Nr. 19/2017 vom 11.05.2017

Die weisse Frau als reine Nation

Die Politikwissenschaftlerin Meltem Kulaçatan ärgert sich über die Bringschuld von MuslimInnen, zeigt, wie die sexualisierte Gewalt mal einfach eben aufs Fremde projiziert wird und was in der Debatte nach Köln verpasst wurde.

Von Merièm Strupler (Interview) und Ursula Häne (Foto)

WOZ: Meltem Kulaçatan, Sie forschen zu Feminismus und Islam. In der öffentlichen Debatte werden diese zwei Begriffe oftmals als miteinander unvereinbar dargestellt. Woher kommt das?
Meltem Kulaçatan: Ich denke, das hat mit der westlichen Tradition des Feminismus zu tun. In dieser Tradition kann Religion nicht als Element der Selbstermächtigung verstanden werden. Dabei kritisieren feministische Theologinnen Macht- und Gewaltstrukturen genauso wie nichtreligiöse oder religionsskeptische Feministinnen. Das wäre die eine Erklärungsebene.

Und die andere?
Die hängt stark mit dem Bild vom Islam in Westeuropa zusammen, das negativ konnotiert und mit sehr vielen Stereotypen besetzt ist. Dazu gehört die Vorstellung, dass der Islam Frauen und Mädchen benachteilige. Das wiederum steht im Widerspruch zur Forderung nach Selbstermächtigung und einer islamisch-feministischen Perspektive.

Woher kommen diese Stereotype?
Das, was in Westeuropa als säkular angeschaut wird, ist ebenfalls christlich geprägt. Die Imagination des Islam als Gegenspieler des Christentums existiert schon seit Jahrhunderten. Diese Gegenüberstellung findet sich in der Geschichte, in der Kunst, in der Politik und in der Wissenschaft. Der Islam wurde markiert als das Andere, das Fremde. Damit galten auch die Musliminnen und Muslime als fremd und anders. Das sind Mechanismen, die geblieben sind.

Was bedeutet das für diese Menschen in Westeuropa heute?
Es reicht offenbar nicht aus, sich von bestimmten Dingen zu distanzieren. Das muss man sich mal vorstellen: Von Muslimen und Musliminnen wird verlangt, sich bei jedem furchtbaren Akt, jedem Tötungsdelikt durch Extremisten davon zu distanzieren. Doch das reicht nicht aus. Sie sollen sich zusätzlich zum Liberalismus bekennen, zur Säkularität, zur freiheitlichen Demokratie – stets diese Bringschuld. Und selbst das reicht nicht aus. Wenn wir diese Mechanismen und diese Erwartungshaltungen näher betrachten, kommen wir auf das Assimilationsparadox.

Was ist das?
Es bezeichnet die Forderung nach Anpassung der «Anderen». Zugleich wird die Anpassungsleistung jedoch für unmöglich erklärt. Das blosse Bemühen um eine Anpassung dient dabei, so paradox das ist, als Beleg oder Beweis für die sogenannte Andersartigkeit. Diese Mechanismen sind in den Kontext von Säkularität und Nationalstaatlichkeit eingebettet. Ob es dabei tatsächlich um Religion geht, auch in den gegenwärtigen Diskussionen, das wage ich sehr zu bezweifeln. Es geht vielmehr um die Sichtbarkeit von Religion im öffentlichen Raum sowie an Menschen. Die darauf fixierten Diskussionen und Probleme werden jedoch als religiös und störend markiert, obwohl sie eigentlich politisch und oder sozial bedingt sind. Es geht im Grunde genommen um soziale Ungleichheiten, die aber nicht benannt werden.

Dass Debatten zum Islam politisch stark aufgeladen sind, zeigt sich immer wieder, erst kürzlich bezüglich eines schweizweiten Burkaverbots. Aber was meinen Sie mit den sozialen Ungleichheiten?
Ein aktuelles Beispiel ist die Debatte um kopftuchtragende Frauen in der Öffentlichkeit: Hier geht es um den Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Bildungsressourcen. Das nationalstaatliche Konzept in Westeuropa versteht sich als liberal, freiheitlich und demokratisch – lässt aber zugleich zu, dass Frauen und Mädchen, die ein Kopftuch tragen, zu bestimmten ökonomischen Ressourcen keinen Zugang bekommen. Das ist weder liberal noch freiheitlich oder geschlechtergerecht. Das meine ich mit sozialen Ungleichheiten.

Warum beziehen sich diese Debatten um Burkinis oder das Burkaverbot eigentlich so sehr auf den weiblichen Körper?
Weil der Körper der Frau als nationalstaatliches, schützenswertes Symbol von der herrschenden Ideologie einverleibt wird. Die Debatten über das sogenannte Burkaverbot oder den sogenannten Burkini dienen der Selbstvergewisserung: Wer sind wir? Diese scheinbare Homogenisierung in ein konstruiertes «Wir» dient dazu, eine politische Bewegung aufrechtzuerhalten. Dabei kann man einer Frau, die einen sogenannten Burkini trägt und ins Bad geht, doch nicht vorwerfen, dass sie sich nicht integriert hätte. Das stimmt nicht. Sie geht ins Bad und macht damit doch genau das, was viele andere Menschen auch machen – und zwar schwimmen gehen in der Freizeit.

In diesen Debatten geraten die Kategorien zunehmend durcheinander. Rechte Politiker zum Beispiel, die plötzlich für vermeintliche Frauenrechte einstehen, wenn es um den Islam geht. Das liess sich auch nach der Kölner Silvesternacht 2016 beobachten, als mutmasslich arabisch aussehende Männer in Kleingruppen Frauen belästigten, begrapschten und beklauten. Was ist da los?
In der Debatte um Köln wurde sexualisierte Gewalt als gesellschaftliches Problem externalisiert und auf das Fremde projiziert. Auf Männer, die als nicht dazugehörig zur sogenannten Mehrheitsgesellschaft angesehen werden. Ich will das, was in Köln passiert ist, keinesfalls relativieren, darum geht es mir nicht. Es geht mir um die Effekte der anschliessenden Diskursexplosion. Die Bilder, wie sie medial kursierten, zeigten überwiegend schwarze, schmutzige, behaarte, männliche Arme und Hände, die weisse Körper begrapschen, schöne Körper, blonde Körper. Das sind Bilder und mediale Streuungen, wie wir sie aus dem Kolonialismus und dem Faschismus kennen. Das ist das Frappierende daran: Wir sind im Moment mit solchen Dingen konfrontiert, die wieder salonfähig werden.

Sie sprechen von weissen Körpern, von blonden Frauen. Schliesst dieser Diskurs nichtweisse Frauen aus?
Indem sexualisierte Gewalt als das Problem des Fremden dargestellt wird, werden die weissen Frauen als reine Nation symbolisiert, als biologisch schützenswerte Nation. Hier wird die Gebärfähigkeit angesprochen, das Gebären des eigenen Volkes. Wir haben dabei eine Zweiteilung von schützenswerten und nicht schützenswerten weiblichen Körpern. Der Körper der nichtweissen Frau, der Körper der Muslima, hat offenbar keinen Schutz verdient – wenn sie in der Öffentlichkeit angespuckt, bedroht, belästigt oder diskriminiert wird. Dabei geht es letztlich um Grenzpolitiken. Wer gehört zu uns und wer eben nicht? Wen schützen wir und wen nicht?

In Europa, in Deutschland, in der Schweiz ist sexualisierte Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung. Laut einer EU-Studie von 2016 hat jede dritte EU-Bürgerin seit ihrem 15. Lebensjahr sexuelle Gewalt oder Übergriffe erlebt.
Diese Zahlen sind furchteinflössend. Das ist irre. Es müsste einen immensen Aufschrei geben. Sexualisierte Gewalt ist nichts, was am Rand stattfindet, marginal ist oder keine Rolle spielt, in der Wahrnehmung und im Umgang unter Männern und Frauen. Ein Grossteil der Täter stammt aus dem nahen Umfeld, es handelt sich um den Partner, männliche Verwandte, Freunde oder den Expartner. Wir haben ein Problem mit sexueller Gewalt in der Intimsphäre, dort, wo man sich eigentlich geschützt und wohl fühlen sollte.

Woher kommt diese Form von Gewalt?
Die Ergebnisse aus der kritischen Männlichkeitsforschung und aus der Soziologie zeigen, dass es bei sexualisierter Gewalt um Machtverhandlungen zwischen Männern geht – über den Körper der Frau. Die Gewaltanwendung ermöglicht dem Mann, seinen Status zu sichern. Damit versuchen auch marginalisierte Männer, sich zu behaupten, mit Blick auf die potenten, stärkeren Männer in Machtpositionen, um es ihnen gleichzutun. Es geht demnach nicht um eine Machtverhandlung zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Männern und Männern. Sexismus und sexualisierte Gewalt sind ein globales Problem – das von regionalen Unterschieden und Differenzen geprägt ist. Was den Tätern gemein ist, ob sie nun sexualisierte Gewalt an Frauen, Kindern, Jungen oder Mädchen, ausüben: Sie sind Männer.

Die öffentliche Debatte nach Köln hätte die Chance geboten, sexualisierte Gewalt und Rape Culture grundsätzlich anzuprangern …
Das ist verpasst worden. Ich vermisse nach wie vor ein breites Bewusstsein dafür, dass es sich bei sexualisierter Gewalt um ein Thema handelt, das sich durch die ganze Gesellschaft durchzieht. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Pädagogik in den Schulen, die Erziehung, die Wissenschaft, die Lehre, die Forschung umgestalten könnten, indem wir nicht rassistisch oder ausschliessend argumentieren und somit zusätzlich gewalttätig sind. Wir haben offensichtlich ein Problem mit Männlichkeit und maskulin geprägten Strukturen. Mit Herrschaftsstrukturen. Diese Probleme gilt es zu beleuchten, es gilt Lösungen zu entwickeln und wegzukommen von diesen Herrschaftsformen. Im Moment erleben wir global gesehen aber leider genau das Gegenteil.

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