Nr. 27/2017 vom 06.07.2017

Wie das Internet seine Jugendsünden loswerden will

Alles begann mit der Kryptowährung Bitcoin: Über die Geburt der Blockchain-Technologie aus einer Vertrauenskrise – und ihre weitreichenden Implikationen für die Zukunft.

Von Donat Kaufmann

Illustrationen: Marcel Bamert

«Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst der Blockchain», titelte das Gottlieb-Duttweiler-Institut bereits vor einem Jahr im hauseigenen Wissensmagazin. Nach dem gedruckten Schwerpunkt widmete das Forschungszentrum der Blockchain kürzlich auch einen Kongress. Diskutiert wurde an der «Blockchain Valley Conference» in Rüschlikon das Potenzial einer Technologie, die derzeit für schrille Schlagzeilen sorgt und ExpertInnen aller Branchen aufschreckt.

Ausgehend von der Finanzindustrie werde die Technologie «die ganze Welt verändern». So prophezeien es etwa die kanadischen Unternehmer Don und Alex Tapscott in «Die Blockchain Revolution», ihrem als Standardwerk gehandelten Buch zur Technologie. Alex Tapscott, ebenfalls Gast in Rüschlikon, ist überzeugt: Die Blockchain-Technologie läutet die nächste Ära des Internets ein und wird dieses von Grund auf erneuern.

Mit seiner Analyse ist er nicht allein. Ob auf Wissenschaftspodien oder in den Medien: Wo von der Blockchain die Rede ist, fallen die Kommentare episch aus. Stellvertretend sei die Aussage des luxemburgischen Finanzministers Pierre Gramegna am World Economic Forum in China zitiert: «Die Blockchain wird dereinst das Wort ‹Internet› ersetzen.» Was verleitet politische, ökonomische und wissenschaftliche TaktgeberInnen rund um den Globus zu solch waghalsigen Prognosen? Es ist die Aussicht auf dezentralisierte, transparente und fälschungssichere Netzwerke, die es erlauben, nicht bloss Informationen, sondern auch Werte auszutauschen – ohne Prüfung durch eine Zwischeninstanz. Ihren Ursprung hatte die Blockchain-Technologie in einer Krise, die nicht zuletzt eine des Vertrauens war.

Kassenbuch ohne Kontrollstelle

15. September 2008: Verwirrt dreinblickende MitarbeiterInnen der Investmentbank Lehman Brothers verlassen den Firmensitz in Manhattan, auf den Armen ihre Bürohabseligkeiten, in der Tasche die Kündigung. Es ist der Tag, an dem die Bank nach Wochen des Taumelns kollabierte und die Weltwirtschaft mit sich in die Tiefe riss.

Nachhaltig beschädigt wurde dabei auch das gesellschaftliche Vertrauen in die Finanzinstitute. Zwei Monate nach dem Fall von Lehman Brothers tauchte im Netz ein neunseitiges Dokument auf: das Grundlagenpapier für eine über das Internet gehandelte, auf Kryptografie basierende Währung namens Bitcoin, verwaltet und kontrolliert nicht von einer zentralen Instanz, sondern von den NutzerInnen eines eigens für diese Transaktionen angelegten Netzwerks. Die neue Währung sollte es Menschen ermöglichen, Überweisungen zu tätigen, ohne dass diese über eine Bank abgewickelt werden müssen.

Im Januar 2009 werden die ersten Bitcoins in Umlauf gebracht. Heute, keine zehn Jahre später, liegt die Marktkapitalisierung der Kryptowährung bei über 46 Milliarden Dollar. Mit dem Kursanstieg von Bitcoin explodierte auch die Zahl der Kryptowährungen – inzwischen sind es mehr als 700. Mit rasanter Geschwindigkeit erobern die digitalen Währungen diverse Geschäftsbereiche und stehen heute an der Schwelle zu unserem Alltag. Seit November 2016 kann man an jedem SBB-Billettautomaten Bitcoins kaufen, in Zürich gibt es erste Geschäfte, in denen man sie auch wieder loswird. Doch worauf gründet die Verlässlichkeit einer Währung ohne zentrale Kontrollstelle? Hier kommt die Blockchain-Technologie ins Spiel.

Um mit Bitcoins zu bezahlen oder solche zu empfangen, genügt ein einfaches Computerprogramm. Es dient sowohl als Zugangsportal zum Netzwerk wie auch als digitale Brieftasche. Einem Bankkonto ähnlich hat diese Brieftasche eine öffentliche Adresse und einen privaten Zugangscode. Allerdings sind beide weder zentral gespeichert noch an einen Namen gebunden. Im Bitcoin-Netzwerk herrscht Anonymität.

Wird nun ein Bitcoin an eine andere Adresse innerhalb des Netzwerks überwiesen, so wird diese Transaktion kryptografisch verschlüsselt und als Code in eine öffentlich einsehbare Liste eingetragen, eine Art digitales Kassenbuch. Dieses Kassenbuch ist dezentral, auf Tausenden von Computern des Netzwerks gespeichert. Sämtliche weltweit getätigten Bitcoin-Transaktionen sind in diesem einzigen Kassenbuch aufgelistet. Um sie vor Eingriffen zu schützen, werden Transaktionen in Blöcken von Informationen zusammengefasst und verifiziert.

Das geschieht, indem die dem Netzwerk angeschlossenen Rechner die Transaktionen untereinander abgleichen. Jeder Block erhält daraufhin eine Prüfsumme und wird an den vorangehenden Block angehängt. So bilden die Blöcke eine stetig wachsende Kette – eine Blockchain. Wollte nun jemand das System hacken, etwa, um zwei Personen mit den gleichen Bitcoins zu bezahlen, müsste er dazu in jeden einzelnen Block in der Geschichte der Blockchain eingreifen – und das auf Tausenden von Rechnern gleichzeitig. Da die Liste der Überweisungen für alle einsehbar ist, würde jede Veränderung zudem sofort auffallen. Die Blockchain garantiert also gleichzeitig Anonymität für alle NetzwerkteilnehmerInnen und vollständige Transparenz über die Transaktionen.

Kriminelle gehörten zu den Ersten, die dieses System für sich entdeckten. Plötzlich war es sehr einfach, sich anonym Waffen zu beschaffen oder Geld an den Steuerbehörden vorbeizuschleusen. Als die Cyberattacke «Wannacry» vor wenigen Wochen Tausende Rechner privater Personen und öffentlicher Dienste blockierte, forderten die Angreifer Lösegeld in Form von Bitcoins.

Trotz wiederkehrender Negativschlagzeilen wächst das Bitcoin-Netzwerk unaufhaltsam. Und mit ihm das Interesse an der ihm zugrunde liegenden Technologie. Wesentlich daran beteiligt ist ein 23-jähriger russischer Programmierer namens Vitalik Buterin. Mit Ethereum entwickelte Buterin 2013 eine eigene Blockchain. Die systemeigene Währung Ether ist hinter Bitcoin zur zweitgrössten aufgestiegen. Doch Ethereum ist weit mehr als eine Bitcoin-Kopie. Über ihr Netzwerk lassen sich Transaktionen unterschiedlichster Art abwickeln. Und diese brauchen nicht manuell ausgeführt zu werden: Das übernimmt das System gleich selbst. Die Basis dafür bilden sogenannte Smart Contracts. In diesen intelligenten Verträgen sind die Bedingungen festgehalten, unter denen eine bestimmte Transaktion ausgelöst wird. Sie funktionieren nach dem «Wenn-dann»-Prinzip: Ist Bedingung A erfüllt, wird Transaktion B ausgeführt. In der Automatisierung dieses Mechanismus liegt die Sprengkraft der Blockchain-Technologie. Denn sie erlaubt, nicht bloss Finanzdienstleister zu ersetzen, sondern potenziell jede Instanz, die Geschäftsbeziehungen arrangiert, überprüft, reguliert oder verbietet.

Ein Motor für kühne Ideen

Diese Versprechungen sorgen derzeit quer durch alle politischen und ökonomischen Lager für Aufbruchstimmung. Freilich aus unterschiedlichen Gründen. Während Versicherungen, Banken und andere Grossunternehmen hauptsächlich auf effizientere Arbeitsprozesse und höhere Gewinnmargen schielen, feiern andere die Blockchain als Instrument der Selbstermächtigung. Für den IT-Forensiker und Bitcoin-Experten Guido Rudolphi bietet sie die Chance, die Hoheit über die eigenen Daten zurückzugewinnen (vgl. Interview mit Guido Rudolphi: «Wir können alle unsere eigene Blockchain programmieren»).

Davon träumt man auch in der Musikindustrie. Bereits sind Datenformate in Entwicklung, in denen nicht nur Audiodateien gespeichert sind, sondern gleich auch sämtliche Informationen über die Urheberrechte. Die Vision: Jedes Stück Musik, das im Internet kursiert, soll an einen Smart Contract gebunden sein. Beim Klick auf den Song wird automatisch ein Mikrobetrag an die UrheberInnen ausgeschüttet. Auch in anderen Geschäftsbereichen wird an Modellen getüftelt, um Daten und andere werthaltige Ressourcen mittels der Blockchain zu schützen – oder zu monetarisieren. Im Energiesektor etwa keimt die Hoffnung, in ein paar Jahren den auf dem eigenen Hausdach produzierten Solarstrom mithilfe eines Smart Contracts direkt an den Nachbarn zu verkaufen.

Tatsache ist aber: Sämtliche Blockchain-basierten Initiativen befinden sich irgendwo zwischen Konzeption und Pilotphase. Kaum eine Anwendung (von den Kryptowährungen einmal abgesehen) lässt sich zurzeit ausreichend nach ihrer Funktionalität beurteilen. Die Blockchain ist heute hauptsächlich ein Motor für kühne Vorstellungen. Mögliche Konsequenzen und Herausforderungen bleiben unterbelichtet.

Zum Beispiel Auftragsmord

Dabei sind sie zahlreich. So sieht sich nicht nur die Bitcoin-Währung, sondern auch die Technologie selbst konfrontiert mit dem Vorwurf der Förderung krimineller Energie. Herumgereicht wird etwa das Beispiel des Auftragskillers, der von einem Smart Contract angelockt wird mit der Bedingung, dass im Fall eines bestimmten Mordes eine Geldsumme ausgeschüttet wird. Die im Kern berechtigte Kritik zielt auf den grundsätzlichen Widerspruch zwischen Anonymität und Transparenz, der dieser Technologie innewohnt. In welches Verhältnis sie zueinander gesetzt werden, hängt massgeblich von den jeweiligen EntwicklerInnen ab.

Im Weg stehen auch unzählige technische Hürden. Nur schon wenn es darum geht, jegliche Verifizierungsinstanzen zu umgehen – ein zentrales Versprechen der Blockchain-Technologie. Ein Beispiel: Ich schliesse eine auf einem Smart Contract basierende Reiseversicherung ab. Im Vertrag ist folgende Regelung festgehalten: Sollte sich mein Zug verspäten oder ganz ausfallen, erhalte ich vom Bahnbetreiber den Ticketpreis zurückerstattet. So weit, so einfach. Damit der Smart Contract aber überprüfen kann, ob der Zug rechtzeitig einfährt oder tatsächlich verspätet ist, muss er auf verlässliche Daten zugreifen können. Ist das nicht garantiert, verliert der Smart Contract seine Vertrauenswürdigkeit. Der intelligente Vertrag hat das Problem der Verifizierung also nicht einfach aufgelöst, sondern einfach an einen anderen Ort im Prozess verlagert.

Eine weitere Schwierigkeit ist die Skalierbarkeit. Weil immer mehr Daten dezentral verarbeitet werden, steigen die Anforderungen an die Infrastruktur. Das bedeutet konkret: mehr Leitungen, mehr Server, mehr Strom. Den technischen Herausforderungen beizukommen, scheint in Anbetracht der überall entstehenden Forschungszentren rund um die Blockchain ein kleines Problem. Zumindest im Vergleich zu den sozialen Fragen, vor die uns die Technologie stellt. Denn in der Konsequenz bedeuten Smart Contracts, dass menschliche Entscheidungsprozesse schrittweise an Algorithmen ausgelagert werden: Zur Debatte steht nichts weniger als das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine.

Es ist kein Zufall, dass an der «Blockchain Valley Conference» in Rüschlikon auch die Schnittstelle zwischen der Blockchain und künstlicher Intelligenz diskutiert wurde. «Die Kombination dieser zwei Technologien wird weitreichende Folgen haben», sagt Alex Tapscott. Was das bedeutet? Vorläufig könnten wir das noch selbst bestimmen.

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