22.07.2004

Offene Herzen, verschlossene Beizen

Der Kanton Bern schickt Asylsuchende mit Nichteintretensentscheid in die Berge. Die Einheimischen glauben nicht, dass sie mit den Fremden auskommen können.

Von Markus Züger

Es war die erste Demonstration auf Boltiger Gemeindegebiet. Gemeinderat Werner Werren hatte flugs eine Bewilligung erteilt, obwohl gar nie darum ersucht wurde. Denn die achtzig Personen, die am 10. Juli aus Bern angereist waren, um auf dem Jaunpass gegen das neue kantonale Minimalzentrum zu demonstrieren, waren in der Simmentaler Gemeinde willkommen. Zwei Forderungen standen auf ihren Transparenten: «Jaunpass schliessen! Herzen und Grenzen öffnen!» Klar, die BoltigerInnen hätten es anders formuliert. Doch Hauptsache, das Zentrum verschwindet.

Am Rand einer Randregion

Der ehemalige Militärbunker liegt wenige hundert Meter neben der Passhöhe. Hierher schickt der Kanton Bern seit Juni jene AsylbewerberInnen, auf deren Gesuch nicht eingetreten wurde oder die sich unkooperativ verhielten. Der Eingang in die unterirdische Anlage ist mit Sperrgittern abgeschirmt und von Überwachungskameras kontrolliert. Auch sonst liess man sich das Minimalzentrum etwas kosten: Kücheneinrichtung, Möbel und Teppiche im Wert von total 160 000 Franken wurden herbeigeschafft. Ein Anwohner der Passhöhe habe sich beklagt, sagt Zentrumsleiter Uhlmann, dass die Asylsuchenden hier im Minimalzentrum mehr Fernsehsender hätten als er. «Würden Sie das als unmenschlich bezeichnen?»

Fast täglich will ein Journalist die Einrichtung sehen. Die Asylsuchenden mögen keine Interviews mehr geben. Stattdessen schildert der Angestellte der Organisation für Regie und Spezialaufträge (ORS), die das Minimalzentrum betreibt, den Alltag seiner «Klienten». Jeder dürfe täglich im Wert von acht Franken Lebensmittel aus dem Vorratslager beziehen. Gekocht wird selber. Taschengeld gibt es nicht. Das Minimalzentrum sei kein Ferienlager, sondern eine Nothilfemassnahme.

Boltigen liegt weit hinten im Simmental, am Rand einer Randregion also. Die Gemeinde hat 1500 EinwohnerInnen, ein Drittel der Erwerbstätigen sind Bauern. Beim Stichwort Migration dachte man hier bisher zuerst an die jungen Einheimischen, die es in die Städte zieht. Mit Investitionen in den Tourismus wollte man diesen Trend bremsen. Dabei setzte man auf den Jaunpass, einen idyllischen Flecken mit einer Schaukäserei, zwei Restaurants und einem Hotel. Im Sommer legen hier die TöfffahrerInnen eine Rivellapause ein, im Winter locken drei Skilifte. Der Campingplatz wird das ganze Jahr betrieben.

Doch jetzt stehen viele der 130 fest installierten, mit dunklem Täfer eingefassten Wohnwagen leer. Schuld daran sei nicht nur das schlechte Wetter der vergangenen Wochen, meint Frau Gautschi. Sie ist Kassiererin auf dem Campingplatz. «Die Leute fühlen sich nicht mehr sicher hier oben», sagt sie. Darum seien auch einige Stammkunden dieses Jahr nicht erschienen. Sie versteht das. Bisher habe man auf dem Jaunpass nichts abschliessen müssen. «Die Alphirten liessen ihre Hütten unverriegelt. Doch jetzt muss man um sein Hab und Gut besorgt sein», sagt Frau Gautschi.

Theres Thöni, die umtriebige Wirtin im Hotel des Alpes, bestätigt das und fügt hinzu: «Wir sind hier oben den Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen nicht gewohnt. Ich glaube nicht, dass wir mit diesen Leuten auskommen werden.» Dann wird Frau Thöni wortkarg. In Boltigen habe man schlechte Erfahrungen mit JournalistInnen gemacht.

Kontakt zu den Asylsuchenden haben die BoltigerInnen bisher nicht gesucht. Nur die Chauffeurin, die das Postauto auf den Jaunpass fährt, hat mit ihnen schon zu tun gehabt. «Wenn man sie kennen lernt, merkt man, dass es angenehme und anständige Menschen sind», sagt sie.

Doch das macht den Boltiger Gemeindepräsidenten Klaus Meinen auch nicht glücklich. Seit dieses Minimalzentrum in Betrieb sei, habe seine Gemeinde keine Ruhe vor den JournalistInnen und schlechte Presse. «Mich ärgert, dass die Medien und die Behörden immer wieder vom abgelegenen und unattraktiven Jaunpass gesprochen haben», sagt er. Da versuche man seit Jahren, den sanften Tourismus aufzubauen. «Das macht man uns jetzt aber alles durch einseitige Darstellungen kaputt», jammert Meinen und schlägt immer grössere Bögen: «Wir leben in einer vom Kanton vernachlässigten Randregion, erst gerade wurde der Schalter des Boltiger Bahnhofs geschlossen, und jetzt wird uns noch ein Minimalzentrum für abgewiesene Asylsuchende aufgezwungen.»

Wichtig ist Meinen, dass zwischen dem Jaunpass als gut erschlossener Feriendestination und dem Jaunpass als Ort für Asylnothilfe unterschieden wird. Die muss man sauber trennen, und darum, so Meinen, hätten die BoltigerInnen beim kantonalen Migrationsdienst auch nachhaltigen Protest gegen das Minimalzentrum eingelegt.

Beschränkte Bewegungsfreiheit

Und das mit Erfolg: Auf Druck der Interessengemeinschaft Jaunpass, zu der die AnwohnerInnen und Gewerbetreibenden der Passhöhe gehören, hat der Migrationsdienst des Kantons Bern die Bewegungsfreiheit der Asylsuchenden eingeschränkt. Er hat allen eine schriftliche Verfügung mit Rayoneingrenzung zukommen lassen: Wer sich mehr als zwei Kilometer vom Minimalzentrum entfernt, muss mit einer Strafe rechnen. Begründung: Die Asyl suchende Person sei «offensichtlich nicht bereit, sich an behördliche Anweisungen zu halten, und es muss daher auch davon ausgegangen werden, dass sie sich nicht an die hiesigen Gesetze hält. Die genannten Massnahmen ergehen deshalb zum Schutz der öffentlichen Sicherheit in der Gemeinde Boltigen.»

Das Dorf Boltigen, acht Kilometer vom Pass entfernt, liegt somit für die Asylsuchenden bereits ausserhalb ihres Reviers. Die Passhöhe hingegen läge noch innerhalb, wenn sie vom Migrationsdienst nicht ebenfalls mit einem Bann belegt worden wäre. Meinen ist froh um diese Bestimmung. «Wenn es den Asylsuchenden nicht passt, können sie ja gehen», sagt der Gemeindepräsident.

Und obwohl es dank der Rayonbestimmung gar nicht mehr nötig gewesen wäre, wollten die Wirte der beiden Restaurants auf der Passhöhe auf Nummer sicher gehen und haben erklärt, dass sie allfällige Asylsuchende in ihren Gaststätten nicht bedienen werden.

Noch ein weiterer Erfolg kann inzwischen auf den Boltiger Widerstand zurückgeführt werden. So kam aus Bern eine Nachricht an, die viele BoltigerInnen aufhorchen lassen wird: Das Minimalzentrum soll nicht, wie ursprünglich geplant, in zwei bis drei Jahren geschlossen werden, sondern bereits im November.

«Jaunpass schliessen! Herzen und Grenzen öffnen!» Die erste Demo in Boltigen – ein Teilerfolg

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