Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

«Das ist eine groteske Verzerrung linker Anliegen»

Wenn das Glück der anderen nur noch eine Bedrohung ist: Der Kulturtheoretiker Robert Pfaller sieht in unserer Verbotskultur ein Symptom für die realen Versäumnisse der Politik.

Von Florian Keller (Interview) und Samuel Jordi (Illustration)*

Illustration: Samuel Jordi

WOZ: Rauchen Sie noch, Herr Pfaller?
Robert Pfaller: Ich war immer nur ein mässiger Raucher. Allerdings bin ich einer Gruppe zugehörig, die nie erwähnt wird, nämlich die der glücklichen Passivraucher. Ich bin froh, wenn andere rauchen. Ich rauche dann auch manchmal, aber ich sehe auch, wie die leiden, wenn sie nicht rauchen dürfen. Ich muss es nicht überall haben, aber ich finde, dass das Rauchen zu bestimmten Atmosphären dazugehört. Ich kann mir gut vorstellen, dass man in dreissig Jahren über uns Idioten lacht und sagt: «Wie haben sich diese Blödmänner nur das Leben verdorben?» Diese drastischen Warnungen vor Lungenkrankheiten werden in Museen stehen, das wird als die auffälligste Verrücktheit unserer Kultur in die Annalen eingehen.

Jüngst hat eine Studie der Universität Zürich ergeben, dass der Konsum von Tabak und Alkohol im Kanton Zürich rückläufig ist, aber chronische Leiden und psychische Probleme zunehmen. Dürfen wir da einen Zusammenhang vermuten?
Das Rauchen, genauso wie das Trinken von Alkohol oder Kaffee, kann man kulturtheoretisch am besten unter dem Begriff der Unterbrechungsriten zusammenfassen. Diese erfüllen eine entscheidende psychohygienische Funktion: Man kann sich dabei für kurze Zeit als Mensch fühlen und sich versichern, dass man nicht nur ein Arbeitstier ist. Insofern scheint mir die rabiate Ausbreitung all dieser Verbote auch im Dienst einer neoliberalen Tendenz zu stehen, die den Menschen das alles wegnehmen wird: diese kleinen Refugien, wo sie sich kurz souverän fühlen können, wo sie eine bestimme Würde, Eigenwilligkeit oder auch Renitenz ausbilden können. Eine Gesellschaft, die ihre Unterbrechungsriten liquidiert, läuft Gefahr, eine Reihe von neuen Krankheiten auszubilden. Auch das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, glaube ich, ist ein Effekt mangelnder Unterbrechungsriten: Wer ständig auf alles aufmerksam sein muss, kann die Aufmerksamkeit nicht mehr unterbrechen. Walter Benjamin hat das einmal schön formuliert mit dem Satz: «Zum Denken gehört nicht nur die Bewegung der Gedanken, sondern auch ihre Stillstellung.»

Sie sprechen im Zusammenhang mit dieser neuen Verbotskultur von «Gouvernantenpolitik». Was ist politisch so bedenklich daran?
Man muss sich doch fragen: Wer warnt hier eigentlich wen? Wieso werde ich von einer Regierung oder von einer EU-Behörde, die letztlich von mir gewählt wurde, gewarnt vor etwas, was ich als erwachsener Mensch im Griff haben muss? Wenn ich so unmündig bin, dass man mir das sagen muss, dann ist eigentlich die Wahl dieser Politiker ungültig. Die sind von Unmündigen oder Unzurechnungsfähigen gewählt worden, also müssten sie eigentlich zurücktreten. Etwas seriöser gesprochen, sehe ich darin eine Tendenz der Infantilisierung in der Gesellschaft, die den Leuten nicht nur Unwissenheit unterstellt, sondern auch eine gewaltige Empfindlichkeit. Das halte ich für politisch fatal.

Wieso fatal?
Es entmündigt und entsolidarisiert die Leute. Wenn ich unendlich empfindlich bin, dann beginnt mich ja alles zu stören. Da komme ich schnell auf Ideen, was noch alles ungesund oder unerträglich sein könnte am anderen. Was politische Bürger ausmacht, ist ja die Fähigkeit, ihre Marotten hinter sich zu lassen und in der Öffentlichkeit ein Stück besser, höflicher, unempfindlicher aufzutreten, als sie vielleicht wirklich sind. Das ist zugleich die Ebene, auf der man sich mit dem Glück des anderen solidarisieren und es auch als sein eigenes Glück empfinden kann. Wenn die Leute das nicht mehr können, weil sie gegen alles empfindlich sind, dann sind sie auch nicht fähig, sich zu solidarisieren. Dann ist das Glück des anderen nur noch vorstellbar als Bedrohung. Deshalb ist die Glücksunfähigkeit eine der wichtigsten Ressourcen reaktionärer Politik.

Geht es dabei denn wirklich um Moral, also darum, die Menschen zu einem besseren Lebenswandel zu erziehen?
Letztlich ist es eine rechte Einschüchterungspolitik. Das Vertrackte daran ist, dass alles, was die Gesellschaft in letzter Zeit repressiver gemacht hat, nicht mit rechten, sondern mit scheinbar linken Argumenten gerechtfertigt wurde. Die neoliberalen Beraubungsmassnahmen an der Gesellschaft konnten nur mit einem bestimmten Überbau durchgesetzt werden, der signalisiert hat, dass man schon dafür sorge, dass es den Schwachen gut gehe. Genau diesen Überbau muss man aus einer linken Perspektive angreifen. Das ist eine groteske Verzerrung linker Anliegen. Erstens kämpfen wir nicht dafür, dass es den Schwachen gut geht, sondern dass niemand schwach ist. Zweitens haben diese Massnahmen fast immer nur ihren Repräsentanten genutzt. Das ist eine Schwundstufe linker Ideologien, die im Namen irgendwelcher Schwachen, die übrigens meist fiktiv sind, jeden kritischen Diskurs und jedes Aufbegehren ersticken.

An welche Massnahmen denken Sie?
Zum Beispiel an die Verschulung der Universitäten. Die Bologna-Reform geschah zugunsten der «bildungsfernen» Schichten, die jetzt angeblich auf die Universitäten kommen – als ob das in den siebziger Jahren nicht so gewesen wäre, als die Universitäten demokratisiert wurden. Oder alle diese Regelungen zur politischen Korrektheit: Man kann kaum mehr einen kritischen Satz sagen, weil alles sprachpolizeilich abgeriegelt ist. Keine Feministin kann mehr den Mund aufmachen, weil es schon inkorrekt ist, wenn man sagt, dass es Männer und Frauen gibt.

Jetzt übertreiben Sie.
Nur ein bisschen. Dieses Abwürgen jeder kritischen Stimme, dieses Ersetzen freier oder ideologischer Terrains mit polizeilich oder repressiv geregelten Mechanismen: Das wurde mit linken Argumenten gerechtfertigt. Das ist einer der schwierigen Punkte, die man heute durchschauen und von links angreifen muss. Es ist ganz wichtig, das zu markieren und diese Leute zu brandmarken: Die Sozialdemokraten, die die Bologna-Reform gemacht haben, das waren Verräter. Dasselbe gilt für die Vertreter der politischen Korrektheit und für viele andere, die davon profitieren. Es profitieren ja immer die Vertreter dieser Bewegungen, nicht die Vertretenen. Das sieht man auch bei diesen Genderarbeitskreisen: Sie erfüllen auch eine polizeiliche Funktion, melden sich aber bezeichnenderweise in entscheidenden Fragen nie zu Wort. Ich habe keine einzige Stimme von irgendeinem Genderarbeitskreis an den Universitäten gehört, die gegen die Bologna-Reform protestiert hätte. Dabei ist ja bekannt, welche Titel sie vergibt: «Bachelor» und «Master». Sind das geschlechtergerechte Bezeichnungen? Da hätte man vielleicht als Erstes mal «Halt!» schreien müssen.

Was aber hat das mit den Rauchverboten und anderen Entmündigungstendenzen zu tun?
Solche Gouvernanten- oder Pseudopolitik ist immer ein Symptom der Versäumnisse realer Politik. Da versäumt es die Politik, die Finanzmärkte zu regeln oder zu verhindern, dass Millionen in Europa arbeitslos werden – und genau in dem Moment wird das Rauchen verboten oder kommen irgendwelche idiotischen Sprachregelungen zum amtlichen Einsatz. Das muss uns empören. Wir haben in Österreich etwa eine Gesundheitsministerin, die in ihrer ersten Erklärung gesagt hat, sie werde nun das lückenlose Rauchverbot durchsetzen. Die muss jetzt also das Rauchen restlos vertilgen, wie wenn das das allerdringendste Problem der Gesundheitspolitik wäre. Dabei sind die Spitäler in Österreich unterfinanziert, und es herrscht ein massiver Reformbedarf im Gesundheitswesen. Mich zum Beispiel alarmiert es, dass angeblich mehr als dreissig Prozent der Studenten derzeit Drogen wie Ritalin nehmen, weil sie den Prüfungsstress nicht anders bewältigen können. Da müsste die Gesundheitsministerin vielleicht mal mit dem Wissenschaftsminister sprechen und sagen: «Passen Sie auf, wir müssen Bologna schon aus gesundheitlichen Gründen stoppen.»

Nochmals zurück zur Genussfeindlichkeit. Da gibt es doch längst auch eine Kehrseite, und das ist der «Genussporno», wie er im Gastrojournalismus zelebriert wird. Gutes Essen wird da zum neuen Statussymbol.
Das sehe ich genauso. Meine Parole ist ja gar nicht so sehr der Genuss. Wenn ich mich auf den Philosophen Epikur berufe, dann im Bewusstsein, dass er ein sehr vorsichtiges und abwägendes Verhältnis zu den Genüssen hatte. Der war klug genug, auch mit wenig zufrieden zu sein. Und wenn ich die Frage aufgeworfen habe, wofür es sich zu leben lohnt, dann, damit die Leute es sich zur Gewohnheit machen, sich wieder öfter diese Frage zu stellen – aber nicht, um nach brillanten Antworten zu suchen. Genau das macht der ganze Lifestylejournalismus oder die Lebensberatungsphilosophie: Sie müssen mehr Yoga machen, mehr bergsteigen oder weniger Sport machen. Das ist natürlich ein weiterer Versuch, die Menschen zu stressen. Da haben Sie schon einen wahnsinnigen Stress im Job, und jetzt müssen Sie auch noch mega geniessen und sich mega entspannen. Da dürfen Sie nicht einfach mal ein Nickerchen machen, sondern es muss gleich ein Powernap sein.

Auf Epikur kann sich also auch jeder Veganer berufen. Oder würden Sie denen den Genuss absprechen?
Nein, nein. Epikur, genauso wie die Psychoanalyse, lehrt ja, dass die Lust immer da ist. Natürlich hat der Asket, der sich scheinbar die Lust versagt, auch eine Lust, nämlich die Lust der Versagung. Und es gibt ja alle möglichen Abstufungen von Asketen und Heiligen, die gelernt haben, sich über wenig zu freuen. Das sind sehr verträgliche Menschen, die dem anderen keine Vorwürfe machen, sondern ihn höchstens ein bisschen bemitleiden dafür, dass er ein Trottel ist und ein Smartphone braucht. Das Schlimme an den asketischen Praktiken in den westlichen Gesellschaften ist, dass sie meist asozial und entsolidarisierend sind: «Was, du isst noch Fleisch? Was bist du nur für ein schändlicher Geselle!» Ausserdem sind das Distinktionspraktiken, mit denen man jemanden zu deklassieren versucht. Und sie wirken entpolitisierend, weil sie aus politischen Fragen nur Fragen individuellen Wohlverhaltens machen. Was auf der Ebene der Ethik auch gefährlich ist: Diese Leute laden ihr Glück immer mit Moral auf. Sie sagen nicht einfach: «Das schmeckt mir jetzt besser», sondern dass sie damit die Welt retten. Und das hätte Epikur aus der Genussperspektive am härtesten kritisiert: dass die Menschen ihre Neigung zur Pflicht machen und damit ihre eigene Lust vor sich verschleiern. Das ist immer schon eine erste Lüge: gut statt glücklich sein wollen.

Deshalb sagen Sie, dass wir, um die Welt wirklich zu verändern, wieder ein bisschen böser werden müssten?
Genau. Die Moralisierung ist ja ein anderes Symptom dieser Entpolitisierung mit scheinbar linken Argumenten. Die Leute haben heute das Gefühl, es hänge von ihrem Wohlverhalten ab, dass die Welt besser wird. Das ist auch eine Schwundstufe linken Denkens. Dabei ist allen, die gelernt haben, politisch zu denken, völlig klar: Politisierung beginnt mit der nüchternen Einsicht in die Bedeutungslosigkeit des individuellen Wohlverhaltens. Wenn man diese narzisstische Kränkung mal überwunden hat, kann man sich heiter und vielleicht mit etwas mehr Effizienz daran machen, sich zu organisieren. Und das wird nicht abgehen, ohne böse handeln zu müssen. Selbst bei so ehrenwerten und harmlosen Anliegen wie Nachhaltigkeit.

Es ist ja nicht so, dass wir es da mit einer kleinen Gruppe von Uneinsichtigen zu tun haben, denen noch nicht klar ist, dass die Ressourcen zu Ende gehen. Das ist allen klar. Die USA gehen davon aus, dass sie sich die übrig gebliebenen Rohstoffe in den nächsten Jahrzehnten so aneignen müssen, dass alle anderen zuerst krepieren und sie als Allerletzte. Dagegen hilft es nicht, wenn wir einfach unsere Kartoffeln selber anbauen. Man kann kein fortschrittliches Bewusstsein haben, ohne zu wissen, dass man dafür kämpfen muss und dass das etwas Böses ist.

* Wunsch von Valentin Beck: «Warum setzt sich der Staat derart gegen das Rauchen ein?»

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