Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

«Trump macht uns keine Angst»

Papierlose Latinas kämpfen im US-Bundesstaat Arizona gemeinsam mit US-Bürgern für einen politischen Wandel. Donald Trumps Hasskampagne hilft ihnen bei der Mobilisierung.

Von Daniel Stern (Text) und Caitlin O’Hara (Fotos), Phoenix

Seit ihr Leben vor drei Jahren einen Knick erhalten hat, kommt sie oft hierher. Ich treffe Claudia Faudoa im Lokal der Organisation Promise Arizona (PAZ). Sie trägt ein T-Shirt von PAZ mit dem Symbol der Friedenstaube. Faudoa sitzt an einem grossen Tisch, an der Wand hängen weisse Tafeln, die für Kurse benutzt werden, auf einem Tablar stehen Madonnenfiguren, dazwischen ist eine kleine US-Fahne befestigt, auf Postern an den Wänden steht «No more Deportations» – keine Abschiebungen mehr.

Claudia Faudoa ist eine Papierlose – «undocumented», wie sie sich selbst nennt. Seit 22 Jahren lebt sie in den USA. PAZ ist eine Organisation, die sich für die Rechte der Sans-Papiers einsetzt. Zusammen mit über einem Dutzend anderen zumeist von lateinamerikanischen EinwanderInnen geprägten Organisationen steht PAZ für einen politischen Wandel in Arizona. Der konservative und in den letzten Jahren zunehmend immigrationsfeindliche Bundesstaat könnte bei den kommenden Wahlen erstmals seit 1996 wieder auf die Seite der DemokratInnen kippen. Entscheidend für diesen Wandel sind die Latinos und Latinas.

Organisationen wie PAZ haben sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele wahlberechtigte Latinos und Latinas an die Urnen zu bringen. Denn es ist klar: Einem Donald Trump, der eine Grenzmauer zu Mexiko bauen will und Latinos pauschal als Diebe und Vergewaltiger darstellt, werden die wenigsten die Stimme geben. «Wir haben seit Anfang Jahr 150 000 Bürger dazu gebracht, sich neu ins Wahlregister einzutragen», sagt Faudoa stolz. «Das sind mehr als in den fünf Jahren zuvor.» Diese 150 000 könnten bei den kommenden Wahlen entscheidend sein. Mehr noch: Im County Maricopa, dem mit grossem Abstand bevölkerungsreichsten Bezirk Arizonas, der den Grossraum Phoenix umfasst, könnte die Mobilisierung der lateinamerikanischen Bevölkerung auch zur Abwahl des seit 23 Jahren amtierenden und hochumstrittenen Sheriffs Joe Arpaio führen.

Häftlinge in Ketten

Ein Freitagabend im Oktober. Es ist bereits dunkel, als eine Gruppe von vielleicht fünfzig VelofahrerInnen an den Hochhäusern von Downtown Phoenix vorbeiradelt. Sie schreien immer wieder «Arrest Arpaio, not the people!» und «Ho, ho, ho, Arpaio has to go!». Viele Leute, die in einer langen Schlange vor einem Kino anstehen, applaudieren spontan. Frauen der Gruppe Westward Hos halten mit ihren Fahrrädern an den Kreuzungen die Autos an, damit die Protestierenden sicher vorbeiziehen können.

Jo Arpaio kennen hier alle. Er selber nennt sich «härtester Sheriff der USA». Mit Sicherheit ist er auch der bekannteste. JournalistInnen aus der ganzen Welt haben ihn schon interviewt. Arpaio ist gewissermassen die Vorwegnahme dessen, was Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf predigt: Er betreibt seit Jahren auf dem Buckel von Gefangenen und lateinamerikanischen EinwanderInnen Werbung in eigener Sache. Einen Teil der Gefangenen des Countys lässt er in Zelten unterbringen – bei Sommertemperaturen von über vierzig Grad im Schatten. Die InsassInnen werden zum Reinigen öffentlicher Plätze geschickt, wobei sie der Sheriff in gestreifte Häftlingskleider stecken und in Ketten legen lässt.

Arpaio ist auch schon als Verbündeter von Donald Trump an dessen Wahlkampfveranstaltungen aufgetreten. Allerdings könnte Arpaio bei den kommenden Wahlen genauso hochkant scheitern wie Trump. Denn er ist zunehmend mit Klagen konfrontiert. Aufgrund von Anzeigen wegen Rassismus und Diskriminierungen hat seine Sheriffbehörde in den letzten acht Jahren 41 Millionen Dollar an Anwaltskosten aufwenden müssen. Er hat seine Polizeikräfte angewiesen, ein besonderes Augenmerk auf Personen zu legen, die wie LateinamerikanerInnen aussehen. Dieses Racial Profiling widerspricht laut dem Obersten Gericht der US-Verfassung. Doch Arpaio hat sich bislang auch gerichtlichen Anordnungen widersetzt. Am 17. Oktober wurde bekannt, dass er von der Staatsanwaltschaft wegen Zuwiderhandlung gegen eine richterliche Anordnung angeklagt werden soll. Laut einer Meinungsumfrage, die wenige Tage später stattfand, könnte Arpaio mit bis zu fünfzehn Prozentpunkten Abstand gegen seinen demokratischen Herausforderer Paul Penzone verlieren.

Die Velodemo endet vor dem Hauptquartier Arpaios; einem grauen mehrstöckigen Klotz, der auf rund zehn Metern Höhe bis auf die Strasse hinausragt. Unter dem Klotz steht die bronzene Statue eines gesattelten Pferdes, das zu Ehren der im Dienst umgekommenen Mitarbeitenden der Behörde errichtet wurde. Maria Castro, eine Frau Mitte zwanzig, ergreift das Mikrofon und bedankt sich bei allen, die mitgefahren sind. «Die nächsten Tage sind ganz entscheidend. Die Wähler haben jetzt die Wahlunterlagen erhalten», sagt sie. «Nun geht es darum, dass sie diese ausfüllen und abschicken. Wir wollen dazu von Tür zu Tür gehen und sie dazu auffordern.» Zum Schluss der Veranstaltung klettert eine Frau von den Westward Hos auf das bronzene Pferd und reckt die Faust, alle jubeln.

Job verloren wegen fehlenden Papiers

Claudia Faudoa weiss, was Racial Profiling bedeutet. Es ist die ständige Angst, kontrolliert und im schlimmsten Fall deportiert zu werden. Im Büro von PAZ spricht sie mit Carmen Felipe Jancez darüber, einem vielleicht dreissigjährigen Latino, der das US-Bürgerrecht besitzt. Sie reden abwechselnd englisch und spanisch miteinander, gerade so, welches Wort ihnen zuerst einfällt. «Wir nennen das Spanglish», lacht Jancez. «Ich denke und träume auch so», fügt Faudoa an. Jancez sagt, dass er aufgrund seines Aussehens immer wieder von der Polizei kontrolliert werde. «Dann wollen sie meinen Führerschein sehen. Einfach so. Weil ich eine braune Haut habe.»

Faudoa erzählt von ihren 22 Jahren in den USA: «Ich bin 1994 als 22-Jährige aus Nordmexiko hierhergezogen. Ich konnte legal einreisen, weil ich ein zehnjähriges Touristenvisum bekommen hatte. Ausser vier Onkeln kannte ich in den USA niemanden.» Sie blieb, weil sie in Mexiko keine Perspektive sah. Sie begann, als Kindermädchen zu arbeiten. Sie hatte Glück und fand eine nette reiche Familie, die sie sogar nach Europa in die Ferien mitnahm. So sah sie auch die Schweiz, war in Luzern und Zürich und schwärmt noch heute davon. Seit Faudoas Touristenvisum abgelaufen ist, könnte sie aber nach einer Ausreise nicht wieder legal in die USA gelangen. Später fand Faudoa einen Job im Büro einer Liegenschaftsverwaltung, 50 000 Dollar hat sie im Jahr verdient. Und immer Steuern bezahlt, betont sie. «Ich habe zwar keine Sozialversicherungsnummer, aber eine Steuernummer. Unser Geld will der Staat schon. Auch wenn ich dafür gar nichts zurückbekomme.»

Faudoa war erfolgreich. Sie holte ihre zwei Brüder und ihre Schwester und auch ihre Mutter nach Arizona. Und sie heiratete, wurde Mutter von drei Buben, die heute zehn, sechs und zwei Jahre alt sind – und, weil hier geboren, alle US-Bürger. Doch vor drei Jahren holte Faudoa die Vergangenheit ein: In ihrem Unternehmen fingen sie an, Fragen zu stellen. Die Behörden liessen mitteilen, dass die von ihr angegebene Sozialversicherungsnummer nicht stimme. Sie gab schliesslich zu, über keinen legalen Status in den USA zu verfügen, und wurde gefeuert. Seither ist sie arbeitslos.

Fünf bezahlte Krankheitstage

Das Schicksal von Claudia Faudoas Familie ist typisch. Und es zeigt, wie absurd die Unterscheidung zwischen legalem und illegalem Aufenthaltsstatus ist. In vielen Familien leben US-BürgerInnen zusammen mit «Illegalen» und BesitzerInnen einer Greencard, also einer Aufenthaltsberechtigung, unter dem gleichen Dach.

Alex Gomez hat eine ähnliche Geschichte aus der Kindesperspektive erlebt. Ich treffe sie im Büro von Lucha, einer politischen Organisation, die sich vor allem für die sozialen Rechte von Latinos und Latinas einsetzt. Alex Gomez wurde in Kalifornien geboren und war somit automatisch US-Bürgerin, ihre Mutter war aufgrund einer Amnestie ebenfalls bereits US-Bürgerin geworden. Ihr Vater hingegen blieb papierlos. «Ich hatte ständig Angst, er würde am Abend nicht mehr nach Hause kommen», erinnert sich Gomez. Denn 1994 war in Kalifornien bei einer Volksabstimmung ein Gesetz angenommen worden, das die Behörden verpflichtete, eine eigentliche Jagd auf Papierlose zu betreiben. Schliesslich flüchtete die Familie nach Arizona, wo sie sich mehr Schutz erhoffte.

«Das ist auch der Grund, weshalb ich jetzt politisch aktiv bin», sagt Gomez. «Als 2010 ein ähnliches Gesetz wie dasjenige in Kalifornien hier in Arizona verabschiedet wurde, beschloss ich, mich zu wehren.» 2010 führte Arizona das umstrittene Senatsgesetz 1070 ein, das es für NichtbürgerInnen zu einer Straftat macht, keinen gültigen Ausweis auf sich zu tragen. Es erlaubt PolizistInnen denn auch, Personen nach ihrem Aufenthaltsstatus zu fragen. Das Gesetz führte zu heftigen Protesten und gar zu einer Boykottbewegung gegen Arizona. Wie schon 1999 im Fall von Kalifornien erklärte das Oberste Gericht schliesslich bedeutende Passagen des Gesetzes für rechtswidrig.

Lucha setzt sich derzeit vor allem für eine Vorlage ein, die gleichzeitig mit den Wahlen vom 8. November zur Abstimmung steht. Es geht um die schrittweise Erhöhung des Mindestlohns in Arizona von derzeit 8,05 Dollar auf 12 Dollar bis 2020. Zudem soll mit der Vorlage auch eine minimale Entschädigung für erkrankte Beschäftigte eingeführt werden: 40 Stunden pro Jahr bei grösseren Unternehmen, 24 Stunden bei Kleinbetrieben. Gomez ist überzeugt: Arizona ändert sich gerade grundlegend. «Wir mischen uns ein und kämpfen. Das ist auch unser Staat, und wir wollen hier ohne Angst leben.» Der Wandel sei bereits sichtbar. So werde die Stadt Phoenix inzwischen von einer progressiven Mehrheit regiert. «2030 werden die Latinos hier in Arizona die Mehrheit bilden», weiss Gomez. Von einem Donald Trump lasse man sich deshalb nicht einschüchtern: «Er macht uns keine Angst. Wir haben hier seit Jahren Leute wie ihn an der Macht.»

Konservative Hochburg Sun City

Allerdings ist der Grossraum Phoenix nicht nur von eingewanderten Latinos und Latinas geprägt, sondern gleichzeitig auch von einer anderen Art der Immigration: Viele EinwanderInnen aus dem nördlichen Teil der USA verbringen hier in abgeschotteten RentnerInnenstädten ihren Lebensabend. Ich fahre nach Sun City, in den Prototyp solcher Ortschaften, der bereits 1960 errichtet wurde. Hier darf nur ein Haus kaufen, wer mindestens 55 Jahre alt ist. Die Stadt wird von einer privaten Firma verwaltet. Es gibt kleine Seen, Parks, Sport- und Golfplätze, doch sie sind nur den BewohnerInnen der Stadt zugänglich. Die RentnerInnenstädte gelten als Hochburgen der RepublikanerInnen und von Sheriff Arpaio. Und überall in diesen Siedlungen gibt es freiwillige Polizeitruppen, sogenannte Posses, in denen die RentnerInnen Hilfsdienste für den Sheriff leisten.

Die «Sun City Sheriff’s Posse» verfügt über ein repräsentatives Hauptquartier mitten in der Stadt und zählt rund hundert Aktive. Im Eingangsbereich hängt das Foto von Joe Arpaio sowie dasjenige von Danny Moore, des Kommandanten der Hilfstruppe. Auch Moore ist Rentner und übt seinen freiwilligen Dienst in einem Halbtagespensum aus, wie er sagt. Auf Arpaio lässt er nichts kommen: «Ich stehe voll hinter ihm», bekräftigt er. Arpaio weiss um die Bedeutung dieser Hilfstruppen für seine Reputation. «Er kommt hier drei- bis viermal im Jahr vorbei, etwa bei Vereidigungen», sagt Moore. Die Sheriff’s Posse wird jeweils aufgeboten, wenn es in der Stadt zu einem Unfall oder einem Verbrechen kommt und es Assistenzdienste braucht, etwa bei der Verkehrsregelung.

Selbstredend geniesst Arpaio auch im Hauptquartier der Republikanischen Partei von Sun City grosse Achtung. Er tauche hier gelegentlich auf, sagt Frank Bornstein, der sich zusammen mit Eugene Smith gerne für ein Gespräch mit mir zur Verfügung stellt. Beide sind pensioniert und aus dem Norden der USA hierhergezogen. Smith sagt über Arpaio: «Wer ihm keine Probleme macht, hat auch keine Probleme mit ihm.» Bornstein stimmt mir zu, als ich behaupte, die politische Situation in Arizona verändere sich gerade zu ihren Ungunsten. Doch macht Bornstein weniger die ImmigrantInnen aus Lateinamerika dafür verantwortlich als viel mehr die eingewanderten SeniorInnen aus den Westküstenstaaten Kalifornien und Washington, die traditionell demokratisch wählen.

Smith sagt, er habe an einer Trump-Veranstaltung auch Latinos und Latinas gesehen. Sie hätten Schilder mit der Aufschrift «Latinos for Trump» mit sich getragen. «Die wissen doch genau, dass die Illegalen ihnen nur die Jobs wegnehmen und die Löhne drücken.» Bornstein fasst seine Unterstützung für Trump mit dem Satz zusammen: «Er sagt, was wir denken.» Smith argumentiert grundsätzlicher: «Das System ist total korrupt.» Es brauche jemanden, der damit aufräume. Die Nationale Sicherheitsbehörde NSA, der Geheimdienst CIA und die Bundespolizei FBI würden die eigene Bevölkerung ausspionieren, Wikileaks beweise das. Laut Smith gebe es auch Indizien, dass der konservative Bundesrichter Antonin Scalia keines natürlichen Todes gestorben sei. Möglicherweise habe man vor Barack Obamas Abgang noch schnell einen Wechsel im Obersten Gericht erreichen wollen. Bornstein schüttelt bei dieser Aussage etwas genervt den Kopf.

Sowohl Smith wie Bornstein sind auch dafür, dass die geschätzten elf Millionen Papierlosen, die in den USA leben, weggewiesen werden (wobei Smith sagt, die Zahl sei viel zu tief geschätzt, er gehe von 25 Millionen aus). Sie räumen ein, dass dies natürlich nicht in einem Zug geschehen könne. «Die Wirtschaft würde kollabieren», sagt Smith. «Aber wer erwischt wird, soll raus», meint Bornstein. Ob sie selber Illegale beschäftigen würden? Bornstein sagt, er würde nicht fragen, wenn er jemanden einstelle, um sein Haus zu putzen. «Da zahlt man einfach cash und fertig.» Er selber habe mehrere Jahre «eine Maria» beschäftigt. Erst nach fünf Jahren sei ihm klar geworden, dass sie die Staatsbürgerschaft besitze.

Papierlose Agitatorin

Am nächsten Tag fahre ich mit Maria Castro, die ich auf der Velodemo kennengelernt habe, durch den Süden von Phoenix. Wir benutzen ein Auto, Velostreifen wie in der Innenstadt gibt es hier genauso wenig wie eine Strassenbahnlinie. Südphoenix ist das Armenquartier der Stadt, viele Latinos und Latinas leben hier. Die Strassen sind uneben, offenbar schon lange nicht mehr ausgebessert worden. Castro ist hier aufgewachsen. Sie ist wie Gomez eine Seconda. Ihre Mutter ist noch heute papierlos. Castro gibt ihr Geld, damit sie nicht mehr arbeiten muss. Das ist etwas sicherer. Ihr Studium hat Castro abgebrochen, weil sie sich nicht mehr weiter verschulden wollte. Allein die Studiengebühren für die staatliche Universität von Arizona haben sie 8000 Dollar pro Jahr gekostet. Castro fährt mich zum grossen Gefängnisareal der Stadt, wo auch die berüchtigte «Tent City» steht. Seitlich an der Zufahrtsstrasse sehen wir einen Kampfpanzer, der hier aufgestellt ist. Aufgemalt auf dem Kriegsgerät steht: «Sheriff Arpaio’s War on Drugs». Nach 2010 habe Arpaio auch Polizeifahrzeuge so beschriften lassen, erzählt Castro. So standen da etwa Sprüche wie «Stoppt die illegale Immigration» oder «Joe wird sie deportieren». Auf richterliche Anordnung hin mussten die Banner wieder abmontiert werden.

Das Gefängnis gleicht einer militärischen Festung, mehrere Reihen Stacheldraht umringen das ganze Gelände, unter einem Dach stehen einige Gefangene in gestreiften Sträflingskleidern im Schatten. Auch die Zelte sind von weitem zu erkennen. Die Seiten sind hochgezogen, so sieht man die Betten, Reihe an Reihe. «Mein Bruder war auch schon hier», sagt Castro und fährt weiter. Zurück im Wohnquartier, stoppt sie kurz an einer Strassenkreuzung. «Hier haben die Polizisten nach 2010 jeweils ihre Checkpoints errichtet. Alle Autos wurden kontrolliert», erklärt sie. «Wer keinen Führerausweis vorzeigen konnte, wurde verhaftet. Wir hatten eine ganze Liste von Leuten, die wir jeweils per SMS vor Polizeikontrollen warnten.»

Zusammen mit Maria Castro begleite ich später die etwa fünfzigjährige Maricruz Ramirez auf einer Tour durch eine kleine Nachbarschaft in Südphoenix. Ramirez will die Leute überzeugen, wählen zu gehen. Sie selbst ist eine Papierlose und wohnt seit über einem Dutzend Jahren in den USA. Auf ihrem Rundgang klopft sie nicht an jede Tür. Sie nutzt eine App auf ihrem Mobiltelefon, um zu sehen, wer in der Gegend wahlberechtigt ist, aber bei der letzten Wahl nicht teilgenommen hat. Das ist die Zielgruppe. Es ist inzwischen bereits dunkel geworden, die Strassen sind nicht beleuchtet. Ramirez nutzt ihr Handy als Taschenlampe und sucht die Hausnummern ab. Die Menschen leben hier in kleinen Einfamilienhäusern. Wenn sie anklopft, ist die Reaktion zunächst meist sehr verhalten. Viele öffnen die Tür nur einen Spaltbreit.

Doch Ramirez ist eine begnadete Agitatorin. Sofort beginnt sie auf Spanisch zu erzählen, wie wichtig die jetzige Wahl sei. Endlich biete sich eine reelle Chance, Arpaio abzuwählen. Ausserdem könne sie als Papierlose hoffen, dass ein Sieg der DemokratInnen ihr endlich einen legalen Status bringe. Bei vielen ist nach dieser Ansprache das Eis gebrochen. Die BewohnerInnen öffnen die Tür und holen ihre Wahlunterlagen hervor. Es zeigt sich, dass viele Mühe haben, diese zu verstehen. Sie sind nur in Englisch abgefasst: ein beidseitig bedrucktes, überdimensioniertes Blatt, auf dem all die Namen der KandidatInnen für die unterschiedlichsten Positionen auf County-, Staats- und Bundesebene gelistet sind. Dazu kommt die Frage zum Mindestlohngesetz und eine weitere zur Legalisierung von Cannabis.

Geduldig erklärt Ramirez alle Wahlgeschäfte und Sachvorlagen. Bis das Papier schliesslich ausgefüllt ist, kann es eine halbe Stunde dauern. Dann wird unterschrieben, das Blatt ins Couvert gesteckt und zum Briefkasten getragen. Ramirez klatscht und hält den Akt der brieflichen Stimmabgabe auf einem Handyfoto fest. Dann geht es zur nächsten Adresse.

Es sind Frauen wie Ramirez und Faudoa, die die Wahlen in Arizona besonders machen. Sie zeugen davon, dass auch Papierlose – «Illegale» – sich politisch engagieren. Wenn sie schon nicht wählen können, dann unternehmen sie zumindest alles in ihrer Macht Stehende, um möglichst viele US-BürgerInnen mit lateinamerikanischen Wurzeln zum Wählen und Abstimmen zu bewegen. Und Frauen wie Alexandra Gomez und Maria Castro zeigen, dass eine neue Generation junger Latinas durch das Schicksal ihrer Familien politisiert worden ist. Sie nutzen ihr Bürgerrecht, um der Politik eine neue Richtung zu geben und ihre Community – ihr Quartier, ihre Gemeinschaft – zu aktivieren.

Es sind genau diese Leute, vor denen die RepublikanerInnen zittern. Sie wissen, dass sie es völlig verpasst haben, die wachsende lateinamerikanische Gemeinschaft des Landes auf ihre Seite zu ziehen. Deshalb wird diese jetzt, wie das Donald Trump tut, pauschal verunglimpft. Unter dem Vorwand, Wahlfälschungen zu verhindern, wird zudem alles versucht, um Latinos und Latinas das Wählen zu erschweren. So waren bei den Vorwahlen in Arizona im Grossraum Phoenix nur wenige Wahllokale offen, im Süden der Stadt gar keines. Und vor den offenen Lokalen mussten die WählerInnen bis zu fünf Stunden anstehen.

Faudoa weiss: Nur wenn sich die politische Situation ändert, hat sie eine Chance darauf, dass sich ihr Leben wieder verbessert. Einen legalen Status kann sie unter den jetzigen Verhältnissen nicht erreichen. Die Anwälte hätten ihr davon abgeraten, ein Gesuch für eine Greencard zu stellen. Eine Ablehnung würde sie nur in Gefahr bringen.

Präsident Barack Obama hatte 2014 eine Verordnung verabschiedet, die es papierlosen Eltern von US-BürgerInnen ermöglicht, sich zu legalisieren. Doch 26 republikanisch regierte Teilstaaten, darunter Arizona, haben gegen dieses Vorhaben geklagt. Faudoa ist deswegen mit Tausenden anderen im Frühling nach Washington gereist, um vor dem Gebäude des Obersten Gerichts zu demonstrieren. Doch im Juni 2016 wurde bekannt, dass ein Entscheid des Obersten Gerichts blockiert ist: Die Richter können sich nicht einigen. Es steht vier gegen vier, und einen neunten Richter oder eine neunte Richterin gibt es seit dem Tod von Antonin Scalia noch nicht wieder. Der republikanisch dominierte Senat stellt sich einer Neubesetzung durch Obama entgegen. «Ich würde wirklich alles tun, um endlich legal hier leben zu können», sagt Faudoa. «Ich zahle jeden Tag den Preis dafür, dass ich hier eine Papierlose bin.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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