Nr. 18/2017 vom 04.05.2017

Wie fühlt sich das an, wenn man gejagt wird?

Sie organisieren Gegenpropaganda in den IS-Gebieten und ermöglichen den Informationsfluss von dort in die Weltmedien. Zwei Brüder aus Nordsyrien fürchten deshalb auch nach ihrer Flucht um ihr Leben.

Von Bartholomäus von Laffert (Text) und Raphael Knipping (Fotos)

Das «Vapiano» ist ein guter Ort, um unerkannt zu bleiben, glauben Aghiad und Mohammad al-Kheder. Die Pizzabäcker, die hinter der Glasfront Teigstücke über ihre Fingerkuppen tanzen lassen, interessieren sich nur für die Bestellung. Die Pizzaesser sind zu beschäftigt damit, sich mit klebrigen Fingern gegenseitig ihre neusten Einkäufe zu präsentieren. Sie sitzen an den langen Holztheken, die den Raum durchschneiden und in deren Mitte in Minikräutergärten Basilikum, Thymian, Rosmarin wachsen. So wie in allen «Vapiano»-Filialen. Es könnte wirklich überall in Deutschland sein. Und das ist auch gut so.

«So wissen sie nicht, wo wir sind», sagt Aghiad. Hebt kurz die Augen von seinem Smartphone, um an einem doppelten Espresso zu nippen. Keine Emotion in seinem Blick. Über den Bildschirm seines Geräts rennen Männer mit schwarzen Fahnen und vermummten Gesichtern und AK47-Gewehren in der Hand. Wenn Aghiad «sie» sagt, meint er die Mörder des sogenannten Islamischen Staats (IS; oder ISIS, wie die Dschihadorganisation bis heute auf Englisch meist genannt wird). Sie sind hinter ihm her. Hinter ihm und seinem Bruder Mohammad.

Luftballons und Laptops

Aghiad und Mohammad sind syrische Journalisten. Auch wenn sie das so nie sagen würden. «Ziviljournalisten», verbessert Mohammad dann immer, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Ziviljournalist ist ein ganz eigenes Ehrenamt, das der Syrienkrieg geschaffen hat. AktivistInnen, die vormals auf die Strasse gingen, um gegen das verhasste Regime Baschar al-Assads zu demonstrieren. Die anfingen, Fotos und Videos zu machen, um die Verbrechen zu dokumentieren, die erst das syrische Militär, dann Terrororganisationen wie die Al-Nusra-Front oder der IS und später alle zusammen an der Bevölkerung verübten.

Manche dieser ZiviljournalistInnen wurden umgebracht oder eingesperrt, manche konnten fliehen, einige Hundert sind noch immer vor Ort. Sechzig arbeiten zusammen mit Aghiad und Mohammad für die Nachrichtenagentur Sound and Picture und berichten aus den vom IS besetzten Gebieten im Osten Syriens mit der Kalifathauptstadt Rakka und aus dem Irak. Ihr Material senden sie nach Deutschland, wo es von den Al-Kheder-Brüdern aufbereitet und veröffentlicht wird.

Wie der Liveticker eines Fussballmatchs ploppen auf dem Sound-and-Picture-Twitter-Account die Meldungen auf. Nur dass da dann nicht steht, dass bei Eintracht Frankfurt schon wieder einer mit Rot vom Platz geflogen ist, sondern «#Deir-Essor: IS bestraft Fussballteam und Schiedsrichter mit Peitschenhieben», «#Rakka: IS tötet Mann und hängt Leichnam ans Kreuz. Wird beschuldigt, westlicher Spion zu sein» oder «#Rakka: Koalition zerstört Brücken über den Euphrat. Strafe für IS oder für Zivilisten?».

Beim zweiten Treffen am Morgen darauf sitzen die beiden rauchend im Sound and Picture Headquarter, wie die Brüder das Wohnzimmer von Mohammads Zwei-Zimmer-Familienwohnung scherzhaft nennen. An der Wand hängen noch drei rote Luftballons von einem Kindergeburtstag. Vor ihnen auf der geblümten Plastiktischdecke stehen zwei aufgeklappte schwarze Laptops, eine Einliterkaffeekanne und drei Zigarettenpackungen. Mohammad (31) sieht mit seinem verträumten Blick und den dunklen, mit einem Reif zurückgesteckten Haaren ein bisschen aus wie der inhaftierte saudische Blogger Raif Badawi.

Sein jüngerer Bruder Aghiad mit dem schwarzen Hipstervollbart sieht aus, als hätte er die letzten drei Nächte durchgefeiert. Dunkle Augenringe, er hat nur zwei Stunden geschlafen, vorgestern war es nur eine. «Ich kann nicht mit gutem Gewissen ins Bett gehen, wenn ich mein Handy ausschalte», sagt der 26-Jährige. Deshalb verzichtet er konsequenterweise fast ganz auf Schlaf. Kaum eine Stunde, in der sein Telefon, also Syrien, stillsteht. «Die Russen bomben meist tagsüber, die Drohnen und Flieger der Anti-IS-Koalition bomben meist nachts, der IS köpft manchmal zehn Menschen am Tag, dann wieder eine Woche niemanden.» Die wichtigsten Neuigkeiten posten die beiden sofort auf Twitter auf Arabisch und Englisch. Hintergrundberichte folgen auf der Website. «Wir schaffen es nicht, alles zu veröffentlichen», sagt Mohammad, der Ältere, «dazu haben wir schlicht nicht die Kapazitäten.» Allein das Videomaterial aus Syrien – es lagert auf den Festplatten der beiden – umfasse über 800 Stunden. Einen Teil davon veröffentlichen sie selbst, den Rest geben sie weiter an Menschenrechtsorganisationen, die Uno – und an renommierte internationale Medien, denen die beiden als inoffizielle Korrespondenten aus dem IS-Gebiet dienen. «CNN, BBC, Deutsche Welle, Le Monde …», zählt Mohammad auf. «Die Leute vertrauen uns.» Der IS hasst sie dafür.

«Wenn nicht wir, wer sonst?»

Es war schon damals in Syrien so, dass die Leute ihnen vertrauten: zu Beginn der syrischen Revolution, im Frühjahr 2011, als man beim Kürzel ISIS noch an Raumstationen oder ägyptische Göttinnen dachte. Mohammad studierte damals noch Business und Management, die Familie lebte in Abu Kamal, einer konservativ geprägten Kleinstadt an der irakischen Grenze. Aghiad war zum Studieren ins 120 Kilometer entfernte Deir Essor gezogen. Der Vater ein angesehener Arzt, die Mutter Lehrerin, sie waren nicht reich wie die Leute aus dem Assad-Clan, aber es reichte dazu, dass der Vater sich nach jahrelangem Sparen 2009 einen Hyundai Avante leisten konnte. Im Staatsfernsehen sahen die Menschen jetzt immer öfter die Bilder von Demonstrationen, vor allem aus dem Süden in Dar’a.

Terroristen seien das, die vom Ausland aus finanziert und aufgewiegelt würden, um dem antiimperialistischen Assad-Regime zu schaden. So lautete die Staatspropaganda, aber der Tenor in den sozialen Netzwerken lautete anders: Da waren die Menschen ergriffen von den Revolutionen in Ägypten und Tunesien, da waren sie betroffen von den toten Demonstranten in Dar’a, die von Soldaten umgebracht worden waren, da herrschte eine Jetzt-oder-nie-Stimmung. Und für Mohammad und Aghiad war relativ schnell klar: «Wenn nicht wir, wer sonst?»

«Bei der ersten Demo im April 2011 waren die Menschen noch skeptisch», erinnert sich Mohammad, «aber als sie sahen, dass es keine Terroristen waren, die da auf die Strasse gingen, sondern Studenten, Ärzte, Professoren, da haben sie mitgemacht.» Lange genug waren sie still geblieben, waren frustriert darüber, wie sich die Freunde des Assad-Regimes bereichert hatten und die Opposition ausgeschaltet wurde, indem die in Ostsyrien mächtigen Stammesführer eingekauft wurden, während der grosse Teil der Menschen in der Region Armut litt.

Aghiad, Mohammad und eine Gruppe befreundeter AktivistInnen hatten Plakate gezeichnet, auf denen «Freiheit für immer!» und «Dar’a, wir stehen dir bei!» stand. «Unser Vater hatte Angst um uns: ‹Passt auf, was ihr da tut, ihr wisst, wie Assad mit Aktivisten umgeht.›» Um ehrlich zu sein: Ganz genau wusste das damals niemand. Nur dass der Geheimdienst Leute verhaftete, in Foltergefängnisse steckte – und dass niemand jemals wieder von ihnen hörte. Jetzt sollten Gefangene befreit werden und ganz Syrien gleich mit.

Und sie hätten es ja fast geschafft, glaubten zumindest, dass sie es geschafft hätten. Als am 11. Juni 2011 die Handykamerabilder eines syrischen Amateurfilmers im deutschen, französischen, britischen Fernsehen liefen und um die Welt gingen: die BürgerInnen von Abu Kamal Arm in Arm mit den desertierten Soldaten der syrischen Armee, die auf den Panzern standen, mit denen sie Assad geschickt hatte, und mit den Händen Peace-Zeichen formten. «Die Armee und das syrische Volk sind eins!», hört man den Mann, der das Video aufnimmt, immer wieder schreien.

Der Filmer heisst Mohammad al-Kheder, es war sein Coming-out als Ziviljournalist. «Wir waren uns so sicher: Bald würde Assad fallen und die Revolution siegen», sagt Mohammad bitter und streicht sich durch den stoppligen Dreitagebart, während vor ihm noch einmal die verschwommenen Bilder über den Bildschirm flackern. Fast vier Jahre nach diesem Video, im Februar 2015, floh er in die Türkei.

Zwar ist Abu Kamal eine der ersten Städte, die vom Regime «befreit werden», wie Mohammad es nennt. Sie ist aber gleichzeitig eine der ersten, in denen radikale Islamisten die Revolution unterwandern. Die Anti-Assad-Demonstrationen provozieren keine Freilassung von AktivistInnen, sondern von 1500 Islamisten. «Um den säkularen Demonstranten einen radikalen Anstrich zu verpassen», wie Mohammad glaubt. Viele von ihnen tauchen schon bald in der Region um Deir Essor und Abu Kamal auf. Zunächst als Kämpfer der Al-Nusra-Front, später als IS-Krieger. Weitere Radikale sickern aus dem Irak ins Land. Es sind ehemalige Offiziere Saddams, Tschetschenen, Afghanen, Europäer.

Die Salafisten sind verhasst, aber sie haben, was den Revolutionären der Freien Syrischen Armee fehlt: Waffen für den Kampf gegen Assad und nicht versiegende Geldzuflüsse aus dem Ausland, mit denen sie junge Menschen ködern. «Die Überlegung der Menschen war pragmatisch: Wir machen mit den Islamisten gemeinsame Sache, und wenn das Regime weg ist, jagen wir auch sie zum Teufel.» Dass das nur schiefgehen kann, war den Brüdern damals schon bewusst. Hilflos sahen sie zu, wie ihre Revolution für Freiheit und Demokratie gekapert wurde. Wenn jemand diese zwei Attribute noch mehr hasst als Assad, dann die Islamisten, die in ihrer totalitären Ideologie vom weltumfassenden Kalifat träumen. «Die Transformation vom Krawatten- zum Langbartfaschismus», so beschreibt Aghiad die unabwendbare Verwandlung. Exekutiert wird jetzt auf dem Marktplatz und nicht mehr in geheimen Folterkellern. Für die AktivistInnen um Mohammad und Aghiad bedeutet das: Sie verschwinden vom Marktplatz und gehen in den Untergrund.

Rauchen ist Widerstand

Aghiad zündet sich noch eine Kippe an, zieht daran, bis das Papier knistert, so wie man das aus Filmen kennt. Die erste Packung ist leer. Dass er zu viel raucht, weiss er selbst. Wenn der Tod sich bis zum Lungenkrebs Zeit lassen würde, fände er das gut. Für ihn ist Rauchen mehr als blosse Suchtbefriedigung. Für ihn ist Rauchen Symbol des Widerstands, irgendwie auch Symbol der Verbundenheit mit den Menschen, die noch immer im Kalifat ausharren, wo auf Rauchen achtzig Stockhiebe stehen. «Zigaretten werden im IS-Gebiet gehandelt wie Heroin. Am Anfang kamen die Kuriere, haben schwarze Säcke mit der Bestellung über die Hausmauer geworfen, später haben Brieftauben die Aspirindose mit Zigaretten drin ausgeliefert», erinnert sich Aghiad. Eine Packung kostet tausend syrische Pfund, achtzig Stück Brot kosten genauso viel. «Viele meiner Bekannten haben erst mit dem Rauchen angefangen, als der IS kam.» Im Geheimen, jeder für sich. Um nicht verrückt zu werden unter den schwarzen Bannern, den willkürlich ausgelegten Scharia-Gesetzen, dem willkürlichen Morden.

Am 15. Juli 2014 nimmt der IS die Provinzhauptstadt Deir Essor ein, in der Aghiad lebt, wenige Tage zuvor die Kleinstadt al-Bokamal, wo Mohammad wohnt. Aghiad beginnt alleine, ausgestattet lediglich mit seinem Computer und einem alten Drucker, Flugblätter zu produzieren und sie nachts in den Strassen zu verteilen. Einmal schickt er seinem Bruder ein Video, das ihn dabei zeigt, wie er im Dunkeln mit schwarzer Farbe «Nieder mit dem IS!» an eine Hauswand sprüht. Mohammad hat ein paar Aktivistenfreunde um sich geschart und fängt an, Plakate zu designen. Eine Greifzange, die Syrien gefangen hält, der eine Arm symbolisiert Assad, der andere den IS, darunter steht: «Assad und der IS – zwei Seiten derselben Medaille!»

Kleinere und grössere Übel gibt es für sie nicht, so wie es die westlichen KommentatorInnen zu unterteilen versuchen. Der Feind ist der Totalitarismus. Aghiad und Mohammad sind zwei Idealisten, deren Freiheitsdrang die Angst betäubt. «Wir waren bereit, unser Leben zu riskieren, damit die Menschen von diesem Wahnsinn verschont bleiben!», sagt Mohammad.

Ein neues Logo für den IS

Es ist schon dunkel, als die vermummten IS-Kämpfer Mohammad im Februar 2015 aus seiner Wohnung zerren und verschleppen. Wahrscheinlich habe er nie so Angst gehabt, sich dem Tod nie so nah gefühlt wie in dieser Nacht, sagt Mohammad heute. «Ich hatte bestimmt in einhundert Fällen gegen ihre kruden Gesetze verstossen – jeder einzelne wäre ein Grund gewesen, mich zu exekutieren.» Doch statt vor den Henker führen sie Mohammad vor einen PC. Er soll nicht sterben, er soll designen. Und zwar jetzt und hier ein Logo für die neu gegründete IS-Nachrichtenagentur. Bitte, sagt der IS. «Ich weiss, das klingt wie ausgedacht», sagt Mohammad. «Ich hatte damals ja selbst gedacht, die verarschen mich; aber dann habe ich ihnen das schönste Logo aller Zeiten entworfen, sie haben es geliebt.»

Die IS-Leute bieten ihm einen Job an und ein Haus, ein Auto, ein Gehalt in Dollar. Und sie geben ihm drei Tage Zeit, das Angebot zu überdenken. Mohammad braucht nur einen, um sich für die Flucht zu entscheiden. In die Türkei, wohin ihm sein kleiner Bruder im November folgen wird, als er von einem Leak im IS erfährt, dass er auf der Todesliste steht. Einen Monat später, am 4. Dezember 2015, beschliesst der Deutsche Bundestag, Aufklärungsflugzeuge nach Syrien zu schicken, die der Koalition im Kampf gegen den IS helfen sollen. Da erstreckt sich das IS-Gebiet schon längst über weite Teile Syriens.

«Ich weiss nicht, ob ich nicht lieber in Syrien wäre als in Deutschland», sagt Aghiad und schiebt sich noch eine Zigarette in den Mundwinkel. Er meint das ernst. Wohl fühlt er sich hier nicht. Nein, nicht weil die Deutschen nicht nett zu ihm seien oder so. Oder weil sie im Monat 700 Euro für die 500 Gigabyte Internet berappen müssen, weil der Vermieter keinen ADSL-Anschluss verlegen will.

Viel mehr macht ihm die Verantwortung zu schaffen, die er mit der Flucht aus Syrien auf sich geladen hat. «Ich bin wie ein Vater mit sechzig Kindern, um deren Leben ich jeden Tag fürchte.» Einmal in der Woche macht er mit seinen KollegInnen in Syrien ein Sicherheitsbriefing. Für die physische und psychische Sicherheit. Sie kommunizieren dann über das Internet. Wie? Das will er nicht verraten, da gehe es um die Sicherheit der Kollegen in Syrien, sagt er. Auf Internetnutzung ausserhalb der IS-Internet-Cafés steht die Todesstrafe.

Die Männer und Frauen, die für Sound and Picture arbeiten, sind alte Freunde der beiden aus der AktivistInnenszene in Rakka, Deir ez-Zor und Abu Kamal. Oder Bekannte, deren Gesinnung sie über einen längeren Zeitraum geprüft haben. «Im Krieg machst du keine neuen Freunde», sagt Aghiad und klingt dabei mehr wie ein Geheimagent als ein Journalist. Auch seine Arbeitsmethoden gleichen eher einer verdeckten Geheimdienstoperation. Nur ein einziger Fehlgriff, ein Infiltrant, könnte das Aus für Sound and Picture und den Tod für die beiden Brüder bedeuten. Zu den Sicherheitsvorkehrungen gehört deshalb auch: Die sechzig MitarbeiterInnen kennen sich untereinander nicht, die Familien der Männer und Frauen wissen nicht, was sie tun. «Je weniger du weisst, desto sicherer lebst du in Syrien», sagt Aghiad und drückt seine Zigarette aus. Über seinem Handknöchel baumeln drei Gummiarmbänder, auf denen «Free Syria» steht.

«Ich wusste: Ich bin der Nächste»

Ein Ort, an dem zu viele Leute zu viel wissen, ist Gaziantep im türkischen Südostanatolien. Heute leben rund 350 000 SyrerInnen in diesem Grenzgebiet. Ein Sammelbecken für Geflüchtete – und Kriminelle. Für die ins Exil vertriebenen JournalistInnen wie Mohammad und später auch Aghiad ist es vor allem ein Ort, um sich mit der internationalen Presse und mit Menschenrechtsorganisationen zu vernetzen. Ein friedliches Fleckchen Erde, nah genug an Syrien, um die Revolution weiter zu unterstützen, weit weg genug, um dem Terror zu entkommen. Denken sie.
Hier haben sie das Satiremagazin «Dabaa», eine Parodie auf die IS-Zeitung «Dabiq», produziert, unter der Obhut ihres Schutzpatrons, so nennen sie ihn, und Journalistentrainers Naji Jerf, von dem die Leute sagen, dass er Ziviljournalismus in Syrien quasi erfunden hat. Statt Propaganda drucken sie Aufrufe zum Widerstand und Karikaturen. Auf einer steht ein Uniprofessor mit Zottelbart und bluttriefender Machete und erklärt: «Wenn jemand Kopfschmerzen hat, köpft ihn. Wenn jemand Leishmaniose hat, verbrennt ihn.»

Mithilfe von Naji Jerf werden auch die Onlineportale «Raqqa is Being Slaughtered Silently» und Sound and Picture gegründet, die von nun an aus dem IS-Gebiet berichten. Ihre Ziele: den Menschen in Syrien die Stimme zurückgeben, die der IS ihnen genommen hat. Zu Ende bringen, was sie selbst begonnen haben: eine demokratische Revolution.

Am 27. Dezember 2015 wird Naji Jerf erschossen. Bei Tageslicht, 200 Meter von der Polizeistation entfernt. Frankreich hatte ihm bereits Asyl zugesagt. Für die Ziviljournalisten ist das ein Schock und die endgültige Gewissheit, nachdem der IS bereits im November zwei Kollegen in Gaziantep die Köpfe abgeschnitten hatte. «Das war der Moment, in dem ich wusste: Ich bin der Nächste», sagt Mohammad. So hatten sie es ihm per SMS und auf die Hauswand geschrieben. Grund genug für das deutsche Konsulat in Istanbul, den beiden Brüdern und zwanzig Mitstreitern Schengen-Visa auszustellen.

Und wie sicher sind die beiden heute? Wortlos öffnet Aghiad einen Dateiordner auf seinem Computerbildschirm. Es erscheint eine Screenshot-Sammlung. Facebook, Twitter, E-Mails. So eine Art Todesdrohungen-Best-of: «Unsere Schwerter sind gewetzt, unsere Wölfe sind euch näher, als ihr glaubt!» oder «Ihr Ungläubigen könnt der Strafe Allahs nicht entkommen, wir finden euch, wo immer ihr seid!». Das steht da in etwa zwanzig Ausführungen, und das sind nur die Nachrichten aus dem letzten Monat. Der IS will sie töten, weil «wir die Menschen sind, die ihnen am meisten schaden», sagt er. Indem sie weiterhin Flugblätter entwerfen, Karikaturen drucken, den Menschen im IS-Gebiet nicht von glorreichen Gotteskriegern berichten, sondern von Mördern, die sich bei der Vergewaltigung von Sexsklavinnen mit HIV infizieren. Aber auch die andere Seite kritisieren. «Ich weiss, ihr im Westen hört das nicht gerne», sagt Mohammad. «Aber indem die Koalition weiter Zivilisten tötet und das Kollateralschaden nennt, wie damals im Irak, treibt sie dem IS die Menschen in die Arme.»

Wie fühlt sich das an, wenn man gejagt wird? Aghiad zuckt mit den Schultern. «Es ist okay. Man gewöhnt sich dran», sagt er kalt, als die beiden an diesem Abend auf die Strasse der Stadt treten, deren Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden darf. Die Stadt, in der sie niemand kennt. Die beiden wirken abwesend, als sie über den Asphalt laufen, in dessen Rillen Kippenstummel liegen. Vorbei an den Bars, in denen die jungen Leute sitzen und Bier trinken. Gerne würden sie sich dazusetzen, reden, feiern. Früher, sagt Aghiad, sei er viel auf Partys gegangen, habe Wodka getrunken, mit Frauen getanzt. Heute, sagt er, «bin ich wahrscheinlich ein Stimmungskiller».

Stattdessen haben die beiden angefangen, Stand-up-Comedy-Videos für ihren Youtube-Kanal «Hannash» zu drehen. Zur Ablenkung. Aghiad steht hinter der Kamera, Mohammad davor. Er redet dann über die komischen Unterschiede zwischen Deutschen und Syrern. Über Essen, Einkaufen und Kindererziehung. Darüber, dass die Deutschen eine gefühlte Ewigkeit brauchen, um die drei heiligen Wörter «Ich liebe dich» über die Lippen zu bringen, während die Syrer beim zweiten Date von «Liebe meines Lebens» sprechen.

Dann vibriert das Telefon. Für die beiden ein Alarm, wie der Piepser bei der freiwilligen Feuerwehr. «Sorry, ist wichtig, können wir später weiterreden?», sagt Mohammad. «Die Koalition hat gerade die Kornspeicher in einem Dorf bei Rakka zerbombt.» Er und Aghiad müssen los. Weiterberichten über die Verbrechen Assads, der Russen, der Koalition, des IS. Die Revolution muss weitergehen. Und sie werden siegen, da sind sich die zwei Brüder sicher. «Auch wenn dann vielleicht keiner von uns beiden mehr lebt.»

Die Fotos auf dieser Seite stammen von Mohammad und Aghiad al-Kheder und zeigen Plakate, die sie gegen die Propaganda des IS eingesetzt haben.

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