Nr. 12/2009 vom 19.03.2009

Zieht in die Tropen!

Australien lebt von jeher mit Waldbränden. Doch nun macht der Klimawandel den immer schon trockenen Kontinent noch leichter entflammbar.

Von Michael Lenz

Die Szene ist surreal: Der Himmel ist blau. Die Sonne lacht. Die Wälder in unmittelbarer Nähe sind grün. Die Blauen Berge in der Nähe von Sydney zeigen sich von ihrer schönsten Seite. Wäre da nicht der Brandgeruch. Feuerwehrautos sind im Dauereinsatz. Vor der Turnhalle eines kleinen Städtchens ruhen sich erschöpfte Feuerwehrleute mit verschwitzten, russgeschwärzten Gesichtern vom Einsatz aus. Sie werden von übernächtigten DorfbewohnerInnen mit Sandwiches versorgt. Die angespannten Gesichter der HelferInnen spiegeln bange Fragen wider: Wird meine Familie das Inferno überstehen? Steht unser Haus in einigen Stunden noch?

Eine Explosion in der Ferne zeigt an, dass ein weiteres Stück Wald in Flammen aufgegangen ist. Grauschwarze Rauchwolken schiessen hoch in den blauen Sommerhimmel. Die Wipfel der Eukalyptusbäume brennen lichterloh. Selbst im gut hundert Kilometer entfernten Sydney ist der Brandgeruch präsent. An der Gartenparty zum Neujahr rieseln schwarze Flocken in die Weingläser: Russpartikel.

Das alles geschah um den Jahreswechsel 2002, als ein Feuerring die Stadt Sydney eingeschlossen hatte. Das damalige Inferno war aber nicht annähernd so dramatisch wie die Feuersbrunst von diesem Jahr in der Nähe von Melbourne im australischen Bundesstaat Victoria. Über eine Woche lang loderten dort Waldbrände, die als die schlimmsten aller Zeiten in Australiens Geschichte eingegangen sind. Zwei Ortschaften wurden ausgelöscht, mehr als 1800 Gebäude zerstört, und über 200 Menschen kamen in den Flammen um. Manche riskierten ihr Leben, um ihr Haus, ihren Besitz zu retten. Andere sind auf der Flucht vor den Flammen in ihren Autos verbrannt.

Falsche Siedlungspolitik

Feuer in Australien haben viele Ursachen: Einige werden von Brandstiftern gelegt, andere entstehen durch achtlos weggeworfene Zigarettenstummel. Vor allem aber sind Buschfeuer natürlich: Sie gehören zum trockenen Kontinent wie das Känguru. Tatsächlich sind Buschfeuer seit vielen Jahrtausenden so normal, dass zum Beispiel die Eukalyptusbäume einen ordentlichen Waldbrand für ihre Vermehrung brauchen. Auch die australischen UreinwohnerInnen haben in ihrer über 50 000-jährigen Kulturgeschichte gelernt, mit den Feuern zu leben.

Eine Fähigkeit, die die weissen EinwanderInnen nicht entwickelt haben: Eine wesentliche Ursache für den Verlust von Menschenleben und Sachwerten in den grossen Buschfeuern der letzten Jahrzehnte ist darin zu finden, dass immer mehr Menschen sich im Busch oder am Rand der Wälder ansiedeln. Ein Häuschen im Grünen ist schliesslich etwas Schönes. Gary Morgan, CEO des nationalen Buschfeuer-Forschungszentrums in Melbourne, sagt: «Das Problem wird immer schlimmer, weil sich unsere Städte immer mehr in die ländlichen Regionen ausdehnen.»

Als wäre das nicht schon bedrohlich genug, kommt noch ein neuer Gefahrenfaktor hinzu: der Klimawandel. Australische WissenschaftlerInnen warnen, in den kommenden Jahrzehnten werde besonders der Süden immer heisser. Die Experten stützen ihre Prognose auf eine im Januar im Magazin «Nature Geoscience» veröffentlichte neue Karte zum Klima der Erdoberfläche in der letzten Eiszeit, die ein internationales Konsortium von WissenschaftlerInnen aus elf Ländern erarbeitet hat. Tim Burrows von der erdwissenschaftlichen Forschungsabteilung an der Australian National University in Canberra war im Konsortium für die australische Forschung zuständig: «Eines unserer wichtigsten Resultate war, dass die mittleren Breiten unseres Kontinents sehr sensibel auf Klimaveränderungen reagieren», führt er aus. «Die gemässigten Breiten verändern sich am stärksten und die tropischen am wenigsten.»

Im trockenen Süden des Landes - in Melbourne, Adelaide und in Australiens Hauptstadt Canberra - wird es also immer heisser. Ein Temperaturanstieg von zwei Grad würde die Anzahl Tage mit Temperaturen über 35 Grad verdreifachen. Experten der australischen Industrie- und Umweltforschungsstelle Csiro gehen davon aus, dass der Süden des Landes das erste Grad des gefährlichen Temperaturanstiegs bereits in den nächsten zwanzig Jahren erreichen wird.

Was das für Buschfeuer bedeutet, weiss Waldbrandexperte Gary Morgan - er sagte kurz vor dem Ausbruch der diesjährigen Brände: «Wir brauchen nur auf die Waldbrände der letzten Jahre zu schauen, um zu begreifen, dass der Klimawandel die Häufigkeit, die Intensität und die Grösse von Waldbränden in den kommenden Jahrzehnten wird anwachsen lassen.» Die Buschfeuer tragen massgeblich zum CO2-Ausstoss Australiens bei. Ein schweres Buschfeuer setzt bis zu dreissig Millionen Tonnen CO2 frei. In einem schlimmen Waldbrandjahr übertreffen die CO2-Emissionen aus Bränden jene der Industrie.

Das Meer ist zu warm

Wie viel der Klimawandel mit den aktuellen Buschfeuern zu tun hat, wissen die WissenschaftlerInnen noch nicht. Jedoch haben die ExpertInnen ein Rätsel gelöst, das Australien seit vielen Jahren beschäftigt: Was verursacht die massiven Dürreperioden, die seit zehn Jahren gewisse Regionen in schwankender Intensität heimsuchen? Dürreperioden sind in Australien normal. Sie wurden mit dem Klimaphänomen El Niño im Pazifik in Verbindung gebracht. Aber in den letzten Jahren ist die Dürre geblieben - mit oder ohne El Niño. Caroline Ummenhofer vom Klimawandel-Forschungszentrum an der University of New South Wales in Sydney ist sicher, dass des Rätsels Lösung im Indischen Ozean zu finden ist. Die Forscherin hat ein Klimamuster entdeckt, das sie «Indian Ocean Dipole» (IOD) nennt. In der negativen Phase des IOD sind die Gewässer westlich von Australien kühl und im Norden warm. Das bringt Wind, der weite Teile des australischen Kontinents mit feuchten, Regen bringenden Luftmassen versorgt.

Wenn der IOD positiv ist, kommt die Dürre. So war es immer in den letzten hundert Jahren. Seit fünfzehn Jahren nun ist der IOD bestenfalls neutral gewesen, aber nie mehr negativ. Ob und wie der IOD mit dem Klimawandel zusammenhängt, wissen Ummenhofer und ihre KollegInnen noch nicht. Klar ist aber: Grosse Teile Australiens werden immer trockener. «Die Auswirkungen der Dürre in dieser Region sind verheerend: akute Wasserknappheit auf dem Land und in den Metropolen, Ernteausfälle auf Rekordniveau, die grossen Flusssysteme Australiens trocknen aus, und die Ökosysteme erleiden einen weitreichenden Schaden.» Die ausgetrockneten Buschlandschaften und Wälder verwandeln sich in Zunder, den der kleinste Funke in kürzester Zeit in ein Flammeninferno verwandeln kann.

Salopper Rat

An guten Ratschlägen, wie die AustralierInnen mit der Erwärmung und der wachsenden Waldbrandgefahr umgehen sollen, mangelt es nicht. Tim Burrows von der University Canberra zum Beispiel leitet aus seiner Forschung zwei Vorschläge ab - der wissenschaftliche lautet: Anhand der intensiven Erforschung von Klimaveränderungen in der Vergangenheit seien Lehren für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Der zweite ist ein etwas salopper Rat an seine Landsleute: Zieht nach Norden. In Australiens Tropenmetropole Darwin sind Temperaturen über dreissig Grad normal. Da fallen ein, zwei Grad mehr durch die Klimaveränderung nicht so ins Gewicht. Zumal dort die tropischen Wolken Schatten spenden und lebenswichtigen Regen bringen.

Aber auch die Tropen sind vor der globalen Erwärmung nicht sicher. «Tropische Wälder sind ihrem Wesen nach nicht brennbar», sagt Chris Field, einer der WissenschaftlerInnen des mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Aber Field fürchtet, dass sich das bald ändern könnte: «Wenn sie nur ein wenig trockener werden, kann das zu sehr grossen und zerstörerischen Feuern führen.» Dabei wird das in den Wäldern gespeicherte CO2 frei. Neueste Forschungen des IPCC hätten gezeigt, dass der berühmte, 2007 veröffentlichte vierte Bericht des IPCC die potenzielle Entwicklung der globalen Erwärmung für die nächsten hundert Jahre unterschätzt habe, sagt Field. Der fünfte Bericht des IPCC, der 2014 erscheinen soll, werde ein viel genaueres und düstereres Bild zeichnen, ist sich Field sicher. In den grössten Tropenwäldern der Welt am Amazonas hat die Dürre bereits begonnen, wie ein internationales Forscherteam in der Märzausgabe des Wissenschaftsmagazins «Science» darlegt.

Australische Wissenschaftler und Umweltschützerinnen sind enttäuscht über die halbherzige Klimapolitik von Ministerpräsident Kevin Rudd. Don Henry, Präsident der Umweltorganisation Australian Conservation Foundation, sagt: «Wenn die bescheidene Zielgrösse der australischen Regierung - die Kohlenstoffemission bis 2020 nur um fünf bis fünfzehn Prozent zu reduzieren - international übernommen wird, dann werden wir mehr Hitzewellen erleben.» Das Murray-Darling-Basin, Australiens wichtigste Landwirtschaftsregion, werde austrocknen, und in den australischen Alpen nie mehr Schnee fallenv. Die Umweltorganisation fordert eine Reduzierung der CO2-Emissionen um mindestens ein Drittel bis 2020. Henry betont: «Wir können nicht das Wetter dieser Woche ändern. Aber wir haben es in der Hand, das Klima zu formen, das unsere Kinder erleben werden.»

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