Nr. 37/2016 vom 15.09.2016

König der Trolle

Donald Trumps neuer Wahlkampfleiter ist ein wichtiges Sprachrohr der «Alt-Right»-Bewegung. Diese besteht aus White-Supremacy-Intellektuellen und einer Armee reaktionärer InternetaktivistInnen.

Von David Hunziker

Donald Trump ist kein Politiker, sondern ein Troll. Der für destruktive KommentatorInnen im Internet geschaffene Begriff trifft auch auf Trumps Kommunikationsstil zu. Statt sich in Debatten auf eine Position festzulegen, arbeitet der republikanische Präsidentschaftskandidat mit dem Schock: Mit haarsträubenden Äusserungen weitet er den Raum des Sagbaren aus und holt sich damit Zustimmung in Bereichen, die zuvor durch Tabus versperrt waren.

Diese Strategie bringt Trump in die Nähe der sogenannten alternativen Rechten – auf Englisch «Alternative Right» oder kurz «Alt-Right». Seit einer Rede von Hillary Clinton Ende August wird die vor allem im Internet aktive Bewegung in den US-Medien breit diskutiert. In besagter Rede wollte die demokratische Präsidentschaftskandidatin Trump direkt mit rechtsradikalen Kreisen in Verbindung bringen. Anlass dazu war die Ernennung von Stephen Bannon, dem Chef der rechtspopulistischen Newswebsite «Breitbart», zum Leiter von Trumps Wahlkampfteam. Bannon steht der «Alt-Right»-Bewegung nahe.

Doch Clintons Schuss ging nach hinten los. Die Bewegung nutzte die Aufmerksamkeit umgehend und verbreitete auf Twitter – ihrem eigentlichen Leitmedium – Tausende von Statements zur Frage, was «Alt-Right» bedeute: «… ironiefrei nach inspirierenden Hitler-Zitaten zu googeln», meinte etwa ein Twitterer, «… das zu lieben, was Jahre linker Politik dich zu hassen gelehrt haben», ein anderer.

Widerstand gegen die «neocons»

«Diese Leute sind der Meinung, dass die weisse Zivilisation von den Kräften der politischen Korrektheit und sozialen Gerechtigkeit bedroht wird», sagte Mark Potok vom renommierten Southern Poverty Law Center gegenüber dem Magazin «Wired». Die mehrheitlich jungen, weissen und männlichen InternetaktivistInnen verbindet die Überzeugung, dass sie in einer zunehmend auf Gleichheit getrimmten Gesellschaft marginalisiert werden.

Der Intellektuelle Paul Gottfried gilt als Erster, der den Begriff «Alternative Right» verwendete. 2008 bezeichnete er damit verschiedene Strömungen, die sich gegen den neokonservativen Mainstream in der Republikanischen Partei richteten. Das wichtigste Anliegen dieser «neocons» ist die Verteidigung des globalen imperialen Anspruchs der USA. Gottfried und andere rechte Intellektuelle fordern hingegen Isolationismus und die Stärkung der eigenen kulturellen Identität. Trump verehren sie, weil er rassistische Positionen salonfähig gemacht und die Elite der Republikanischen Partei unterwandert hat. Explizit gehen sie jedoch weit über Trump hinaus: Sie sehen sich als KämpferInnen für die Interessen der «weissen Rasse».

Doch ohne die wütenden Mobs in sozialen Medien würde sich wohl kaum jemand für den kleinen Kreis der «Alt-Right»-Intellektuellen interessieren. Als Internetkultur hat «Alt-Right» wie auch die linke Hackergruppierung Anonymous ihren Ursprung auf der Forumseite «4Chan». Anonyme UserInnen schufen sich dort einen Raum, in dem es üblich wurde, sich etwa positiv auf den Nationalsozialismus zu beziehen. Die meisten Kommentare und Bilder kommen überzeichnet und selbstironisch daher, sodass sich die Unterwanderung von Tabus und bitterer politischer Ernst vermischen. Andrew Anglin, der Herausgeber der neonazistischen «Alt-Right»-Seite «The Daily Stormer», schreibt: «In unserem nihilistischen Zeitalter muss der absolute Idealismus in Ironie verpackt werden, um ernst genommen zu werden.»

Skinheads mit höherer Intelligenz

Als wichtiger Mobilisierungsmoment der «Alt-Right»-Bewegung gilt das sogenannte Gamergate: Nachdem Game-Entwicklerin Zoë Quinn den grassierenden Sexismus in ihrer Industrie kritisiert hatte, griff ihr Exfreund sie im August 2014 auf seinem Blog massiv an. Dieser wurde bald darauf von wütenden Gamern unterstützt, die auf Twitter eine Hasswelle von erschreckendem Ausmass gegen Frauen in der Gameindustrie lostraten.

Einer, der sich damals für die Gamergate-Sexisten einsetzte und ihnen damit eine Spur von öffentlicher Anerkennung bescherte, war der Journalist Milo Yiannopoulos. Dieser organisierte während des republikanischen Parteitags eine Party mit dem Titel «Gays for Trump»; bei Twitter ist er wegen rassistischer Äusserungen permanent gesperrt. Er schreibt auch für Bannons «Breitbart», wo er entscheidend zur Popularisierung von «Alt-Right» beiträgt. Kürzlich schrieb er in einer Lobeshymne auf die Bewegung, die Anhänger von «Alt-Right» würden sich von rassistischen Skinheads vor allem durch ihre deutlich höhere Intelligenz unterscheiden.

Durch die Anstellung von Bannon ist die Verbindung zwischen Trump und der «Alt-Right»-Bewegung zu mehr geworden als einer geistigen Verwandtschaft. Vor allem im wahrscheinlichen Fall, dass Trump am 8. November nicht zum Präsidenten gewählt wird, könnte diese Verbindung relevant werden: Der «New Yorker» spekulierte, Trump und Bannon hätten es gar nicht auf einen Sieg angelegt, sondern darauf, einen neuen Medienkonzern rechts von Fox News aufzubauen. Zusätzliche Plausibilität erhält diese Vermutung dadurch, dass Trump inzwischen auch den Fox-News-Gründer Roger Ailes als Berater angeheuert hat, dem der Sender kürzlich wegen mehrerer Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gekündigt hat.

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