Nr. 50/2007 vom 13.12.2007

«Unser Atoll versinkt!»

Arme Länder des Südens tragen die Hauptlast des Klimawandels. Für sie stehen finanzielle und technologische Unterstützung zur Bewältigung der Folgen im Vordergrund.

Von Michael Lenz, Nusa Dua

Rizaldy Boer weiss nur zu gut, dass der Klimawandel kein Phänomen ist, das uns 2020 oder gar erst 2050 unter den Nägeln brennen wird: «Zwischen 2001 und 2004 hat es in meinem Land 500-mal mehr Überschwemmungen gegeben als vorher», betont der Chef des Climate Laboratory der Bogor Agricultural University in Indonesien. «Betroffen sind besonders die Armen in den Dörfern und in den Slums von Jakarta.»

Einmal mehr leiden die Menschen auf der Südhalbkugel am stärksten unter einem Problem, das die reichen Gesellschaften im Norden verursacht haben. Mehr als 260 Millionen Menschen haben nach Angaben der internationalen Entwicklungshilfeorganisation Oxfam zwischen 2000 und 2004 die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen. 98 Prozent davon leben in Entwicklungsländern. Dürrekatastrophen, Überschwemmungen und immer mehr tropische Wirbelstürme zerstören Lebensgrundlage und Ernährungssicherheit. «Die meisten der Betroffenen sind Bauern, die nur für den eigenen Bedarf produzieren. Wenn ihre Felder zerstört sind, haben sie nichts mehr. Selbst wenn es auf den Märkten Lebensmittel gibt, fehlt ihnen das Geld für den Einkauf», sagt Oxfam-Sprecherin Charlotte Sterrett. Sie befürchtet einen starken, klimabedingten Anstieg hungerleidender Menschen bis 2050.

Im Hickhack gefangen

Die Klimakonferenz in Balis Luxusbadeort Nusa Dua ist angelaufen. In der ersten Woche der Konferenz verteidigten die Delegationen ihre Partikularinteressen. Wenig optimistisch stimmt auch der Kommentar von Yvo de Boer, Exekutivdirektor des Klimasekretariats der Vereinten Nationen (UN): «Man diskutiert doch auch nicht beim ersten Rendezvous den Ehevertrag.»

Zur Debatte steht der Fahrplan zur Verhandlung eines Nachfolgeabkommens des Kioto-Protokolls, das 2012 ausläuft. Verschiedene Gruppen haben sich bereits deutlich positioniert. Die Europäische Union fordert bis 2009 verbindliche Ziele zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Ihr gegenüber stehen die USA, welche feste und verbindliche Zielgrössen ablehnen. Saudi-Arabien als mächtigster der Opec-Staaten hat die Rolle des grossen Blockierers übernommen: Ein Scheitern der Verhandlungen scheint den Ölscheichs willkommen. Schliesslich die Entwicklungs- und Schwellenländer, zu denen bitterarme Länder wie Papua-Neuguinea ebenso gehören wie die aufstrebenden Wirtschaftsgiganten Indien und China: Sie wollen nicht, dass das Wirtschaftswachstum gefährdet wird, und fordern, dass die reichen Länder umfassende finanzielle und technologische Hilfe leisten für eine Anpassung an den Klimawandel.

Aber auch die Entwicklungs- und Schwellenländer sind getrieben von Sonderinteressen - eine gemeinsame Strategie fehlt. Und sie stehen unter Druck. Hinter den Kulissen agieren die EU, die USA und Saudi-Arabien, um möglichst viele dieser Staaten in ihr Lager zu ziehen.

Was man auf der Ferieninsel Bali vergeblich sucht, sind Demonstrierende. Die nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) sind fein säuberlich in die Konferenz integriert. Sie nehmen an den Sitzungen als offizielle Beobachterinnen teil - ein Rede- oder gar Stimmrecht besitzen sie aber nicht. Trotzdem ist ihr Gewicht nicht zu unterschätzen. Sie sorgen für Transparenz. Nichts, was in den offiziellen Treffen gesagt wird, bleibt hinter verschlossenen Türen.

«Hier auf Bali sprechen wir mit einer Stimme», betont Martin Hiller vom WWF. Die gemeinsame Stimme artikuliert das Climate Change Network, zu dem sich mehr als 400 NGOs wie Oxfam, Greenpeace und der WWF zusammengeschlossen haben.

Zauberwort Technologietransfer?

Eines der arg strapazierten Schlagworte in Bali ist Technologietransfer. Den fordern Entwicklungsländer, davon sprechen die Industriestaaten, NGOs preisen ihn als Allheilmittel. Die einen meinen Atomkraft. Andere verstehen darunter erneuerbare Energien. Aber auch «saubere» Kohlekraftwerke stehen zur Diskussion.

Die am Rande der Konferenz gegründete Carbon Solidarity Asia, der NGOs aus acht asiatischen Ländern angehören, stellt klar, dass nicht immer Hightechlösungen im Vordergrund stehen müssen. Ein Beispiel sind lokal produzierte und verwendete Tonöfen in Kambodscha, welche den Verbrauch an Holzkohle signifikant senken. Der am Projekt beteiligte Klimaexperte Minh Le Quan betont stolz: «Diese Kochöfen können sich die Armen leisten. Und sie haben den Vorteil, dass sie nicht nur grosse Mengen von Treibhausgasen einsparen, sondern den Menschen auch wirtschaftlich und gesundheitlich nützen.» Finanzieren lassen sich Technologie- und Anpassungshilfen - etwa bauliche Massnahmen gegen Überschwemmungen oder Wirbelstürme - bislang schlecht. Die Entwicklungsländer werfen den Industriestaaten vor, nicht an der Lösung ihrer aktuellen Probleme interessiert zu sein. Oxfam schätzt die dazu notwendigen Kosten auf mindestens fünfzig Milliarden Dollar. Die reichen Länder hätten aber bisher nur 67 Millionen Dollar in den UN-Fonds einbezahlt, aus dem finanzielle Hilfe für die Anpassung der ärmsten Länder an den Klimawandel kommen soll.

Für die Oxfam-Sprecherin Sterrett ist diese Summe «eine Beleidigung». Alleine für Sofortmassnahmen würden bis zu zwei Milliarden Dollar benötigt. Sie hofft, dass im Rahmen der Klimakonferenz neue Finanzierungsmechanismen für arme Länder entwickelt und in ein Nachfolgeabkommen für das Kioto-Protokoll aufgenommen werden. «Es geht nicht um Entwicklungshilfe. Es geht darum, dass die grössten und reichsten Verschmutzer der Welt für die Kosten aufkommen, die sie denen aufgezwungen haben, die am verwundbarsten sind.»

Dieser Auffassung hat auch der Appell «Unser Atoll versinkt!» von Ursula Rakova Nachdruck verliehen. Sie lebt auf den Carteret-Inseln (Papua-Neuguinea) im Südpazifik, die den Meeresspiegel um nur anderthalb Meter überragen.

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