Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

Die Ware Mensch

Vom Bürgerkrieg in Libyen profitieren Schmuggler jeder Art. Die westlibysche Küste entwickelt sich immer mehr zum Umschlagplatz für Flüchtlinge.

Von Mirco Keilberth, Tripolis

Das Boot, das in der Nacht zum Sonntag kenterte, wobei wohl rund 900 Menschen ihr Leben verloren, war von der libyschen Kleinstadt Garabuli aus gestartet. Deren Strände sind seit zwei Jahren Ausgangspunkt für Hunderte von Booten, die sich auf den Weg nach Europa machen.

Seit es wegen des Bürgerkriegs südlich von Tripolis und in der Sahara unsicher geworden ist, konzentrieren sich die internationalen Schmuggler auf die 2000 Kilometer lange Mittelmeerküste Libyens. Täglich verlassen ganze Schiffsladungen des unvergleichlich günstigen libyschen Benzins auf Booten den Hafen von Tripolis, sechzig Kilometer vor der Küste wechseln sie den Besitzer. Für die Menschenschmuggler dienen die Boote als schwimmende Tankstellen.

Adel Khalifa, ein 55-jähriger Ingenieur, kommt fast jeden Tag in den Hafen von Tripolis. Wer Kontakte und genügend Bargeld habe, sagt er, könne hier alles regeln: «Eigentlich bräuchten die beiden am Kai festgemachten ägyptischen Trawler wohl eine Genehmigung der Hafenbehörde, doch mit einem libyschen Kontaktmann kann man das auch so regeln.»

Zu Zwangsarbeit verpflichtet

Oft sind es ehemalige Milizionäre, die im Schmuggel eine neue Einnahmequelle gefunden haben. Von den Stränden der libyschen Küstenstädte Zliten, Khoms, Misrata und Zuwara schickten die Schmuggler 2014 über 170 000 Flüchtlinge aufs Meer. ExpertInnen schätzen, dass täglich bis zu 700 Flüchtlinge in Schlauchbooten die libysche Küste verlassen.

Zwei Routen führen aus der Sahara an das Mittelmeer: Eritreerinnen, Somalis und Sudanesen kommen über Kufra und Aschdabija in den Osten Libyens und werden in Lastern versteckt nach Tripolis gebracht. Die Hauptroute führt von Agadès im Niger in die libyschen Wüstenoasen Murzuk, Gatrun und Sebha, wo die jungen Menschen – überwiegend Männer aus Nigeria, Ghana und von Côte d’Ivoire – das Geld für die Fahrt nach Tripolis verdienen.

Rund 500 US-Dollar kostet der Weg in die libysche Hauptstadt, immer wieder werden Männer von Milizen verhaftet und zu Zwangsarbeit verpflichtet. Wer es schafft, sich aus den Milizengefängnissen freizukaufen, sucht auf Baustellen in Tripolis Arbeit. Doch der Arbeitsmarkt ist gesättigt, und immer mehr Männer stehen vergeblich mit Schaufeln oder Pinseln an den Kreuzungen. Der kurze Boom von Jobangeboten, der nach der Flucht vieler ÄgypterInnen eingesetzt hatte, ist verebbt – zumal der libysche Staat, in dem rund siebzig Prozent der sechs Millionen BürgerInnen öffentlich angestellt sind, nur noch unregelmässig Löhne auszahlt.

Warten auf ein Boot

Die Regeln der Menschenschmuggler sind streng: Wer sich über eine der ständig wechselnden Nummern an die Schmuggler gewendet und die üblichen tausend Dollar für die Überfahrt an die Mittelsmänner gezahlt hat, muss sich Tag und Nacht bereithalten. Kurz vor der Abfahrt kommt ein Anruf, dann geht alles schnell: Handy abgeben, nur das Nötigste einpacken. Mit kleinen Lieferwagen geht es über Feldwege zu entlegenen Strandabschnitten wie bei Garabuli. Manchmal müssen die Gruppen von jeweils zwölf Leuten auch tagelang in verlassenen Häusern auf die Boote warten. Wer gegen das Kommunikationsverbot verstösst, wird hart bestraft – immer wieder werden Leichen mit Folterspuren am Strand gefunden.

Die Polizei müssen die Schmuggler nicht fürchten, vielmehr bekommen sie die Ablehnung der Zivilbevölkerung zu spüren, weshalb sie anonyme Siedlungen bevorzugen. So etwa versuchen EinwohnerInnen von Zuwara, die Schmuggler mit einer Bürgerwehr fernzuhalten. «1800 Dollar im Monat kann man mit dem Vermitteln der ‹Ware› verdienen», sagt ein Mitglied dieser Bürgerwehr. Er glaubt, dass auch in ihren Reihen Schmuggler arbeiten. «Es ist zu viel Geld in kurzer Zeit zu verdienen.»

Der Chef der libyschen Küstenwache, Rida Berissa aus Misrata, kann nicht verstehen, dass Europa seinen Leuten nicht mehr hilft. Mit zwei Booten überwacht die Marine einen 600 Kilometer langen Küstenabschnitt.

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