes System von Subunternehmen – in Nähereien, Druckereien, Schlachthäusern, bei der Müllabfuhr, auf Bauernbetrieben oder aber in der Datenverarbeitung beschäftigt: Sie buchen etwa Flüge oder nehmen Hotelreservationen entgegen. Und wenn der inländische Handel mit Gefängnisprodukten nicht rund läuft, weicht die Industrie schon mal in den Export aus. Aus einer kalifornischen Gefängnisnäherei etwa wurden Kleider nach China exportiert – ausgerechnet in ein Land, das wegen seiner Arbeitslager von den USA ständig kritisiert wird.

Als wären die Gefangenen durch das fortgesetzte Lohndumping nicht schon genug gestraft, werden sie als KundInnen der heute grösstenteils privatisierten Gefängnisläden und -dienstleistungen nochmals zur Kasse gebeten. Alles – vom Telefonanruf über die Seife bis hin zur Briefmarke – wird im Gefängnis teurer angeboten als draussen; die Inhaftierten haben keine andere Wahl, als die überteuerte Ware zu kaufen. Dazu müssen die Gefangenen immer mehr selber berappen: Schuhe etwa, extra Wolldecken, mancherorts auch Elektrizität oder Kost und Logis. Wenn im Bundesstaat New Jersey ein Insasse an einer Beerdigung von Angehörigen teilnimmt, muss er für seinen Transport inklusive des Lohns der begleitenden Sicherheitsbeamten selber aufkommen. Müssen die Gefangenen Schulden machen, und das kommt unter diesen Bedingungen häufig vor, werden die Kleinkredite ebenfalls zu horrenden Bedingungen angeboten. Die prekäre finanzielle Situation verdichtet sich für viele Inhaftierte zur Schuldknechtschaft, die sie in manchen Fällen nach der Entlassung wieder zurück ins Gefängnis führt. Diese Art Leibeigenschaft ist in den USA sogar verfassungskonform. Zwar wurden Sklaverei und Zwangsarbeit nach dem Sezessionskrieg 1865 auf dem ganzen Territorium verboten, doch der 13. Verfassungszusatz gestattet eine Ausnahme: Sklaverei und Zwangsarbeit als Strafe für eine kriminelle Tat.

Kriminalisierung als Geschäft

Eine Handvoll Grosskonzerne – vorab die Corrections Corporation of America (CCA) und die GEO Group – hat von der Gefängnisnation USA mächtig profitiert, ihre Gewinne aus dem 5-Milliarden-Dollar-Geschäft haben sich in den letzten zwanzig Jahren verfünffacht. 1984 wurde das erste Gefängnis in den USA privatisiert. Mittlerweile sitzen etwa 140 000 Häftlinge in über 120 privaten Anstalten, wo gemäss einer ganzen Reihe von Studien das Essen, die medizinische Versorgung, die Bezahlung der Gefangenenarbeit und die professionelle Betreuung durch das Gefängnispersonal schlechter sind als in den staatlichen Einrichtungen, die einer stärkeren öffentlichen Kontrolle unterstehen.

Die bisher beispiellos expandierenden Unternehmen sind in ständiger Sorge, dass durch gesetzliche Änderungen der Drogen- oder Migrationspolitik ihre Klientel weniger werden könnte. Dagegen kämpfen sie mit allen Mitteln. Die drei grössten Unternehmen der US-Gefängnisindustrie haben in den letzten zehn Jahren über 45 Millionen US-Dollar für Lobbying ausgegeben. Durch geschickte Beratung und Beeinflussung vorab republikanischer Politikerinnen und Richter soll die Kriminalisierung der US-Gesellschaft auf hohem Niveau gehalten werden. Die eine oder andere Firma geht sogar noch einen Schritt weiter: 2008 flog der Kids-for-Cash-Skandal auf: Das auf den Strafvollzug an Minderjährigen spezialisierte Unternehmen Mid-Atlantic Youth Services Corp hatte zwei Richter mit 2,8 Millionen Dollar bestochen, die ihnen dafür 2000 Kinder in den Jugendknast lieferten, und zwar für Bagatellvergehen wie das Betreten von verlassenen Gebäuden oder den Diebstahl von ein paar DVDs bei Walmart.

Lange Zeit hatte die private Gefängnisindustrie einen mächtigen Gegner: die Gewerkschaften des Gefängnispersonals. Diese wehrten sich dagegen, dass in den Privatknästen gewerkschaftlich nicht organisierte und oft auch weniger qualifizierte Leute angestellt wurden, die auf die Branchenlöhne drückten. Doch nun haben sich zumindest in Kalifornien die privaten Gefängnisunternehmen und die Gewerkschaft vertraglich geeinigt und den Weg zur weiteren Privatisierung – und allenfalls zu einer weiteren Expansion – des Gefängniskomplexes geebnet. Gegen mehr Gefängnisse an sich hatten die Standesorganisationen des Gefängnispersonals nie etwas einzuwenden, bloss bevorzugten sie staatliche Beschäftigungsverhältnisse. Ansonsten aber gehörten diese Verbände historisch stets zu den Scharfmachern der Kriminaljustiz. Schliesslich garantieren mehr Gefangene und längere Strafen dem Gefängnispersonal mehr Jobs und den Gewerkschaften mehr Beiträge und mehr Macht. In Kalifornien zum Beispiel kämpfte die einflussreiche Gewerkschaft California Correctional Peace Officers Association denn auch an vorderster Front für die Einführung und Beibehaltung des sogenannten Three-Strikes Law. Dieses 1994 in Kraft getretene Gesetz sah für die dritte Wiederholungstat auch bei geringfügigen Vergehen zwingend bis zu lebenslanger Haft vor und trieb so die kalifornische Inhaftierungsrate in die Höhe. Das Gesetz wurde verschiedentlich, zuletzt 2012, abgeschwächt – stets gegen den Willen des organisierten Gefängnispersonals.

Auch in New York stellte sich die Gewerkschaft des Strafvollzugspersonals quer, als der linksliberale Bürgermeister Bill de Blasio letzten Frühling Joseph Ponte als Chef des Strafvollzugs einsetzte. Denn Ponte versprach zum Entsetzen der Gewerkschaft, die Anwendung der Einzelhaft zu reduzieren, die Betreuung der psychisch Kranken in den Gefängnissen zu verbessern und Reporterinnen sowie Bürgerrechtlern mehr Zugang zu den Haftanstalten zu gewähren. «Böser Fehler», meinte dazu Norman Seabrook, der oberste Gewerkschaftsboss des New Yorker Gefängnispersonals, der sich in den Medien seither unermüdlich gegen Gefängnisreformen ausspricht.

Das Gefängnis mit anderem Namen

Die Gefängnisindustrie ist da hellhöriger und flexibler gegenüber neuen Entwicklungen. Zwar präsentierten Firmen wie die CCA den InvestorInnen ihr Kerngeschäft immer noch gern als krisensicheren und längst noch nicht erschlossenen Markt von potenziell siebzig Milliarden Dollar Umsatz. Und ihre Powerpoint-Pfeile zeigen zweckoptimistisch nach oben: Prognostiziert wird parallel zur Bevölkerungsentwicklung ein Zuwachs von 15 000 Häftlingen pro Jahr. Doch ihren Geschäftsalltag hat die Gefängnisindustrie längst der Realität angepasst. Bezüglich der Gesamtzahl von geschlossenen Anstalten und ihrer Gefängnispopulation scheint in den USA ein Sättigungsgrad erreicht. Nun gilt es, das bestehende System weiter zu privatisieren. Vor zwei Jahren bot die CCA allen US-Bundesstaaten an, ihnen die öffentlichen Gefängnisse abzukaufen, wenn dem Grosskonzern dafür unabhängig von der Kriminalitätsrate für zwanzig Jahre eine Bettenbelegung von neunzig Prozent garantiert würde. Solche Verträge gibt es bereits, und Arizona musste kürzlich einem Gefängnisunternehmen wegen Unterbelegung eine 3-Millionen-Dollar-Strafe zahlen.

Die langfristig vielversprechendere Businessstrategie des gefängnisindustriellen Komplexes besteht jedoch darin, die Netze der Strafjustiz und der Kontrolle sowohl enger zu knüpfen als auch weiter auszuwerfen. Neu richtet sich das Augenmerk einerseits auf die medizinische und psychologische Betreuung im Gefängnis und andererseits auf die Überwachung und therapeutische Begleitung der mehr als fünf Millionen Menschen, die ausserhalb der Gefängnismauern, aber im Wirkungsbereich der Strafjustiz leben. Von dieser Bevölkerungsgruppe erhofft sich die Industrie ein grosses Wachstumspotenzial. Denn anders als bei den Gefängnissen, aus denen neunzig Prozent der Inhaftierten irgendwann entlassen werden, verbleiben viele Menschen dauerhaft in diesen halb offenen Einrichtungen und generieren so einen anhaltenden Profit. Theoretisch ist eine Reform hin zu einem offeneren Strafvollzug durchaus zu begrüssen. Doch sind es hier die gleichen skandalumwitterten Firmen, die jetzt ihren Geschäftsbereich ausdehnen. Und diese privatwirtschaftlichen Anbieter haben kein erkennbares Interesse daran, ihre Klientel in die Selbstständigkeit zu führen. Im Gegenteil: Es werden laufend neue potenzielle KundInnen ausgemacht. Die «New York Times» berichtete letzten Sommer etwa über asylsuchende Mütter, denen man elektronische Fussfesseln verpasst hatte, obwohl sie in keiner Weise vorbestraft waren.

Therapieindustrieller Komplex (Treatment Industrial Complex) heisst der neuste Spross des gefängnisindustriellen Komplexes oder ganz einfach «das Gefängnis mit anderem Namen». Mit dieser neuen Form von privatisierter sozialer Kontrolle werden die finanziellen Nöte der öffentlichen Hand auf die ärmsten – und einmal mehr Minderheiten angehörenden – Bevölkerungsteile abgeschoben. Diese müssen nun nämlich selber für die Kosten des Hausarrests oder der Bewährung aufkommen: 10 bis 15 US-Dollar im Tag für «allgemeine Überwachungskosten», 360 Dollar pro Monat für die Fussfessel und über 1000 Dollar im Jahr für Drogentests. Wenn sie diese Gebühren nicht bezahlen können, landen die Säumigen oft sofort wieder im geschlossenen Strafvollzug.

Bürgerrechtsgruppen aus dem politischen und dem kirchlichen Bereich versuchen zurzeit, Druck auf die PolitikerInnen auszuüben, die langfristige Verträge mit der erweiterten Gefängnisindustrie eingehen. Sie wollen sicherstellen, dass die Aufgaben der öffentlichen Hand, die Rehabilitation und Reintegration von Straffälligen, nicht einfach zum Geschäft mit rechtlosen Menschen werden – zur Sklaverei eben, wie man sie aus der Vergangenheit kennt.

Das Gefängnis von innen gesehen

Zum Scheitern gebaut

«Das Gefängnis ist unersättlich. Es frisst alles, was ihm über den Weg läuft, es verschlingt alles, was sich ihm entgegenzustellen versucht. In all den Jahren, die ich hier drinnen verbrachte, sah ich, wie gründlich das System seine Gegner zermalmt. Die Wohlmeinenden und Gutherzigen kapitulieren schliesslich vor seiner überwältigenden Kraft und der schrecklichen Verzweiflung. Ich sehe diese Verzweiflung, wenn die Gefangenen ihre Köpfe gegen die Wände ihrer Verbannung schlagen, wahnsinnig und heftig.

Wir verinnerlichen die Trennung und Entfernung aus der Gesellschaft, den minderwertigen Status und tragen einen idiotischen und prahlerischen Stolz zur Schau, wie die Schminke eines Clowns, um unsere Scham zu verstecken. Einige von uns geben vor, immun gegen die Schläge zu sein, die wir erleiden. Manche tun so, als sei nichts passiert, trotz Beulen und blauen Flecken. Am Ende werden die meisten von uns zu dem, was von uns gesagt wird: gewalttätig, irrational und unfähig, uns wie verantwortungsbewusste Erwachsene zu verhalten. Es ist eine tragische Oper mit vorgegebenem Ende. (…)

Das Problematische am Gefängnis ist in der Tat das Gefängnis selbst. Die Idee, dass aus der Erniedrigung und Verrohung von benachteiligten Menschen etwas Gutes entstehen könnte, ist absurd. Es ist eine Lüge, die von denen weiterverbreitet wird, die von diesem Scheitern profitieren. Das hat noch nie geklappt, klappt jetzt nicht und wird nie klappen. Auch wenn man noch so viel Geld zum gesellschaftlichen Fenster hinauswirft, wird man keinen Erfolg kaufen können. Keine Mindestzahl von zerbrochenen Körpern und gequälten Seelen wird Rehabilitation bringen. Keine noch so aufwendigen Opferrituale führen dazu, dass auf einmal bessere Menschen durch die Vordertür des Gefängnisses heraustreten in ihren grauen Trainingsanzügen. Die Probleme sind systemisch und hartnäckig. Um ein System, das zum Scheitern gebaut ist, zu überwinden, braucht es nichts weniger als eine radikale und nachhaltige Reform. Vielleicht ist diese nicht möglich, aber wenn wir es nicht zumindest versuchen, verurteilen wir Tausende und Abertausende unserer Mitmenschen zu einem Hexengebräu aus Schikane und Betrug, und zwar Menschen hier drinnen und auch draussen.»

Kenneth Hartman

Der Autor ist seit 35 Jahren in einem kalifornischen Gefängnis inhaftiert. Als betrunkener Neunzehnjähriger hat er 1980 bei einem Faustkampf einen Menschen getötet. Er verbüsst eine lebenslängliche Strafe ohne Möglichkeit auf vorzeitige Entlassung. Hartmans vollständiger Text erschien in «Fourth City. Essays from the Prison in America», herausgegeben von Doran Larson, 2013.

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