Nr. 07/2010 vom 18.02.2010

Trotzdem wird es wärmer und wärmer

Eine Klimaanalyse der Nasa zeigt auf, dass 2009 das zweitwärmste Jahr seit Beginn der modernen Globaltemperaturmessung war. Gleichzeitig haben Klimaskeptiker nach dem «Climategate»-Skandal sowie angesichts des bitterkalten Winters Oberwasser. Der US-amerikanische Klimaforscher James Hansen nimmt Stellung zur aktuellen Debatte.

Von James Hansen

2009 war zusammen mit dem Jahr 2007 das zweitwärmste Jahr, seit vor 130 Jahren die moderne Buchführung über die Globaltemperaturen begann. Für die südliche Hemisphäre war es gar das wärmste je gemessene Jahr seit 1880. Das zeigt die aktuelle globale Temperaturanalyse der Nasa auf, die vom Goddard Institute for Space Studies (Giss) in New York vorgenommen wird.

Das Ergebnis der Analyse mag viele überraschen, angesichts der extremen Kälte, die seit Dezember 2009 in den USA, in Europa und Teilen Asiens herrscht. Und auch der «Climategate»-Skandal (vgl. Interview) hat die öffentliche Skepsis gegenüber der von einer grossen Mehrheit von Klimaforschern dokumentierten globalen Erwärmung erhöht.

Doch wenn eine Kältewelle eintritt, wie wir sie in unseren Breitengraden gerade erleben, müssen wir uns zuallererst folgende Fragen stellen: Wo und wie lange ist es kalt? Während es in New York während der Weihnachtszeit schneite, erlebte Bethel in Alaska sogenannte «brown Christmas» – braune Weihnachten.

Fakt ist, das Klima ändert sich. Speziell in den letzten dreissig Jahren ist viel passiert. Fakt ist aber auch, dass es selbst bei einer grossen globalen Erwärmung auch in Zukunft regionale Kälteeinbrüche geben wird. Kurzfristige Temperaturschwankungen von zehn, zwanzig oder auch dreissig Grad sind weiterhin zu erwarten. Und wir spüren diese Ereignisse weit unmittelbarer und direkter als die durchschnittliche globale Erwärmung der vergangenen drei Jahrzehnte. So viel sei deshalb vorweggenommen: Die Antwort auf die einfache Frage, weshalb es gerade so verflucht kalt ist, entpuppt sich als ebenso einfach: Weil es Winter ist.

Das wärmste Jahrzehnt

Laut der aktuellen Giss-Analyse lag die durchschnittliche Globaltemperatur über das ganze letzte Jahr betrachtet um 0,57 Grad über dem langjährigen Mittel. Dieser Mittelwert setzt sich aus den durchschnittlichen Globaltemperaturen während der Zeitspanne von 1951 bis 1980 zusammen. Mit ihm werden die jeweils aktuellen Temperaturentwicklungen verglichen. Er ist in den achtziger Jahren als zulässige Vergleichsgrösse definiert worden, als Durchschnittswetter quasi. Das hat verschiedene Gründe. In jener Zeitspanne blieb das Wetter mehr oder weniger konstant, es kam zu keinen grossen Anomalien. Zudem setzten ausführliche Messungen in der Antarktis erst ab 1950 ein. Der Rückgriff auf eine frühere Bezugsperiode würde eine grosse Lücke in der südlichen Hemisphäre zur Folge haben.

Die Globaltemperaturanalyse des Giss wird laufend erneuert. Sie basiert auf drei verschiedenen Quellen: Wetterdaten von mehr als tausend Wetterstationen an Land, Satellitenmessungen der Meeresoberflächentemperaturen und Resultate von Messungen antarktischer Forschungsstationen. Diese drei Datensätze werden jeden Monat in ein Programm eingespeist. Dieses erstellt daraus eine Grafik, die auf einer Weltkarte die Temperaturanomalien in Bezug auf den Temperaturwert des gleichen Monats im langjährigen Mittel aufzeigt .

Der Vergleich der Globaltemperaturdaten mit dem langjährigen Mittel ist auch breiter anwendbar. Die Giss-Daten zeigen beispielsweise auf, dass das abgelaufene Jahrzehnt (Januar 2000 bis Dezember 2009) das bisher wärmste seit Beginn der Messungen vor 130 Jahren war (0,59 Grad über dem langjährigen Mittel). Betrachtet man die letzten drei Jahrzehnte zusammen, so lässt sich sagen, dass die globale Temperatur in jedem Jahrzehnt um 0,2 Grad im Vergleich zum langjährigen Mittel gestiegen ist. Vor diesem Hintergrund ist ein langfristiger Erwärmungstrend offensichtlich.

Die Kontroverse

Für die eingangs erwähnte Skepsis gegenüber der wissenschaftlichen Dokumentation der globalen Erwärmung gibt es Gründe. Neben dem Giss nehmen weitere Klimaforschungsinstitutionen, Analysen dazu vor. Hadcrut, ein Zusammenschluss des Hadley Centers aus Exeter sowie des Climatic Research Unit der University of East Anglia, führt beispielsweise 1998 als wärmstes Jahr der vergangenen 130 Jahre auf. 1998 lag nach ihren Analysen 0,53 Grad über dem langjährigen Mittel (das im Falle von Hadcrut die Periode von 1961 bis 1990 umfasst). Auch das Giss dokumentiert 1998 als eines der wärmsten je gemessenen Jahre, allerdings war sein Rekordjahr 2005 noch um 0,061 Grad wärmer.

Wie sind solch unterschiedliche Einschätzungen der beiden renommierten Institute erklärbar? Das hat vor allem einen Grund: Während beim Giss Temperaturmessungen aus der Antarktis und der Arktis, Regionen, die besonders stark von der globalen Erwärmung betroffen sind, eine zentrale Rolle spielen, werden sie bei Hadcrut kaum berücksichtigt. Entfernt man die Messungen aus den Polarregionen aus den Datensätzen des Giss, stimmen die Temperaturanomalien im Vergleich zu den Referenzwerten praktisch mit jenen von Hadcrut überein.

Die Debatte über das wärmste je gemessene Jahr droht allerdings den Blick auf den Klimawandel zu vernebeln. Weit zentraler ist die Tatsache, dass, über einen längeren Zeitraum betrachtet, sowohl die Analysen vom Giss wie auch die von Hadcrut unmissverständlich eine globale Erwärmung im letzten Jahrzehnt aufzeigen konnten. Aussagen, die Erde hätte sich nach 1998 sogar abgekühlt, entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage.

Arktische Oszillation

Kommen wir abschliessend noch einmal auf die in unseren Breitengraden aussergewöhnlich kalten letzten Monate zurück. Heuer herrscht in den arktischen Breiten ein besonders hoher und in den mittleren Breiten – auch gemässigte Klimazone genannt – ein entsprechend niedriger Luftdruck. Die Luftdrucksituation über dem Nordatlantik war letztmals 1970 mit der aktuellen Situation vergleichbar. Die Westwinde über dem Nordatlantik wehen dadurch weniger stark, und kalte, sich über Russland entwickelnde kontinentale Luftmassen dringen weitaus häufiger nach Europa vor. Dieser Luftdruckgegensatz zwischen den arktischen und den mittleren Breiten wird als Arktische Oszillation bezeichnet. Er kann der nördlichen Hemisphäre bei gegenteiliger Ausgangslage auch sehr milde Winter bescheren.

Auch die südliche Hemisphäre kennt ein ähnliches Zusammenspiel von Winden und Ozeanströmungen im äquatorialen Pazifik. «El Niño» ist insbesondere in den Tropen für das periodische Auftreten von Dürren oder heftigen Regenfällen verantwortlich und beeinflusst das dortige Klima massgeblich.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Erde in den vergangenen drei Jahrzehnten eine Periode von rascher globaler Erwärmung erlebt hat. Vom langjährigen globalen Erwärmungstrend ist keine signifikante Abweichung feststellbar.

Saisonale und regionale Wetterschwankungen, wie wir sie im Moment erfahren, sind für uns Menschen noch immer viel stärker spürbar als das Ausmass der durchschnittlichen globalen Erwärmung über das letzte halbe Jahrhundert betrachtet. Man sollte die globale Erwärmung aber nicht in Bezug zu einer aussergewöhnlich warmen oder kalten Saison setzen. Nimmt man ein Jahrzehnt als massgebenden Zeitraum zur Erfassung der globalen Erwärmung, so stellt man fest, dass der globale Temperaturtrend in den letzten Jahrzehnten ausgeprägt genug war, um eine spürbare globale Erwärmung festzustellen – die weiter andauern wird.

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