Nr. 08/2017 vom 23.02.2017

Helvetia, Hakenkreuze, Hundewelpen, Nationalräte

Die WOZ aktivierte ihre virtuelle Mitarbeiterin Sabrina, die eine gefälschte Facebook-Identität besitzt, und schickte sie auf Exkursion ins Reich der Rechtsnationalen. Ein Bericht aus einer widerspruchslosen, männlichen, knallhart wehrhaften Welt.

Von Anouk Eschelmüller, Jan Jirát, Noëmi Landolt (Text) und Luca Schenardi (Illustrationen)

«Hallo Gutmensch» steht auf einem Blatt Papier, das an einem Baum hängt. «Wenn deine Tochter vergewaltigt wurde, wenn dein Sohn zu Tode getreten wird, wenn dein Haus leer geräumt wurde (…), musst Du Dir eines ganz fest sagen: Ich bin tolerant. Ich bin offen. Ich bin bunt. Ich bin kein Nazi. Ich bin gut.» Sabrina Bührer betrachtet das Foto des Blatts. Es gefällt ihr, rasch drückt sie auf den Like-Button.

Sabrina Bührer ist 27 Jahre alt und lebt in einem kleinen Ort im Schweizer Mittelland. Die arbeitslose Physiotherapeutin mag den Mundartrocker Gölä, schaut gerne Skirennen und wählt seit Jahren SVP. Sie hat 947 Freunde auf Facebook. Null im richtigen Leben. Niemand hat Sabrina Bührer je gesehen. Sabrina Bührer gibt es nicht.

Wir haben Sabrina Bührer vor rund vier Jahren als Kunstfigur auf Facebook erschaffen. Jahrelang schlummerte Sabrina vor sich hin. Sie postete hin und wieder einen islamfeindlichen Spruch, verlinkte einen «Weltwoche»-Artikel. Sie verteilte Likes an Gleichgesinnte und freundete sich wahllos mit Leuten aus dem «WutbürgerInnen»-Milieu an, las ab und an mit, was diese posteten. Ihr Netz wuchs ohne grosses Zutun stetig an. Und mit der Zeit veränderte sich auch der Tonfall in den Posts und Kommentaren. Sie wurden immer hetzerischer, immer brutaler. Die Flüchtlinge, die seit dem Sommer 2015 «Europa überfluten», wurden zum alles dominierenden Thema.

Spätestens seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist die rechte Filterblase in aller Munde. Doch wer bewegt sich dort? Sind es wirklich die VerliererInnen, die von der Globalisierung Vergessenen? Wer gibt den Ton an?

Anfang Dezember beschlossen wir, Sabrina Bührer aufzuwecken und für zwei Monate aktiv in diese uns fremde Welt einzutauchen.

Willkommen in der rechten Blase

Wir lesen zunächst die Beiträge, die auf unserer Timeline erscheinen, und machen uns ein Bild unseres FreundInnenkreises. Es ist Kanzlerwahl in Österreich, unsere «Freunde» feiern Kandidat Norbert Hofer von der rechtsextremen FPÖ: «Endlich mal einer, der weiss, wie’s geht», schreibt einer: 31 Likes.

In Sabrinas Welt dominiert das Schwarzweissdenken: ein «wir» auf der einen Seite, das sich gegen ein «aussen» zur Wehr setzen muss, das abwechselnd Bart tragend, muslimisch, links, feministisch oder schwul ist. Kurz nach der Wahl in Österreich publiziert die Junge SVP Schweiz (JSVP) ein Video aus Ceuta, der spanischen Enklave in Marokko. Es dokumentiert, wie Flüchtlinge den dortigen Grenzzaun zu stürmen versuchen. Die JSVP schreibt: «Das Asylchaos geht weiter! Ein Video aus Spanien zeigt die Fluten junger Männer, die auf Europa hereinbrechen. Wo bleiben die Frauen, Mütter und Kinder, die proklamiert werden?» Innert kürzester Zeit füllen sich die Kommentarspalten: «Das sind keine Flüchtlinge, das sind losgelassene Affen!», «Tut doch mal recht Strom drauf!!!», «(…) und wer dann nicht illegal durchkommt erschiessen!!!».

Diese Sätze sind mehrere Tage für alle einsehbar auf der öffentlichen Facebook-Seite der JSVP. Sie löscht die Kommentare nicht.

Doch es gibt auch Widerrede: «Du kleiner Scheissnazi! Wir werden Dich kriegen und verurteilen lassen für Deine Scheissposts!», schreibt User Angelo* (vgl. «‹Das sind die wahren Brandstifter›» im Anschluss an diesen Text). Er ist allein auf weiter Flur.

Pfefferspray, Messer, Bürgerwehr

Wir fassen Mut und schreiben Sabrinas erste direkte Nachricht. Sie geht an den Zürcher SVP-Kantonsrat Hans-Ueli Vogt: «Happy birthday Herr Vogt! Zum Glück gibt es noch Politiker wie Sie!» Die anfängliche Nervosität vergeht allmählich. Die Angst, aufzufliegen, bleibt. Klärt niemand von Sabrinas FreundInnen – darunter bekannte PolitikerInnen und einschlägige Neonazis – ab, ob Sabrina Bührer auch analog existiert?

Mitte Dezember posten wir ein im Netz kursierendes Bild der ermordeten jungen Frau aus Freiburg im Breisgau. Auf dem Foto lacht die Frau. Darunter steht «Wir trauern um Maria (19), grausam vergewaltigt und ermordet von einem 17-jährigen afghanischen Flüchtling. Mitverantwortlich für ihr Leiden und Sterben sind diejenigen, die die Politik der unbegrenzten und unkontrollierten Masseneinwanderung befürworten.» In kürzester Zeit erhalten wir die ersten Likes. Barbara V.* schickt uns eine Freundschaftstaube. Wir fühlen uns bestärkt und schreiben einige unserer «FreundInnen» direkt an. Sie habe langsam Angst, schreibt Sabrina. «Ich bin umzingelt von ‹Rapefugees›. Wie kann ich mich am besten schützen?» Die Antworten kommen unverzüglich und zahlreich: «Du darfst nachts nicht alleine rumlaufen», schreibt einer. «Indem du in meinen Armen liegst», ein anderer. Ein Dritter empfiehlt: «Bürgerwehr organisieren!» Gewisse Narrative tauchen in unserer Timeline immer wieder auf. Zum Beispiel die fingierte Zeitungsschlagzeile: «Asylforderer aus Eritrea: Ich werde für immer in der Schweiz bleiben und von Sozialhilfe leben – arbeiten werde ich nicht.» Darunter folgen Kommentare und verlinkte Artikel über eritreische Flüchtlinge, die sich in der Schweiz ein schönes Leben machen und auf Staatskosten nach Eritrea in den Urlaub fliegen würden. Unzählige Fotos von dunkelhäutigen Menschen, die ausgelassene Poolpartys feiern, machen die Runde, gefolgt von schlecht gephotoshoppten Bildern von Justizministerin Simonetta Sommaruga: einmal als Domina im Ledersessel, einmal als allmächtige Göttin in einem Meer von Flüchtlingsbooten mit dem Spruch: «Die Asylflut zerstört unser Land. Genug ist genug.»

Wenig später posten dieselben UserInnen Bilder eines Schweinefilets im Teig mit Steinpilzrahmsauce. Oder von einem Welpen, der Latte macchiato trinkt: 32 Likes. Auch Sabrina gefällt das.

Barbara ist «knallhart»

Es ist erschreckend einfach, sich in Sabrinas Welt zu bewegen. Fundiertes Wissen braucht es nicht. Wenn uns keine Antwort einfällt, schreiben wir die Sätze von anderen NutzerInnen ab. Das fällt niemandem auf. Und je vertrauter uns Sabrinas Welt wird, desto öfter verwechseln wir sie mit unserer eigenen. Haben wir uns jetzt mit dem «echten» oder dem Sabrina-Account angemeldet?

In der «echten» Facebook-Welt teilen wir einen «taz»-Artikel über den Tod einer Frau, die in Kiel von ihrem Mann auf der Strasse angezündet wurde. Der Artikel setzt den Vorfall in den Kontext der zunehmenden Gewalt gegen Frauen. Als Sabrina lesen wir einen Artikel über denselben Vorfall auf uncut-news.ch, einer Schweizer Website, die regelmässig Falschmeldungen verbreitet: «Ausländer verbrennt Frau». Der Autor schreibt, dass bald alle deutschen Frauen von Ausländern getötet würden. Es gibt unzählige solch zwielichtiger Newsportale, die vorgeben, die «wahren», von der «Lügenpresse» verschwiegenen Fakten zu bringen. Etwa der rechtsextreme Blog «Schweizerkrieger», der an prominenter Stelle verkündet: «Wir unterstützen die SVP Schweiz», und auf die offizielle Parteiwebsite verlinkt. Als der «Blick» vor einem Monat ein Bild von Schweizer Soldaten veröffentlichte, die den Hitlergruss machten und ein Hakenkreuz in den Schnee trampelten, kommentierte der Blog: «Ist Dienst mit einem Faschisten zumutbar? Natürlich.»

Sabrinas Welt ist männlich. Es sind hauptsächlich Männer, die Beiträge posten, Kommentare schreiben, Meinungen bilden. Sie bedienen sich einer männlichen Sprache, mit der sie eine von Männern regierte Zukunftswelt fordern. Frauen sind in Ordnung, solange sie keinen Platz einfordern, der ihnen nicht zusteht. Halten sie sich nicht daran, hagelt es Hass, so etwa nach dem Frauenmarsch auf Washington: «Mädels haltet eure Fressen». 51 Likes.

Die lauteste Stimme in der rechtsnationalen Echokammer gehört dem weissen, privilegierten Mann, der Angst davor hat, seinen Status zu verlieren. Für manche von Sabrinas FreundInnen scheint Facebook eine tagfüllende Beschäftigung zu sein. Zum Beispiel für Ruedi B.* Gemäss seinem Profil ist er verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, einen Hund, Haus und Auto. Es geht ihm offensichtlich nicht schlecht.

Ruedi ist politisch interessiert, er sympathisiert mit der SVP, manchmal auch mit den Schweizer Demokraten, ausserdem ist er Mitglied der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns), für die er auch Sabrina zu gewinnen versucht. Ruedi führt gleich mehrere Facebook-Profile, weil häufig eines von Facebook gesperrt ist. Eine Sperre wird von den FreundInnen bewundernd kommentiert, die Rückkehr beklatscht und gefeiert. Manche beklagen sich auch: «Ich wurde wegen einem Bild, wo der Zentralrat der Muslime als Affen dargestellt wird, 24 Stunden sperre!»

Ruedi postet viel. Manchmal sind es Zeitungsartikel aus dem «Tages-Anzeiger» oder der NZZ, die er kommentiert. Manchmal Hundebilder. Meistens aber rassistische und hetzerische Kommentare. Besonders fantasievoll ist er dabei nicht: Alles «Scheinasylanten», die den «Eidgenossen» die Jobs wegnehmen und möglicherweise gar noch die Frauen. Ebenso sehr hasst er TierquälerInnen: «Aufhängen oder erschiessen, diese Bestie!», kommentiert er einen Artikel über eine Frau, die ihren Hund geschlagen hat.

Auch Barbara V. wählt SVP. Sie ist über sechzig und Grossmutter, erst die Abwahl von Christoph Blocher habe sie für Politik sensibilisiert, schreibt sie Sabrina. Damals sei ihr so richtig bewusst geworden, «dass die meisten Linken Landesverräter und EU-Turbos sind».

Deshalb ist Barbara jetzt «knallhart» in der Politik, wie sie sagt. Ihr gefällt so ziemlich alles, was ihr auf Facebook unter die Nase kommt. Je rassistischer, desto besser. Wir schicken uns gegenseitig «Ich wünsche dir einen tollen Tag»-Filmchen, immer wieder ein Daumen-hoch-Zeichen. Und wir versichern uns gegenseitig, dass wir schon auf der richtigen Seite stehen. Das Böse kommt von aussen.

Die rassistischen, sexistischen und zu Gewalt aufrufenden Posts auf der Timeline stehen in krassem Gegensatz zu den teils erstaunlich differenzierten Aussagen im geschützten Rahmen des persönlichen Gesprächs. Als Sabrina vorsichtig Zweifel über ihre eigene politische Haltung äussert, reagieren viele FreundInnen verständnisvoll. Sie loben sie dafür, selbstständig und kritisch zu denken: «Hör auf dein Herz.» Und Ursula H.* gesteht gar: «Ich war auch mal SP-Wählerin, bis ich gemerkt habe, wie sie die Schweizer schikanieren und ausbeuten. Aus der SP sind Cüpli Sozis geworden, weit weg von den Büetzern.»

Ist man einmal im Kreis der Vertrauten aufgenommen, ist die Solidarität gross. Persönliche Rückschläge werden freizügig geteilt und erhalten aufmunternde Kommentare. «Kämpfe weiter!», «Du bist stark, wenn du an dich glaubst». Daumen-hoch-Zeichen. 23 Likes.

Pegida-Posterboy und Asylverantwortlicher

Nicht alle sind so freundlich. Peter S.*, der sich seit zwanzig Jahren über die «Türken und Balkanesen» aufregt, posiert auf seinem Facebook-Profil mit einem Pegida-T-Shirt. Er postet gerne Bilder von Waffen. Oder von Flüchtlingen. Dazu schreibt er: «Alle abschieben», oder: «Ab nach hause aber hurtig.»

Für Peter gibt es keine Zweifel: «Ich weiss das mir s richtige für alli wänd.» Wir, das sind die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida), die auch in der Schweiz einen Ableger haben. Das Richtige, das sind etwa externe Flüchtlingslager auf Inseln. «Warum sollten wir sie nicht alle abknallen, wenn sie doch unsere Frauen vergewaltigen?», fragt er Sabrina. Und rät ihr: «Vergiss deine Bedenken. Hau rein.»

Mit knapp 300 FreundInnen ist das Netz von Pegida-Mitglied Peter überschaubar. Ganz anders bei Ignaz Bearth, dem bekanntesten Pegida-Vertreter in der Schweiz; fast 140 000 NutzerInnen folgen seiner Facebook-Seite aktiv. Zum Vergleich: Der SVP und der SP folgen je knapp 22 000 NutzerInnen, der FDP 10 200 und Gölä 13 600. Wobei ein Grossteil von Bearths FollowerInnen aus Deutschland stammt.

Dank dieser Anhängerschaft hat der rechtsradikale «Pegida-Posterboy» («Tages-Anzeiger») einen gewissen Einfluss in Sabrinas Echokammer: Bearth veröffentlichte Anfang Dezember ein Bild der deutschen Grünen-Politikerin Renate Künast mit folgendem «Zitat» im Zusammenhang mit dem Mord in Freiburg: «Der traumatisierte junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen.» Die Quellenangabe: «03.12.2016 Süddeutsche Zeitung». Alles frei erfunden, weder hatte Künast so etwas gesagt, noch wurde sie überhaupt in der «Süddeutschen» zum Mord zitiert. Innerhalb eines Tages wurde diese Falschmeldung gut 4500-mal geteilt. Wir sehen den Post, lange bevor die Medien die Falschmeldung entlarven. Lange bevor Bearth angezeigt wird. Sie fällt uns gar nicht mehr wirklich auf. Sie ist Alltag in Sabrinas Echokammer.

Die wohl wichtigste Figur in Sabrinas Echokammer ist aber Andreas Glarner. Der Aargauer Nationalrat und «Asylverantwortliche» der SVP ist – zumindest virtuell – die Galionsfigur der Schweizer Rechtsnationalen. Kein anderer wird öfter verlinkt oder zitiert. Es gibt eine ansehnliche Fotogalerie, wo NutzerInnen stolz «I love Oberwil-Lieli»-Kleber auf ihren Autos posten.

Eine typische Nachricht von Glarner auf seinem öffentlichen Profil ist jene vom 23. Januar 2016: «Als Flüchtling in die Schweiz gekommen – in einem Jahr 4 Verurteilungen – wetten, dass er trotzdem die Chance auf einen Schweizer Pass hat.» Glarners FollowerInnen teilen solche Sätze wie wild. Ausserdem lässt er auf seiner Timeline nachweisliche Falschmeldungen stehen, einen LeserInnenbrief etwa, in dem Frau K. aus W. herausgefunden haben will, dass Schweizer Rentner nur zwei Franken mehr am Tag erhalten (58 Franken) als «Asylanten» in der Sozialhilfe (56 Franken). «Und trotzdem werden auch die ärmsten Rentner nicht kriminell.» – «Asylanten bekommen alles, inkl. Ferien in Eritrea, Alkohol, Zigaretten, sogar Autoprüfungen werden bezahlt … Katastrophe!!!», kommentiert ein Glarner-Fan.

Zur «Nafri»-Debatte in Köln schreibt Glarner: «Hätte denn die Polizei nach den Vorkommnissen in der Silvesternacht 2016 besser gezielt nach Eskimos suchen sollen? Wer schützt uns vor solchen ‹Schutzsuchenden›?» Sabrina teilt den Post.

Glarner, gewählter Nationalrat, ist überdies Mitglied in mehreren geschlossenen Gruppen, die vor rassistischer Hetze, Islamophobie und Falschmeldungen nur so strotzen. Diese Gruppen tragen Namen wie «Die Schweizer Regierung muss zurücktreten», «Hört endlich auf mit dem Asylwahnsinn – Wir fürchten uns im eigenen Land!» oder «Gegen die schleichende Islamisierung der Schweiz». Wer nicht Mitglied ist, kann nicht mitlesen. Sabrina ist dabei in diesen Gruppen, die hauptsächlich der Vernetzung oder der Mobilisierung – im Vorfeld von Abstimmungen etwa – dienen.

Glarner ist ein wichtiger Meinungs- und Stimmungsmacher, ein Echoverstärker in Sabrinas Welt. Er kanalisiert den Hass, gibt ihm einen Weg vor und sorgt dafür, dass er aufrechterhalten wird. Daraus schlägt er politisches Kapital. Und er schliesst die Reihen am äussersten rechten Rand der SVP. Das ist seine zentrale Funktion als «Asylverantwortlicher» der Partei.

Die Wut zu schüren, ist leicht. Präzise lasse sich nicht gut hassen, schreibt Carolin Emcke in ihrem neusten Buch «Gegen den Hass». Die Echokammer ist nicht für den Austausch, nicht für Widerspruch bestimmt. Sondern lediglich für ein Echo des immer und immer Gleichen. So verfestigt sich in den Köpfen eine Realität, die nahezu unantastbar wird.

* Sofern es sich nicht um öffentliche Personen handelt, haben wir uns entschieden, die Personen zu anonymisieren.

Auf RassistInnenjagd

«Das sind die wahren Brandstifter»

WOZ: Angelo*, wir haben dich entdeckt, als du auf der Facebook-Seite der Jungen SVP mit Anzeigen gegen ihre rassistischen Kommentare gedroht hast. Wir haben dich dann kontaktiert …
Angelo: … ich habe zuerst nicht geglaubt, dass ihr von der WOZ seid. Ich traue niemandem, mit dem ich nicht befreundet bin. Ich habe schon so einige Drohnachrichten bekommen. Seit kurzem bin ich mit meinem richtigen Namen auf Facebook. Da wird man vorsichtig.

Warum verwendest du nicht einfach ein Pseudonym?
Angelo: Ich hatte früher eins, doch ein Rechter hat mich bei Facebook verpfiffen. Ich musste Facebook eine Ausweiskopie schicken. Sie haben mich entsperrt unter der Bedingung, dass ich meinen richtigen Nachnamen verwende. Die Rechten wenden die gleiche Masche an wie ich. Wenn ich einen rechtsextremen Post sehe von jemandem, der keine Facebook-Freunde hat, keine Fotos postet, dann melde ich ihn als Fake-Profil.

Michael*, auch du meldest rechte Fake-Profile und Hasskommentare. Wie habt ihr mit eurem Engagement angefangen?
Michael: Ich war wie Angelo 2015 das erste Mal als humanitärer Helfer in Griechenland. Seither bin ich viel dünnhäutiger. Wenn despektierlich über Flüchtlinge geschrieben wird, dann habe ich die Menschen vor Augen, und es verletzt mich.

Wie kommt ihr überhaupt auf diese Facebook-Seiten?
Angelo: Es fängt in den Kommentarspalten von «20 Minuten» oder dem «Bund» an. Die sind teilweise zum Kotzen. Einzelne Namen fallen jeweils besonders auf. Dann checke ich ihre Facebook-Profile und lande bei der SVP, der Pnos oder auf der Pegida-Seite, und schon bist du mittendrin.

Ihr meldet die Leute nicht nur, sondern diskutiert auch mit ihnen. Warum tut ihr euch das an?
Angelo: Es bringt was, mit denen zu sprechen. Ich habe kürzlich mit einem Lehrling auf Facebook Kontakt gehabt, der gegen die erleichterte Einbürgerung war. Irgendwann konnte ich ihn überzeugen, dass die SVP nicht seine, sondern die Interessen seines Chefs vertritt. Dann haben wir noch über Fussball geredet, und gut wars.

Michael: Ich melde niemanden, nur weil er eine andere Meinung hat. Ich suche lieber den Dialog. Hinzu kommt, dass andere Leute mitlesen, was wir schreiben, auch wenn sie sich selbst nicht äussern. Es ist also wichtig zu widersprechen.

Viele Leute relativieren ihre extremen Aussagen in den persönlichen Gesprächen wieder …
Angelo: Das mag ja sein. Aber das Problem ist, dass nur gelesen wird, was öffentlich gepostet wird, und so werden Meinungen gebildet. Wenn man sich hinterher in einer privaten Nachricht dafür entschuldigt, interessiert das keinen Menschen.

Welche Funktion haben Figuren wie Andreas Glarner oder Ignaz Bearth im rechten Onlinekuchen?
Michael: Sie treiben die anderen an, halten den Hass aufrecht. Ignaz Bearth ist ein Star in dieser Subkultur. Der wird aber so schnell verschwinden, wie er aufgetaucht ist. Er hat zwar über 100 000 Likes auf seiner Facebook-Seite, aber das sind dieselben 100 000, die schon bei Pegida in Deutschland sind. Ein Glarner oder ein Aeschi sind die wahren Brandstifter. Diese Typen machen das Lügen und Beleidigen, das Verbreiten von Desinformation salonfähig. Glarner weiss, wann er welche Provokation bringen muss, ohne gegen die Rassismusstrafnorm zu verstossen. Rechte Gewalttaten verurteilt er nie, das kann mitunter der Funke sein, der etwas zum Explodieren bringt.

Angelo: Die Linke schläft und ist viel zu wenig präsent in den sozialen Medien. Ich frage mich, ob sie glauben, dass es diesen Hass in den sozialen Netzwerken gar nicht gibt.

Interview: Anouk Eschelmüller und Noëmi Landolt

*Namen der Redaktion bekannt.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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