Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

Die Muppets sind erfolgreich renitent

Seit fünfzig Jahren stehen die Esso-Häuser für den egalitären Charakter des Hamburger Schmelztiegels St. Pauli. Nun will sie ein bayrischer Investor abreissen und ein neues Publikum anlocken. Bewohnerinnen und Nachbarn wehren sich standhaft gegen den Umbau ihres Kiezes. – Der Erfahrungsbericht eines Anwohners.

Von Ted Gaier, Hamburg

107 Wohnungen, drei Musikclubs, ein paar Kneipen und die «Kult-Tankstelle» mit Waschanlage: Das umstrittene Areal in Hamburg St. Pauli. Foto: Bertold Fabricius

In quasi allen erfolgreichen Kinderfilmen der letzten Jahre geht es um Gentrifizierung. Ob bei «Shrek», «Madagaskar» oder den «Muppets»: Immer drängt ein geldgieriger Investor in einen sympathischen heterogenen Lebensraum ein. Den Identifikationsfiguren droht die Vertreibung. Der Kampf Gut gegen Böse beginnt, und am Ende siegen Werte wie Freundschaft, Solidarität und Toleranz über die Logik des Geldes. Der Investor wird vertrieben.

Das Paradox, dass diese Filme meist von den verkommensten Cooperations unter die Leute gebracht werden, will ich mal vernachlässigen. Ein Widerspruch, mit dem StadtteilaktivistInnen zu tun haben, ist der Fakt, dass selbst ein allgemeiner Konsens über Charme oder Einzigartigkeit eines gewissen Stadtteils nichts nutzt. Was man liebt, muss weichen, wenn Investoren und Stadtplaner erst mal ein Auge auf den Ort geworfen haben. Das Wesen des Kapitalismus ist es nun mal, keine Ruhe geben zu können, ehe nicht alles sein Antlitz angenommen hat.

Komischerweise hatten wir in Hamburg St. Pauli das Unheil nicht kommen sehen. St. Pauli als ein Ort, dessen Anziehungskraft im Ungehemmt-die-Sau-rauslassen-Können besteht, erschien uns nicht gerade die erste Wahl für eine bioladenorientierte Neobourgeoisie oder Leute, die nach einem repräsentativen Firmensitz suchen. Ausserdem bestand durch das Prostitutionsbusiness ein Herrschaftssystem, das parallel zu den legalen Verwaltungsstrukturen das Territorium organisierte. So kann man sich täuschen: In wenigen Jahren entstanden hier dubaieske Wow!-Bauten. Seit kurzem wohne ich zu Füssen der «Tanzenden Türme» unweit des Empire-Riverside-Hotels am «Brauhausquartier» – eine Reminiszenz an die früher hier befindliche Astra-Brauerei, heute ein Areal mit der Anmutung einer Gated Community, ohne ein einziges Graffiti.

Tankstelle als Aushängeschild

Mittendrin, am Spielbudenplatz, dem oberen Teil der Reeperbahn, liegen die sogenannten Esso-Häuser. Das 1960 fertiggestellte Gebäudeensemble besteht aus einem einstöckigen Gewerberiegel, der gegenwärtig drei Musikclubs, mehrere Kneipen, einen Sexshop, einen Western Store und ein günstiges Hotel beherbergt, sowie zwei siebenstöckigen Hochhäusern mit insgesamt 107 Wohnungen. Der Utopie von Urbanität jener Zeit folgend, in der das Auto sozusagen mit zur Familie gehörte, befinden sich hier auch die berühmte «Kult-Tankstelle», Deutschlands drittälteste Waschstrasse und ein weiträumiger Tiefgaragenkomplex. Das Ganze wurde als moderner Skelettbau im Geiste des aufgelockerten Bauens errichtet, das die Zäsur des Krieges eben nicht vergessen machen und der jungen BRD bewusst ein neues Gesicht geben sollte.

All das stellt sich dem Betrachter nicht sofort dar. Seit Jahren sind keine Instandsetzungsarbeiten mehr an den Gebäuden gemacht worden. Die immobilienwirtschaftsfreundliche Presse hat so leichtes Spiel, das Ensemble immer wieder als Schandfleck zu brandmarken. Die Gebäude aber sind dennoch komplett ausgelastet und rentabel. Im Live-Club Molotov haben in den letzten zwanzig Jahren viele der wichtigsten Indiebands der Welt gespielt, der Planet Pauli Club platzt an Wochenenden aus allen Nähten, und die Tankstelle ist durch TV-Dokumentationen zum Aushängeschild für den rauen, egalitären Charme des Schmelztiegels Reeperbahn geworden.

In den Häusern findet sich genau jene bunte Mischung an BewohnerInnen, die von der Hamburg Marketing im Zusammenhang mit dem kulturell diversen St. Pauli immer behauptet wird. Den Alt-KiezianerInnen und den Zugezogenen muss man nichts erzählen von der «Stadt der kurzen Wege» oder ähnlichen Slogans der UrbanismusstreberInnen. Auch wissen sie, warum sie gerne in genau diesen Wohnungen wohnen: Manche schätzen den klassisch modernen Stil der sechziger Jahre, andere, dass sie ihre vier Wände über Jahrzehnte in Eigenleistung nach ihren Wünschen gestaltet haben.

Die Geschichte beginnt wie im letzten «Muppets»-Film: mit dem Verkauf der Immobilie im Mai 2009. Der Käufer: die Bayerische Hausbau BH aus München. Ihr Slogan: Werte schaffen, die bleiben. Im November 2010 will sich die BH im Festsaal des FC-St.-Pauli-Stadions bei einem «Planungsworkshop» den direkt Betroffenen und dem Stadtteil präsentieren. Der leicht durchschaubare Anbiederungsversuch, einen stadtbekannten Mediator zuvor mit FC-St.-Pauli-Schal durch die Häuser zu schicken, war schon mal kein so guter Start. Bei der Veranstaltung selbst gibt es gleich zu Beginn Lacher für die Aussage, die BH sei wie der Tankstellenbetreiber und Vorbesitzer Schütze ein Familienunternehmen, dem eine gute Nachbarschaft am Herzen liege – keine schlechte Familie, bei einem eingetragenen Immobilienvermögen von 2,6 Milliarden Euro, prestigeträchtigen Grossprojekten etwa beim Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 plus dem Besitz grosser Brauereien und einer Flugzeugleasingfirma.

Da schlägt die Stunde der Muppets. Im Stil einer aufmüpfigen, schlecht gelaunten Schulklasse wird die wohlgeplante Dramaturgie der Veranstaltung durcheinandergewirbelt. Die rhetorische Palette reicht von prolliger Beschimpfung über Empörter-Bürger-Haltung bis zu ironischen Spitzen und fundiertem städtebaulichem Fachjargon. 
Nachdem die Vertreter der BH fast zwei Stunden lang gebetsmühlenartig von der Alternativlosigkeit eines Abrisses sprachen, gibt es ein abruptes Umschwenken des um Contenance bemühten BH-Chefs Jürgen Büllesbach. Mit echtem oder gespieltem Erstaunen sagt der Mann: «Da die Bewohner offensichtlich sehr stark an der gewachsenen Bebauung hängen, prüfen wir, ob eine Sanierung mit zusätzlicher Bebauung als Alternative zu einem Neubau wirtschaftlich darstellbar sei.» 
Das war der erste Auftritt der kurz zuvor formierten «Initiative Esso-Häuser – wir sind kein Objekt», die aus BewohnerInnen, Gewerbetreibenden, AnwohnerInnen und GemeinwesenarbeiterInnen besteht.

Recht auf Stadt!

Ab 2009 regte sich in einer rasanten Abfolge von Ereignissen an unterschiedlichsten Orten Hamburgs auf verschiedenen Ebenen der Widerstand gegen die Politik der ersten schwarzgrünen Koalition Deutschlands. Vor allem das Dogma, öffentliche Flächen an den Höchstbietenden zu verscherbeln, hatte den Verdrängungsdruck überall in Hamburg verschärft. Die Besetzung des Gängeviertels, wo es KünstlerInnen und Kulturschaffenden gelang, ein Areal mit uralten Fachwerkhäusern vor dem Abriss durch einen niederländischen Investor zu bewahren, war die spektakulärste Aktion. Das «Recht auf Stadt»-Netzwerk begann, schlagartig zu wachsen und seine Erfahrungen auszutauschen. Mittlerweile wird es von an die fünfzig Initiativen getragen.

Im Konflikt um die Esso-Häuser begann die Phase des diplomatischen Eiertanzes. Im Wissen, dass sie auf das Wohlwollen der BewohnerInnen angewiesen sind, gaben sich die Leute von der BH beim ersten Treffen verständnisvoll. Doch schon beim nächsten Treffen erschienen sie dann mit ernsten Mienen: Zwei Gutachten würden leider, leider belegen, dass ein Erhalt wirtschaftlich nicht sinnvoll sei. Ausserdem würde eine Sanierung bedeuten, dass die BewohnerInnen längere Zeit umsiedeln müssten – da wäre es doch besser, gleich was hübsches Neues zu bauen.

Die Zeit schien reif, um die Medienkarte zu ziehen. Das Resultat der Pressekonferenz am 15. Juni 2011 im Planet Pauli Pub waren grosse Artikel in sämtlichen Hamburger Zeitungen. Der Tenor lautete: BewohnerInnen der Esso-Häuser sagen: «Wir lassen uns nicht vertreiben». Dazu Bilder von Betroffenen, die allesamt zum ersten Mal in ihrem Leben politisch aktiv sind – von Evi etwa, der 65-jährigen Kiez-Klofrau mit Totenkopfshirt und geballter Faust (sie wohnt mit ihrem zehnjährigen Enkel in den Häusern) oder von Julia, Oxana und Nabila, drei stilsicheren Psychologiestudentinnen mit ukrainischem oder afghanischem Background.

Blau-weisse Blasmusik

Der Lokalreporter von Springers «Abendblatt» initiierte zudem auf eigene Faust einen «Aufschrei Hamburger Kulturschaffender». Erst veröffentlichte er ein Interview, das er mit mir gemacht zu haben meinte, und liess mich frei erfunden zu einer Kunstaktion aufrufen, mit der die Reeperbahn blockiert werden sollte. Dann sammelte er Statements von Promis wie Udo Lindenberg, die sich mit Sätzen wie «Sie zerkloppen Stein für Stein unsere alte Heimat für die aufgeblasenen Schicki-Micki-Vampire» solidarisierten. Wörter wie «Heimat» oder pauschale Yuppie-Vorwürfe versuchen wir eigentlich immer zu vermeiden. Aber egal. Es war gelungen, die Bedeutung des Grundstücks ins öffentliche Bewusstsein zu rufen.

Zwei von der Initiative Esso-Häuser im Folgenden einberufene runde Tische zeigten, wie wenig die BH vom Ort versteht. Erster Fauxpas: das Bekanntwerden einer Mietaufhebungsvereinbarung, die die BH vorbereitete. Der Entwurf enthielt entgegen der öffentlichen Verkündigung kein einklagbares Rückkehrrecht zu gleichen Konditionen. Die BezirkspolitikerInnen, von deren Votum ein Neubau abhängt, waren nicht sehr amüsiert. Der zweite Tisch endete mit dem Ergebnis, dass ein gemeinsam in Auftrag zu gebendes Gutachten technische Fragen klären und verschiedene Szenerien durchspielen soll.

Am 7. Februar erklärte die BH den runden Tisch einseitig für beendet. In einer Pressekonferenz verkündete sie in Verkennung der politischen Stimmung den Abriss und zog unsere Legitimität und Verhandlungsbereitschaft in Zweifel. «Bild» titelte: «Endlich: St.-Pauli-Schandfleck kommt weg». Die düpierten PolitikerInnen schalteten auf stur und verwiesen darauf, dass ein Bebauungsplan nur bei einer Einigung mit MieterInnen und dem Stadtteil geändert werden könne. In der Bezirksversammlung sprach sogar eine FDP-Abgeordnete davon, wie ungeeignet die BH als Investor für St. Pauli sei.

Der Versuch der BH, den Dialog mit den MieterInnen anzuleiern, kommt seither nicht richtig in Gang. Unlängst sollte dafür wieder der Festsaal des FC St. Pauli gemietet werden, doch auf Druck der Fans wurden sie kurzfristig ausgeladen. Corny Littman, der Pate vom Spielbudenplatz, sprang zwar als Gastgeber in die Bresche, doch in der Veranstaltung hatten die Muppets mit ihrer Renitenz wieder die Oberhand. Weiteren Mitgliedern der Initiative, die nicht in den Esso-Häusern wohnen, wurde der Einlass verwehrt. So feierten sie vor dem Eingang eine blau-weisse Gaudi mit ohrenbetäubender Blasmusik. Mittlerweile hat die Initiative Unterschriften von zwei Dritteln der MieterInnen gegen den Abriss. Es könnte so kommen, wie ein Erstbewohner dem stadtbekannten Mediator gleich zu Beginn sagte: «Ihr kriegt mich hier nur im Sarg raus.»

Ted Gaier (46), Musiker (Die Goldenen Zitronen), Theaterschaffender und Politaktivist, ist als Anwohner in der Initiative Esso-Häuser engagiert.

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