Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

Desaster am Ärmelkanal

Die französischen Behörden rühmen die Räumung des Flüchtlingslagers bei Calais als Erfolg. Dabei ist noch immer nicht geklärt, was mit 1500 minderjährigen MigrantInnen geschehen soll.

Von Tobias Müller, Calais

Am Ende wurde es selbst auf diplomatischem Parkett schmutzig: Während die Bulldozer das geräumte Flüchtlingslager in Calais – den sogenannten «Dschungel» – planierten, flogen wechselseitige Anschuldigungen über den Ärmelkanal. Auf höchster Ebene schoben sich Paris und London öffentlichkeitswirksam die Verantwortung für die verbliebenen Minderjährigen zu, denen noch immer keine feste Unterkunft zur Verfügung steht. Sogar von «moralischer Pflicht» wurde gesprochen.

Solche Äusserungen wirken befremdlich angesichts der Bilder von Chaos und Zerstörung, die in der letzten Woche von Calais aus um die Welt gingen. Und die Art und Weise, wie die französischen Behörden ihr Vorgehen als Erfolg bezeichneten, geriet zu einem bizarren Stück Propaganda: «Der Dschungel ist leer», konstatierte die Präfektin Fabienne Buccio, obwohl sie nur Stunden zuvor dort gewesen war und das Gegenteil gesehen haben musste. Hunderte Menschen hielten sich noch immer im Camp auf, zwischen brennenden Zelten und Holzverschlägen. Doch Buccios Botschaft lautete: Die Arbeit hier ist getan, die JournalistInnen können nach Hause gehen. 4014 «Dschungel»-BewohnerInnen wurden offiziell im Rahmen der «Operation Bergung» genannten Räumung in Auffangzentren überall im Land untergebracht.

4000 «Verschwundene»

Schon die Zahlen machten klar, dass es in dieser Gleichung einen Rest gibt: Gemäss Oktoberzensus der Hilfsorganisationen lebten im Camp über 8000 Personen. Von etwa 7500 ging die Präfektur aus. Was ist mit den übrigen passiert? Laut François Guennoc, Mitglied der Vereinigung L’Auberge des Migrants, sind 4000 Menschen aus dem Dschungel «verschwunden» – viele von ihnen nach Paris, aber auch in kleinere Camps an der Küste und in der Umgebung. Viele dürften sich auf Lkw-Parkplätzen und in Ortschaften im nahen Hinterland niederlassen, wenn die Kontrollen in der Küstenregion verschärft werden.

Derweil kamen auch in den Tagen der Räumung neue MigrantInnen in Calais an. Eine enorme Polizeipräsenz in der Stadt machte deutlich, dass die Behörden jedem Ansatz zum Entstehen eines neuen Camps vehement entgegenwirken wollen. «Wir erwarten eine Zero-Tolerance-Politik», sagt Jonny Willis, Gründer des an minderjährige Flüchtlinge gerichteten Refugee Youth Service. Die Art und Weise, wie die Sicherheitspolizei CRS in Bahnhofsnähe derzeit nahezu jeden Menschen dunklerer Hautfarbe kontrolliert, unterstreicht seine Einschätzung. Das Racial Profiling erreicht ein neues Level.

Für viele der TransitmigrantInnen in Calais stellten die Aufnahmezentren der Regierung (Centres d’accueil et d’orientation, CAO) zunächst eine annehmbare Lösung dar. Denn im «Dschungel» hat sich seit Herbst 2015 Resignation breitgemacht, weil die angestrebte Weiterreise auf die andere Seite des Ärmelkanals immer unerreichbarer wurde. In den CAO fanden sie allerdings sehr unterschiedliche Bedingungen vor: «Sie reichen von sehr gut bis sehr schlecht, mit unzureichender Essensversorgung», berichtet François Guennoc.

Minderjährige ohne Unterkunft

Unterdessen äussern verschiedene Hilfsorganisationen schwere Kritik am Ablauf der «Dschungel»-Räumung. Am Tag nach der Erklärung von Buccio stand Virginia Howells, Krisenmanagerin der NGO Save the Children, einige Hundert Meter vor dem abgeriegelten Camp. «Sie behaupten, ihre Mission sei erfüllt», sagte sie kopfschüttelnd, während hinter ihr vermummte CRS-Beamte die letzten rund 150 CampbewohnerInnen, darunter zahlreiche Minderjährige, langsam die Strasse hinunterdrängten. Die Busse, auf die sie seit Stunden warteten, kamen nicht, ein Schlafplatz war ebenso wenig in Sicht.

Sechzig bis hundert unbegleitete Kinder und Jugendliche zwischen dreizehn und achtzehn Jahren mussten in der ersten Nacht nach der Räumung im Freien auf dem Boden schlafen. Dabei sollte ihnen laut Uno-Kinderrechtskonvention besonderer Schutz zukommen. Stattdessen waren Hilfsorganisationen stundenlang damit beschäftigt, Schlafplätze für sie zu finden. «Bei manchen dauerte das bis nach Mitternacht. Die Minderjährigen waren verängstigt und zitterten vor Kälte», sagt Howells. Andere fanden zunächst in der ehemaligen Schule und in der Kirche des von Bränden zerstörten «Dschungels» Zuflucht. Beide wurden wenig später geräumt.

1500 weitere junge Flüchtlinge waren nach der Räumung des «Dschungels» in einem Containercamp an dessen Rand untergebracht. Am Mittwoch wurden sie schliesslich von Bussen abgeholt und laut offiziellen Angaben in Unterkünfte für Minderjährige transportiert. Es ist aber davon auszugehen, dass es noch immer Jugendliche gibt, deren Unterbringung nicht geregelt ist. Denn aufgrund der Brände im Camp wurde deren Registrierung bei der Räumung nicht vollständig abgeschlossen.

So wird deutlich, dass die triumphale Verkündigung der Präfektin im besten Fall reichlich voreilig war. Während sich Paris und London nun öffentlich über moralische Pflichten belehren, müssten die französischen Behörden eigentlich eingestehen, dass sie bei der Räumung nicht einmal die im Vorfeld zugesicherten Mindeststandards einhielten: Sie hatten versichert, für das Wohl aller minderjährigen «Dschungel»-BewohnerInnen zu sorgen.

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